Nicole Zürcher lächelt die Frage weg: Ob sie arm sei? Du meine Güte! Die 34-jährige alleinerziehende Mutter sitzt am hölzernen Esstisch und antwortet: «Ich lebe gut und bin zufrieden.» Mit 3700 Franken netto im Monat und den 850 Franken Alimente des Vaters erscheint die Operationsfachfrau in keiner Sozialhilfe- oder Armenstatistik – sie lebt irgendwo im unteren Mittelstand. Werktags steht sie um sieben Uhr morgens im Operationssaal des Kantonsspitals Aarau, um mit Meissel, Säge und Skalpell zu assistieren. Vorher hat sie ihre Anna-Sophia, 6, noch schnell in den Hort gebracht.

«Da muss nicht viel passieren»

Nein, arm ist Nicole Zürcher nicht. Doch wenn wie kürzlich eine Zahnarztrechnung von 2000 Franken anfällt, gerät sie finanziell ins Trudeln. «Zehn Prozent aller Schweizer Haushalte sind arm. Rund 20 Prozent leben prekär: Da muss nicht viel passieren, schon stürzen sie ab», sagt Caritas-Ökonom Carlo Knöpfel. «Überraschend viel», so kommentiert er die Zahlen des Bundesamts für Statistik. Und meistens sind Haushalte mit Kindern betroffen.

Die Stiftung SOS Beobachter bezahlte 900 Franken an Nicole Zürchers Zahnarztrechnung. Als Nothilfe. Die junge Mutter erhält keine Krankenkassenverbilligung. «Ein Auto besitze ich nicht, Computer und Internetanschluss ebenfalls nicht.» Um eine E-Mail zu schreiben, muss sie zu ihren Eltern. Möbel und Urlaube werden ebenfalls von den Eltern finanziert. Und einmal die Woche hütet das Grosi. «Ohne meine Eltern würde es gar nicht funktionieren», bekennt Zürcher. Das Arbeitsvolumen der Hüte-Grosis in der Schweiz übertrifft dasjenige aller Lehrkräfte auf Primarschulstufe.

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Alleinerziehende Mütter sind besonders armutsgefährdet: Nicole Zürcher mit Tochter Anna-Sophia

Quelle: Christian Schnur

Zürcher arbeitet Teilzeit, denn sie möchte «auch noch etwas haben» von ihrer Tochter. Ihr einziger Luxus ist ein Fitnessabo für 800 Franken. Sport ist der ehemaligen Nati-B-Handballerin wichtig, sie joggt jeden Tag. Und wenn die Kleine im Bett ist und schläft, gönnt sie sich ihre Lieblings-TV-Serie «Grey’s Anatomy», um zu verfolgen, welcher Oberarzt gerade mit welcher Assistenzärztin anbändelt, wenn er nicht gerade einen Patienten aufschneidet.

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Gesuche alleinerziehender Mütter, die beim Hilfswerk SOS Beoachter um finanzielle Hilfe bitten, sind zahlreich. Noch nie in den vergangenen Jahren trafen so viele Anfragen ein wie 2009 (siehe nachfolgende Info «20 Hilferufe pro Tag»), auch von Paaren mit Kindern. Derselbe Trend bei der Winterhilfe Schweiz, einem ebenfalls privaten Hilfswerk: Dieses Jahr waren 60 Prozent der Unterstützten Familien. Sie profitierten von Gratis-Reka-Ferien oder von der Übernahme dringender Rechnungen.

Trotz Steuerabzügen für Familien, subventionierten Krankenkassenprämien, Kinderzulagen und bezahltem Mutterschaftsurlaub: Familien im unteren Mittelstand haben es schwer.

Ein Schock: Drillinge

Wagners aus Burgdorf mit ihren vier Kindern sehen sich aber überhaupt nicht als arme Schlucker: «Mir chöme für» – wir kommen über die Runden, sagt Anita Wagner in urchigem Berndeutsch. Aber sie sind wie Nicole Zürcher absturzgefährdet. «Wenn etwa der Kühlschrank aussteigt, haben wir ein Problem.»

