Wenn sich das glühend heisse Auspuffrohr in die zarte Wade brannte, kam immer zuerst dieser Geruch von versengtem Fleisch. Und erst dann der nicht enden wollende Schmerz. Die Wunde wurde natürlich unverbunden zur Schau getragen: ein Ehrenabzeichen, das seinem Träger die ganze Badesaison über den Ruch des Abenteurers verlieh – der Töfflibub.

Zündapp, Maxi, Cilo, Kreidler, Ciao: Für Generationen von Teenagern waren die kleinen Dreckschleudern das Statussymbol überhaupt. Während am Auspuff die Hautfetzen verkohlten, kondensierte am Töffli selbst die Pubertät: die erste Liebe, der erste Suff, die erste Schlägerei. Ob zu Sieg oder Niederlage, das «Hödi» brachte einen hin und zurück. Treu, weil schier unzerstörbar. Und wenn doch, reichte das Taschengeld, um es zu reparieren. Zum ersten Mal im Leben eines Mannes war eine Maschine mehr als nur ein Ding. Das Töffli war Gefährt und Gefährte. Den damit umworbenen Frauen blieb dies indes meist ein Rätsel.

Der Polizei ein Schnippchen schlagen

Mit dem besten Kumpel oder der ersten Freundin auf dem Gepäckträger trug es die Burschen zur Disco, ins Schwimmbad oder zur Schule. Polizisten wurden durch das Töffli erstmals zum Feind. Und Feinde machen aus Buben Männer.

Also wurden Lenker zersägt und neu zusammengeschweisst, Kolben abgeschliffen und Vergaser ausgebohrt. Unscheinbare Pfade schlichen sich ins Bewusstsein lokaler Cliquen: das Wolhuser Kommetsrütibrüggli, der Fussweg beim Basler Dorenbachviadukt und die ultrasteile Zürichbergstrasse? Für Streifenwagen unpassierbar!

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Tempi passati. Seit ein paar Jahren verschwinden Mofas allmählich aus dem Strassenbild. Der Niedergang hat viele Namen: Helmpflicht statt Fahrtwind, Rückspiegel statt coole Ästhetik, Katalysator statt Renntopf – von den schnelleren Scootern ganz zu schweigen. Und doch gibt es noch ein paar Töfflibuben. Dem Beobachter erzählen sie, was sie im Sattel hält.

Marke: Pony; Jahrgang: 1962

Quelle: Tomas Wüthrich

Mit den Töffli ist es ein bisschen wie mit Kindern – sie kommen irgendwoher und bleiben. Dieses hier stand beim Opa eines Mitbewohners im Geschäft herum. Das Teil ist 47 Jahre alt; älter als ich. Wir haben es vor 14 Jahren für unsere WG angeschafft, als Lastesel. Damals wohnten wir etwas abgelegen auf einem Berg. Zum Einkaufen mussten wir ins Tal hinunter und wieder hinauf. Dank dem Zweiganggetriebe war das selbst bei Schnee machbar. All die ­Stürze konnten dem Pony wenig anhaben. Ein zäher Bursche, die kleine Dreck­schleuder.

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Einmal habe ich damit sogar ein kaputtes Motorrad abgeschleppt. Meine Freundin sass auf der 600-Kubikzenti­meter-Maschine, und ich war vorne auf meinem Töffli und zog sie.

Heute bedeutet das Töffli für mich ­Nostalgie. Seit ich in der Stadt wohne, steht es im Estrich. Wenn mein Sohn 14 wird, bekommt er es zum Geburtstag. Aber das dauert noch.

Marke: Puch Maxi S; Jahrgang: 1989

Ich habe mit 14 Jahren den Ausweis gemacht und mir am gleichen Tag geschworen, nie mehr auf ein Velo zu sitzen. Das hielt ich dann vier Jahre lang auch so. Mein Lieblingsmofa habe ich nur sonntags gefahren. Aber irgendwann kommt der Autoausweis, und man vergisst sein Hödi.

