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Ungarische RomaMama verkauft sich in Zürich

Wie Roma-Mütter in der Schweiz anschaffen, um zu Hause die Kinder durchzubringen.

Von aktualisiert am 10. Dezember 2015

Es ist Abend, Ildiko und Tomi sitzen auf dem Steinhaufen vor dem Haus. Das Licht der untergehenden Sonne macht ihre Gesichter weich. Sie streichelt sanft seine Hand, sagt: «Ich arbeite so hart in Zürich. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass alles umsonst ist.» Tomi versaufe oder verspiele das ganze Geld, das sie nach Hause schicke. Tomi sagt: «Wenn du mich verlässt, bleiben die Kinder bei mir. Ich bin intelligenter. Du hast nur zwei Jahre Schule, nur Stroh im Kopf.» Ildiko schweigt und hört nicht auf, Tomis Hand zu streicheln. Sie wirken wie zwei, die stundenlang aufeinander eingeprügelt haben, bis zum Äussersten, und jetzt die Erschöpfung geniessen, die sie endlich zur Ruhe zwingt.

Das Haus, in dem Ildiko Szasz mit ­ihrem Mann Tomi und ihren vier Kindern lebt, steht am Rand eines Dorfs im Nord­osten Ungarns. Von der Decke und den Wänden fällt der Putz. Das Wohnzimmer ist kahl, im Badezimmer hausen nur noch Ratten. Wo die Wanne und das Klo standen, klaffen Löcher in der Erde.

Roma-Frauen auf dem Strich

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In der Schweiz Geld verdienen, um zu Hause die Kinder durchzubringen: Ungarische Roma-Frauen auf dem Sihlquai in Zürich.

Etwa viermal im Jahr verlässt Ildiko die Familie und reist nach Zürich. Sie nimmt in Budapest den Nachtzug, kommt am Morgen an – und bereits am Abend steht sie am Sihlquai und wartet auf Freier.

Der Sihlquai ist der bekannteste Stras­senstrich der Schweiz. Die Freier kommen aus allen Ecken des Landes. Die meisten Frauen, die dort anschaffen, sind Roma aus Ungarn, wie Ildiko. Es kommen immer mehr, in manchen Nächten buhlen bis zu 60 Frauen um die Aufmerksamkeit der Freier. Viele Frauen bieten deshalb auch Sex ohne Kondom an und drücken die Preise, verlangen für Oralverkehr statt der üblichen 50 Franken nur 20 oder weniger, für Geschlechtsverkehr 30 Franken statt 80.

Die Mutter zwang sie mit 16 auf den Strich

Läuft es gut, hat Ildiko sechs Kunden pro Nacht. Läuft es schlecht, halten höchstens drei Männer an und nehmen sie mit. Das letzte Mal war sie von Februar bis April in Zürich. Es lief sehr schlecht, manchmal hatte sie nächtelang nichts zu tun.

Ihren Kindern sagt Ildiko, dass sie in der Schweiz putze oder als Verkäuferin ­arbeite. Die jüngeren glauben ihr. Die ­älteren ahnen, dass ihre Mutter in Zürich auf den Strich geht. In der Schule werden sie deswegen von den anderen verhöhnt: «Eure Mutter ist eine Scheissnutte!»

In Ildikos Haus ist nur das Schlaf­zimmer möbliert. Sie schämt sich, weil sie keinen Stuhl anbieten kann. «Es ist eine Schande», sagt sie leise. Ihre Fingernägel graben sich in ihre Unterarme, unablässig. Wenn im Sommer die Hitze auf die Ebene drückt, verbringt die Familie ihre Tage vor dem Fernseher, stundenlang. Irgendwann sagt der Kleinste, Tomi junior, dass er Hunger habe. «Aber es gibt nichts, Herzchen», antwortet Ildiko dann und nimmt ihn in den Arm. Wenn es ganz schlimm wird mit dem Hunger, gehen Ildiko und Tomi zu den Nachbarn und betteln um Geld. Fast überall im Dorf haben sie Schulden.

Ildiko ist 34. Als sie 20 war, lernte sie ­Tomi kennen. Sie lebte noch bei den ­Eltern, ging aber bereits auf den Strich. «Meine Mutter hat mich zum ersten Mal mit 16 auf die Strasse gezwungen. Ich konnte ja nichts und dachte: ‹Okay, dann versuch ich es halt.› Mir hat das viele Geld anfangs schon gefallen.» Mit dem Geld ­ernährte Ildiko die Familie, ihr Vater war ihr erster Zuhälter.