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Wagners freuten sich vor drei Jahren auf ihr zweites Kind. Die Mutter beabsichtigte, nach der Geburt weiterzuarbeiten, eingeschränkt zwar, aber immerhin zwei Tage als Verkäuferin im Coop. Das Grosi würde hüten, wie bereits bei Lara, der Erstgeborenen. Dann schlug der Befund des Frauenarztes ein: Drillinge! «Es war ein Schock», erinnert sich Anita Wagner. «Mir sind rächt verchlüpft.» Alle Pläne waren für die Katz. Eines der Kinder abtreiben wollte sie auf keinen Fall, das wurde ihr ernsthaft nahegelegt. Immerhin Drillinge, das ist für eine 43-jährige Schwangere nicht ganz ungefährlich. In der 33. Woche kamen sie per Kaiserschnitt zur Welt, vier Wochen lagen sie anschliessend im Brutkasten.

«Wenn der Kühlschrank aussteigt, haben wir ein Problem»: Familie Wagner

Quelle: Christian Schnur
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Das erste Jahr nach der Geburt schulterte Anita Wagner mit ihrem Mann Martin, 44, ganz allein. Mit vier Kindern war das Grosi überfordert. Schon die Fütterung der Kleinen glich einer Generalstabsübung. Die drei wurden auf ihr Stühlchen gesetzt, Nico immer in der Mitte, flankiert von Anina und Elena. Löffel um Löffel, Mund um Mund. Dann wieder von vorn.

«Nach einem Jahr waren wir komplett am Anschlag», sagt die Vollzeit-Hausfrau. Wagners suchten Hilfe. Der Lions Club bezahlte eine Haushaltshilfe, SOS Beobachter steuerte bei zu Schoppen, Matratzen und zum hohen Selbstbehalt an den Spitalkosten. Auch die Gemeinde gab etwas.

Martin Wagner leitet die Coop-Metzgerei in Burgdorf. Ohne Kinder genügen 5500 Franken Bruttolohn. «Doch ein Paar, das ohne Kinder finanziell gut auskommt, kann mit Kindern sehr rasch an oder unter die Armutsgrenze geraten», schreibt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr in ihrem Buch «Luxus Kind?». Mit vier Kindern gehören Wagners vermutlich zu den 20'000 armutsgefährdeten Haushalten im Kanton Bern, die die Fürsorgedirektion errechnet hat.

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Ihre Ansprüche sind bescheiden

Was für andere selbstverständlich ist, ist es für die Familie Wagner nicht. Über eine Zentralheizung verfügt die Wohnung nicht, in den Zimmern stehen Holzöfen, die jeden Morgen eingeheizt werden müssen. Beim Wandern wird Picknick eingepackt, das Bergrestaurant sehen sie nur von aussen. Im Einkaufswagen landen ausschliesslich Produkte der Billiglinie «Prix Garantie». Erst zweimal waren sie mit ihren Kindern in den Ferien: Zelten im Tessin. Wagners jammern nicht: «Mir chöme für.» Sofern der Kühlschrank mitmacht.

Ein Einzelkind in einem Paarhaushalt kostet laut Bundesamt für Statistik durchschnittlich 819 Franken im Monat, bei zweien wirds mit 655 Franken pro Kind «günstiger». Carlo Knöpfel von der Caritas dazu: «Schon die direkten Kosten gehen ins Tuch: 200 Franken Kinderzulage vermögen die Kosten nicht annähernd zu decken.» Neben diesen direkten Kosten fallen indirekte an. Kinder kosten ja nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Deshalb gab Anita Wagner, wie jede dritte Mutter eines Kleinkinds, ihren Job auf. Diese indirekten Kosten betragen für einen Paarhaushalt laut Bundesamt für Statistik durchschnittlich zwischen 700 und 1000 Franken pro Kind und Monat. Nicht wenige Familien leben deshalb, trotz Vollerwerb eines Elternteils, an der Armutsgrenze, sind sogenannte Working Poor. «Wenn sie keine Kinder hätten, gehörten die meisten von ihnen nicht zu den Working Poor», sagt Knöpfel. «Sie sind also arm wegen der Kinder.» Betroffen ist praktisch jedes vierte Paar mit drei und mehr Kindern in der Schweiz (siehe Grafik). Und das Beunruhigende: Familienarmut hält sich hartnäckig. «Selbst in wirtschaftlich guten Zeiten konnten wir sie nicht reduzieren», erklärt Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), die in der Sozialhilfe allgemeine Standards festlegt.