Früher sind wir mit dem Töffli oft in den Jura gefahren zum Fischen. Oder ins Tessin. Das lassen wir heute wieder aufleben. Wir fahren Herren- und Bubentouren. Bei der Herrentour gibts einen Besenwagen, der Liegengebliebenen mit Reparaturen hilft und sie wenn nötig einsammelt. Auf der Bubentour sind wir ohne Unterstützung unterwegs – zwei Tage ohne Handy, dafür mit Zelt und 80 Franken Sackgeld. Klingt nach viel, aber es ist wie früher: schnell verprasst. Dann reichts am zweiten Morgen nicht mehr fürs Gipfeli, weil man noch tanken muss.

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Unterwegs ist man überall die Attrak­tion – auf dem Bundesplatz waren wir innert Kürze von Touristen umzingelt, und beim Bauern, auf dessen Weide wir zelteten, schaute das halbe Dorf mit Kuchen und Wein vorbei. Auf solchen Touren zieht das Töffli sogar bei den Frauen noch.

Marke: Pony; Jahrgang: 1998

Quelle: Tomas Wüthrich

Ich bringe seit langem meine Milch mit dem Töfflianhänger in die Käsi, jeden Morgen und Abend, 365 Tage im Jahr. Das ist billiger als der Traktor. Unser Hof produziert ja nicht so viel Milch, nur rund zwei Kannen à 50 Liter.

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Helm trage ich keinen. Einmal, als ich vom Feld zurückkam, fuhr plötzlich die ­Polizei neben mir. Ich hatte einen Rechen auf der Schulter. Der Polizist hat die ­Scheibe heruntergekurbelt und mich gefragt, ob ich einen Helm-Dispens hätte. Dann sind sie grinsend davongefahren. Die wissen ja schliesslich, dass wir vorsichtig unterwegs sind.

Letztes Jahr hatte ich zwar einen kleinen Unfall. Die Coiffeuse vorn im Dorf hat mich nicht gesehen und fuhr rückwärts auf die Strasse hinaus. Ich bin ihr mit der rechten Seite ins Heck geprallt. Der Anhänger mit den Kannen ist abgerissen und über die Strasse geschlittert, aber zum Glück nicht gekippt. Der Erste, der zum Unfallort kam, hat dann mal die Milch in die Käserei gebracht. Ich bin nach Hause gehumpelt. Eigentlich war die Coiffeuse schuld, aber jeder hat seinen Schaden selbst bezahlt. Schliesslich haben wir beide nicht richtig geschaut. Dafür durfte ich zweimal gratis zu ihr zum Haareschneiden.

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Marke: KTM GP 30; Jahrgang: 1984

Mit dem Töfflifahren ist es wie mit dem ­Militär: Jeder hat was zu erzählen. Ausserdem ist es ein Stück Jugend, man darf noch mal ein bisschen Bub sein. Von über 30-Jährigen ernten wir unterwegs oft dieses Lächeln, das verrät, dass sie auch gern dabei wären. Selbst die Polizei ist uns heute wohlgesinnt. Die winken sogar!

Vor ein paar Jahren habe ich auf der Auktionswebsite ricardo.ch ein Töffli ge­sehen und gekauft; nur so, um wieder ein bisschen herumzuschrauben. Mittlerweile stehen vier Stück in unserer Garage. Eigentlich habe ich zwei linke Hände, was Motoren angeht. Deshalb der Spitzname «Pannemöller». Meine Töffli laufen nach Optimierungsversuchen garantiert nicht mehr. Aber ich probiere es immer wieder.

Wir betreiben die Homepage 30ccm.ch. Damit wollen wir Gleichgesinnten eine Plattform bieten. Wir sind aber kein Verein. Bei uns kann jeder mitfahren, der sich an ein paar Anstandsregeln hält. Einfach Spass haben.

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Marke: Ciao; Jahrgang: 1989

Zusammen Töffli zu fahren bietet die Ge­legenheit, sich mal anders zu geben als normal – ein bisschen auszubrechen. Einzeln würde ja keiner von uns in diesem Aufzug herumfahren.

Ausserdem kann man gut abschalten. Für einen 14-Jährigen verkörpert sein Mofa vor allem Freiheit, weil er schnell weit weg war. Heute ist es eher umgekehrt. Es ist schön, langsam durch die Gegend zu tuckern. Das Fahren selbst ist ziemlich anspruchslos. So kann man den Gedanken nachhängen. Der Weg ist das Ziel. Andere machen den Jakobsweg – wir eine Töffli­tour. Man riecht den Wald, die Wiesen und das Abgas des Vordermanns. Jedes Töffli riecht ein bisschen anders.

