Eine Gemeinheit! Die Leute auszunutzen, die schlecht drauf sind!» Der junge Mann spricht in die laufende Fernsehkamera, die Bierdose in der Hand. Hinter ihm die Demonstranten: Knapp hundert bunt gekleidete Menschen sind es, die durch die Innenstadt Genfs marschieren. Sie lachen den Zornigen an. Er lässt sich nicht beirren: «Die Liebe ist wichtig, nicht der Guru! Aber das merkt ihr ja nicht! Idioten!»

Es ist unruhig an der Gare de Cornavin. Die Rael-Bewegung trifft sich zum internationalen Konvent. Der Himmel ist verhangen. Trommeln und Trillerpfeifen begleiten den kleinen Tross. Einzelne Demonstranten tragen Silberkombis und Antennen über der Stirn: «Die Wahrheit über unseren ausserirdischen Ursprung», steht auf einem grossen Poster. Die Passanten lächeln, staunen.

«Vier Tage Freude und Feiern» verspricht die Homepage www.rael.org für dieses Wochenende: «Der revolutionärste Prophet des Universums ist da!» Erwartet wird Claude Vorhilon, Autorennfahrer, Bestsellerautor, Chansonnier, Religionsgründer sowie Förderer der Forschung für menschliches Klonen. Claude Vorhilon ist besser bekannt unter dem Namen «Rael». Seine Botschaft: Wir sind vor 13000 Jahren von Ausserirdischen erschaffen worden. Wissenschaft ist alles; Gott gibt es nicht.

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«Salut Claude!» «Salut Hélène!» «Salut Georges!» Der Regen ist sanft, die Demonstranten lachen. Francine trägt eine aufblasbare Alien-Puppe auf dem Rücken. Renata kommt aus Polen. Rainer aus Hassloch. Ein älterer Herr tänzelt im Takt der Trommler. Antonio, mit Trillerpfeife, trommelt auch an der Fasnacht. «Lasst euch behandeln!», schreit ein Mann aus dem offenen Fenster und schlägt es zu.

Sehnsucht nach ewigem Leben

5. Oktober, 21 Uhr, Hotel Warwick. Im grossen Saal blinken rosa und gelbe Scheinwerfer. Zwei Fünfhundert-Watt-Lautsprecher fräsen ihren Sound in Ohr und Magen. Dann wird es sehr schnell still; der Saal füllt sich; der Sekretär von Rael eröffnet das Fest für den «geliebten Propheten»; extraeuropäische Gäste ergreifen das Mikrofon. Diana aus Kanada sagt: «Die Menschen in der Schweiz sind wunderschön!» Constant aus Guadeloupe sagt: «Fantastisch, zur planetarischen Familie zu stossen!» Dann spricht Brigitte Boisselier, Direktorin des Instituts für Klonforschung, von der Grenzenlosigkeit des menschlichen Daseins. Von der Sehnsucht nach ewigem Leben. Von der Freude an Rael, dem Künder der neuen Welt.

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Dann kommen drei Sicherheitskräfte der Bewegung. Sie durchsuchen die Mappe des Journalisten. Sie bedeuten ihm, zu folgen, und behändigen sein Tonbandgerät. «Dieser Anlass ist privat!», erklären sie. Aus dem Innern des Saals ist zu hören: «Dies ist ein Fest der Toleranz! Des Friedens! Der grossen Energie!» Nein, die Sicherheitskräfte wollen das Tonbandgerät nicht hergeben. Man habe einschlägige Erfahrungen mit Journalisten gemacht, «excusez-nous! Solche Typen» seien der Gemeinde «zur Genüge bekannt. Alle schreiben sie Unsinn. De la merde, vous comprenez?» Der Redner hinter der Tür haucht ins Mikrofon: «Die Harmonie mit der Unendlichkeit! Das Fest unseres Daseins!» Nach der Veranstaltung sei der Rekorder wieder in Empfang zu nehmen, sagt die Sicherheitsassistentin. Sie ist angespannt. Die Frau raunt in ihr Funkgerät: «Das Gerät ist bei mir. Ciao.» Im Saalinnern, immer noch leise: «Er ist da! Er ist unter uns! Der Prophet der Propheten!»

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Claude Vorhilons These ist einfach. Am Anfang, sagt er, war ein Übersetzungsfehler. Die Bibel spreche nämlich gar nicht von Gott. Sie spreche von Göttern: «Elohim» bedeute «die vom Himmel Gekommenen»; sie seien Künstler der Gentechnologie und als solche unsere Schöpfer.

