Leugnen ist zwecklos. Ja, er hat getrunken. Ja, er hat am Tag zuvor gekifft. Und dazu noch Kokain geschnupft. Er ist bei Rot losgefahren. Sein 159er-Alfa ist quasi schrottreif. Und dann steht da noch die Frau neben ihrem Nissan Qashqai. Auch der sieht übel aus, und sie scheint verletzt zu sein. Es ist der 30. Juni 2018 kurz nach 19 Uhr, Reto Matter * steht mitten in Zürich auf der Kreuzung und realisiert allmählich, dass er gerade richtig Scheisse gebaut hat. 

Die Polizei ist schnell zur Stelle. Als sie den Unfallhergang Verkehrsunfall Wer zahlt den Blechschaden? rekonstruiert und protokolliert hat, muss Matter zum Drogen- und Alkoholtest. Am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich errechnet man einen Blutalkoholwert von 0,41 Promille, also unter dem Grenzwert. Aber die Drogen bleiben nicht verborgen.

Cannabis Cannabis Sechs Antworten gegen das Halbwissen und Kokain am Steuer lassen nur eine Massnahme zu. «Aufgrund der vorliegenden Akten sehen wir uns veranlasst, ein Administrativverfahren einzuleiten (Vorsorglicher Entzug des Führerausweises , Abklärung der Fahreignung)», teilt das Strassenverkehrsamt Matter mit. Es bestehe der «Verdacht auf Vorliegen einer Betäubungsmittelproblematik». Am 8. November 2018 schickt Reto Matter seinen Führerschein schweren Herzens an das Strassenverkehrsamt.

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Aufs Auto angewiesen

In seinem Leben vor dem Unfall hat es Reto Matter auch mal locker genommen. Er hat gekifft, wenn ihm danach war, gelegentlich eine Linie Koks gezogen, Alkohol Alkohol Allerlei Schnapsideen getrunken sowieso. Doch jetzt braucht er sein Auto: zum Einkaufen für den Club, um die Tochter abzuholen, die am andern Ende der Stadt bei ihrer Mutter lebt. Vor allem aber braucht er das Auto geschäftlich. Reto Matter hat sich vor zwei Jahren selbständig gemacht. In einem Bürogebäude mitten in der Stadt führt er einen Spielclub. 

Das klingt nach Hinterzimmer, illegalem Glücksspiel Geld- und Glücksspiele Was ist erlaubt, was verboten? und ebensolchen Substanzen, doch die Realität ist weniger verrucht. Ein Kellerraum, zwei Stockwerke unter dem Eingang, reduziert auf das, was Spieler verlangen: eine kleine Bar mit aufgereihten Spirituosenflaschen, ein halbes Dutzend Dartscheiben, Tischfussballkästen, ein paar Tische, an denen Matter regelmässig Pokerturniere organisiert. In einer Ecke etwas abseits hat sich Matter ein Büro eingerichtet. «Alles legal», versichert er. Hier spielen nur Mitglieder, Matters Laden ist ein Privatclub.

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Er denkt, dass er nur auf Kokain getestet wird, und raucht am Vorabend seelenruhig etwas Gras.

René Matter, der raucht
Quelle: Kornel Stadler

Urinproben beim Hausarzt

Die erste Chance, zu beweisen, dass er drogenabstinent ist, bekommt er am 31. Juli 2019 beim Begutachtungszentrum Verkehrsmedizin (BZVM). Matter geht davon aus, dass er nur auf Kokain getestet wird, und raucht am Vorabend noch seelenruhig etwas Gras. Der Termin wird zum Desaster. Als er zugibt, am Abend gekifft zu haben, verzichtet die untersuchende Ärztin auf weitere Tests. 

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Im Abstand von ein paar Wochen liefert der Clubbesitzer danach bei seinem Hausarzt drei Urinproben Cannabis am Steuer Nicht mehr gekifft – trotzdem positiv getestet ab. In keiner finden sich Spuren von Cannabis. Bei 22 weiteren Substanzen, auf die die Proben untersucht werden, fällt das Resultat negativ aus. Als er Anfang Dezember zur zweiten Untersuchung beim BZVM antreten muss, ist Matter optimistisch. Er ist clean, und bis er den ersehnten Führerausweis wieder in den Händen hält, kann es sich nur noch um Wochen handeln. 