Gemütlichkeit ist wichtig, deswegen sind unsere Maschinen auch nicht frisiert – höchstens ein bisschen optimiert. Schliesslich bringen wir mittlerweile alle ein paar Kilo mehr auf die Waage als ein 16-jähriger Berufsschüler.

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Marke: Eigenkonstruktion

Ein Bruder fährt Rennen, der ­andere ist Sponsor: Reto und Christoph Schaller

Quelle: Tomas Wüthrich

Wenn man sagt, man fahre Mofarennen, wird man oft belächelt. Dabei ist es sehr anspruchsvoll. Die Motoren sind hoch­gezüchtet, und auch das fahrerische Niveau ist gestiegen. Die Rennen gehen über 22 Runden à 630 Meter. Das geht an die Kondition. Haltung und Position auf der Maschine können entscheidend sein. Wer fit ist, kann länger konzentriert und am ­Limit fahren.

Im Race-Inn in Roggwil BE, wo die ­Rennen stattfinden, erreicht man Spitzen­geschwindigkeiten von über 70 Kilometern pro Stunde. Das klingt nicht nach viel, aber die Beschleunigung ist irre. Ich bin mal geradeaus in die Streckenbegrenzung ge­donnert. Die Sanitäter sagten mir, ich solle aufhören, aber ich bin trotzdem weiter­gefah­ren. Danach konnte ich mich kaum mehr bewegen, hatte eine Gehirnerschütterung und war überall blau. Stürze kommen halt vor, aber es passiert selten was Ernstes, vor allem verdrehte Knie und so. Einen haben sie mal mit dem Helikopter geholt. Nach einem Sturz war ihm einer in den Rücken gefahren. Er machte dann weiter, und es erwischte ihn wieder. Der hatte einfach Pech. Irgendwann wurde es ihm zu viel, und er hat aufgehört. Ohne bleibende Schäden.

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Ich habe schon mit 14 Jahren an Mofas ­herumgeschraubt. Leider hat unser Keller keine Aussentür, deshalb mussten wir das Mofa immer durchs Haus tragen. Unsere Mutter mochte das nicht, sie mag es immer noch nicht – weil es dann in der Stube nach Benzin riecht. Trotzdem haben uns die ­Eltern machen lassen. Jugendliche könnten viel dümmere Sachen machen, als an ­Motoren herumzuschrauben. Man lernt ja auch was dabei.

Seit zehn Jahren bin ich im Vorstand der Interessengemeinschaft Mofa. Wir organisieren eine interne Vereinsmeisterschaft. Mit 17 fing ich an, Rennen zu fahren, kurz darauf auch mein Bruder. Der hat einen guten Fahrstil, deshalb konzen­trierten wir uns auf ihn. Ich bin jetzt vor allem noch Sponsor. Anfangs konnte man mit einem guten Motor schnell mal mit­halten, aber vor ein paar Jahren hat ein eigentliches Wettrüsten eingesetzt. Die einzigen Einschränkungen, an die man sich halten muss, betreffen das Motorgehäuse. Unser Töff ist gegen 10'000 Franken wert. Allein schon der Auspuff und der Zylinder kosten je 1000 Franken. Viel Geld für beinahe nichts, denn zu holen gibts wenig. Die Preise für die Meisterschaft sponsere ich oft selbst. Wenn mein Bruder gewinnt, gibt er sie mir zurück.

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Marke: Puch Maxi; Jahrgang: 1976

Quelle: Tomas Wüthrich

Das Töffli hat mal meinem Vater gehört. Wir haben alles auseinandergenommen und wieder zusammengebaut. Und ein bisschen gepimpt. Vorher hatte es so einen Franzosenlenker, der gefiel mir nicht – nicht breit genug.

Meistens fahre ich damit in den Ausgang, in die Badi und so. Gestern waren wir zu fünft im Marzili in Bern. Aber ich nehme es nirgends hin, wo es kaputtgemacht werden könnte. Es gibt immer wieder Idioten, die einem den Sattel aufschlitzen. Kürzlich wurde mir das Benzin abgezapft. Immerhin haben sie mir die ­Reserve gelassen.

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