Die Erkenntnis traf Claude Vorhilon, den Autorennfahrer, in der Vorweihnachtszeit. Es war vor 28 Jahren.

Überraschender Besuch bei Nebel

Clermont-Ferrand, 13. Dezember 1973. Claude Vorhilon verlässt seine Wohnung. Die Luft ist «frisch, der Himmel grau». Vorhilon beabsichtigt zu joggen. Der 27-Jährige nähert sich einem Krater im französischen Zentralmassiv. Plötzlich sieht er ein rotes Blinklicht. Dann «eine Art Hubschrauber»; die Maschine ist «absolut geräuschlos, kegelförmig, mit einem Durchmesser von sieben Metern». Ihr entsteigt «ein grün gekleidetes Männchen». Es hat mandelförmige Augen und einen kleinen Bart. «Es lächelte mir zu.» Claude Vorhilon: «Kommen Sie von einem anderen Planeten?» Das Männchen näselt: «Oui.»

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Die Schilderung stammt aus Claude Vorhilons «Buch, das die Wahrheit sagt». Es erschien erstmals 1974. Für viele seiner rund 30000 Anhänger war die Lektüre der Anstoss zur Mitgliedschaft. Auf dem Tisch vor dem Genfer Festsaal liegen: «Het boek, dat de waarheid zegt», «La libro, kiu diras la veron», «Le livre qui dit la vérité». Einheitspreis: zwanzig Franken. Daneben Postkarten, Buttons und Souvenirs. Die Broschüre «Ich bin stolz, Raelist zu sein» kostet fünfzehn Franken. Ein Rael-Kugelschreiber kostet zwei Franken. Am Tischrand liegt ein Rael-Kleber in Form eines Davidsterns, worauf steht: «Ich bin Mitglied einer Sekte.» Zehn Franken.

«Endlich! Du bist so weit»

Raelisten propagieren die Gewaltlosigkeit; den Respekt «jeden Lebens»; den Weltfrieden; die freie Liebe. Laut Rael ist Jesus als Klon auferstanden. Die Mauern von Jericho fielen per Ultraschall. Sodann: Die Elohim, unsere Schöpfer, kontrollieren den Blauen Planeten. Wer immer hienieden ein schlechtes Leben führt, wird dereinst als Klon entsetzlich büssen.

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«Endlich. Du bist so weit! Gratuliere!», liest man auf dem Tagungsprogramm. Den Auftakt bildet eine Weltreise mit Videogrüssen. Asiatinnen winken auf der Leinwand, es ist dunkel im eng bestuhlten Saal. «Glück», sagt Rael in einer chinesischen Fernsehshow, «Glück ist nicht, was man hat, sondern was man ist.» «Ich bin jung, ich bin schön, ich bin Afrikanerin. Ich liebe dich, Rael», sagt eine schwarze Frau. Roy aus Neuseeland empfiehlt die Zitronen aus seinem Garten. «Joffre ma vie au dernier des prophètes», sagt eine Inderin. Dann sehen wir Claude Vorhilon auf Reisen. Rael reckt die Arme gen Himmel, Rael singt, Rael spielt Gitarre, Rael sitzt auf seinem Rennwagendach, Rael umarmt seine Gemeinde. Dazwischen kosmische Impressionen: Wolkenfetzen, Lichtbüschel, sphärische Musik. Manchmal jubelt einer auf im Saal. Hie und da klingelt ein Handy. Vornübergebeugt, den Hörknopf im Ohr, huschen Sicherheitskräfte zwischen den Reihen.

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Dann wird es still. Vier weiss gekleidete Herren, eine Kerze in der Hand, posieren vor dem Saaleingang. Auf der Bühne winkt ein kleines Mädchen. Die Scheinwerfer sind blassrosa. Die Spannung wächst. Er kommt. Er kommt! Er kommt... Ganz in Weiss auch er, die schütteren Haare zum Knoten gebunden, durchquert er eiligen Schrittes den Saal. Die Feuerzeuge brennen. Er lächelt. Er strahlt. Der Applaus will nicht enden.

Rael, mit ausgebreiteten Armen: «Die meisten Religionen befassen sich mit der Vergangenheit...» Rael durchmisst die Bühne. «...Einige wenige befassen sich mit der Gegenwart...» Der Prophet geniesst die Pausen, er liebt das Mikrofon, er hebt seinen Arm, hält inne und hebt jetzt auch die Stimme: «Unsere Religion befasst sich mit der Zukunft!»