Matter traut seinen Augen nicht

Tatsächlich finden sich in Matters Urin keine Rückstände von verbotenen Substanzen. Doch Urin hat ein kurzes Gedächtnis. Wenn der Drogenkonsum Drogenkonsum Muss ich mir Sorgen machen, wenn mein Kind an die Streetparade geht? länger als zwei bis maximal vier Tage zurückliegt, lässt sich etwa Kokain nicht mehr nachweisen.

Menschliches Haar hingegen speichert diese Informationen über Monate. Eine Laborassistentin schneidet Reto Matter deshalb ein drei Zentimeter langes Büschel Haare ab und schickt sie an das Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen.

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Als das Resultat ein paar Wochen später eintrifft, traut Matter seinen Augen nicht. Heroin Platzspitzbaby «Eine bessere Drogenpolitik hätte viel Elend verhindert» , Kokain, Ketamin – alles positiv. «Bei Herrn Matter muss von einer Drogenproblematik mit einem Konsum von verschiedenen Betäubungsmitteln ausgegangen werden, welche von ihm stark bagatellisiert, respektive verdrängt wird», heisst es im Gutachten des BZVM. «Aufgrund dieser Ausgangslage kann die Fahreignung Fahrtauglichkeit Anonym angeschwärzt – zur Kasse gebeten zurzeit nicht befürwortet werden.»

«Es muss von einer Drogenproblematik ausgegangen werden, die von ihm stark bagatellisiert wird.»

Aus dem Gutachten des BZVM

Reto Matter, 39, versteht die Welt nicht mehr. Seit dem 30. Juli hat er nie mehr gekifft, seit dem Unfall im Sommer 2018 nie mehr gekokst, und noch nie in seinem Leben hat er Heroin oder Ketamin konsumiert. Im Herbst hatte er sich zudem von seiner Freundin getrennt, als er realisierte, dass sie heroinabhängig Obdachlose in der Schweiz «Niemand wird freiwillig obdachlos» ist. «In meinem Leben hat es keinen Platz mehr für Drogen», sagt er. Und doch ist da dieser positive Befund. Je länger er darüber nachdenkt, desto stärker keimt in Reto Matter ein Verdacht auf.

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Zürich ist eine der Kokainhochburgen Europas. Wenn die Europäische Drogenbeobachtungsstelle EMCDDA ihren jährlichen Bericht über Drogenspuren in den Abwässern von grossen Städten veröffentlicht, gehört die Limmatstadt immer zu den Spitzenreitern.

Jede sechste Banknote weist Spuren auf

Wer sich eine Linie Koks in die Nase zieht, tut dies nicht selten mit zusammengerollten Banknoten. In Gegenden mit hohem Kokainkonsum weist etwa jede sechste Note Kokainspuren auf, wie eine Diplomarbeit vor ein paar Jahren ergab. Und in Matters Dartclub kommen etwa 70 Prozent des Umsatzes als Bargeld in die Kasse.

Reto Matter reimt sich zusammen: kontaminiertes Bargeld, eine Ex-Freundin, die Heroin raucht … Und dann sind da noch die Reste von Pulver, die er gelegentlich findet, wenn er die Toilette seines Clubs putzt: «Was, wenn die Drogen von aussen in mein Haar gelangt sind, ohne dass ich etwas konsumiert habe?»

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Der Gedanke ist alles andere als abwegig, denn unter Rechtsmedizinern Ermittlungsverfahren Welche Beweismittel sind zugelassen? ist mittlerweile unbestritten, dass genau dies geschehen kann: dass jemand, der selber keine Drogen konsumiert, trotzdem Spuren und Abbauelemente davon im Haar aufweisen kann.

Abtasten mit Folgen

So weiss man, dass etwa Türsteher in angesagten Clubs immer mal wieder positiv auf Kokain getestet werden, auch wenn sie den Stoff gar nicht konsumieren. Allein das Abtasten Kontrollen Wie weit darf die Polizei gehen? von konsumierenden Gästen kann reichen. Auch in den Haaren von Laborantinnen, die Drogenproben analysieren, finden sich teilweise hohe Werte der illegalen Substanzen Drogen legalisieren Wie schlimm sind Drogen wirklich? .

