Verzweifelt suchte ich nach dem Lokal. Ich erinnerte mich, dass es am Ende der Via Veneto, rechts der Porta Pinciana, gelegen war. Doch wie es mit Erinnerungen so ist, sie spielen uns oft Streiche. Ich wanderte den alten Ziegelsteinmauern der Viale del Muro entlang, studierte die hohen Hausfassaden, suchte Strassenschilder und Restauranttafeln nach Bekanntem ab. Umsonst. Das Ristorante da Cesarina liess sich nicht mehr finden.

In den sechziger Jahren hatte ich während meiner Zeit in Rom das Lokal kennen gelernt. Ein einfaches Ristorante, in dem Cesarina kochte Cesarina, die mit hellblauem Arbeitskittel und einer weissen Schürze in der Küche stand und eine Männerbrigade von Köchen lautstark antrieb, als gelte es, für Armeen von Ausgehungerten zu kochen.

Wie ein Stillleben angerichtet

Wenn man das Lokal betrat, führte der Weg zum Speisesaal an der Küche vorbei. Einst musste hier die Durchreiche für die Speisen gewesen sein. Jetzt war sie verglast. So konnte sich der Gast quasi im Vorbeigehen von der Qualität der Arbeit und der Sauberkeit der Küche überzeugen. Keine Selbstverständlichkeit in Roms Küchen selbst heute noch nicht.

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Vor dem Fenster, auf einem langen, weiss gedeckten Tisch, lagen all jene Köstlichkeiten, die schliesslich als Zutaten in der Küche landeten: Tomaten, Peperoni und Peperoncini, Zucchetti und Zucchini, Feigen, Äpfel und Birnen. Ein buschiger Aufbau von Stangensellerie, Cima di Rape, mächtigen Artischocken und glattblättriger Petersilie begrenzte das wilde Arrangement. Und mitten in diesem Stillleben lagen Silberplatten mit dunkelroten, weiss marmorierten Rindskoteletts, Lammgigots und frischen Meeresfischen. Wer hier nicht Appetit bekam, brauchte gar nicht erst den Speisesaal zu betreten.

Dieser war einfach und rechteckig, mit einer Fensterfront, die sich direkt auf eine Terrasse und einen kleinen Garten öffnete. Die Esstische waren weiss gedeckt. Weil es weder Blumen noch Bilder gab, allenfalls mächtige Leuchter aus Muranoglas und Spiegel, wirkte der Raum eher kühl.

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Geheimtipp für Filmstars

Doch Cesarina wünschte sich ihr Restaurant genau so. «Nichts», pflegte sie zu sagen, «soll vom Genuss ablenken. Wozu brauche ich Bilder an den Wänden, wenn der angerichtete Teller appetitlich anzuschauen ist?»

Eine Philosophie, die ganz offensichtlich viele Anhänger hatte, denn ihr Lokal war stets voll besetzt. Selbst die grossen Stars von Cinecittà waren regelmässig bei Cesarina zu Gast.

Zur Weihnachtszeit servierte die Köchin immer, was sie unter dem Jahr sonst nicht servierte: eine römische Spezialität. Normalerweise gabs bei Cesarina nämlich nur bolognesische Leckerbissen. In den Tagen von Mitte Dezember bis zu Dreikönige aber lagen stets Maritozzi zum Kaffee auf den Tellern: römische Rosinenbrötchen, wie sie die Römer rund ums Jahr und zu jeder Gelegenheit knuspern. Ein Konfekt, das für die Campagna typisch mit Pinienkernen und Orangenzesten angereichert ist. Die Rosinenzugabe stammt aus römischen Zeiten. Bereits damals setzten Korinthen süsse Akzente in Speisen.

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Mit diesen Rosinenbrötchen füllte uns Cesarina zum Abschied jeweils die Manteltaschen. Sie wusste, dass wir nun zu Fuss quer durch die Stadt nach Hause gingen. Mit den Nussguetsli sollte uns der knapp einstündige Weg leichter fallen.

Dudelsäcke erobern Rom

Die Vorweihnachtszeit im Rom jener Tage war anders als irgendwo sonst. Die Strassen waren fast leer, die Lokale früher geschlossen. Die Einzigen, die man regelmässig antreffen konnte, waren Hirten aus den Abruzzen. Sie stiegen zu dieser Zeit von den Bergen herab, um mit ihren Dudelsäcken durch die Strassen zu ziehen. Erklang eine ihrer wehmütigen Weihnachtsmelodien, blieben wir stehen, hörten einen Moment lang zu, griffen in unsere Manteltaschen und knabberten eines unserer Maritozzi. Dann war unser Festtagsglück perfekt.

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