«Ke Name, kes Straasseschiud u ke Buslinie» dürfe im Text auftauchen, fordert Beelzebub. Die angekündigte Recherche über Longboardfahren an seinem Hausberg löst in einem Onlineforum eine rege Diskussion aus. Forumsmitglied Beelzebub ist ein «Local» - ein Einheimischer -, er fährt seit neun Jahren «uf däm Stutz» und hält erst mal nichts von der Idee, dass im Beobachter ein Bericht über diesen «Spot» erscheinen soll. Während ein paar Longboardfahrer aus Thun, Solothurn, Wettingen und Zürich gerne bereit sind, bei einer dokumentierten Fahrt dabei zu sein, sind die Einheimischen von der Idee wenig angetan - vor allem vom Vorschlag der Auswärtigen, die Strecke bereits in der Abenddämmerung zu befahren. Wenn überhaupt, beschliessen die Locals, dann später - ihr «geliebter Heim-Ride» werde traditionell nachts befahren.

Und Tradition hat diese Strecke. Schon seit den Achtzigern lassen sich Rollbrettler abends in einer halbstündigen Busfahrt auf den Berg chauffieren, um anschliessend die fast zwölf Kilometer herunterzukurven. Unter den Pionieren soll es unterdessen Väter geben, die ihre Söhne mitbringen.

Die heimlichen StreckenhüterIn Bern ist der Berg Kult. Er hat auch einen Namen. Aber wird der Ort allgemein bekannt, so die Sorge der Locals, könnte es mit den friedlichen Nachtfahrten bald vorbei sein. Die Einheimischen sind die heimlichen Streckenhüter. Um ihnen Respekt zu zollen, wird die Strecke hier nicht genannt. Nur so viel: Sie beginnt irgendwo zwischen den ersten Voralpengipfeln und der Stadt Bern in der alpinen Bedeutungslosigkeit. Von einem dieser Bergrücken führt eine Strasse sanft, aber stetig abwärts in die hauptstädtische Agglomeration, bis an den Bahnhof einer Vorortgemeinde. Wer sie fahren will, wird sie finden.

Am Freitagabend warten an der Haltestelle 20 junge Leute auf das Postauto, darunter auch drei Frauen. Alle haben Schoner, Helm und Rollbrett dabei. Es ist kurz nach acht. Auf einem nahen Hinweisschild steht «Park&Ride».

Im Poschi herrscht Klassenfahrtstimmung, was nicht nur daran liegt, dass alle Rucksäcke dabeihaben und guter Dinge sind. Ein paar Rider gehen noch zur Schule, zum Beispiel Marc. Er ist 14 Jahre alt und wohnt direkt am Fuss der Strecke. Mit sechs Jahren stand Marc zum ersten Mal auf einem Rollbrett, unterdessen fährt er Rennen. Seinen Hausberg findet er «eigentlich ein bisschen langweilig». Um locker herumzukurven, sei die Strecke hingegen gut.

Der Bus schiebt sich durch die Landschaft. Die Strasse führt aus der Agglomeration und sehr bald in ländliche Gefilde, vorbei an Kuhweiden und Bauernhöfen. Eine Bäuerin, die im Garten Unkraut jätet, richtet sich auf, um dem Chauffeur zu winken. «Dieses Dorf hat doch noch nie ein Rollbrett gesehen», frotzelt jemand, der offensichtlich zum ersten Mal hier ist. Misthaufen, Obstgärten und steile Satteldächer bieten nicht unbedingt die Kulisse, in der man sich ein Rudel Longboarder vorstellt. Nach einer Weile werden selbst die Bauernhöfe entlang der Strasse selten.

Auf etwas über 900 Metern Höhe ist Endstation; das Postauto hält vor einem Landgasthof. Auf dem Parkplatz machen sich die Fahrer bereit, zurren Helme und Schoner fest und montieren Lämpchen; vorne weiss, hinten rot. Wer den eigenen Körper zur Knautschzone macht, entwickelt ein gewisses Sicherheitsbedürfnis. Einige Rider tragen lederne Arbeitshandschuhe, auf die als Schutzbelag zersägte Küchenbrettchen aus Plastik aufgeschmolzen oder aufgeschraubt sind. «Funktion vor Design», heisst die Devise. Bei den Helmen und Schonern vertrauen dagegen alle auf geprüfte Qualitätsware. Einzelne tragen enge Lederjacken - Töffkombi-Oberteile. Sie sind eigens dazu gemacht, dem Strassenbelag zu trotzen. Der 20-jährige Stifu hat seines über ein Inserat gefunden, «secondhand für 100 Franken - über der Brust spannt es leider ein bisschen». An Zottels Ausrüstung lässt sich ablesen, dass Rollbretteln auch ins Extreme getrieben werden kann: Neben Töffhelm und Lederkombi trägt er ein GPS-Gerät auf dem Schuh, von dem er seine Geschwindigkeit ablesen kann. Vermutlich liesse sich damit auch die exakte Länge der Strecke eruieren. «Ich habe mich nicht über alle Funktionen kundig gemacht», sagt der 22-jährige Kaufmann, «ich will einfach wissen, wie schnell ich bin.»

