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DachbegrünungHochstehende Pflanzenparadiese

Hausdächer sind meist Wüsten. Mit jedem Dach, das bepflanzt wird, schafft man eine kleine grüne Insel. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern macht sich auch positiv im Portemonnaie bemerkbar.

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Rundherum graue Grossstadthäuser. Gehetzte Fussgänger drängen sich auf den Trottoirs. In den Strassenschluchten röhren und stinken die Motorfahrzeuge. Mittendrin ein Häuserblock, dessen Fassade blau, weiss, rot, orange und gelb kariert ist. An der Hauswand klettert Efeu hoch, auf den Balkons spriessen Sträucher, und auf den unterschiedlich hohen Dachterrassen wachsen dicht an dicht stattliche Bäume. Hier dominiert die Natur über den Bau – und nicht umgekehrt. Das berühmte Hundertwasser-Krawina-Haus in Wien ist eine Oase in der Grossstadt. Gestaltet wurde es vom Künstler Friedensreich Hundertwasser, der einst sagte: «Der Mensch muss auf den Dächern der Natur zurückgeben, was er ihr widerrechtlich unten beim Hausbau weggenommen hat.»

Stephan Brenneisen, Leiter der Fachstelle Dachbegrünung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil, stimmt dem Plädoyer des österreichischen Künstlers und Visionärs zu – und ergänzt: «Ein begrüntes Dach schafft nicht nur einen ökologischen Ausgleich, Dachgärten sind auch bautechnisch völlig unbedenklich.»

Diese Aussage bezieht sich auf die immer noch herrschenden Vorurteile, dass Flachdächer, insbesondere deren Begrünung, oft zu Schäden am Gebäude führen können. «Die Abdichtungstechnik ist viel besser als früher», sagt Brenneisen. «Wer sein Dach von einer spezialisierten Firma abdichten und bepflanzen lässt, wird später kaum Probleme haben.»

Doch was bringt eine Dachbegrünung konkret? Welche Nachteile hat sie? Und lohnen sich die Mehrkosten? Dachgärten bergen viele ökologische Vorteile. Ein begrüntes Dach hält zwischen 50 und 80 Prozent des Niederschlags zurück. Durch die Verdunstung wird das Wasser in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt. Das entlastet das Siedlungsentwässerungssystem und die Kläranlagen.

Dachgärten schaffen auch Ersatzlebensräume für Flora und Fauna. Dank der oft ungestörten Lage können sich hier sogar seltene Pflanzen- und Tierarten ansiedeln. So wurde in hiesigen Dachgärten etwa der Zwerg-Kamelläufer gefunden – eine in der Schweiz vom Aussterben bedrohte Käferart. Und Vögel nutzen das hochgelegene Biotop zur Futtersuche oder sogar als Brutplatz. Es wurden Nester von Flussregenpfeifern oder Haubenlerchen gefunden, die bei uns als sehr selten gelten.

Gerade in Städten sind begrünte Dächer eine wahre Wohltat: Aufgeheizte Strassen und Gebäudeflächen machen die urbanen Zentren im Hochsommer zu «Wärmeinseln». Grünflächen können den Wärmeüberschuss dank Absorption und Wasserverdunstung abbauen und tragen so zu einer Abkühlung bei.

Zudem filtern Dachbegrünungen Schadstoffpartikel und Staub aus der Luft heraus. Nicht zu unterschätzen sind auch die gebäudetechnischen Vorteile von begrünten Dächern. Ein normales, unbegrüntes Flachdach kann Temperaturextremen von minus 30 bis plus 80 Grad ausgesetzt sein, was seine Lebensdauer auf etwa 20 Jahre begrenzt. Eine Begrünungsschicht auf der Dachabdichtung dagegen bietet mechanischen Schutz, hält UV-Strahlung ab und die Temperaturen der Dachoberfläche im normalen Bereich. Deshalb haben begrünte Dächer eine Lebensdauer von bis zu 40 Jahren.

Ausserdem wirken Dachgärten wie natürliche Klimaanlagen. Durch die Verdunstung von gespeichertem Regenwasser trägt die Begrünung im Sommer dazu bei, dass sich die obersten Etagen nicht zu stark erhitzen. In der kalten Jahreszeit wiederum helfen Dachgärten, die Heizkosten zu reduzieren – vor allem bei schlecht isolierten Altbauten. Dafür sollte der Schichtaufbau aber mindestens zwölf Zentimeter betragen, und es sollte möglichst flächendeckend bepflanzt werden.

Natürlich ersetzt ein Dachgarten nicht die Isolation des Dachs. Wer wirklich Heizkosten sparen will, sollte sein Dach richtig dämmen (siehe «Dämmung», links).

Die Nachteile einer Dachbegrünung sind im Vergleich zu den Vorteilen eher marginal. Ein negativer Punkt ist der höhere Pflegeaufwand. Dieser spielt aber nur bei einer Intensivbegrünung mit Stauden, Sträuchern und Bäumen eine Rolle – also wenn die Bepflanzung auf dem Dach den Charakter eines normalen Gartens hat.