Der zweite Zuhälter war Tomi. «Ich habe mich in ihr Geld verliebt», sagt er. Ildiko fühlte sich geschmeichelt, war stolz, ihm die neuesten Nike-Turnschuhe schenken zu können. Als die Kinder kamen und sie mehr Geld benötigten, organisierte Tomi einen Zuhälter, der ein paar Brocken Englisch sprach und schon öfter mit Frauen in Zürich war. Für 150 Franken pro Tag nahm er auch Ildiko mit. Inzwischen fährt sie allein in die Schweiz, so erzählt sie es jedenfalls. Vielleicht stimmt es auch. Manchmal leuchtet hinter ihrer Schüchternheit ein Überlebenswille auf, der sie für ein paar Sekunden stark und unabhängig erscheinen lässt.

Ildikos Geschichte ist so einzigartig wie exemplarisch. Denn es ist genau dieser Mix aus Armut, fehlender Bildung, Gewalt und Hoffnung auf das schnelle Geld, der die ungarischen Romafrauen nach Zürich auf den Strich treibt. Selbst ein Vater als Zuhälter ist nichts Ungewöhnliches. Die meisten Frauen vom Sihlquai behaupten zwar, sie würden ohne Zuhälter arbeiten. Aber das Gegenteil ist wahr. Fast jede hat einen Zuhälter, der ihr wie ein Schatten überallhin folgt. Sie muss ihm 50 bis 80 Prozent ihrer Einnahmen abgeben, manchmal auch mehr. Kommt der Zuhälter aus der nahen Verwandtschaft, bleibt das Geld wenigstens in der Familie.

Die meisten Frauen gehen nicht nur in Zürich auf den Strich, sondern auch zu Hause. Wenn man im Nordosten Ungarns durch die Wälder fährt, sieht man sie am Strassenrand stehen. Manche haben noch ein Kindergesicht. Die Zuhälter warten ­jeweils in ein paar hundert Metern Entfernung. Sie lehnen an ihren Autos, trinken Bier und knacken Sonnenblumenkerne.

Die Frauen, die sich mit Zuhältern ­einlassen, wissen, dass sie auf den Strich gehen werden. Aber anfangs wissen sie oft nicht, dass sie keinen Kunden ablehnen dürfen, auch nicht diejenigen, die Sex ­ohne Kondom fordern. Dass ein Grossteil der Einnahmen in die Tasche der Zuhälter fliesst. Dass sie an manchen Tagen 20 Stunden auf der Strasse stehen müssen. Dass man ihnen Aufputschmittel einflösst, damit sie nicht kollabieren.

Handtaschen voller Geld auf der Rückfahrt

Ildiko träumt davon, aus der Prostitution auszusteigen. Sie lacht und schüttelt den Kopf, wenn sie über diesen Traum spricht. Als glaube sie keine Sekunde dran. Ein ­einziges Mal wolle sie noch nach Zürich fahren, sagt sie. Ein letztes Mal, bevor der Strich am Sihlquai schliesse.

Am Tag vor der Abreise findet in der Dorfschule das Muttertagsfest statt. Ildiko hat ihre beste Hose angezogen, eine Jeans mit Strass an den Nähten. Auf dem Weg zur Schule rennt Tomi junior über die Felder und pflückt Kornblumen, die er seiner Mutter bringt. Im Klassenzimmer setzt sich Ildiko in eine der letzten Reihen, hinter die anderen Mütter und Grossmütter. Die ­Kinder stehen in einem Halbkreis vor der ­Tafel, jedes muss vortreten und ein Gedicht aufsagen. Als Tomi junior dran ist, bringt er kein Wort heraus. Er beisst sich auf die ­Lippen, zieht den Kopf ein. Später nimmt Ildiko ihn in den Arm, als wolle sie ihn trösten. Sie flüstert ihm ins Ohr: «An deinem Geburtstag bekommst du kein Geschenk, weil du so schlecht in der Schule bist. Schon dreimal hast du die erste Klasse ­wiederholen müssen. Was sollen die anderen von uns denken?»

