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Status FUnsicherheit in der sicheren Schweiz

Ein afghanischer Kameramann flieht in die Schweiz. Am Status «vorläufig Aufgenommener» zerbricht er fast – bis er einen Film darüber macht.

Die wenigsten Afghanen werden in der Schweiz als Flüchtlinge anerkannt. Mortaza Shahed (31) war einer von ihnen.
von aktualisiert am 13. März 2018

Kabul, ein heisser Nachmittag im April 2014. Mortaza Shahed hat auf einem Markt der afghanischen Hauptstadt einen Kontaktmann getroffen. Er will gerade gehen, da hält ein opalgrüner Toyota direkt vor ihm. «Am besten kommst du mit», sagt der Kontaktmann, seine bärtigen Begleiter steigen aus dem Wagen. Zu dritt versuchen sie, Shahed in den Toyota zu zerren. Er wehrt sich, schreit um Hilfe. Wenn sie ihn in den Wagen bekommen, ist es vorbei.

Ein Polizist, der auf der andern Strassenseite Wache schiebt, wird auf das Handgemenge aufmerksam. Er rennt herbei, ruft Kollegen. Als die Taliban die Polizisten sehen, lassen sie von Shahed ab, rasen davon.

Shahed steht auf, klopft sich den Staub von der Hose, geht nach Hause. Zwei Stunden später verlässt er mit seiner Frau und der 15 Monate alten Tochter ihr Haus in Kabul, Tage später Afghanistan – für immer.

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Der Anschlag von Ashura

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Der Anschlag von Ashura.

Der Film

Rund vier Jahre sind seither vergangen. Shahed sitzt vor der Leinwand im Kino Rex in Bern und beantwortet Fragen zu seinem Kurzfilm «Das verlorene Paradies». Darin porträtiert der 31-Jährige den afghanischen Flüchtling M. Der junge Mann war in die Schweiz gekommen, weil ihm erzählt wurde, hier gebe es keine Gerichte, weil es keine Kriminalität gebe, und jeder könne in Frieden und Sicherheit sein Leben aufbauen.

M.s Herkunftsland war unsicher, das Leben in der Schweiz ist ungewiss. Die wenigsten Afghanen werden als Flüchtlinge anerkannt. Sie erhalten den Status F. Damit sind sie «vorläufig aufgenommen» und müssten die Schweiz eigentlich verlassen. Sie sind aber geduldet, weil ihre Rückkehr unmöglich oder nicht zumutbar ist. Für sie gibt es kein Vor und kein Zurück.

Der Film II: «Das verlorene Paradies»

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Der Status F

In der Schweiz leben aktuell 41'000 vorläufig Aufgenommene, rund 6500 sind Afghanen. Sie dürften arbeiten und erhalten wenn nötig finanzielle Unterstützung. Sie müssen aber in demjenigen Kanton bleiben, dem sie als Asylsuchende zugewiesen wurden. Regelmässig wird überprüft, ob die vorläufige Aufnahme noch gerechtfertigt ist. Die meisten bleiben jahrelang in der Schweiz.

Letzten Sommer wollte der Nationalrat die rechtliche Lage der vorläufig Aufgenommenen verbessern. Unter anderem sollten sie rascher ihre Kinder oder Ehepartner nachziehen dürfen und schneller ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten. Doch die vorbereitende Kommission des Ständerats strich die Reform auf zwei Punkte zusammen: Personen mit Status F sollen einfacher den Kanton wechseln können – und man will die Bezeichnung «vorläufig Aufgenommene» ändern, weil das auf potenzielle Arbeitgeber abschreckend wirke. Morgen Mittwoch, 14. März 2018 debattiert nun der Ständerat über die Reform. Laut einer Langzeitstudie des Staatssekretariats für Migration beeinflusst der Asylstatus F den Erfolg bei der Jobsuche stärker als Alter, Herkunft oder Geschlecht – und zwar negativ.

