Sie sind erstaunliche Wesen: Schmetterlinge, Insekten aus der Ordnung der Schuppenflügler (Lepidoptera), verpuppen sich als einfache Raupen und entschlüpfen der scheinbar leblosen Puppe nach wenigen Tagen als farbenprächtige Falter – ein wahres Wunder. Dabei löst sich die Raupe zu einem Gewebebrei auf, und das organische Material ordnet sich neu: zu völlig veränderten Organen und einer komplett anderen Daseinsform. Leider wird man in der Natur nur selten Zeuge dieser wundersamen Verwandlung, der sogenannten Metamorphose. Es gibt allerdings einen Trick, um das Spektakel in Echtzeit mitzuerleben: Schmetterlinge lassen sich züchten und vorübergehend als Haustiere halten.

Aber Achtung: Es ist verboten, die in der «Verordnung über den Natur- und Heimatschutz» aufgelisteten Arten einzusammeln, etwa den Felsenfalter, den Schwarzgefleckten Bläuling oder den Grossen Eisvogel. Und das ist auch richtig so. Denn von den 195 einheimischen Tagfalterarten sind sechs Prozent vom Aussterben bedroht und 26 Prozent stark gefährdet – wegen Pestizideinsatz und schwindender Lebensräume.

Um die gefährdeten Populationen zu schonen, sollten sich Laien auf nicht bedrohte Arten beschränken. Unproblematisch sind zum Beispiel der Kleine Fuchs oder das Tagpfauenauge. Bei ihnen lässt sich die Faltergeburt ohne Bedenken mitverfolgen – nicht nur für Kinder ein spannendes Erlebnis.


  • Raupen sollten nie berührt werden. Ihre Haare brechen leicht ab und können zu Augenverletzungen führen. Darum sollte man sich nach der Fütterung und Pflege jeweils die Hände waschen.

  • Wer Pech hat, erwischt Raupen, die von Parasiten befallen sind. Vor allem die Brackwespen sind heimtückisch. Ihre Maden ernähren sich anfangs nur vom Fettkörper der Raupe und verschonen die Organe. Die Raupe wächst so unauffällig heran – bis die Maden sie schliesslich ganz auffressen.

  • Normalerweise schlüpfen Falter nur bei Flugwetter. Im Zuchtbehälter tickt die Schönwetteruhr unter Umständen falsch. Dann bedeckt man das Gefäss mit einem dunklen Tuch und stellt es in einen kühlen Raum; die Tagfalter beruhigen sich und schalten auf Nachtbetrieb.

  • Kinder können ihre Neugier oft nicht zügeln. Man muss ihnen deshalb genau erklären, warum die Puppe nicht gestört werden darf. Ständiges Berühren beschleunigt die Verwandlung nicht – im Gegenteil: Der Schmetterling wird gar nicht erst schlüpfen.
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Illustrationen: Atelier Bunter Hund

Quelle: Blumenia, pixelio.de

Der Kleine Fuchs zieht sonnige Hänge vor, das Tagpfauenauge mag es lieber etwas feuchter und sucht sich sonnige Bachufer. Beide Arten legen ihre Eier auf Brennnesseln ab. Jeweils im April findet man grüne Gelege auf der Unterseite der Blätter, ab Juni die ersten Räupchen in kleinen Gespinsten. Am besten ist es, sie gleich mit dem Nesseltrieb zu pflücken.

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Im Prinzip kann schon ein mit Tüll bedecktes, grosses Einmachglas als Raupenhaus dienen. In diesem Fall ist es besonders wichtig, dass der Behälter nicht an der Sonne steht und dass sich kein Kondenswasser bildet. Den Boden legt man mit Haushaltspapier aus. Bei Eiern auf der Pflanze sollte der ganze Nesseltrieb ins Wasser gestellt werden, damit die Blätter nicht welken.

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Sauberkeit ist bei einer Raupenzucht oberstes Gebot. Denn Raupen und ihre Puppen sind anfällig auf Infektionskrankheiten. Darum sollte man alte Blätter entfernen und das mit Kotkügelchen verschmutzte Haushaltspapier regelmässig ausgewechseln. Mindestens alle zwei Tage brauchen die Raupen frische Brennnesseln – im Endstadium sogar jeden Tag.

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Wenn die Raupen das Futter verlassen und die Wände hochklettern, bereiten sie sich für die Metamorphose vor. Das geschieht in der Regel 20 bis 30 Tage nach dem Schlüpfen. Für die Verpuppung krallen sie sich mit ihrem Hinterteil an die Decke oder an stabile Pflanzenstängel. Deshalb sollten die Nesseln vor dem Entsorgen immer nach Puppen abgesucht werden.

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Nachdem sich die letzte Raupe verpuppt hat, beseitigt man alle restlichen Brennnesseln – ebenso den Raupenkot am Boden und die Gespinste an den Wänden. Dabei sollten die Puppen möglichst nicht berührt werden, denn sie reagieren sehr druckempfindlich, und ihre Hängevorrichtung ist fragil. Je nach Temperatur dauert die Puppenruhe 10 bis 14 Tage.

Thomas Bühler-Cortesi: «Schmetterlinge. Tagfalter der Schweiz»; Haupt-Verlag, 2009, 240 Seiten, Fr. 39.90

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Die bevorzugte Schlupfzeit der Falter ist der Morgen. Ausschlüpfende Puppen lassen die Flügelmuster durchschimmern. Der Behälter muss jetzt unverschlossen ins Freie gestellt werden. Die Falter schälen sich langsam aus der Puppenhülle und verweilen noch etwa eine Stunde lang im oder auf dem Gefäss – sobald ihre Flügel trocken und hart genug sind, fliegen sie davon.