Am Tag der Abreise sagt Ildiko, sie ­könne im Moment doch nicht nach Zürich fahren. Ihr fehle das Geld für die Reise. ­Zudem habe die Kinderschutzbehörde ­einen Besuch angekündigt. Die Beamten befürchteten, die Kinder könnten verhungern. Sie entschuldigt sich, weint beinahe. Tomi blickt schweigend auf die Felder.

Der Nachtzug nach Zürich verlässt ­Budapest ohne Ildiko. An Bord sind viele andere Frauen, die am nächsten Tag am Sihlquai ihren Körper verkaufen werden. In den Sitz- und Liegeabteilen ­erkennt man sie sofort: junge Frauen mit dunkler Haut und schwarzem oder blondiertem Haar. Sie sind stark geschminkt und haben ihre verlängerten Nägel mit Strasssteinen geschmückt. Sie tragen enge Jeans oder Adidas-Jogginghosen und fast immer Schuhe mit hohem Keilabsatz. Neben ­ihnen sitzen die Männer mit tätowiertem Bizeps und kahlem Schädel. Manchmal fahren statt der Zuhälter «Kapofrauen» mit, Aufpasserinnen. Sie übergeben die Frauen in Zürich den Zuhältern. Der Zugbegleiter sagt, er erkenne viele Frauen wieder. «Die fahren so oft hin und her. Auf der Hinfahrt sind sie bedrückt, weil sie ihre Kinder vermissen. Auf der Rückfahrt sind sie stolz wie Königinnen. Und halten ihre Handtaschen voller Geld umklammert wie Babys.»

Anschaffen fast rund um die Uhr

Ildiko sagte, in Zürich wohne sie jeweils bei einem alten Mann, einem Schweizer, in der Nähe des Limmatplatzes. Die Unterkunft sei gratis, dafür müsse sie für den Mann kochen und putzen, seine Wäsche waschen. Sie weiss nicht, dass Zürich einen See hat. Oder das Grossmünster.

Sie geht in Zürich immer nur einen Weg: vom Sihlquai zum Hauptbahnhof, wo sie nach der Arbeit früh am Morgen Geld bei Western Union an Tomi überweist, und zurück. Auch Borbala geht in Zürich oft dieselben Wege. Sie erinnert sich an Ildiko: «Ist das nicht die ältere Frau, die kaum noch einen Kunden abbekommt? Doch, ja, das letzte Mal habe ich sie irgendwann im März gesehen.» Borbala ist 22, klein und trägt einen Pferdeschwanz. Von weitem sieht sie aus wie ein Mädchen. Sie lebt mit anderen Frauen in einem Apartment an der Langstrasse. Sonntags, an ihrem einzigen freien Tag, geht sie manchmal zum Hauptbahnhof, um bei Migros Essen für die Woche einzukaufen.

Borbala ist seit zwei Wochen in Zürich. Das Apartment, in dem sie lebt, hat eine Küche, ein WC und drei Zimmer mit Lavabo, die alle an Prostituierte vermietet sind. Der Vermieter, ein Spanier, verlangt pro Tag 150 Franken für ein Zimmer. Borbala teilt ihr Bett mit einer anderen Frau. «Sie ist nicht meine Freundin», sagt sie. «Freundschaften halten mich nur vom Arbeiten ab.» Borbala arbeitet fast rund um die Uhr. Wenn sie um fünf Uhr früh vom Sihlquai zurückkommt, schläft sie ein paar Stunden. Dann isst sie etwas, Brot mit Butter und Aufschnitt. Sie schminkt sich, schlüpft in Hotpants und in die Lederjacke, die den Bauch freilässt, und stellt sich auf die Langstrasse. Dort ist der Strich verboten.

Borbala spricht die vorbeischlendernden Männer unauffällig an, es ist fast ein Flüstern: «Hello, kommst du hoch?» Sie bringt die Männer ins Zimmer. Abends schminkt sie sich von neuem, diesmal auffälliger, stopft ein paar Kondome in die Handtasche und geht zum Sihlquai. Eine Woche will sie noch bleiben, bevor sie zurück nach Miskolc fährt. In der Industriestadt im Nordosten Ungarns lebt sie mit ihrem Mann, ihrer Mutter und zwei Kindern. «Mit dem Geld, das ich hier verdiene, möchte ich uns ein Haus bauen», sagt sie. «Ich werde noch oft kommen müssen.»

Die Recherche für diesen Artikel wurde von der Robert-Bosch-Stiftung im Rahmen des Programms «Journalisten vor Ort» gefördert.