Toiletten und Tote – das sind die zwei Tabus unter uns Tramchauffeuren. Wenn ich dringend aufs WC muss, habe ich zum Beispiel bei der Haltestelle am Basler Bahnhof SBB genau zweieinhalb Minuten Zeit. Aussteigen, Führerkabine mit dem Schlüssel verriegeln, über die Gleise hasten, Geschäft verrichten und zurück. Und bei alldem hoffen, dass gleichzeitig kein anderer Wagenführer aufs stille Örtchen muss – denn WC hat es hier nur eines. Schon einige Male habe ich die Sekunden gezählt, bis ich endlich an einer Endschleife angekommen bin. Doch auch da bleibt nicht viel Zeit für den Gang zur Toilette, wenn es denn überhaupt eine hat.

Tramchauffeur ist der härteste Job, den ich je hatte – und ich habe schon vieles gemacht. Ich war Matrose, Taxifahrer, Journalist. Heute bin ich in einem Teilzeitpensum Leiter des Rechtsdienstes des Mieterverbands Basel. Aber nach 16 Stunden Rechtsberatung bin ich nur halb so geschafft wie nach acht Stunden Tramlenken. Denn das ist reiner Hochleistungssport.

Einzigartiger Blick auf die Gesellschaft

Ich bin verantwortlich für ein Gefährt von 70 Tonnen, das ist das Gewicht von 14 Elefantenbullen. Jede Sekunde muss ich aufmerksam sein, denn wenig trennt die Alltagsroutine vom tödlichen Unfall. Deshalb das zweite Tabu: Jedes Jahr sterben in Basel ein bis zwei Menschen bei Unfällen mit Tram und Bus. Zum Glück habe ich bis heute nur drei Blechschäden erlebt, zudem unverschuldet. Aber bei 550 Bus- und Tramchauffeuren ist die Wahrscheinlichkeit, dass es mich treffen könnte, nicht eben gering. Darum ist mein Puls immer auf 180, wenn ich in der Führerkabine sitze. Nach der Arbeit bin ich völlig erschöpft.

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Mein ganzes Arbeitsleben habe ich mich dagegen gewehrt, Tramchauffeur zu werden. Ich bin nämlich familiär vorbelastet. Mein Vater und beide Grossväter haben bei der BVB, den Basler Verkehrsbetrieben, gearbeitet. Schon als kleiner Knirps hat mich das 24-Stunden-Tableau der Basler Trams tief beeindruckt. Mit 43 gab ich den Journalismus auf und meldete mich auf ein Inserat der BVB, das ich zufällig entdeckte. Es war Zeit dafür. Ein Exot bin ich unter den Wagenführern aber nicht. Bei uns hat es Metzger, Kaufleute, Journalistinnen, ­Juristen oder Konditorinnen. Eine abgeschlossene Erstausbildung ist Pflicht.

Ich sitze leicht erhöht in der Wagenführerkabine und kann die Menschen beobachten. Dieser Blick auf die Gesellschaft ist einzigartig. Die Mobility-Fahrer zum Beispiel sind vorsichtiger, Frauen defensiver als Männer. Sie bremsen, wenn das Tram kommt, während die Männer Gas ­geben. Auffällig sind auch Pärchen, die den Zebrastreifen überqueren, wenn das Tram schon nahe ist. Wenn ich dann klingle, zerrt der Mann nach vorne, und die Frau zieht zurück. Nicht selten stehen Mann und Frau schliesslich auf gegenüberliegenden Strassenseiten.

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Zu Beginn war ich überzeugt, mir würden nie schlimme Unfälle passieren. Aber vor vier Jahren lief ein Mann direkt vor mein Tram. Es gab zwar einen heftigen Knall beim Zusammenprall, aber ihm ist nichts passiert, weil ich nur noch ganz langsam fuhr – und dank seinem Schutzengel. Aber dieses Erlebnis hat mich verunsichert. Letztlich liegt es nicht in meiner Gewalt, ob ein Unfall passiert oder nicht.

Die Aggressivität nimmt ständig zu

Und das Leben überfordert die Leute zunehmend. An Heiligabend kurz vor Ladenschluss sind die Menschen regelmässig bereit, sich vors Tram zu werfen. Am gefährlichsten sind die diffusen Fälle: Kleinkinder, die sich von ihren Eltern losreissen, oder Leute, die plötzlich kehrtmachen und über die Gleise rennen.

Auch die Aggressivität im Strassenverkehr nimmt ständig zu. Vor kurzem konnte ich mit einer Schnellbremsung einen Zusammenstoss mit einem BMW nur knapp verhindern. Der Autofahrer war ohne zu schauen rückwärts aus einer Einfahrt auf die Gleise gefahren. Das ist keine Seltenheit. Als Wagenführer fahre ich immer mit dem Grundgefühl, zwar Vortritt zu haben, diesen aber selten zu erhalten. Das Besondere bei diesem BMW war, dass er auf den Gleisen stehen blieb und der Fahrer ausstieg. Er kam langsam auf mich zu, die Szene erinnerte mich an «High Noon». Dann ist er vorne bei meiner Führerkabine auf den Stossbalken gestiegen, hat sich durchs Fenster zu mir in die Führerkabine gelehnt und mich mit den Fäusten bedroht. Ich wich aus. Zum Glück ist er dann doch noch abgezogen.

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Das wollte ich nicht auf mir sitzen­lassen und habe Strafanzeige erstattet. Das Strafgericht Basel-Stadt hat den Automobilisten Ende Mai wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie wegen Missachtung des bedingungslosen Tramvortritts verurteilt.

Das ist ein wichtiger Entscheid für uns Wagenführer, die sich viel zu selten wehren können. Kein Wunder bei dem Stress. Der stressige Alltag führt übrigens auch dazu, dass sich viele Tramführer von ihren Freunden zurückziehen und vereinsamen. So ist es auch nicht erstaunlich, dass es ­innerhalb der Fahrergemeinde oft zu Partnerschaften und Ehen kommt. Da findet sich eher Verständnis als ausserhalb.

Vor zehn Jahren fluchte ich nur über Autofahrer. Heute aber auch über Velo­fahrer, selbst wenn sie gute Kollegen sind. Velofahrer bringen meinen Puls auf 180, weil sich eine wachsende Zahl kaum mehr an Verkehrsregeln hält. Und beim Velo­fahrer droht ja nicht nur Blechschaden. Dieses zunehmende Fluchen macht mir Sorgen. Trams zu lenken hat offenbar eine persönlichkeitsverändernde Wirkung. Das ist nicht gut. Darum überlege ich mir manchmal, diesen Beruf aufzugeben.

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