Silvana ist eben aus dem Nachmittagsschlaf erwacht. Als die Kleine mit den flachsblonden Locken die fremde Frau am Esstisch bemerkt, schmiegt sie ihre Ärmchen ganz eng um den Hals der Mutter und drückt das Gesicht an deren schützende Schulter. Doch es dauert nicht lange, bis sich die Dreijährige wieder neugierig dem Besuch zuwendet. «Sali Silvana. Häsch guet gschlaaffe?» Das Mädchen nickt und schaut völlig verblüfft: Die Frau kennt ja meinen Namen!

Bereitwillig lässt sich Silvana nun in den Kindersitz setzen, wo sie sofort beginnt, das grosse Stück Gugelhopf vor ihr zu untersuchen. «Was isch da drin?», fragt sie die Mutter und zeigt mit dem rechten ihrer beiden fingerlosen Händchen auf die dunklen Punkte im Kuchen. «Das sind feine Wiibeereli», antwortet Agnes Hegglin verführerisch. Doch Silvana beschliesst, Weinbeeren nicht zu mögen. Geschickt löst das Mädchen mit seinen Handstümpfen die ungeliebten Früchte aus dem Hefeteig und schiebt sich ab und zu ein Stückchen Kuchen in den Mund.

Silvana ist das Nesthäkchen der Familie. Schwester Jasmine, 10, und Bruder Manuel, 8, gehen längst zur Schule. «Sie ist unser aller Suneschii», sagt Agnes Hegglin. Die Fröhlichkeit ihrer Worte vermag jedoch die Melancholie in ihren Augen nicht zu vertreiben. Agnes Hegglin trägt bis heute schwer am Schicksalsschlag, der ihre Familie vor eineinhalb Jahren traf.

Das Unglück begann im Frühling 2000, am Karfreitag. Der damals knapp zweijährigen Silvana ging es nicht gut. Sie fieberte, lag nur apathisch auf dem Sofa und musste sich erbrechen. Gegen Abend stieg das Fieber auf über 39 Grad. Die Eltern beschlossen, ihre Tochter zum Notfallarzt zu bringen. Dieser habe jedoch nichts Spezifisches herausfinden können, erinnert sich Vater Hugo Hegglin. Silvana hatte eine unruhige Nacht, und als die Mutter das kranke Kind in der Frühe unter den Armen fasste, um es aus dem Bett zu heben, schrie Silvana heftig auf. Trotz Medikamenten war das Fieber nicht gesunken.

Im Nu war der ganze Körper blau

Der Arzt fackelte nicht lange; er überwies das kranke Mädchen ans Kinderspital. Sein Verdacht: Hirnhautentzündung. Die Untersuchungsergebnisse erhärteten dies allerdings nicht. Die Eltern konnten vorerst aufatmen, zumal man jetzt allgemein «nur» von einer Grippe ausging. «Silvana wurde jedoch schwächer und schwächer und jammerte vor sich hin», schildert Hugo Hegglin seine Nachtwache am Spitalbett. Als er am Ostermorgen das Kind auszog, um es zu waschen, entdeckte er unter dem linken Arm einen blauen Fleck in der Grösse eines Einfränklers.

Der alarmierte Oberarzt verlegte Silvana sofort auf die Intensivstation. Hugo Hegglin: «Es ging ganz blitzartig. Im Nu verfärbte sich der ganze Körper blau und wurde ganz aufgedunsen. Unsere Kleine hing an Schläuchen und Maschinen.» Silvana, das wurde Vater und Mutter auf dramatische Weise klar, rang um ihr Leben.

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Das Mädchen litt unter dem toxischen Schocksyndrom, das – wie sich später herausstellte – durch eine Infektion mit Staphylokokken verursacht worden war. Einmal im Körper, sondern diese Bakterien Gifte ab, die zu Blutdruckabfall, Blutgerinnseln und Organversagen führen. Wegen ihres stürmischen Verlaufs ist diese Krankheit sehr gefürchtet. «Die kleinen Patienten», so Silvanas Kinderarzt, «sterben einem fast unter der Hand.»

Als in der Folge Silvanas Nieren zu versagen begannen und die schweren Durchblutungsstörungen zum Absterben von Fingerchen und Füsschen führten, mussten die Eltern mit dem Schlimmsten rechnen. «Silvanas Leben hing an einem Seidenfaden», sagt Agnes Hegglin. «Wir konnten nichts tun ausser warten.»

Dreitägiger Überlebenskampf

Das Wunder geschah: Nach 72 Stunden Überlebenskampf begannen die Nieren, wieder zu arbeiten, und der Blutdruck stabilisierte sich. Langsam erhielt das ballonhaft aufgedunsene Gesicht des Mädchens seine ursprüngliche Form zurück. Alle Finger, beide Füsse und das rechte Bein bis unter das Knie waren jedoch unwiederbringlich verloren.

Eineinhalb Jahre nach dem schicksalhaften Ereignis sitzt Silvana am Stubentisch und malt. Sie taucht eines ihrer versehrten Händchen in einen Topf und streicht die Farbe dann aufs Papier, wie sie das in der Spieltherapie gelernt hat. Diese Momente sind sehr wichtig: In ihnen setzt sich die Kleine spielerisch damit auseinander, dass sie wegen ihrer Behinderung anders als andere Kinder ist. Sie lernt, mit den Handstümpfen zu greifen und die Bein- und Fussprothesen zu akzeptieren. Die Hegglins setzten alles daran, um ihr Töchterchen zu fördern, damit «es mit dem Grösserwerden ein möglichst normales Leben unter Gleichaltrigen führen kann».

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SOS Beobachter hilft der Familie Hegglin bei der Finanzierung eines Occasionsfahrzeugs, damit die psychische und physische Betreuung von Töchterchen Silvana nicht durch fehlende Mobilität behindert wird.