Alle fragen mich, wie denn der Montagmorgen nach der Abstimmung zur Zuwanderung vom 9. Februar gewesen sei. Sie denken, meine Klasse sei fassungslos gewesen. Dabei wissen die Schüler noch viel zu wenig über die Schweiz, um eine Abstimmung mitzuverfolgen oder deren Ausgang einzuordnen.

Ich selber bin zuerst erschrocken. Doch als ich sah, dass man die SVP-Initiative vor allem dort angenommen hatte, wo es recht wenig Ausländer hat, sah ich meine alte These bestätigt: Fremdes macht nur Angst, solange es fremd ist. Wenn man einen Ausländer kennt, ist das immer jener, vor dem man sich nicht fürchtet. Die Angst vor dem Fremden ist so alt wie die Menschheit.

«Neun Nationen im Schulzimmer»

Ich reise nicht oft ins Ausland. Die Welt kommt ja zu mir. Mit einer Klasse von 16- bis 20-Jährigen arbeite ich jeweils zwei Jahre lang. Ich höre ihre Geschichten, sehe ihre Nöte, lerne ihre Traditionen kennen. Da lerne ich mehr von der Welt als in zwei Wochen Ferien.

In den neunziger Jahren gab es in Inte­grationsklassen jeweils zwei Blöcke, den türkischen und den ex-jugoslawischen. Im Moment habe ich neun Nationen im Schulzimmer. Die Zusammensetzung meiner Klassen spiegelt immer das aktuelle Weltgeschehen.

Eigentlich wollte ich gar nicht Lehrer werden. Ich legte meine Fächer an der Uni sogar extra so, dass ich den Beruf nicht hätte ergreifen können. Doch dann schickte mich das Arbeitsamt für ein Überbrückungsjahr an eine Schule. Seither bin ich Lehrer. Meine Ausbildung passte ich nachträglich an. Wobei der Begriff Lehrer im Fall von Integrationsklassen zu kurz greift: Hier ist man nicht nur Vermittler von ein wenig Deutsch und Mathematik, sondern auch Berufsberater, Onkel, Vertrauens­person. Man ist Leuchtturm in einer ganz schwierigen Zeit.

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Für die jungen Menschen, die zu mir in die Schule kommen, müssen die ersten Tage der blanke Horror sein. Die überwiegende Mehrheit wurde früher in der Schule geschlagen, und zwar nicht ein bisschen mit dem Lineal auf die Finger, sondern so, dass man die Narben am ganzen Körper noch immer sieht. Dann stehe ich da, sie verstehen mich kaum, haben keine Ahnung, was ich von ihnen möchte und wie ich mich ihnen gegenüber verhalten werde. Man muss es langsam und vorsichtig angehen, Vertrauen gewinnen.

Ebenso behutsam ging auch Anna Thommen mit ihrer Crew vor, als sie den Film «Neuland» über meine Klasse und mich drehte. Die Kamera war da, aber es durften alle jederzeit sagen, wenn sie nicht gefilmt werden wollten. Meistens allerdings realisierten die Kameraleute heikle Situationen von selber. Die Zusammen­arbeit funktionierte so gut, dass zwischen einzelnen Schülern und Mitgliedern des Filmteams Freundschaften entstanden.

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In meinen über 20 Jahren Integrationsunterricht hörte ich viele Geschichten, oft traurige. Ich erfuhr von Schicksalen, die ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde. Ich bin immer wieder fassungslos, wie viel positive Energie diese jungen Menschen trotzdem haben.

Manche von ihnen sehe ich später wieder, wenn sie Rat brauchen. Und wenn mir jemand einen Abschluss zeigt und sagt, den habe er mir zu verdanken, freut mich das natürlich sehr. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nicht jene ihren Weg machen, die die besten Noten haben, sondern jene, die unbedingt wollen, die das Feuer haben, ihre Chance zu packen. Einzelne Schüler begleite ich über Jahre, sie sind fast so etwas wie Familienmitglieder.

«Als Lehrer bin ich Teil des Systems»

Trotzdem versuche ich, Schule und Privates zu trennen. Ich muss einen gewissen Abstand wahren: Fehlt ein Schüler regelmässig, muss ich die Absenzen im Zeugnis vermerken, auch wenn ich genau weiss, dass er während der Schulzeit arbeiten geht, weil er Schulden seiner Familie zurückzahlen muss. Als Mensch habe ich grösstes Verständnis, aber als Lehrer bin ich Teil eines Systems, muss mich an Vorgaben halten. Es ist manchmal schwierig, diese Grenze zu ziehen.

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Die wichtigste Lektion, die ich von meinen Schülerinnen und Schülern gelernt habe: Man soll jedem Menschen vorurteilsfrei begegnen. Und: Was wir hier denken, ist nicht die allein selig machende Wahrheit. Es gibt andere Wahrheiten, die ich manchmal toller finde als unsere eigenen. So kommen viele meiner Schüler aus Familienkulturen, die sicher ihre Nachteile haben, aber auch riesige Vorteile: Man kümmert sich mehr umeinander, rennt ­weniger dem Geld nach. Davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden. Wir Schweizer leben im Überfluss und sind trotzdem recht unzufrieden. Das sehe ich an meinen Schülern: Wenn Menschen weniger besitzen, sind sie solidarischer.