Über die wirtschaftlichen Kosten dieser Politik schweigt man sich aus. Die menschlichen Kosten umreisst Shahed in seinem Film «Das verlorene Paradies». Drei Jahre nach der Flucht in die Schweiz denkt sein Protagonist M. an Suizid – weil er sich hier keine neue Existenz aufbauen kann. Der F-Ausweis reduziert ihn zu einem Zuschauer seines Lebens.

Wie M. geht es vielen. Shahed weiss von mehreren afghanischen Flüchtlingen, die sich hier das Leben genommen haben. «Aber offizielle Zahlen zu Suiziden von Asylsuchenden gibt es nicht.» Mit seinem Film will er aufrütteln.

Das Flüchtlingskind

Shahed ist schon als Flüchtling aufgewachsen, im iranischen Isfahan. Seine Familie ist in den achtziger Jahren vor dem kommunistischen Regime aus Kabul geflohen, nachdem Shaheds Onkel, ein einfacher Obstverkäufer, verhaftet und erschossen worden war.

Shahed hat sechs Geschwister, sein Vater drei Frauen. Erst in der Schule lernt er, dass andere Kinder nur eine Mutter haben.

Das Leben im Iran ist nicht schlecht. Es gibt TV, Internet, Strom und Wasser. Auch die Sprache ist kein Problem, Shaheds Familie spricht Farsi. Seine älteren Brüder arbeiten als Schneider. Neben der Schule bringt er sich Englisch bei. Er übt, indem er Touristen herumführt, die die historischen Stätten in Isfahan besuchen.

Aber es ist wie überall auf der Welt: Die Flüchtlinge sind nur geduldet, nicht akzeptiert. «Wenn Brot und Benzin teurer werden oder jemand umgekommen ist, sind immer die Afghanen schuld», sagt Shahed. Wird einer verprügelt oder beraubt, interessiert sich die iranische Polizei kaum dafür. Manchmal gibt es Prügel von den Polizisten selbst. Die Schläge schmerzen den jungen Shahed weniger als die Kränkungen. Er ist es satt, Bürger zweiter Klasse zu sein.

Auf sein Drängen hin zieht die Familie 2003 zurück nach Afghanistan – mit 100 Dollar Rückkehrhilfe pro Kopf, die sie vom UN-Flüchtlingskommissariat erhält. Sie setzt ihre ganze Hoffnung in die Amerikaner, die nach 9/11 ins Land einmarschiert sind. Nun, nach den Russen und den Taliban, muss es einfach besser werden.

Der verlorene Freund

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Die Heimat

Doch die Rückkehr ist schwierig. Bereits in Herat, der ersten Stadt nach der Grenze, wird Shahed bewusst: Es war ein Fehler. Die Strassen sind in furchtbarem Zustand, es gibt keinen Strom, keine Wasserleitungen, nur Pumpen und Ziehbrunnen. Nach 30 Jahren Krieg ist das Land zerstört.

Sie reisen mit dem Bus weiter nach Kabul, wo sie im Haus eines Freundes unterkommen. Shaheds Familie gehört zum Volk der Hazara. Sie sind Schiiten, viele haben asiatische Gesichtszüge. Die Hazara haben eine leidvolle Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts wurde mehr als die Hälfte der Hazara-Bevölkerung in Kriegswirren ermordet, Tausende wurden enteignet, vertrieben oder als Sklaven verkauft. Bis 1921 war es in Afghanistan legal, Hazara als Sklaven zu halten. Auch unter den Taliban kam es zu mehreren Massakern mit Tausenden Toten.

Viele Hazara leben im Exil

In Afghanistan gibt es zwischen fünf und zehn MiIlionen Hazara – die drittgrösste Bevölkerungsgruppe nach den Paschtunen und den Tadschiken. Sie leben vorwiegend im Bamiyan-Tal. Über zwei Millionen Hazara sind aber im angrenzenden Ausland (Iran und Pakistan) im Exil.

Ein US-Bericht von 2016 zeigt, dass Hazara auch heute aufgrund ihres schiitischen Glaubens und ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert sind. Sie werden misshandelt, erpresst, zwangsrekrutiert und zu Zwangsarbeit gezwungen. Die Taliban entführen Hazara auf offener Strasse. Manche werden erschossen oder enthauptet, andere verschwinden. Die Glücklicheren kommen gegen Lösegeld frei.

