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Ex-Jugoslawen: Das neue Feindbild

Die Schweiz hat ein Ausländerproblem: Die Akzeptanz gegenüber Menschen aus Ex-Jugoslawien ist drastisch gesunken. Schuld daran ist aber nicht allein die Fremdenfeindlichkeit. Mangelnder Anpassungswille und die teils massive Delinquenz junger Männer aus dem Balkan sorgen für Angst und Ablehnung.

von und

Samstagabend in der Disco. Melanie, 17, vergnügt sich mit zwei Freundinnen und einem Kollegen auf der Tanzfläche. Unabsichtlich schubst der Junge einen Discogast von hinten. «He, Mann, wottsch Puff, söll i di verhaue?», ereifert sich der Gestossene – ein Jugendlicher aus Ex-Jugoslawien – und schlägt sofort auf Melanies Kollegen ein.

Melanie, kaufmännische Lehrtochter im zweiten Lehrjahr, hat zwei Mitstifte aus Ex-Jugoslawien. Beide sind hier geboren und aufgewachsen: «Mit ihnen habe ich überhaupt keine Probleme.» Unangenehme Erfahrungen mache sie nur mit Jugoslawen, die sie nicht persönlich kenne. «Von solchen Jungs werden wir oft angepöbelt. Es gibt so aufdringliche Typen, die dich mega anstarren. Sie laufen auf dich zu, gehen erst im letzten Moment zur Seite und sagen:"Hoi, he du!" Mit der Zeit nervt das einfach.»

«He, Mann, wottsch Puff mit mir?», sagt auch Christof, 18. Er fischt mit der Gabel im Teller seines Bruders Thomas, 15: «Jetz gibsch mir di Wurscht, susch ich nimm.» Der Jüngere protestiert: «He, dasch voll krass – ich hol min grosse Brueder.» Sie schubsen sich – bis sie in Gelächter ausbrechen. Die zwei Zürcher Jugendlichen, gross geworden in Schulen mit 60 Prozent Ausländerkindern, blödeln und raufen friedlich. Sie spielen «Albaner – mit Natel, Trainerhose, weisch und so».

Was zu Hause spielerischer Kampf und Verarbeitung multikultureller Konflikte ist, ist anderswo bittere Realität.

Ein heisses Thema wird zum Tabu
Die junge Polizistin zum Beispiel könnte einiges darüber erzählen. Aber sie winkt ab: «Ich will von diesen Leuten nicht schikaniert werden. Noch weniger will ich meinen Job verlieren.» Mit «diesen Leuten» meint sie Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien: Kosovaren, Serben, Mazedonier, Bosnier – in der Szene «Jugos» genannt – sowie Leute aus Albanien. Es ist die Ausländergruppe, die der Polizei und der Justiz zurzeit am meisten Kummer bereitet.

Trotz anfänglicher Zusage will die Polizistin dem Beobachter keine Auskunft über ihre Erfahrungen «an der Front» geben. Die Medienstelle hat es ihr untersagt. «Warum soll sich die Polizei zu einem so heiklen Thema äussern?», fragt Pressesprecher Hanspeter Fäh von der Zürcher Stadtpolizei zurück. «Unsere Leute sind nicht rassistisch.»

Wer über die Stimmung gegenüber Jugoslawen in der Schweiz recherchiert, stösst auf Missbehagen, Skepsis, Angst und Abwehr. Lehrerinnen und Lehrer loben plötzlich ihre Schüler aus dem Balkan über den grünen Klee. Auch in den Amtsstuben von Bund und Kantonen befleissigt man sich einer politisch korrekten Sprache – jedenfalls solange das Tonband läuft. Sogar Gefängnisdirektoren verneinen Probleme mit Straftätern aus Ex-Jugoslawien – bis sie dann doch darauf zu reden kommen.

Sie alle fürchten, durch kritische Äusserungen Öl ins Feuer zu giessen – und helfen damit gleichzeitig, ein hoch emotionales Thema zu tabuisieren.

Die Stimmung ist im Keller
Das Thema brennt den Schweizerinnen und Schweizern unter den Nägeln – allerdings auf zwei ganz unterschiedliche Arten. Das Volk spricht darüber am Arbeitsplatz, in der Disco, am Stammtisch – ungeschminkt und schonungslos direkt. Experten, Politikerinnen und Politiker sowie Medienschaffende hingegen debattieren mit gewählten Worten – häufig ohne wirklich zur Sache zu kommen.

Nur wenige Verantwortungsträger nennen die Not öffentlich beim Namen, ohne sie für eine ausländerfeindliche Politik zu missbrauchen. «Wir haben ein Jugo-Problem», sagt etwa Walter Kummer, FDP-Politiker in Dulliken SO, «da helfen schöne Worte nicht mehr.» Kummer ist Gemeindepräsident jenes Solothurner Dorfes, in dem am 4. Februar zwei junge Männer aus Ex-Jugoslawien – der eine seit kurzem eingebürgert, der andere aus Mazedonien – in der Dorfbeiz ein Blutbad anrichteten. Dabei starb auch Walter Kummers Nachbar.