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Und los gehts: Longboarder lieben die Dreifaltigkeit von Berg, Brett und Freunden.


Blaue Flecken und Schürfungen

Für den oberen Teil der Strecke lässt sich das ohne Messgerät beantworten: nicht schnell. Die ersten acht Kilometer laden eher zum lockeren Kurven ein - «cruisen» oder «carven» heisst das im Szenejargon. Angesichts des kleinen Gefälles hat zuvor jemand vorgeschlagen, man könne ja gleich auf dem Quai in Thun fahren, das sei ähnlich steil. An übersichtlichen Stellen schwärmen die Rider auf beide Fahrspuren aus; ziehen in weiten und engen Bögen Schlangenlinien. Das Feld zieht sich in die Länge und rollt gemächlich talwärts, vorbei an Weilern und einzelnen Höfen, Feldern, Weiden und Waldrändern.

Im unteren Teil kommen zwei Stellen mit etwas mehr Gefälle, bei denen die Rider um die 60 Kilometer pro Stunde erreichen. Auf anderen Strecken sind viel höhere Tempi möglich. Die Waghalsigsten bringen es auf über 100 Kilometer pro Stunde. Damit die Bretter bei solchen Geschwindigkeiten nicht zu schlingern anfangen, haben sie Achsen, die weit auseinander liegen. Longboards sind deshalb etwas länger als normale Rollbretter.

Selbst das laufruhigste Brett kann allerdings Stürze nicht verhindern. In den allermeisten Fällen verliefen diese aber glimpflich, sagt Zottel. Mit der richtigen Schutzausrüstung gebe es nur blaue Flecken und Schürfungen - das Übliche, was Sport halt mit sich bringt. Schwerere Verletzungen sind selten. Jemand erzählt von einem Bekannten, der einen Schädelbruch erlitten hat. «War auch eine gloriose Idee, dort ohne Helm zu fahren», meint er kopfschüttelnd. Vom Berner Kultberg hingegen gibt es keine Schauergeschichten.

Auf dieser Strecke droht Unheil eigentlich nur durch andere Verkehrsteilnehmer. Kommen sich ein Rider und ein Wagen in die Quere, zieht derjenige ohne Stossstange immer den Kürzeren. Wenn sich von hinten ein Fahrzeug nähert, klatschen die Hintersten, um die Vorderen im Pulk zu warnen. Die Gruppe hält sich rechts oder stoppt und winkt die Autofahrer vorbei. Diese antworten manchmal ebenfalls mit Handzeichen. Während die meisten dabei mit dem Daumen nach oben zeigen, lassen andere den Mittelfinger stehen. Der Fahrer eines Geländewagens schafft es sogar, sich auf der Beifahrerseite seines grossräumigen Gefährts aus dem Fenster zu lehnen und die Longboarder anzubrüllen. Die Rider nehmen es gelassen. Man wurde schon mit Baustellenlampen beworfen. Der Vorfall löst lediglich Bedenken aus, die «Herren von der Rennleitung» könnten demnächst aufkreuzen.

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Die Waghalsigsten erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde.


Die Lokalmatadoren kommen später

Zur Polizei haben die Longboarder ein zwiespältiges Verhältnis. Bei allfälligen Rencontres werde man wahlweise verwarnt und weggeschickt oder für das Schonertragen gelobt und daran erinnert, vorsichtig zu sein. Einmal sei er sogar im Streifenwagen auf die Passhöhe zurückgefahren worden, erzählt Bröni, mit der Anweisung, doch auf der anderen Seite in den Nachbarkanton hinunterzufahren.

Vor dem Gesetz gelten Rollbretter aller Art als «fäG», als fahrzeugähnliche Geräte. Seit 2002 dürfen solche auf Nebenstrassen als Verkehrsmittel verwendet werden, «wenn das Verkehrsaufkommen zum Zeitpunkt der Benutzung gering ist», zitiert Zottel. Er kann den Verordnungstext auswendig. Bei Zuwiderhandlung drohen Bussen zwischen 10 und 30 Franken. Das jeweilige Verkehrsaufkommen beurteilen Rider und Beamte allerdings oft unterschiedlich. An diesem Abend scheinen die Blauhemden aber anderweitig engagiert zu sein.

