«Unser 24-jähriger Sohn gilt als fleissig und zuverlässig und ist Offizier im Militär. Leider stellen wir nun fest, dass er psychische Probleme hat. Er sagt, die Dunkelheit abends und morgens beunruhige ihn. Er hat Engagements in Vereinen aufgegeben, und er trinkt zu viel. Kürzlich sah ich ihn über die Strasse gehen, und er tat dies genau wie sein Grossvater, der ein lahmes Bein hatte. Da ist mir klar geworden: Der «Grossätti» lebt offenbar in ihm weiter. Jetzt weiss ich nicht, ob ich meinem Sohn sagen soll, dass er deswegen Probleme hat.»

Martha F.

Koni Rohner, Psychologe FSP:


Das würde ich in dieser Form nicht tun! Erstens weil man nie im Voraus wissen kann, worunter ein Mensch wirklich leidet. Selbst ein erfahrener Psychotherapeut kommt erst im Verlauf der Therapie zusammen mit dem Klienten langsam dahinter, wo salopp gesagt der Hund begraben liegt, wo also die neurotischen Verstrickungen verborgen sind. Und selbst wenn der Therapeut glaubt, etwas erkannt zu haben, was dem Klienten bisher entgangen ist, wird er seine Idee nur vorsichtig als Hypothese äussern und sie im Austausch mit dem Ratsuchenden überprüfen.

Interessant ist für Sie übrigens auch die Frage, was Sie selber für ein Verhältnis zum verstorbenen «Grossätti» haben. Vielleicht gibt es bei Ihnen etwas Unabgeschlossenes, was Sie noch bearbeiten könnten.

Die Konflikte eines anderen Menschen wirklich zu verstehen ist also schon grundsätzlich ein schwieriges Unterfangen. Besonders heikel wird es, wenn sich Eltern in die seelischen Angelegenheiten ihrer erwachsenen Kinder einmischen. Diese sind nämlich für ihr eigenes Leben verantwortlich. Eltern, die ihre Kinder im Lauf des Jugendalters nicht ziehen lassen können, die nicht darauf vertrauen, dass diese das Leben aus eigener Kraft schaffen werden, behindern die freie und selbstständige Lebensgestaltung ihrer Söhne und Töchter.

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Selbstverständlich dürfen Sie als Eltern Ihrem Sohn gegenüber jedoch Interesse und Verständnis zeigen und ihm sagen, dass Sie sich Sorgen machen. Dabei können Sie ihm durchaus auch Ihre Idee von der «Besessenheit» durch den Grossvater mitteilen. Aber aufgepasst: Erwarten Sie bloss nicht, dass Ihr Sohn Ihnen sogleich zustimmen wird!

Für die etablierte psychologische Wissenschaft gibt es natürlich keine «Besessenheit». Aber schon Shakespeare hat einmal geschrieben, es gebe mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen lasse. In der Tat hatte ich in meiner Privatpraxis schon mehrere Klienten, die den Eindruck hatten, von einer verstorbenen Person irgendwie nicht loszukommen. In der Regel ist es für sie hilfreich, in der Vorstellung ein Gespräch mit dem Bild dieses Menschen zu führen. Meist geht es darum, Versäumtes nachzuholen der verstorbenen Person etwas mitzuteilen, was man ihr zu Lebzeiten nicht gesagt hat.

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Interessant ist jedoch, dass solche Klienten dann manchmal das Gefühl haben, eine Antwort zu bekommen. Ich neige als wissenschaftlich ausgebildeter Psychotherapeut natürlich eher zur Annahme, dass sich das ganze Ritual nur im Kopf der Klienten abspielt und halte es für ziemlich unwahrscheinlich, dass unsterbliche Seelen um uns herumschweben und mit sich reden lassen. Eigentlich ist diese Fragestellung in der therapeutischen Arbeit aber unwichtig, denn dort interessiert die seelische Wirklichkeit der Klienten und nicht eine so genannt objektive.

Die amerikanische Psychologin Edith Fiore hat ein spannendes, leicht lesbares Buch zum Thema Besessenheit geschrieben (siehe Buchtipp). Siebzig Prozent ihrer Patienten sollen daran gelitten haben. Edith Fiore gesteht zwar auf sympathische Weise, dass auch sie nicht wirklich weiss, ob Besessenheit und Geistwesen tatsächlich existieren. Sie ist jedoch zufrieden, dass ihr Ansatz helfen kann; mit ihrer Methode hat sie offenbar grossen Erfolg. Edith Fiore geht in ihrer Arbeit davon aus, dass einzelne Seelen nach dem Tod aus verschiedenen Gründen den Weg zum Licht nicht finden können und sich deshalb an lebende Menschen heften. Als Therapeutin und Buchautorin erklärt sie, wie man diese verirrten Geister liebevoll auf den richtigen Weg schicken kann und sie damit los wird.

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Buchtipp

Edith Fiore: «Besessenheit und Heilung. Die Befreiung der Seele.»

Silberschnur-Verlag, Horhausen 1999, Fr. 27.80.