«In Afghanistan kann niemand ein richtiges Leben führen», sagt Shahed. Seine Familie versuchte es trotzdem.

 

«Wenn du in Afghanistan zum Ziel der Taliban wirst, ist es vorbei.»

Mortaza Shahed

 

Shahed besucht in Kabul drei Jahre lang das Gymnasium. Dank seinen Englisch- und Computerkenntnissen bekommt er eine Stelle als Sachbearbeiter im Verteidigungsministerium, wo er Daten in Excel-Tabellen tippen muss: getötete und verletzte Soldaten, verlorenes Geld und zerstörte Ausrüstung. Er lernt, dass die genaue Zahl der Toten nicht so wichtig ist – und gern abgerundet wird.

Nach ein paar Monaten lässt sich Shahed bei einem schiitischen TV-Sender zum Kameramann ausbilden. Dort lernt er Maryam kennen. Die beiden heiraten, 2013 kommt Tochter Asraa zur Welt. Shahed macht sich rasch einen Namen als Kameramann, dreht Dramen, Werbung und Kurzfilme, wechselt mehrmals den Arbeitgeber. Er arbeitet an Projekten für die UN, für EU-Ministerien und für die US-Armee.

Mortaza Shahed
In Kabul war Mortaza Shahed ein gefragter Kameramann. Dann geriet er ins Visier...

Mehrmals hat er Glück. Bei Dreharbeiten für einen Dokfilm entgeht er knapp einem Selbstmordanschlag. Ein anderes Mal sprengt sich ein Attentäter vor dem Eingang seines Büros in die Luft. Er und seine Kollegen flüchten in den Innenhof, wo der abgetrennte Kopf des Attentäters liegt. Die Wucht der Detonation hat ihn über das Dach geschleudert. «Wenn du morgens aus dem Haus gehst, weisst du nie, ob du am Abend wiederkommst», sagt Shahed. So leben alle in dieser Stadt. «Aber wenn du selber zum Ziel der Taliban wirst, ist es vorbei.»

Ins Visier der Taliban gerät Shahed durch die Mitarbeit an einem Dokfilm der US-Armee. Sie will der Bevölkerung die Fortschritte bei der Befriedung des Landes zeigen.

Warum die Taliban Shahed an jenem Aprilnachmittag entführen wollten, ist gut dokumentiert. Doch Shahed will keine Details publiziert haben. Der junge Mann ist vorsichtig geworden. Auch in der Schweiz gebe es Islamisten, die die Anschläge der Taliban in Kabul auf Facebook mit «Lang leben die Taliban!» kommentieren.

Der Film I: Das verlorene Paradies

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Die Schweiz

Nach dem Entführungsversuch flüchtet Shahed mit seiner Familie zuerst ins Haus seiner Schwägerin, ans andere Ende von Kabul. Nach wenigen Tagen fliegen sie nach Sri Lanka – eines der wenigen Länder, für das Afghanen kein Visum brauchen. Dank Shaheds Beweisen stellt die Schweizer Botschaft in Colombo der Familie humanitäre Visa aus. Ende August 2014 reisen sie in die Schweiz. Sie kommen in einer Asylunterkunft in Kreuzlingen TG unter.

Shahed beginnt sofort, mit einer App Deutsch zu lernen. Die Sprache liegt ihm, sie sei wie Mathematik: sehr schwierig, aber logisch aufgebaut. Er besucht einen Deutschkurs, hilft in der Bibliothek, übersetzt für andere Flüchtlinge. Sein Deutsch wird schnell besser. Shahed verfolgt die Nachrichten, hört von der Masseneinwanderungs- und der Ausschaffungsinitiative. Er lernt, wie National- und Bundesrat funktionieren. Sieben Präsidenten zu haben sei eine gute Idee. «In Afghanistan hat immer ein Volksstamm die Macht – und alle anderen haben das Nachsehen.»