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Armut in der Schweiz


Lesebeispiel: 26,7 Prozent aller Alleinerziehenden sind arm. Als arm gilt, wer zur Sozialhilfe berechtigt ist – total neun Prozent der Haushalte. Geschätzte weitere 20 Prozent der Haushalte befinden sich an der Grenze zur Armut.

Zahlen von 2006; Quelle: Bundesamt für Statistik («Familien in der Schweiz», 2008); Infografik: beo/dr

Quelle: Christian Schnur

Solche Standards sind nötig. Denn nur schon die steuerliche Entlastung von Familien ist abhängig vom Wohnort – und damit Glückssache. Das Bundesamt für Statistik rechnete Steuerdaten aus den 26 Kantonshauptorten durch. Es wollte wissen, wie stark ein Ehepaar mit zwei Kindern gegenüber einem kinderlosen Paar steuerlich entlastet wird. Fazit: Ein Haushalt mit einem Bruttoeinkommen von 50'000 Franken profitiert in Sitten mit jährlich 215 Franken, in Zürich mit 601 Franken, in Lausanne mit 1999 Franken. In Neuenburg zahlen Eltern wegen der Kinderzulagen gar 243 Franken mehr Steuern als kinderlose Paare (Daten von 2004). Um Familienarmut zu reduzieren, befürwortet SKOS-Präsident Schmid deshalb Ergänzungsleistungen auf Bundesebene. So wurde auch die Altersarmut weitgehend zum Verschwinden gebracht. «Heute werden arme Familien der Fürsorge zugewiesen. Besser wären Ergänzungsleistungen: Familien hätten dann rechtlichen Anspruch auf Hilfe und wären nicht der Willkür der Gemeinden ausgeliefert.»

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Auch Familie Volkmann geriet wegen des Nachwuchses in eine finanzielle Klemme. Sie bewohnt ein schnuckliges Lebkuchenhäuschen in Bettingen, einer reichen Gemeinde im Basler Speckgürtel. Hinter dem Haus grasen Kühe, nebenan spielen die Kinder mit dem Bobby-Car, Mutter Lia recht Laub. Das Einfamilienhaus wird jetzt Opfer der Abrissbirne, ein Neubau ist geplant. Das war schon beim Einzug vor drei Jahren klar. Immerhin profitierte die Familie so von einem sehr günstigen Mietzins: 1200 Franken ohne Nebenkosten.

Bezahlbare Wohnung finden? Aussichtslos

Vater Florian Volkmann, 37, ist freischaffender Musiker und Komponist im Theaterbereich. Mutter Lia hat nach der Geburt des ersten Kindes zu arbeiten aufgehört. Sie setzt sich aufs Sofa und gibt Baby Rosanna die Brust. Jona, 5, und Tim Loris, 3, vergnügen sich im Kinderzimmer auf der Rutsche des Hochbetts. Alles secondhand, über E-Bay erworben. Florian Volkmanns Einkommen beträgt 50'000 Franken brutto. So verzichtet man halt auf Urlaub. Nur einmal, vor Jahren, waren sie in einem Reka-Dorf.

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Vor zehn Monaten kam ihr drittes Kind zur Welt. Der Papa war auf einer Tournee, die er als Freischaffender unmöglich absagen konnte. Volkmanns baten SOS Beobachter um Kostenübernahme für eine Haushaltshilfe in der ersten Zeit. «Das war super. Das Geld von SOS Beobachter war unglaublich schnell da», erzählt der Vater.

«Das Geld von SOS Beobachter war unglaublich schnell da»: Familie Volkmann

Quelle: Christian Schnur

Eine bezahlbare Wohnung für eine fünfköpfige Familie in Bettingen zu finden sei aussichtslos. Mit ihrem Einkommen gehört sie zu den Haushalten, die einen Grossteil ihres Einkommens für Miete und Nebenkosten ausgeben müssen. Die Familie ist also angewiesen auf eine tiefe Miete.

