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Tempo 30: Lebensgefahr für Kinder

Ausgerechnet in den angeblich kinderfreundlichen Tempo-30-Zonen verschwinden die Zebrastreifen. Bereits kam es zum ersten tödlichen Unfall. Jetzt schlagen Eltern und die Fussgängerlobby Alarm.

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Die fünfjährige Julia geht in den Kindergarten. Ein Verkehrspolizist hat ihren «Chindsgi» besucht und den Kleinen Respekt vor den Autos eingebläut. Seitdem klebt das Bild mit den zwei vor dem Zebrastreifen wartenden Kindern an Julias Zimmertür. «Warte – luege – lose – laufe…» Nur: Julia weiss nicht mehr, wo sie warten soll. An ihrem Wohnort im Zürcher Kreis fünf sind nämlich die Zebrastreifen verschwunden. Grund: die Einführung von Tempo 30.

Seit Anfang der neunziger Jahre entstehen schweizweit laufend neue Tempo-30-Zonen. Heute sind schon 700 von ihnen geplant oder in Betrieb. Die Idee tönt gut: In Tempo-30-Zonen fahren die Autos 30 Kilometer pro Stunde. Die Verkehrsteilnehmenden können wieder miteinander kommunizieren – mit Blickkontakten und Gesten. Die Lebensqualität steigt, die Bewohner erobern den Strassenraum zurück. Zebrastreifen braucht es deshalb nicht mehr. So weit die Theorie.

Eltern üben Kritik
Vor allem Eltern von schulpflichtigen Kindern sind da ganz anderer Meinung. Sie sehen nicht ein, weshalb bestehende Zebrastreifen verschwinden müssen. «Ich muss mein Kind jetzt wieder begleiten», sagt Judith Andreae, die Mutter von Julia, dazu.

Die Ursache liegt in den Ausführungsbestimmungen für die Tempo-30-Zonen. Sie stützen sich aufs Strassenverkehrsgesetz und die Signalisationsverordnung. Einerseits soll die Signalisation der Zonen spärlich und einheitlich sein; Zebrastreifen und Stoppstrassen müssen deshalb weg. Andererseits gibt es flankierende Massnahmen. Aufpflästerungen, Strassenverengungen oder Fussgängerinseln sollen die Autofahrer bremsen und ihre Aufmerksamkeit erhöhen.

Während ersteres von den Planern brav befolgt wird, kneifen sie oft beim zweiten Teil. Bauliche Massnahmen kosten Geld, und gerade dieses Geld fehlt bei der Umsetzung der Tempo-30-Zonen. In Zürich wird deshalb grösstenteils darauf verzichtet. Dennoch will die Stadt bis Ende Jahr in allen Quartieren das Tempo reduzieren. Statt auf bauliche Massnahmen setzt sie auf die Kommunikation. «Mit 30 fängt das Leben an», heisst der Slogan.

«Die Autofahrer sollen nicht durch bauliche Massnahmen schikaniert werden. Wir wollen ein Umdenken in den Köpfen bewirken», sagt Roland Meyer, Informationsbeauftragter des Tiefbaudepartements der Stadt Zürich. Zum Thema Fussgängerstreifen meint er: «Prinzipiell nehmen wir sie weg. Nur direkt vor Schulhäusern und Altersheimen bleiben sie.»

Judith Andreae, die Mutter von Julia, war perplex, als die Zebrastreifen verschwanden: «Das hat uns niemand gesagt, und von einer Temporeduktion spüren wir wenig.»

Tatsächlich zeigen Messungen, dass über die Hälfte der Autofahrer zu schnell fährt. Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie sich in einer Tempo-30-Zone befinden. Gebüsst wird in Zürich noch nicht. Meyer räumt immerhin ein, dass «das Problem noch nicht endgültig gelöst» sei. «Es werden jetzt Erfahrungen gesammelt, und nachher rüsten wir an den gefährlichen Stellen nach.»

Die Fussgängerlobby wehrt sich
Genau solche Ubergangslösungen findet die Fussgängerlobby gefährlich. «Zebrastreifen dürfen erst dann entfernt werden, wenn Tempo 30 auch eingehalten wird», fordert Daniel Grob von Fussverkehr Schweiz. Zudem müsse genau geprüft werden, wo sich die wichtigen Fusswegverbindungen befinden.

Weiter sei dafür zu sorgen, dass die Fussgängerinnen und Fussgänger die Strassen sicher überqueren können. Auch Verkehrsexperte Christian Huber von der Beratungsstelle für Unfallverhütung gibt sich kritisch: «Untersuchungen haben gezeigt, das die Geschwindigkeit ohne bauliche Massnahmen nicht reduziert wird.»

Für einen Berner Kindergartenschüler kommen solche Gedanken zu spät. Er wurde im letzten November an einer Kreuzung von einem Lastwagen überrollt und tödlich verletzt – in einer Tempo-30-Zone. An der Unfallstelle fehlte ein Zebrastreifen. Erst nach dem tragischen Ereignis reagierten die Berner Behörden. Jetzt sollen die Schulwege sicherer gemacht werden, und an der Unfallstelle gibts wieder einen Zebrastreifen.

Gerade in Tempo-30-Zonen sollte es eigentlich möglich sein, dass Kinder den Schulweg unbegleitet unter die Füsse nehmen können. Das sehen aber viele Planer und die Polizei anders. «Wenn der Weg über befahrene Strassen führt, müssen Eltern ihre Kinder halt begleiten», sagt etwa Hansruedi Wymann, Chef Verkehrskommissariat bei der Stadtpolizei Zürich. «Zebrastreifen täuschen oft eine Sicherheit vor, die es nicht gibt.»

Trotzdem: Für Kinder ist der Streifen ein wichtiges optisches Hilfsmittel, auf das sie angewiesen sind. Das bestätigt auch Walter Lustenberger, Chef der Verkehrsinstruktion der Stadtpolizei Zürich. Buben und Mädchen haben ein eingeschränktes Blickfeld. Sie können weder die Distanz noch das Tempo eines Fahrzeugs einschätzen. Daher brauchen sie klare Anleitungen für das Verhalten im Verkehr. Fussgängerstreifen helfen dabei.

«Bei der Konzeptionierung von Tempo- 30-Zonen wurden die Kinder wohl einfach vergessen», sagt Walter Lustenberger. «Wo mehrere Kinder eine Strasse täglich überqueren, muss der Fussgängerstreifen bleiben, Bestimmungen hin oder her.» Zumindest so lange, bis die Automobilisten das Tempo einhalten. Das Motto: so wenig Zebrastreifen wie möglich, aber so viele wie nötig.

Immerhin geben sich die Behörden gesprächsbereit: «Eltern können uns unsichere Stellen auf dem Schulweg melden», sagt Hansruedi Wymann von der Zürcher Verkehrspolizei. «Wir prüfen dann Massnahmen.» Tipp an die Eltern: am besten schon aktiv werden, wenn das erste Mal von Tempo-30-Zonen die Rede ist.

Veröffentlicht am 09. August 2000