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Am 20. September 2007 fängt für Nicole Dill eine neue Zeitrechnung an – besser: ein neues Leben. Wer sie heute trifft, dem kann die 42-jährige Luzernerin auf den Tag genau sagen, wie lange diese Zäsur zurückliegt. Ebenso lange dauert ihr Kampf dafür, dass die Umstände des Verbrechens, das ihr angetan wurde, nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Rückblende: Am Vorabend jenes Herbsttags vor vier Jahren bringt ihr ­damaliger Lebenspartner Nicole Dill in seine Gewalt, vergewaltigt und foltert sie, fügt ihr mit Schüssen aus einer Armbrust lebensbedrohliche Verletzungen zu. Erst am folgenden Morgen kann der rasende Mann in Gewahrsam genommen werden; in U-Haft begeht er Selbstmord. Sein Opfer übersteht die Tortur nur knapp. Dill ist schwer traumatisiert und braucht Monate, um zurück ins Leben zu finden.

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Nach der Tat beginnt sie, die Hintergründe des Gewaltakts zusammenzutragen. Bald zeigt sich, dass die Tat ein Lehrstück von verpasstem Opferschutz ist. Denn was Nicole Dill nicht wusste, war einem Netz von Mitwissern bekannt: Der Täter war ein verurteilter Mörder, von dem eine grosse Rückfallgefahr ausging. Doch Polizisten und Ärzte versteckten sich hinter Amtsgeheimnis und Datenschutz, statt die Frau zu warnen – bis die Zeitbombe explodierte.

Das Erlebte hat Nicole Dill im Buch «Leben! Wie ich ermordet wurde» veröffentlicht, seit kurzem hilft sie mit dem Betreuungsangebot «Sprungtuch» anderen Opfern bei der Aufarbeitung. Und sie macht sich auch auf juristischer Ebene dafür stark, dass die Fehler benannt werden, um eine Verhaltensänderung für ­einen besseren Opferschutz herbeizuführen. Dafür kämpft sie allein gegen die ­Instanzen: Im Raum steht eine Staatshaftungsklage gegen den Kanton Luzern.

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Was treibt sie zu alldem an? Letztlich das, was Nicole Dill selber so schmerzlich vermisst hat: «Ich will, dass Gewaltopfer ernst genommen werden.»