Zum 18. Geburtstag erhielt Carla Dupont* ein Geschenk der besonderen Art: 5600 Franken Schulden bei ihrer Krankenkasse. «Ich verkroch mich im Zimmer und heulte den ganzen Tag», erzählt sie.

Es war Zufall, dass die junge Frau letztes Jahr von ihren Schulden erfuhr. «Ich bin schwere Asthmatikerin», sagt sie. «Eines Tages musste ich beim Arzt dringend notwendige Medikamente holen. Die wollte man mir nur gegen Bargeld geben.» Carla Dupont war auf der schwarzen Liste säumiger Krankenkassenversicherter gelandet, obwohl sie noch nicht volljährig war.

«Ich verkroch mich im Zimmer und heulte den ganzen Tag.»

Carla Dupont*

Es stellte sich heraus: Ihre Mutter hatte die Prämien für die Tochter, seit sie 13 war, nicht bezahlt. Abklärungen ergaben, dass die Forderungen der Krankenkasse an die Tochter berechtigt waren, obwohl die Mutter sie verschuldet hatte. «Ich war wie vor den Kopf gestossen.»

Carla Dupont, damals gesundheitlich schwer angeschlagen und auf medizinische Versorgung angewiesen, hatte Glück. Über die Schuldenberatung gelangte sie an eine Stiftung, die den Betrag übernahm. Ihre Krankenkasse, die Groupe-Mutuel-Tochter Avenir, hatte ihr lediglich angeboten, die 5600 Franken in zwei Raten abzustottern. «Aber das konnte ich nicht, ich hatte ja kein Erspartes. Und mein Lehrlingslohn reichte dafür hinten und vorn nicht.»

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«Ich darf nicht krank werden»

Noch schlimmer traf es Barbara Meier*. Sie startet ins Erwachsenen­leben mit 9100 Franken Schulden. «Mein Stiefvater kümmerte sich immer um alles Finanzielle», erzählt sie. Selbst als sie später ihr eigenes Geld verdiente, gab sie ihm vier Jahre lang den Betrag für die Prämien. «Aber er hat alles für sich ausgegeben.»

Inzwischen ist Meier 23 und hat ebenfalls das Pech, dass ihr Wohnkanton eine schwarze Liste führt. Sie muss – ausser im Notfall – für medizinische Versorgung selber aufkommen, bis sie ihre Schulden abgestottert hat. Zudem muss sie die laufenden Prämien zahlen. Auch sie soll ihrer Kasse, Atupri, den Betrag in Raten überweisen. «Sie wollen 1500 Franken pro Monat.» Barbara Meier verdient als Angestellte im Detailhandel kein Vermögen und macht derzeit eine berufsbegleitende Weiterbildung. «Ich darf einfach nicht krank werden», sagt sie.

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Keine Einzelfälle

Dupont und Meier sind keine Einzelfälle, zeigt eine Umfrage bei den kantonalen Beratungsstellen. «Auch bei uns melden sich immer wieder junge Menschen, die Schulden aus Krankenkassenprämien übernehmen müssen und je nach Kanton auf der schwarzen Liste landeten», sagt Morena Hostettler Socha, Ombudsfrau Krankenversicherungen. Wie viele Junge betroffen sind, weiss auch sie nicht.

«Das System ist unfair und ein volkswirtschaftlicher Unsinn», sagt Marina Schmid-Padovan von der Schuldenberatung Glarnerland. «So geraten junge Menschen in eine Schuldenfalle, der sie aus eigener Kraft kaum entkommen werden.» Zudem könnten die unbezahlten Krankenkassenprämien Wegbereiter für weitere Verschuldung sein: «Die Betroffenen denken sich, es komme eh nicht mehr darauf an.»

«Das System ist unfair und ein volkswirtschaftlicher Unsinn.»

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Marina Schmid-Padovan, Schuldenberatung Glarnerland

Schulden, die Eltern im Namen ihrer Kinder machen, gehen auf die Kinder über? Das stösst auch Bea Heim auf. Die SP-Nationalrätin hat letztes Jahr eine Anfrage an den Bundesrat eingereicht. Doch der will keine Gesetzesänderung, weil Kinder ohnehin Prämienverbilligungen erhielten. Bewegung in die Sache bringen könnte Ruth Humbel. Die Aargauer CVP-Na­tionalrätin fordert, dass Kinder gratis versichert sind. Die parlamentarische Initiative wird jedoch frühestens im Herbst 2017 behandelt.

* Name geändert

Schwarze Listen werden abgeschafft

Die Kantone Graubünden und Solothurn schaffen die Sperrliste für säumige Prämienzahler ab. Die abschreckende Wirkung, welche dieses Mittel haben sollte, führte laut «NZZ» nicht zum gewünschten Ziel. Neben den beiden Kantonen hatten 2012 auch Aargau, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Tessin und Zug schwarze Listen eingeführt, um die Zahlungsmoral der Versicherten zu verbessern. Auch in diesen Kantonen stehen die Sperrlisten auf dem Prüfstand.

Zusätzlicher Druck kommt ebenso von der Sozial- und Gesundheitskommission des Nationalrats. Sie verlangt von den Kantonen mit schwarzen Listen, dass sie eine Notfallbehandlung genauer definieren. Was als Notfall gilt, bei dem säumige Zahler ausnahmsweise trotz ihrer Schulden gegenüber der Krankenkasse behandelt werden müssen, wird von den Krankenkassen unterschiedlich ausgelegt. Zu einer Diskussion führte dies Ende 2017, als einem aidskranken Patienten die Bezahlung der Therapie verweigert wurde und dieser daraufhin verstarb.

Ebenfalls im letzten Jahr hat das Parlament beschlossen, die Prämien von Kindern um mindestens 80 Prozent zu verbilligen. Ebenso sollen junge Erwachsene bis 25 Jahre bei den Kosten für die Krankenkasse entlastet werden. Die Kantone haben die Prämienverbilligung für Kinder bis März 2019 umzusetzen.

Update vom 13.07.2018

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Junge Erwachsene sind künftig vor Schulden geschützt

Der Ständerat ist dem Nationalrat gefolgt: Junge Erwachsene sollen nicht für Schulden aufkommen müssen, die ihre Eltern bei den Krankenkassen in Form von nicht gezahlten Prämien angehäuft haben.

In der Schweiz sind Kinder eigenständig bei einer Krankenkasse versichert, für den Unterhalt kommen die Eltern auf. Mit der Volljährigkeit ändert sich das. Fortan können Krankenkassen bei den jungen Erwachsenen auch nicht bezahlte Prämien einfordern. Im schlimmsten Fall führt das zu hohen Schulden.

Künftig soll das nicht mehr möglich sein. Krankenkassen dürfen nicht bezahlte Prämien weiterhin nur bei den Eltern einfordern, auch wenn die Kinder das Erwachsenenalter erreicht haben.

Update vom 4. Dezember 2019

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Raphael Brunner, Redaktor

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