Kurz vor Mittag hat Richard Mrkos im Urnerland Computermonitore auf seinen Camion gehievt. «Ich muss in Stuttgart umladen und dann gehts zurück nach Tschechien.» Es ist Freitag. Der 26-jährige Chauffeur freut sich auf ein freies Wochenende zu Hause. Nun steht er in einer Polizeikontrolle auf einer Luzerner Autobahnraststätte ohne Namen, irgendwo zwischen Sursee und Dagmersellen. «Das muss ich dem Chef sagen», knurrt Mrkos. Er greift zum Handy.

Erwin Schnyder hat den schwarzen Anhängerzug von der Autobahn gewinkt. Weit über 30 Polizeijahre haben sein Auge geschärft. Er macht die Triage bei der Raststätteneinfahrt.

Warum gerade dieser Lastwagen? Weshalb nicht der letzte? Oder der nächste? «Zufall», schreit Erwin Schnyder durch den Autolärm und zupft an seinen weissen Handschuhen. Und nach einer Pause: «Man hat so ein Gefühl, ob sich einer vorbeischleichen will.»

Grosseinsatz in der Innerschweiz. Immer zwischen 7 und 15 Uhr irgendwo eine Schwerverkehrskontrolle, lautet die Vorgabe. Im Visier haben die Beamten aus Luzern, Schwyz, Uri, Zug und Obwalden die Gotthardstrecke und die Ausweichrouten über Zug oder den Brünig.

Auf der Luzerner Raststätte bei Knutwil ist ein gutes Dutzend Polizisten im Einsatz. Freitag ist ein guter Kontrolltag, in der Regel sind dann viele Nordeuropäer auf der Heimreise. Heute offenbar nicht. «Wenig Betrieb», staunt Franz-Xaver Zemp, Vizechef der Luzerner Verkehrspolizei. Ist es das Warnsystem unter den Fahrern? Zemp richtet seinen Hut. «Keine Ahnung. Aber unsere Kontrollen sprechen sich schon rasch herum», sagt er.

Fahrer warnen einander per Handy

Längst ergänzt das Handy den legendären CB-Funk. Sobald die Beamten ihre Falle stellen, sind die Chauffeure von Basel bis Chiasso informiert. Wenn etwa bei milden Temperaturen «Glatteis in Erstfeld» gemeldet wird, dann hat die Urner Polizei ihre fix installierte Waage in Betrieb. «Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel», sagt Einsatzleiter Richard Huwiler.

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«Zu lang?» Roger Albrecht ist überrascht. Seit vier Monaten karrt er mit diesem Lastwagen Blumen und Lebensmittel durchs Land. Und jetzt soll sein Arbeitsgerät plötzlich zu lang sein? Das Messband zeigt 16,6 Meter erlaubt sind 16,5 Meter. «Ich habe das Fahrzeug nicht gebaut», murmelt der Chauffeur und klettert zurück in die Kabine. Den Bussenbetrag wird der Richter später ausrechnen. Ein freundlicher Schwatz mit dem Polizisten. Dann: «Gute Fahrt.» «Danke.»

Bei Richard Mrkos läutet das Handy Sturm. Seit einer Stunde sitzt er fest für Stuttgart wird es knapp. Auch sein Gefährt ist zu lang. Exakt 65 Zentimeter. «Fahren, sagt mein Chef, also fahre ich», entschuldigt er sich. Das kostet ihn 460 Franken respektive seinen Chef. Mrkos lacht.

Ausländer müssen sofort zahlen

Eilig haben es nur die Fahrer, die Polizei kann warten. «Bei Ausländern gilt: Geld oder Bestätigung», sagt Franz-Xaver Zemp. Der tschechische Fahrer hat keine Kredit- oder EC-Karte dabei. Dann eben per Fax. Erst wenn der Chef bestätigt hat, dass die 460 Franken via Bank unterwegs sind, wird der Camion freigegeben.

Derweil wird Gerhard Frischknechts Camion kontrolliert. Der Aargauer bringt einen leeren Schiffscontainer vom Tessin in den Basler Rheinhafen. «Der Funk ist nur eingeschaltet, wenn ich voll beladen fahre», sagt er. Und absolut korrekt sei er, was den Treibstoff betreffe. Es gibt Hinweise, dass einige Firmen mit billigerem Heizöl statt mit Diesel fahren. Doch Frischknechts Arbeitgeber gehört nicht dazu. Polizist Hans Abächerli nimmt zuerst eine Nase voll und pumpt dann eine Probe in den Plastikschlauch. «Alles in Ordnung.» Frischknecht wirft den Motor an. «Wenn es so läuft wie hier, habe ich nichts gegen Kontrollen», ruft er aus dem Fenster. Zu oft aber würden mehr Schweizer als Ausländer rausgewinkt. «Weil die Polizei bei uns leichter zu ihrem Geld kommt.»

