Selman Gürsoy zeigt die Faust. «So ist jetzt die Türkei», sagt der 25-Jährige. Er lacht nicht, er meint es so. Ist es eine Faust, die zuschlägt und aus dem Weg räumt, was sich dem türkischen Präsidenten in den Weg stellt? «Nein, ganz im Gegenteil», ­beschwichtigt Gürsoy. «Wir Türken haben zusammengefunden. Wie die Finger einer Hand, die sich zu einer Faust ballen.» Vor der Faust müsse ­niemand Angst haben. Nicht, wer für eine demokratische Türkei einstehe.

Wenn Gürsoy so redet, erinnert er an einen Politiker. Ein wenig ist er das auch. 2015 kandidierte er für den ­Na­tionalrat – für die Solothurner BDP. «Ich bin konservativ, aber die SVP ­wäre mir etwas zu extrem.» Er ist kein benachteiligter Secondo, der in der Schweiz nicht Tritt fasste. Sein Wirtschaftsstudium schloss er an der Universität St. Gallen ab, seither arbeitet er in einer Schweizer Grossbank.

Aber da ist noch die zweite Hei­mat. Für sie schlägt sein Herz immer heftiger. «Die Generation meiner ­Eltern und Grosseltern musste die Türkei noch verlassen, weil sie schlicht nichts zu essen hatte. Heute ist die Türkei ein prosperierendes Land. Das haben wir auch Präsident Erdogan zu ­verdanken. Dass Menschen heute die Türkei verlassen, weil sie sich ihres Lebens nicht mehr sicher sind, erwähnt er nicht.

«Wie würden Schweizer reagieren, wenn Terroristen den Umsturz versuchen?»

Selman Gürsoy, Betriebsökonom

Während der Westen ­Erdogans Machenschaften gelähmt verfolgt, scheint eine jüngere Generation von Auslandtürken im Nationalismus aufzublühen. «Jahrelang war die Türkei von der EU abhängig. Jetzt hat sie an Eigenständigkeit gewonnen. Das macht das Land attraktiv. Es ist auf eine aufstrebende, junge Generation angewiesen.» Dass sich seine zweite Heimat immer mehr Richtung Osten orientiert, findet der gläubige Muslim richtig. «Wenn die Tür zur EU zugeht, müssen wir nach anderen Partnern suchen.»

Jetzt tönt Gürsoy wie ein Sprecher der Regierung Erdogan. Ein wenig ist er auch das. Als Generalsekretär der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) in der Schweiz. Er habe das Amt inzwischen abgegeben, aus rein privaten Gründen, so der frisch Verheiratete. Laut Handelsregister ist er immer noch der Generalsekretär.

Die UETD gilt als verlängerter Arm der Erdogan-Partei AKP. Sie war es auch, die nach dem Putschversuch in ganz ­Europa zu Demonstrationen aufrief. Auch in Zürich, wo UETD-Präsident Murat Sahin die Unter­stützer der ­Putschisten martialisch warnte: «Euer ­Ende ist gekommen. Ihr könnt euch nicht mehr in euren Löchern verkriechen.»

«Die Wortwahl muss man vor dem Hintergrund der aufgeheizten Stimmung verstehen. Ich will sie nicht verteidigen. Aber wie würden Schweizer reagieren, wenn Terroristen den Umsturz versuchen?», relativiert Gürsoy die an die Nazizeit erinnernden Worte.

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Quelle: Erhan Arik/Keystone

In der Sache steht er sowieso hinter Erdogan. Es brauche jetzt eine «Säuberung» von Gülen-Anhängern, die den türkischen Staat durchsetzt hätten. «Sonst riskieren wir einen weiteren Putsch.» Dass der in den USA lebende Prediger hinter dem versuchten ­Umsturz steckt, ist für ihn nach angeblichen Geständnissen von Militärs erwiesen. Dass die mächtige Bewegung in über 140 Ländern Schulen und Unternehmen betreibe – auch in der Schweiz –, sei nicht mehr tolerierbar.

Gürsoy unterrichtete vor einigen Jahren noch selber an einer Gülen-Schule in St. Gallen, wie er sofort einräumt. «Mir wurde aber relativ schnell klar, dass nicht einfach eine gute ­Bildung für türkische Kinder das Ziel war. Es ging um eine Ideologie, die man verbreiten will, und es wurden Abhängigkeiten geschaffen, wie in ­einer Sekte. Letztlich ging es um Macht in der türkischen Gesellschaft.»

Mit dieser Einschätzung stehen Erdogan-Getreue nicht alleine da. Auch die politische Opposition, linke Poli­tiker und Kurden warnen schon länger vor der Gülen-Bewegung als Staat im Staat. Für Erdogan war die Bewegung dagegen über Jahre ein willkommener Partner, um Wahlen zu gewinnen und die Türkei zu islamisieren.

Als «Mafia, die Religion als ein ­Instrument benutzt, um Macht zu ­erlangen» kritisierte der linke Jour­nalist Ahmet Sik die Gülen-Bewegung kürzlich. Weil sie in den Kurden­gebieten nicht nur missionierte, ­sondern ­militärische «Lösungen» statt Verhandlungen mit Guerillas forderte, wird sie auch hier kaum Solidarität ­erfahren. In Europa dagegen, wo Islamisten Ängste schüren und zur Waffe greifen, verfing die Gülen-Bewegung als friedfertige Alternative. Mit dem Leitspruch, Schulen statt Moscheen zu bauen, machte die Bewegung Politiker von links bis rechts zu Partnern. Im Beirat der Zürcher Gülen-Organisa­tion Dialog-Institut etwa sitzt die grüne Politikerin Katharina Prelicz-Huber.

«Das erinnert an eine Hexenjagd»

«Bei all meinen Begegnungen hatte ich nie den Eindruck, dass politische Macht ein Antrieb für die Menschen dort war», so Prelicz-Huber. «Natürlich weiss auch ich nicht, welche Pläne eine angebliche Elite der Bewegung hat. Was aber jetzt passiert, erinnert mich stark an eine Hexenjagd, bei der auch Rechtschaffene ins Visier genommen werden.» Eine solche Jagd will auch Erdogan-Anhänger Gürsoy nicht. «Man soll keinem ­einen Vorwurf machen, weil er in den letzten Jahren ­seine Kinder in eine Gülen-Schule schickte oder vom Prediger beeindruckt war.» Jetzt aber, wo alle um die Ziele der Bewegung wüssten, führe kein Weg an der Distanzierung vorbei.

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Viele türkische Familien stehen ­darum vor einer Zerreissprobe. «Auch ich habe Verwandte, die der Bewegung nahestehen. Bei Familientreffen wird das heute noch tabuisiert. Aber das muss sich ändern», so Gürsoy.

2015 zog der BDP-Politiker mit ­einem etwas ungewöhnlichen Slogan in den Wahlkampf: «Manchmal muss man den falschen Weg gehen, um den richtigen zu finden.» Dem ist er treu geblieben.