«Eine neue Zeit hat begonnen»

Claude Vorhilon wird ernst. Zwei Schritte vor. Den Arm in die Höhe. Der Zeigefinger sticht in Richtung Publikum. «Unsere Gesellschaft tötet die Fantasie! Die Freiheit! Die Liebe!» Applaus. «Der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein primitives Wesen», sagt er. «Aber alles geht jetzt sehr schnell.» Rael hat eine neue Zeitrechnung geschaffen. Sie beginnt kurz vor seiner Geburt. Wer noch nicht vierzig sei, erklärt der Prophet, habe die Chance, ewig zu leben. Tosender Applaus. «Alles, was sich der Mensch vorstellen kann, kann er auch realisieren!»

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Ein paar Vertrauten Raels gelang es, den Propheten zu überraschen: Im Saal sitzen nicht nur ein halbes Tausend Anhänger sondern auch die Tante Vorhilons. Welch ein Ereignis! Wer vermag die Rührung eines Propheten zu ermessen? Die Eingeweihten wissen: Vorhilon hat seinen Vater nie gekannt; Tante Mizou hat ihn erzogen; jetzt wird der Prophet sehr sanft: «Oh, ich war voller Streiche. Merci Mizou. Je taime!»

Sechs Jugendliche sitzen auf der Bühne. Der Moderator erklärt, die heutige Welt sei ohne Ziele. Nathalie hält es anders. «Ich habe mich gefunden», sagt sie. «Dank Rael.» Ihr Kleid ist rot, ihr Lächeln schüchtern. Antoine erklärt, er sei früher stinknormal gewesen, er habe getrunken und geraucht; dann habe er Raels Botschaft gelesen und dabei Gott sei Dank die Normalität verloren. Georges: «Die Wissenschaft ist der Glaube des dritten Jahrtausends.» Claire: «Wir werden in Zukunft mehr meditieren können. Roboter werden unsere Arbeit übernehmen.»

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Am 7. Oktober 1975 landete das unbekannte Flugobjekt abermals in Claude Vorhilons Nähe. Abermals entstieg ihm das grüne Männchen. Und diesmal stellt es sich auch vor: «Mein Name ist Jahwe!» Jahwe ist 25000 Jahre alt, es handelt sich um den Vorsitzenden des Rats der Ewigen. «Das Männchen selbst» hat die Erschaffung des irdischen Lebens geleitet.

Mit Buddha und Moses zu Tisch

Dem Autorennfahrer bietet sich die Chance, den fremden Planeten, knapp ein Lichtjahr vom unseren entfernt, zu besuchen. Die elohimsche Antriebsart verkürzt die Reise erheblich. Details dazu erfahren wir nicht. Der ferne Ort aber ist herrlich. Es gibt «keine Langeweile, keine Eifersucht, kein Eigentum» auf dem gelobten Rund, worauf sieben Milliarden Elohim hausen. Ein jeder lebt zwischen 750 und 1200 Jahren. Wer sich feindselig verhält, wird ärztlich behandelt. Vorhilon ist ein geschätzter Gast. Die Speise ist vorzüglich. Am selben Tisch sitzen Buddha, Mohammed und Moses, auch Jesus ist da. Er «lächelt sanft». Dann erlebt der Prophet «eine verrückte Nacht»: Die Elohim kreieren nämlich, eigens für ihn, kurzerhand «eine wunderhübsche Schwarze, eine feine und ranke Chinesin und eine sinnliche Orientalin».

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Schliesslich erfährt er das Geheimnis seiner Herkunft. Jahwe selbst hat ihn gezeugt. Am 25. Dezember 1945.

Am 18. Juni 1999 gelang es Forschern im Advanced Cell Technology Institute in Boston zum ersten Mal, einen menschlichen Embryo zu züchten. Sie «entleerten» die Eizelle einer Kuh und pflanzten humanes Erbmaterial in das Reagenzglas. Nach zwölf Tagen begann sich die Zelle zu teilen, genau so, wie wenn sie natürlich befruchtet worden wäre. Dem «natürlichen» Lauf der Dinge zufolge wäre es ein Knabe geworden. Nach vierzehn Tagen verbrannten die Forscher ihr Geschöpf. Experimente dieser Art sind in den USA verboten. Auch der Europarat verabschiedete ein Protokoll gegen menschliches Klonen.