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Florian Volkmann ärgert sich, dass im Zusammenhang mit Kindern immer nur vom Geld die Rede sei: «Viel wichtiger ist doch die Zeit: Kinder in den ersten drei Jahren sind unbeschriebene Blätter. Die brauchen uns Eltern.» Deshalb sind Volkmanns nicht bereit, für die Miete viel mehr zu bezahlen. Dann müssten sie mehr arbeiten, bräuchten eine externe Kinderbetreuung, hätten weniger Zeit für die Kinder. «In diese Spirale möchte ich nicht geraten», sagt der Familienvater.

Nun ziehen Volkmanns weg. Sie haben ein günstiges Bauernhaus zur Miete gefunden. In Süddeutschland.

2009: 20 Hilferufe pro Tag


Im Jahr 2008 suchten 3427 Menschen in der Schweiz Hilfe bei der Stiftung SOS Beobachter. Per Ende 2009 werden es mehr als 3600 sein – so viele wie noch nie. Seit zehn Jahren nimmt die Zahl der ­Hilfesuchenden stetig zu. Dies prägt auch die Arbeit der professionellen Koordina­tionsstelle: Sie prüft mittlerweile rund 15 bis 20 Gesuche täglich. Sei es eine ­unerwartet hohe Zahnarztrechnung, ­Kinderbetten, die angeschafft werden müssen, oder das fehlende Geld, um das letzte Jahr der Ausbildung bezahlen zu können. Ein kleiner Teil konnte die Rechtshilfe in Anspruch nehmen.

Die Stiftung SOS Beobachter hilft seit 27 Jahren Menschen, die kurzfristig in finanzielle Not geraten sind. Mehr als 50000 Hilfesuchende konnten seither dank SOS Beobachter ihre Notlage über­brücken, gut 75 Millionen Franken an Spendengeld gab das Hilfswerk in diesem Zeitraum weiter. Das Besondere dabei: Jeder gespendete Franken kommt eins zu eins Menschen in Not zugute, denn der Beobachter übernimmt sämtliche ­administrativen Kosten der Stiftung.

Die Unterstützung reicht von Beiträgen an die Erstausbildung von Jugendlichen, wenn die Elternbeiträge nicht genügen, Hilfe bei Krankheit, Unfall oder Behinderung, sofern die Kosten nicht durch eine Sozialversicherung gedeckt sind, bis hin zur Rechtshilfe für Menschen, die berechtigte Interessen juristisch durchsetzen möchten, aber das dafür nötige Geld nicht aufbringen können.

Infos: www.sosbeobachter.ch

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Lebenskosten


Monatliche Ausgaben einer Schweizer Durchschnittsfamilie. Es handelt sich um eine Auswahl der wichtigsten Posten.

Die Schweizer Durchschnittsfamilie hat zwei Kinder (genau: 1,86 Kinder). Die Zahlen stammen aus der Einkommens- und Verbrauchs­erhebung 2003–2005 des Bundesamts für Statistik.

für Wohnen und Energieverbrauch, für Wohnungseinrichtung

Quelle: Christian Schnur

für Gebühren und Steuern

Quelle: Christian Schnur
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für Nahrungsmittel und Getränke (ohne Alkohol)

Quelle: Christian Schnur

für Verkehr (Auto, Benzin, Beförderung mit Bahn und Bus)

Quelle: Christian Schnur
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für Krankenkasse (Grundversicherung und Zusatzversicherungen)

Quelle: Christian Schnur

für Unterhaltung, Erholungund Kultur

Quelle: Christian Schnur
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für Übernachten und Essen ausser Haus (Kantine, Sonstiges)

Quelle: Christian Schnur

für Bekleidung und Schuhe

Quelle: Christian Schnur
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für andere Waren und Dienstleistungen (Babyartikel, Körperpflege et cetera)

Quelle: Christian Schnur

für Nachrichtenübermittlung

Quelle: Christian Schnur
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sind zum Beispiel Sozialversicherungsbeiträge, Spenden, Medikamente, private Versicherungen, Tabakwaren und Alkohol.

Quelle: Christian Schnur