Frage von Petra F.: «Ich muss viel zu oft und viel zu heftig weinen, kann es nicht unterdrücken. Ich kann dann nicht mehr richtig reden, und die Leute sind unangenehm berührt und verlegen. In Therapien sagte man mir zwar, mein Weinen sei positiv. Aber ich fühle mich danach wie verkatert und völlig erschöpft.»

Wenn es um die Seele und die Gefühle geht, ist Unterdrücken immer eine schlechte Lösung. Unterdrücktes staut sich und bricht eines Tages wieder hervor – beispielsweise als Schlafstörung, psychosomatische Erkrankung oder in Form von Ängsten, Zwängen oder Depressionen.

Emotionale Intelligenz bedeutet, eigene Gefühle zu erkennen und mit ihnen umgehen zu können. Das heisst Kontrolle oder Integration, nicht Unterdrückung. In Ihrem Fall geht es deshalb darum, sich dem Weinen verständnisvoll zuzuwenden, statt es zu bekämpfen. Versuchen Sie zu erkennen, worüber genau Sie weinen. Betrauern Sie einen Verlust? Weinen Sie aus einem Gefühl der Verzweiflung heraus? Handelt es sich vielleicht um ein Weinen aus hilfloser Wut? Wenn Gefühle einen Namen bekommen, wenn ihre Bedeutung erkannt wird, schwächen sie sich ab. Das hat die moderne Hirnforschung ergeben. Wenn Sie also den tiefsten Kern Ihres Weinens ausfindig machen, werden Sie ihm nicht mehr ausgeliefert sein. Geschieht das mit Hilfe einer mitfühlenden und interessierten Person, ist das noch heilsamer.

Tränen erzeugen Hilflosigkeit

Es ist leider in unserer Gesellschaft tatsächlich so, dass es als unpassend gilt, öffentlich zu weinen – für Männer noch mehr als für Frauen. Der Grund ist vor allem die Hilflosigkeit der Um­gebung. Wir wissen nicht, wie wir auf einen weinenden Erwachsenen zugehen sollen. Wir glauben, wir könnten nur Kinder in den Arm nehmen und trösten. Das ist nicht in allen Kulturen so. Eine Gallup­Umfrage hat gezeigt, dass Menschen auf den Philippinen zum Beispiel sehr viel gefühlvoller sind als etwa die Schweizer. Sie er­leben Freude, Schmerz, Ärger, Trauer und Wut öfter als wir.

Die Volksmeinung besagt, dass Weinen gesund sei. Sich so richtig ausheulen tue der Seele gut. So einfach ist es offenbar nicht. Tatsächlich gibt das Weinen der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Einiges ist klar: Nur die Menschen weinen. Wenn Tiere Tränen vergiessen, etwa die berühmten Krokodilstränen, geht es nie um Emotionen. Der holländische Forscher Ad Vingerhoets erforscht seit Jahren das Weinen. Er hat zum Beispiel 5000 Leute aus 30 Ländern befragt: Frauen weinen durchschnittlich zwei- bis viermal pro Monat, Männer bis zu einmal. Häufigster Grund sind Verlust­erfahrungen wie Liebeskummer oder Heimweh und das Gefühl von Ohnmacht. Frauen weinen häufiger aus Ärger und Wut, Männer eher aus Rührung bei Anerkennung oder Erfolgen. Vingerhoets fand Berichte von Anthropologen, die besagen, dass bei indianischen Ureinwohnern Weinen positiv als Zeichen der Verbundenheit begrüsst wurde.

Ein Mittel zur Entspannung

Bei Untersuchungen im Labor haben die Forscher erkannt, dass unmittelbar vor dem Weinen der Puls steigt und sich die Atmung verlangsamt, wenn die Tränen fliessen. Das deutet darauf hin, dass Weinen tatsächlich der Entspannung dient und demnach eine Art Selbstberuhigungsmechanismus darstellt.

Es hat sich allerdings gezeigt, dass die soziale Umgebung entscheidend dafür ist, ob man das Weinen positiv erlebt. Wer allein vor sich hin weint, erlebt möglicherweise keine Erleichterung, sondern fühlt sich immer noch schlecht. Die Stimmung verbessert sich, wenn eine zweite Person anwesend ist. Wahrscheinlich ist dies die ursprüngliche biologische Bedeutung: Wir weinen, um Trost zu finden.

Umgekehrt ist das auch eine Handlungsanweisung: Wenn jemand in unserer Nähe weint, braucht uns dies nicht zu verunsichern. Wir müssen nichts Spektakuläres unternehmen, müssen seine Probleme nicht lösen. Es genügt, nur da zu sein und ruhig wahr­zunehmen und zu akzeptieren, dass der andere nun gerade traurig oder verzweifelt ist. Bereits dieses mitmenschliche Dabeisein wirkt tröstlich.