Zurück am Bahnhof, steigen sieben Fahrer ein zweites Mal ins Postauto. Der Chauffeur stellt schweigend Fahrscheine aus. Ja, das Völkchen tauche im Sommer hin und wieder auf. Heuer seis aber das erste Mal. Die anderen verabschieden sich. «Meine Mutter will nicht, dass ich so spät heimkomme», sagt einer. Es ist 22 Uhr.

Weil sich die Lokalmatadoren erst für den nächsten Bus angekündigt haben, wird dieser oben in der Beiz abgewartet. Zeit, über einem halben Liter Eistee die Lage der Szene zu erörtern.

Aus dem Bus, der kurz vor Mitternacht vor der Beiz hält, steigt tatsächlich eine Handvoll weiterer Fahrer. Das Durchschnittsalter dieser Clique ist etwas höher, Frauen sind keine dabei. Die Locals.

Einer von ihnen ist Frogy. Seine Brettgspäändli nennen ihn so, der grünen Töffjacke wegen. Frogy, der als Bundesbeamter bei der Eidgenössischen Steuerverwaltung arbeitet, hatte sich im Onlineforum besonders für den Schutz ihres «Heim-Rides» eingesetzt. Wöchentliche Trainings und Rennen passen nicht in sein Verständnis von Longboarden. Dem Bestreben, den Sport populärer zu machen, kann er nicht allzu viel abgewinnen. «Sonst kannst du Longboards bald in der Migros kaufen.» Mehr Leute würden zudem zu mehr Problemen und repressiveren Regelungen führen, befürchtet er. «Ich finde es schön, wie es ist.» Es, das ist die Dreifaltigkeit von Berg, Brett und Freunden - «ohne Sponsorenverpflichtungen», fügt Frogy an.

Frogy fuhr auch schon fremde Strecken; andere unter den Alteingesessenen reisen kaum. «Wir fahren einfach diesen Berg», sagt Michi. Mit seinen 35 Jahren ist er der älteste Rider an diesem Abend. Er fährt die Strecke seit zehn Jahren - wie alle Locals ausschliesslich bei Nacht und am liebsten bei Vollmond. «Der Geruch, wenn du diesen Wiesen entlangfährst, ist unglaublich. Und dann, in der Senke beim Bach, wird es kühl.» Er zieht das Rollen dem Brettern vor.

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Fotoshooting für den Energy-Drink
Mittlerweile sind Strassen und Weiler menschenleer; nur selten kündigt ein Lichtkegel einen sich nähernden Wagen an. Aus dem Wirtshaus an einer beleuchteten Kreuzung ist Gelächter zu vernehmen. Die Rider surren leise vorbei; ihre Silhouetten verschwinden im Dunkel. Sichtbar bleibt einzig ein Schwarm wogender Lichtlein.

Erst in der Agglomeration gibt es wieder eine Strassenbeleuchtung. Beim letzten Zwischenstopp am Dorfkreisel sprechen zwei Endvierziger die Gruppe an. Toll finde er das, sagt der eine, mit den Helmen und allem, das sehe super aus. Er will ein Fotoshooting mit ihnen machen, zu Werbezwecken. Es geht um einen Energy-Drink. Einzelne wenden sich betreten ab. Selbst morgens um eins schleicht der Kommerz um den Verkehrskreisel. Zottel speichert unterdessen die Handynummer des potentiellen Sponsors. Um einen Longboard-Event zu organisieren, sagt er, werfe man 500 bis 1000 Franken auf, die man meistens nicht zurückbekomme - «da bist du froh, wenn dir einer zumindest einen Kühlschrank voller Energy-Drinks hinstellt und dafür bloss ein paar Fotos oder Videoaufnahmen will.»

Zurück am Bahnhof, befreien sich die Jungs von ihren Schonern und beschliessen den Abend mit Büchsenbier und selbstgedrehten Zigaretten. Es ist halb zwei. Einer nach dem anderen verabschiedet sich und rollt seines Weges. Zottel ist der letzte Auswärtige. Der Aargauer kommt für die Nacht bei einem Local unter. Eine grosse Familie.

Auch wenn die Popularität zunehmen sollte, wie es einige hoffen und andere fürchten - am Berner Kultberg wird man unter sich bleiben. Ambitionierten Fahrern ist die Strecke zu langweilig. Und unter jenen, die ihr Brett dereinst vielleicht in der Migros kaufen, wird der Asphalt eine strenge Selektion betreiben. Das Brett kann man kaufen. Aber die Leidenschaft für das Riden gibts nicht in Budgetpackungen.

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