Wie Walter Kummer empfinden viele Leute in der Schweiz. Beängstigend viele. Das zeigen Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts Demoscope. Auf die Frage, wie sie die Rolle der Ausländer in der Schweiz beurteilen, antworteten 1979 noch 63 Prozent der Befragten mit «eher positiv» oder «sehr positiv». Ein Jahrzehnt später waren es 49 Prozent. Heute ist die Stimmung im Keller: Lediglich ein Fünftel aller Schweizerinnen und Schweizer sieht die Rolle der Ausländer im Land positiv. Ein historischer Tiefstwert.

Asylpolitik unter Beschuss
Umso mehr stieg der Anteil jener Befragten, die die Rolle ihrer ausländischen Mitbewohner als «eher negativ» oder «sehr negativ» einschätzen. 1979 vertraten bloss 15 Prozent diese Auffassung. Im Jahr 1989 waren es schon 24 Prozent, und seither stieg die Zahl der radikalen Ausländerkritiker auf den Rekordwert von 52 Prozent (1999). Mit anderen Worten: Die Ausländerfreundlichkeit der späten siebziger Jahre hat dramatisch in eine Ausländerfeindlichkeit umgeschlagen.

Allerdings: Der Begriff «Ausländerfeindlichkeit» ist zu wenig präzis. Genau genommen geht es um die Asylpolitik. Das belegt eine weitere Umfrage, ebenfalls von Demoscope. Danach beurteilen fast drei von vier Schweizern die Situation mit den Flüchtlingen in der Schweiz als «absolut untragbar» (42 Prozent) oder als «eher untragbar» (30 Prozent). Bloss 12 Prozent der Befragten halten die Asylpolitik von Bund und Kantonen für tragbar.

Aber auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit, wie eine weitere Untersuchung belegt. Das GfS-Forschungsinstitut ermittelte 1997 das Bild verschiedener Nationalitäten unter der schweizerischen Bevölkerung. Das Resultat: Die meisten Einheimischen haben überhaupt keine Mühe mit Fremden aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien oder Portugal. Doch 43 Prozent der Befragten meinten, Bosnier und Serben seien «in der Schweiz eigentlich fehl am Platz». Und für noch einmal so viele gab die gleiche Ausländergruppe «manchmal zu Bedenken Anlass». Uber keine andere Volksgruppe wurde ein so hartes Werturteil gefällt.

Forscht man nach den Ursachen für das schlechte Image der Ex-Jugoslawen, bekommt man die unterschiedlichsten Vorwürfe zu hören. Kritisiert wird vor allem der Mangel an «Rücksicht auf die hier herrschenden Sitten und Gebräuche», wie Psychiater Berthold Rothschild es formuliert. Er findet, das Gastgeberland dürfe von den Immigranten neben der sprachlichen Assimilation auch eine Anpassung an hiesige Gepflogenheiten verlangen.

Gravierender ist der Vorwurf, Personen aus Ex-Jugoslawien seien häufiger kriminell als Schweizer und Angehörige anderer Nationalitäten. Stimmt das?

Stellt man auf die Gefängnisbelegung ab, ist der Fall klar. In der Interkantonalen Strafanstalt Bostadel in Menzingen ZG etwa sind von 109 Häftlingen 27 Schweizer (25 Prozent) und 48 aus Ex-Jugoslawien und Albanien (44 Prozent). In Pöschwies in Regensdorf ZH stellen die Ausländer 70 Prozent der Häftlinge, davon sind zwei Drittel aus Ex-Jugoslawien und Albanien. Ähnliche Zahlen gibt das Zürcher Flughafengefängnis bekannt.

Wichtige Daten unter Verschluss
Weit schwieriger erweist sich die Suche nach gesamtschweizerischen Zahlen. Zwar veröffentlicht das Bundesamt für Polizei jedes Jahr die polizeiliche Kriminalstatistik. Darin wird der Ausländeranteil an den Straftaten mit 54,3 Prozent ausgewiesen. Bei einer ausländischen Wohnbevölkerung von 19,2 Prozent ist das ein alarmierender Befund – aber auch ein höchst ungenauer. Denn damit werden die Ausländer pauschal erfasst.

Nötig – und notabene auch politisch korrekt – wäre eine Aufteilung der Ausländer nach Herkunftsland. Das wäre problemlos möglich, wird doch bei jedem Strafverfahren mit dem Wohnsitz auch die Nationalität der Straftäter erfasst. Doch im 530 Seiten starken Buch, das das Bundesamt für Statistik jedes Jahr herausgibt, sind solche Daten nicht zu finden. Aus Angst, unangenehme Fakten zu publizieren?