Shahed rechnet fest mit einem positiven Asylentscheid. Doch die achtstündige Befragung beim Staatssekretariat für Migration lässt ihn zweifelnd zurück. «Ich hatte das Gefühl, sie haben mich nicht verstanden.» Im November 2015, nach sechs Monaten Warten, trifft der negative Entscheid ein. Die Begründung: Kabul sei relativ sicher. Und man zweifelt daran, dass die Polizei Shahed nicht schützen kann. Als Hazara diskriminiert zu werden, reicht nicht. Anspruch auf Asyl hat nur, wer persönlich verfolgt wird.

 

«Wann ist ein Mensch verfolgt und bedroht genug, um in der Schweiz als Flüchtling zu gelten?»

Mortaza Shahed

Asylentscheid: «Abgelehnt»

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Asylentscheid: «Abgelehnt».

Mit einer Anwältin, die Persisch spricht, legt Shahed Berufung ein. Dann beginnt erneut das Warten. Dass sein Gesuch im Rechtsstaat Schweiz trotz allen Beweisen abgelehnt wurde, hat ihn erschüttert. «Wann ist ein Mensch verfolgt und bedroht genug, um in der Schweiz als Flüchtling zu gelten? Und warum gibt es eine Reisewarnung des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, wenn Kabul und Afghanistan doch sicher sind?»

Shahed schreibt Briefe an Bundesrätin Simonetta Sommaruga und an Mario Gattiker, den Direktor des Staatssekretariats für Migration. Man beobachte die Situation der Hazara und passe die Asylpraxis bei Bedarf an, heisst es in der Antwort. Wenn er davon erzählt, verkrampfen sich seine Kiefermuskeln. Sein stets freundlicher Blick wird hart.

Er beginnt sich auch für andere Flüchtlinge zu engagieren. Unter «My Life in Switzerland» betreibt er eine Facebook-Seite, auf der er Meldungen zu Flüchtlingsthemen zusammenfasst und ins Persische übersetzt. Die Seite hat über 2000 Follower.

Trotz dem negativen Asylentscheid versucht Shahed, beruflich Fuss zu fassen. Doch seine Bewerbungen als Kameramann, Verkäufer, Informatiker und Übersetzer bleiben alle erfolglos.

Facebook für Flüchtlinge

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Der B-Ausweis

Dann endlich, Anfang Oktober 2017, erhält er den Anruf seiner Anwältin. Der Rekurs ist erfolgreich, Shahed wird als Flüchtling anerkannt. Nach fast zwei Jahren Ungewissheit.

Der Entscheid ändert alles. Als vorläufig Aufgenommener hatte er zwei Jahre lang vergeblich eine Bleibe für seine Familie gesucht. Mit dem B-Ausweis kann er nach zwei Wochen zwischen zwei Wohnungen wählen.

Shahed vermisst Afghanistan. «Man sehnt sich nach seinem Land – auch wenn es ein schlechtes Land ist.» Was fehlt ihm am meisten? «Meine Position.» Er, der im Iran als Flüchtlingskind geplagt und beschimpft worden war, hatte es trotz allem geschafft. Er war ein gefragter Kameramann und verdiente manchmal mehrere hundert Dollar pro Tag. Mit der Flucht in die Schweiz musste er noch einmal ganz von vorn beginnen. Sein Kurzfilm ist ein erster Schritt zurück ins Geschäft.

In diesen Wochen absolviert Shahed das Aufnahmeverfahren für das Masterstudium Dokumentarfilm an der Zürcher Hochschule der Künste – der B-Ausweis machts möglich. Mortaza Shahed sieht eine Zukunft für sich und seine Familie. Für vorläufig Aufgenommene bleibe die Schweiz aber ein verlorenes Paradies.

Videos: Philipp Eyer, Balz Ruchti

Der Film im Kino

«Das verlorene Paradies» von Mortaza Shahed läuft am 17. März 2018 im Rex, Bern.

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Nathaly Tschanz, Leiterin Digitale Inhalte

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