In seinem Club ist Reto Matter zwar weder Türsteher noch Laborant, aber sonst alles in einer Person: Einkäufer, Barmann, Kassier, Organisator, Buchhalter und Putzmann. Sechs Nächte pro Woche verbringt er in seinem Keller, die längsten Schichten dauern von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Es gibt viele Gelegenheiten, ungewollt mit Drogen in Kontakt zu kommen.

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Das passiert schnell. So untersuchte etwa der Forensiker Wutbürger «Frust und Wut entstehen aus Ungesagtem» Fritz Pragst 2011 in einer grossen Studie in Bremerhaven die Haarproben von Kindern, deren Eltern Drogen konsumieren. Sein Befund: Ihre Haare weisen oft dasselbe Muster an illegalen Substanzen auf wie die ihrer Eltern.

Ein Gerichtsmediziner fand heraus: Spuren finden sich auch auf der Haut und im Schweiss.

In Freiburg im Breisgau forscht der Gerichtsmediziner Volker Auwärter seit mehreren Jahren zu exakt diesem Thema. In einem Selbstversuch Selbstversuch Wie erstelle ich eine Patientenverfügung? nahm er eine kontrollierte Menge THC zu sich – und stellte nach sechs Wochen Konsum fest, dass sich die Abbauprodukte der Substanz nicht nur in seinen Haaren wiederfanden, sondern auch auf seiner Haut und in seinem Schweiss. Damit konnte er theoretisch bei jeder Berührung Drogenspuren auf andere Personen übertragen.

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Auch am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich untersuchte man 2016, wie sich externe Kontaminationen im Haar Schöne Haare Gute Ernährung ist die halbe Haarpflege von einem Drogenkonsum unterscheiden lassen. Dabei rieben sich in einer Studiengruppe sieben Personen Kokain ins Haar. Auch bei ihnen fand man noch drei Monate später Spuren im Haar. Doch all die wissenschaftlichen Erkenntnisse helfen Reto Matter wenig. Die Werte, die seine Haarprobe aufweist, sind schlicht zu hoch. Bis zu 500 Picogramm Kokain im Haar würden nach der Lehrmeinung als Kontamination PCB Das Gift, das man vergessen möchte von aussen durchgehen – Matters Wert liegt bei 4900 Picogramm. Und dann sind da noch die 870 Picogramm Monoacetylmorphin in seinen Haaren: ein Abbauprodukt von Heroin, das nur bei direktem Konsum entsteht.

Jochen Beyer vom Institut für Rechtsmedizin des Kantonsspitals St. Gallen hat die Analyse von Matters Haar durchgeführt. «Völlig undenkbar» seien Matters Erklärungen nicht, sagt der Forensiker. «Aber die festgestellten Werte sprechen doch sehr stark für einen Konsum und gegen eine Verunreinigung von aussen.» 

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Fehlender Beweis

Munira Haag-Dawoud ist die Gutachterin beim BZVM, die Matters negativen Bescheid unterschrieben hat. Sie kennt das Problem der externen Kontaminationen nur allzu gut. Sie kennt auch die Erklärungen von Matter: die kontaminierten Banknoten, die Koksspuren auf der Toilette, die heroinabhängige Freundin. «Ich sehe die Verzweiflung», sagt sie. «Aber damit ich dem Strassenverkehrsamt empfehlen kann, den Ausweis zurückzugeben, brauche ich einfach einen negativen Befund. Oder zumindest einen, der eindeutig belegt, dass die Drogen von aussen an das Haar gelangt sind und nicht konsumiert wurden.»

Diesen Beweis will Reto Matter jetzt erbringen. Mit einer zweiten Haarprobe, in einem anderen Labor und mit einer anderen Begutachtungsstelle. «Ich bin sauber», sagt er. Und wild entschlossen, das zu beweisen.

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*Name geändert

«Die besten Artikel – Woche für Woche»

Thomas Angeli, Redaktor

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