Auf wiederholte Anfrage hin hat das Bundesamt für Statistik dem Beobachter schliesslich bisher unveröffentlichte Zahlen zugänglich gemacht: eine Verurteiltenstatistik nach Nationalität aus dem Jahr 1997. Neuere Daten hat das Amt nicht.

Die Zahlen bestätigen die spontane Einschätzung mindestens teilweise. Unterschieden werden drei Deliktgruppen: Strassenverkehr, Strafgesetzbuch, Drogenbereich. In absoluten Zahlen stellen die Personen mit Schweizer Pass die grosse Mehrheit der Täter. Proportional liegt der Prozentsatz jedoch weit unter ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung (79,5 Prozent).

Im Strassenverkehr und im Strafrecht stellen Personen aus Ex-Jugoslawien die zweitgrösste, im Drogenbereich die drittgrösste Tätergruppe dar. Im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung in der Schweiz (inklusive Asylbewerber) sind sie somit erheblich überrepräsentiert. Zwar sind auch Delinquenten italienischer, französischer, deutscher oder portugiesischer Herkunft in der Schweizer Kriminalstatistik vergleichsweise übervertreten. Das hat damit zu tun, dass hierzulande auch Grenzgänger und ausländische Besucher straffällig werden.

Professionelle Banden am Werk
Doch das Ausmass der Ubervertretung von Personen aus Ex-Jugoslawien im Bereich von Strafdelikten ist markant: Sie stellen 16,5 Prozent der Täter, also fast viermal so viel, als es ihrem Bevölkerungsanteil von 4,5 Prozent entspricht. Dafür gibt es Gründe, wenn auch keine Entschuldigung:

  • Viele Straftäter aus dem Balkan gehören professionellen Banden an und kommen als Kriminaltouristen in die Schweiz.

  • Ein Grossteil der Asylsuchenden gehört zur Altersgruppe der «jungen Männer aus tiefen sozialen Schichten» – zu einer Kategorie, die laut Polizei unabhängig von der Nationalität kriminell am aktivsten ist.

  • Zwei Kriege und starke innenpolitische Erschütterungen haben den einst stabilen Balkanstaat Jugoslawien in den letzten zehn Jahren erschüttert und die gesellschaftlichen Strukturen zersetzt.


Aus einer früheren Untersuchung ist allerdings bekannt, dass bereits 1991 – vor den Balkankriegen – nur 37 Prozent der jugoslawischen Delinquenten fest in der Schweiz lebten. Ex-Jugoslawien stellte schon damals das grösste Kontingent von Kriminaltouristen: 3026 Personen oder ein Fünftel aller in die Schweiz gereisten Täter (total 15477). Vermutlich ist diese Zahl im letzten Jahrzehnt eher noch gestiegen.

Mit anderen Worten: Das Bild von der bedrohlichen «Jugo-Kriminalität» ist mehr als ein Vorurteil. Doch es wird – und das ist entscheidend – nicht von den hier wohnenden Gastarbeitern und ihren Familien geprägt, sondern von den Kriminaltouristen und einem Teil der Asylbewerber aus Ex-Jugoslawien.

Den Kriminaltourismus einzudämmen ist in erster Linie eine Frage der polizeilichen Massnahmen. Für die in der Schweiz lebende jugoslawische Kolonie und für die Schweizer Bevölkerung stellt sich dennoch die Frage: Was können sie zur Lösung des Problems beitragen?

Hier das Gesetz, dort die Willkür
Naser Durguti, 28, Flüchtling aus dem Kosovo, lässt keinen Zweifel offen: «Jene, die hier das Asyl oder den Aufenthalt missbrauchen, müssen mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft werden.» Durguti, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt, weiss, wovon er spricht: «Hier herrscht das Gesetz, im Kosovo aber die Willkür.»

Für den serbischen Schweizer Dejan Mikic ist entscheidend, das Thema Kriminalität nicht zu tabuisieren – aus «panischer Angst, rassistisch zu sein». An seine Landsleute richtet er die Forderung, die Sprache zu lernen «und mehr Interesse an schweizerischen Gepflogenheiten» zu zeigen. Und was rät er den Schweizern? Sie sollten den Ausländerorganisationen mehr Verantwortung übertragen. So könnten ausländische «Mediatoren» besser auf ihre Leute einwirken.

Ähnlich sieht das auch Rosemarie Simmen, die neue Präsidentin der Eidgenössischen Ausländerkommission. «Wir müssen vermehrt versuchen, Respektspersonen aus den Clanstrukturen zu rekrutieren, die ihre eigenen Leute dazu bringen, sich korrekt zu verhalten.»

Mehr Repression gegenüber Kriminellen, bessere Unterstützung der Integrationswilligen und eine tabufreie Auseinandersetzung über die Ausländerpolitik sind wichtig. Gelegentlich brauchts aber auch einfach etwas Zivilcourage im Alltag. Nämlich dann, wenn es das nächste Mal heisst: «He, Mann, wottsch Puff mit mir?»

Veröffentlicht am 10. August 2000