Fabrice Müller ist selber vom Stottern betroffen.

Das Telefon läutet. Der Hörer liegt griffbereit. Doch die Hand stockt. Die Lippen sind blockiert. Dabei sollten sie nur für kurze Zeit zusammenbleiben, um das nasale «m» auszusprechen und sich dann für das «ü» kreisrund zu öffnen. Doch die Lippen verharren aufeinander. Der Stresspegel steigt. Die Atmung ist nicht mehr im Fluss, das Zwerchfell angespannt. Wird es gelingen, den Namen beim ersten Anlauf zu sagen? Eine alltägliche Situation im Leben eines stotternden Menschen und Realität für rund zwei Prozent der Bevölkerung.

Noch vor einigen Jahren vertraten Forscher die These, Stottern sei eine rätselhafte Redestörung. Inzwischen weiss man, dass Stottern durchaus systematisch beschrieben werden kann: «Mit dem Stottern gehen häufig eine unübliche Atemtechnik und eine Fehlkoordination der am Sprechakt beteiligten Muskelgruppen einher», charakterisiert Professor Peter Fiedler vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg das Phänomen.

Mit sozialer Ächtung verbunden

Stottern äussert sich in der Regel durch ein sekundenlanges verkrampftes Offenhalten des Mundes oder ein Zusammenpressen der Lippen. Es kommt auch zum Aufeinanderschlagen der Zähne, zu ruckartigen Bewegungen der Zunge sowie zu schnappendem Einatmen im Stotterrhythmus während des Sprechens.

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Die Sprechstörung wird nicht in allen Kulturen gleich betrachtet. «Je einfacher eine Kultur, desto weniger gilt Stottern als eine Behinderung», berichtet Nitza Katz aus Bülach ZH, Professorin für Sprachheilkunde an der Universität Dortmund. In der modernen Gesellschaft wird Stottern mit Schwäche und Unsicherheit gleichgesetzt. Ein viel sagendes Beispiel: In der Schweiz kommt bei Kindern die Invaliditätsversicherung für Stottertherapien auf.

«In Filmen sind es häufig Dorftrottel, die stottern. Dieses Bild ist immer noch in den Köpfen vieler Menschen verankert», sagt Beat Meichtry, Geschäftsführer der Vereinigung für Stotternde und Angehörige (Versta). Dabei ist die Sprechstörung in allen Sozial- und Bildungsschichten vertreten selbst bei Prominenten wie etwa Boris Becker, Prince, Marilyn Monroe oder Winston Churchill.

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Angehörige sind oft überfordert

«Ich stottere seit dem sechsten Lebensjahr und komme erst im Erwachsenenalter langsam damit klar», berichtet Vera in einem Internet-Diskussionsforum für Stotternde. In dieser Zeit hat sie viel Intoleranz und Diskriminierung erfahren und wurde auf eine Schule für Lernbehinderte abgeschoben. «Nun studiere ich mit 38 Jahren Literaturwissenschaft und mache selbst jetzt noch negative Erfahrungen mit Lehrpersonen und Studenten», sagt Vera.

Heinz schreibt: «Es gab viele Situationen, in denen ich gern hätte fliessend sprechen können und auch viel zu sagen gehabt hätte, ich aber den Mund gehalten habe.» Das Stottern habe ihn aber nie besiegt. Heute sei es so etwas wie sein Markenzeichen: «Alle haben begriffen, wie sie sich zu verhalten haben, wenn ich etwas sage.»

Versta-Geschäftsführer Meichtry erinnert sich, wie er während seiner starken Stotterzeit unter Ängsten litt, wenn er eine Kommunikation führen musste. «Ich wagte oft nicht, jemanden anzusprechen. Und wenn, brauchte ich unzweckmässige Mittel wie Anspannung und Druck, um meine Stotterblöcke zu überwinden.» Der Körper speichert solche Mittel und wendet sie automatisch wieder an, meist unbewusst.

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Auch für die Angehörigen ist die Sprechstörung alles andere als einfach. «Unser Sohn Roger stottert seit dem Kindergarten und machte schlimme Phasen durch», erzählt Kurt Rubin über die Leidensgeschichte seines 26-jährigen Sohnes. «Wir unternahmen alles, um ihm zu helfen, und liefen von einem Therapeuten zum anderen. Ich hatte das Gefühl, der Schmerz war für uns fast noch grösser als für Roger selber.»