1997 gründete Claude Vorhilon auf den Bahamas mit einer Gruppe von Investoren die Valiant Venture Limited. Deren Tochtergesellschaft Clonaid bot wenig später per Internet einen Klonierungsservice an: Unfruchtbaren und homosexuellen Paaren sowie Witwen und Witwern kann jetzt geholfen werden. Der Preis für ein geklontes Menschenwesen wird auf 200000 Dollar veranschlagt. Wesentlich mitfinanziert wird die Forschung, die sich «auf gutem Weg befindet», von einem wohlhabenden amerikanischen Paar. Es hat sein zehnjähriges Kind verloren. Es hofft auf dessen Wiederkunft.

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Genf, Parc Les Cropettes, 7. Oktober. Es ist kühl. Die Sicherheitskräfte bitten die Passanten um Distanz. Die Anhänger von Claude Vorhilon haben sich im Kreis versammelt: In ihrer Mitte stehen 19 Taufwillige. Sie sind festlich gekleidet. Ein junger Mann kämpft mit den Tränen. Eine Frau blickt starr vor sich hin. Rael ist flankiert vom Rat der Weisen und der Direktorin von Clonaid. Der Prophet ist in sich selbst versunken. Er ruft jeden Kandidaten einzeln zu sich. Er benetzt seine Finger in einer silbernen Schale, berührt Stirn und Nacken der Kandidaten. Er spricht: «Die Elohim haben dich anerkannt.»

Rael konzentriert sich. Der genetische Code der neuen Mitglieder wird durch seine Hände an die Extraterrestrischen weitergeleitet. Die Natur des Unterfangens sei nicht restlos geklärt, sagt ein langjähriges Mitglied; es handle sich «um ein elektromagnetisches Phänomen». Wer seinen Code übermitteln liess, gilt als getauft.

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«Ich zweifelte immer an der katholischen Kirche», sagt Ernesto. Er ist Opernsänger und Portugiese. Esther, französische Staatsangestellte: «Bei Rael habe ich eine Familie gefunden.» Die Zellplanübermittlung schenkt den Getauften die Chance des ewigen Lebens.

«Ein wunderbarer Kontakt»

Die Königin der Maori ist der raelistischen Religion beigetreten. Interesse zeigt auch der Thronfolger von Hawaii. Der Prophet ist sich sicher: «Schon bald werden wir eine Mehrheit werden!»

Ganz ohne Hindernisse ist die Entwicklung nicht. 1993 baten die Schweizer Raelisten den Bundesrat, den Elohim Diplomatenstatus zu gewähren. Die Antwort kam vom damaligen Vorsteher des Finanzdepartements, Otto Stich. Sie bestand im Wesentlichen aus Fragen: «Wie können diplomatische Noten ausgetauscht werden? Was geschieht beim jährlichen Neujahrsempfang? Wie gestaltet sich die Schweizer Vertretung im Ausserirdischen?» Im Übrigen empfahl er, sich an das Departement für auswärtige Angelegenheiten zu wenden. Dessen Absage traf wenig später ein.

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Hotel Warwick, 8. Oktober. Die Tagung neigt sich ihrem Ende zu. Claude Vorhilon hat sich bereits verabschiedet. Flankiert von Sicherheitskräften, war er durch die Hotelhalle geeilt und im Mercedes davongebraust. In zwei Tagen steht ein Rennen in den USA an. Mit dabei: Pilot Vorhilon. Wie sprach der Prophet soeben? «Wir haben keine Zeit zu verlieren.» Und der Chansonnier Claude Vorhilon sang: «Wir machen Liebe. Es gibt keinen Gott.»

«Wollt ihr eine gute Nachricht?», fragt der Animator im Saal. «Ja!!», rufen die Anhänger. «Ferrari ist Weltmeister!» Die Raelisten jubeln. «Noch eine gute Nachricht?» «Ja!!!» «Schuhmacher ist Weltmeister!Noch eine?» «Ja!!!» «Es ist elf Uhr...»

Elf Uhr. Zeit für den telepathischen Kontakt mit den Elohim. Das Licht geht aus. Das Video läuft: Flamingo im Abendlicht. Schafe im Abendlicht. Pferde im Abendlicht, Wasser und Büffel und Löwen. Die Pauken klingen. Die Flöten klagen. Nach drei Minuten ist es vollbracht.

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«Ein wunderbarer Kontakt», sagt der Conférencier in die Stille.

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