Eine extensive Begrünung dagegen verursacht nicht mehr Aufwand als ein Kiesdach – also ein bis zwei Kontrollgänge im Jahr, um unerwünschte Pflanzen zu entfernen und die Abläufe zu säubern (siehe Nebenartikel «Dachbegrünung: Diese Pflanzen sind geeignet»).

Als gewichtiger Nachteil erscheinen auf den ersten Blick die höheren Herstellungskosten. Immerhin kostet eine extensive Dachbegrünung für ein Einfamilienhaus gut 40 Franken pro Quadratmeter – ein Kiesdach jedoch nur knapp 20 Franken. «Aber im Vergleich mit dem Kiesdach spart man bei den Sanierungskosten», sagt ZHAW-Experte Stephan Brenneisen. Denn ein begrüntes Dach hat eine doppelt so hohe Lebensdauer.

Auf die Kostenrechnung können sich, langfristig betrachtet, ausserdem weitere Punkte positiv auswirken. Da durch die Dachbegrünung weniger Regenwasser in die Kanalisation fliesst, sind diverse Gemeinden bereit, die Abwassergebühren zu reduzieren. Das kann rund 50 Rappen pro Quadratmeter Dachfläche und Jahr ausmachen. Doch Vorsicht: Dies gilt nicht bei Neubauten, denn dort besteht, sofern durchlässiger Boden vorhanden ist, sowieso die Pflicht, das Regenwasser im Boden versickern zu lassen. Wie die Situation im Einzelfall aussieht, kann auf dem Bauamt nachgefragt werden. Positiv auf die Rechnung wirken sich auch die Einsparungen bei den Energiekosten aus. Auch hier kann von rund 50 Rappen pro Quadratmeter Dachfläche ausgegangen werden. Je moderner das Haus und je besser die Isolation, desto eher tendiert diese Einsparung aber zu null. Experte Brenneisen hat zur Beweisführung eines lohnenden Dachgartens folgende Berechnung angestellt:

Die Rechnung zeigt: Die grüne Oase auf dem Dach würde sich selbst dann lohnen, wenn bei den Punkten Energie und Abwasser keine Einsparungen möglich wären. Diese Rechnung geht jedoch nur dann auf, wenn der Dachgarten für einen Neubau geplant wird oder das bis anhin bekieste Flachdach sowieso vollständig saniert werden muss. Für kleinere Begrünungen auf Garagen- oder Gartenhausdächern gibt es auch Selbstbausets – diese sind aber relativ teuer und lohnen sich in den wenigsten Fällen.

Für die meisten Bauherren, die sich für begrünte Dächer entscheiden, sei der Kostenfaktor nicht zentral, sagt Brenneisen: «90 Prozent der Hausbesitzer tun dies in erster Linie aus ökologischen Überlegungen.» Wie es der Künstler Hundertwasser gefordert hat.

Oder der bedeutende Schweizer Architekt Le Corbusier, der sich die Frage erlaubte: «Ist es nicht wahrhaft wider alle Logik, wenn eine ganze Stadtoberfläche ungenutzt und nur der Zwiesprache mit den Sternen vorbehalten bleibt?»

«Wer ein Schrägdach begrünt, muss schon ein bisschen Freak sein», bringt es ­Stephan Brenneisen von der Zürcher Hochschule für ­Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil ZH auf den Punkt. Denn ein ­bepflanztes Schrägdach falle natürlich um ­einiges mehr auf als ein Flachdach. «Damit ­outet man sich in den Augen vieler als Öko oder als Grüner.»

Dabei ist ein wenig Dachneigung sogar besser als ein völlig flaches Dach. Denn bei ­Dächern ohne jegliche Neigung ist jeweils eine besondere Drainschicht zur Vermeidung von Staunässe nötig. Bei Schrägdächern ist dies nicht nötig, da das Regenwasser gut abfliessen kann. Zudem ­können Gründächer bis zu einer Neigung von rund 15 Grad auch sonst ohne ­spezielle ­Massnahmen realisiert werden. ­Steilere Dächer ­dagegen benötigen eine ­Schubsicherung, die verhindert, dass das ­Substrat – also die Erde – abrutscht. Ab einer Neigung von 45 Grad sind dann bereits Sonderkonstruk­tionen ­notwendig.

Für Schrägdächer eignet sich eine pflegearme extensive Begrünung. Grund­sätzlich ist die nachträgliche Begrünung eines Schrägdachs aber teurer als jene eines ­Flachdachs. In der Regel gilt: je steiler, desto kostspieliger. Wird bei einem Neubau ­jedoch ­bereits die Dachbegrünung eingeplant, sind die Preis­unterschiede zwischen Schräg- und Flachdach nur marginal.

Nicht alle Dächer eignen sich für eine Begrünung. Wer ganzjährig ein angenehmes Klima im Hausinnern haben will, kommt nicht darum herum, das Dach richtig zu isolieren.