Roger Rubin begann vor rund sechs Jahren, verschiedene Kurse der Versta zu besuchen. Seitdem hat sein Sprechen enorme Fortschritte gemacht. Der gelernte Maschinenzeichner ist heute Ansprechperson der Versta-Selbsthilfegruppe Sankt Gallen.

Fortschritte können auch aus einer verständnisvollen Partnerschaft resultieren. Die Logopädin Gaby Wespisser aus Basel sagt über ihren Lebenspartner, der seit Jahren stottert: «Ich lernte hinter dem Stottern einen interessanten Menschen kennen. Dank meinem Hintergrundwissen können wir sachlich über das Thema sprechen.»

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Medizin forscht nach Ursachen

Uber die Ursachen des Stotterns weiss man noch wenig. Aktuelle Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass neurologische Komponenten eine wichtige Rolle spielen. Wie das Stottern im Hirn verankert ist, könnte ein erstaunlicher Fall aus Japan zeigen: Ein 66-jähriger Patient war nach einem Schlaganfall von seinem lebenslangen Stottern geheilt. Es handelt sich um den ersten Fall, bei dem ein Schlaganfall das Stottern nicht auslöste, sondern beendete.

Anders in den USA: Dort ist ein stotternder Professor der Universität Boston auf der Suche nach Stotter-Genen. Die Gene dürften allerdings nur eine von vielen Ursachen für das Stottern sein. Jeder Stotternde ist anders, entsprechend vielschichtig sind die Ursachen.

250 Therapieformen zur Auswahl

Stottern könne zwar nicht direkt vererbt, doch die entsprechende Veranlagung könne von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden, meint Beat Meichtry. «Der Mensch ist kein isoliertes Wesen. Er reagiert auf viele Einflüsse wie Uberforderung, Angst oder negative Erlebnisse, die dann Stottersymptome auslösen können.»

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Heute werden rund 250 verschiedene Formen von Stottertherapien angeboten. Leider ist auch dieser Bereich nicht frei von Scharlatanerie, bei der durch «neuartige Methoden» eine absolute und rasche Heilung versprochen wird.

Stottern ist jedoch keine Sprechstörung, die schnell behoben werden kann. Dazu braucht es einen grossen zeitlichen Aufwand von Seiten der Betroffenen. Zudem ist Stottern derzeit im medizinischen Sinn nicht heilbar; allerdings lässt sich das Sprechverhalten doch stark normalisieren. Die Therapeuten arbeiten meist mit mehrdimensionalen Behandlungsprogrammen, die Atemübungen, Sprechtechniken, sprechrhythmische Ubungen, «Nicht-vermeiden-Ansätze» sowie Entspannungstechniken umfassen.

Werden die angewandten Stottertherapien näher betrachtet, sind zwei therapeutische Richtungen zu erkennen, die jedoch selten in reiner Form zur Anwendung kommen: Bei den symptomorientierten Methoden wird als Ziel flüssiges, wenn nicht sogar stotterfreies Sprechen angestrebt. Die «Nicht-vermeiden-Ansätze» dagegen haben primär eine Verbesserung der Situation des Stotternden zum Ziel, indem dieser seine Störung akzeptiert und mit bestimmten Techniken Stotterblockaden überwinden lernt.

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Hilfreiche Selbsthilfegruppen

Die erfolgreichsten Therapien stammen meist von Personen, die selber eigene Stottererfahrungen gemacht haben. Verbreitet sind zum Beispiel die Methoden von Van Riper/Wendlandt. Daneben sind auch medizinische (Psychopharmaka, Hormonpräparate), alternative (autogenes Training, Hypnose, Fernheilung) sowie psychologische Methoden (Verhaltens-, Gesprächstherapie) zu nennen.

Diese aber funktionieren nur bedingt und sind eher in Kombination mit einer logopädischen Therapie empfehlenswert. Die Versta bietet in ihrer Broschüre sowie im Internet eine Ubersicht über die verschiedenen Behandlungsmethoden an.

Nicht nur Therapien können den Stotternden das Leben leichter machen, auch in Selbsthilfegruppen führt das Gespräch über das gemeinsame Leiden zu einer anderen Einstellung gegenüber dem Stottern. «In den Gesprächsgruppen spüren die Betroffenen, dass sie mit ihrem Leiden nicht allein sind. Das gibt ihnen Mut und Selbstvertrauen. Die Selbsthilfegruppe ist näher beim Alltag als der geschützte Therapieraum», so Beat Meichtry. Deshalb organisiert die Versta in möglichst vielen Regionen der Schweiz solche Gruppen.

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