Begrünte Steildächer sind in der Schweiz noch selten anzutreffen. Denn bei den meisten Häusern beträgt die Dachneigung 45 Grad: Die Errichtung von Dachgärten wäre hier mit viel ­Aufwand verbunden. Dank einer ­genügend ­dicken Dämmung lässt sich die sommerliche Hitze jedoch auch bei Giebeldächern draussen halten. Oft ist die Dämmung jedoch mangelhaft. Selbst 15- bis 20-jährige Häuser verfügen oft nur über eine zehn Zentimeter ­dicke Dämmungsschicht; bei sehr alten Häusern fehlt diese oft ganz. Die Folge: Im Sommer wird das Dachgeschoss zur Sauna, und die Hitze lässt sich mit Lüften fast nicht wegbringen.

Eine gute Dämmung nützt auch im Winter: Dann sorgt sie dafür, dass die Wärme im Haus­innern bleibt. In der Regel wird für die Dämmung der Platz zwischen den Dachbalken genutzt. Dieser ist aber meist nur 15 Zentimeter dick. Deshalb sollten die Dachbalken nach innen mit Holzbalken aufgedoppelt werden, so dass der Hohlraum eine Dicke von 20 bis 30 Zentimetern erreicht. Der so entstandene Hohlraum wird mit Stein- oder Glaswolle gefüllt. «Alternativ können für die Isolation auch Holzweichfaser-Dämm­stoffe ­verwendet werden», sagt Felix Meier, Leiter Konsum beim WWF Schweiz. «Diese sind besonders für den sommer­lichen Wärmeschutz geeignet.» Eine darüber angebrachte ­Folie dient als Dampfsperre und sorgt für Wind­dichtigkeit. Über der Folie kann eine Deckschicht aus Holz oder Gipskartonplatten montiert werden.

Bei sehr alten Häusern mit bisher ­unbewohntem Estrich sind die Arbeiten aufwendiger, weil meist kein Unterdach vorhanden ist. Ein solches muss also erst neu aufgebaut werden. Dazu müssen die Ziegel entfernt werden. Muss das Dach neu aufgebaut werden, ist eine Baubewilligung nötig, da es ­höher wird und der Estrich zu Wohnraum umgenutzt wird. Sind die Dachräume dagegen bereits bewohnt und keine ­Arbeiten auf der Aussenseite des Dachs nötig, braucht es für die Dämmung ­keine Bewilligung.

Die Kosten einer Dämmung variieren stark – von mehreren tausend bis zu mehreren zehntausend Franken –, wenn das Dach neu aufgebaut werden muss. Offerten schaffen im Vorfeld Klar­heit. Wichtig zu wissen: War der Estrich bisher nicht ausgebaut, können die Kosten für Ausbau und Isolation meist über eine Aufstockung der Hypothek ­finanziert werden. Denn durch die ­zusätzliche Wohnfläche steigt der Wert des Hauses. Auch wenn nur Dämmungsarbeiten geplant sind und das Dachgeschoss ­bereits bewohnt ist, lohnt es sich, bei der Bank nachzufragen. Ist die Hypothek nicht voll ausgereizt, sind viele Banken bereit, für energetische Massnahmen Geld zu geben.

Profitieren kann man bei der ­Dämmung des Dachs zudem vom ­Gebäudeprogramm des Bundes (www.dasgebaeudeprogramm.ch) und – je nach Kanton und Gemeinde – von weiteren Unterstüt­zungs­geldern. Details dazu sind auf der ­Beobachter-­Inter­netseite www.energiefranken.ch zu ­finden. (RW)


Statik

Wie belastbar ist das Dach? Bei Neubau ­Statik auf Dachgarten-Wunsch abstimmen.

Bauphysik
Klären Sie ab, um welche Dachart es sich handelt: Warmdach (am besten geeignet), Kaltdach oder Umkehrdach? Ist bezüglich der Dachausführung eine Dampfsperre oder eine Hinterlüftung vorgesehen?

Abdichtung
Ist die zu begrünende Fläche wurzelfest ­abgedichtet? Welche Leistungen und Vor­arbeiten werden vom Dachdecker erbracht?

Einfassung und Anschlüsse
Ist eine Aufkantung oder Einfassung ­vorhanden? Wurden die An- und Abschlüsse an ­allen Rändern, aufgehenden Bauteilen und Durchdringungen hochgezogen?

Dachtyp Flachdach
Gibt es ein genügend grosses Gefälle vom Hoch- bis zum Tiefpunkt der Entwässerung? Schrägdach: Wie stark ist das Dach geneigt – sind Schubschwellen erforderlich?

Entwässerung und Bewässerung
Existiert eine Bewässerungseinrichtung? Ist diese mit dem Bauvorhaben kompatibel?

Sicherheit
Ist der Auf- und Abstieg sicher?

Haustechnik
Sind Wasser- und Stromanschlüsse ­vorhanden?

Energie
Ist die Wärmedämmung auf dem neusten Stand? 

Veröffentlicht am 10. März 2011