Viele Lastwagen sind zu gross

«Der Italiener kann weiter. Die Bestätigung ist da», tönt es aus dem Polizei-Camper. 490 Franken muss der Spediteur bezahlen, weil der Lastwagen zu lang und zu breit ist. Der Fahrer zeigt sich desinteressiert. Er sei zum ersten Mal in der Schweiz, und was hier erlaubt sei: «Non lo so» keine Ahnung.

Die Lastwagenmasse stimmen oft nicht. «Die Fahrzeugbauer sind Schlitzohren», sagt einer der Polizisten. «Sie bauen die Fahrzeuge absichtlich zu lang und zu breit. So steigt der Druck auf die Politiker, die Höchstmasse anzupassen.» Viele Spediteure hätten solche illegalen Fahrzeuge in der Flotte. Das koste zwar ein paar tausend Franken Busse im Jahr, dafür könne bei jeder Fahrt mehr Fracht geladen werden.

Die Camionneure kennen das Spiel. Der Ostberliner Andreas Link fährt seit zehn Jahren kreuz und quer durch Europa. «Ja, man geht bis an die Grenze des Erlaubten», sagt er. Der Schritt in die Illegalität sei klein, «doch das passiert selten mit Absicht», behauptet er. «Ein zu langer Anhänger am falschen Wagen, ein unsorgfältig ausgefülltes Ladepapier und schon ist man zu gross oder zu schwer.» Heute ist bei Link nichts zu beanstanden. Ein Blick auf die Uhr. Er wird es bis Feierabend nach Offenburg schaffen.

Richard Mrkos lacht nicht mehr. Er wird ungeduldig. «Für die Fahrt nach Stuttgart ist es zu spät», murmelt er. «Der Chef sagt: Vielleicht direkt nach Tschechien.» Doch warum der Fax nicht eintrifft, weiss Mrkos nicht. Er hat die Beine hoch gelagert. Schlafen will er aber noch nicht. «Ich bin nicht müde.» Die vorgeschriebenen Ruhezeiten interessieren ihn nicht. Er hat sein eigenes Gesetz: «Wenn ich Schlaf brauche, dann schlafe ich.»

Heute sind alle Fahrer ausgeruht. «Nichts zu beanstanden», sagt Lenkzeitexperte Heinz Jenny. Die Kurven auf den Papierscheiben der Fahrtenschreiber sind in Ordnung.

Nicht mehr als neun Stunden am Tag dürfen die Fahrer am Lenkrad sitzen. Nach viereinhalb Stunden Fahrt sind 45 Minuten Pause vorgeschrieben. Doch Jenny weiss: «Bei der Arbeits- und der Ruhezeit wird massiv betrogen.» Die Chauffeure hantieren mit mehreren Einlageblättern oder mogeln mit fiktiven Beifahrern. «Manipulationen vom gleichen Tag merkt man», sagt Heinz Jenny, «doch bereits für den Vortag wird es schwierig.» Wichtigstes Indiz für die Polizei: Das Verhältnis von Fahrzeit und zurückgelegten Kilometern.

40 Stunden am Steuer

Doch längst nicht jeder Dauerfahrer macht sich die Mühe, mit dem Fahrtenschreiber zu fuhrwerken. Im September ging den Luzernern ein Belgier ins Netz, der innert 62 Stunden mehr als 40 Stunden am Steuer sass. Die Strafe: 3000 Franken Busse und eine Zwangspause.

Ein Blick auf die Uhr. Nach gut zwei Stunden Kontrolle denkt Einsatzleiter Richard Huwiler ans Aufhören. Erwin Schnyder winkt mit sicherem Auge noch zwei Laster von der Strasse. Es wird die letzte fette Beute des Tages. «Der Engländer kam geschlichen wie ein Huhn mit lahmen Federn», scherzt Schnyder. Und der Holländer sei ganz einfach zu gross.

Der englische Chauffeur zwängt sich aus seinem knapp legalen Lastwagenwrack. «Achtung, ein Kriegsveteran!», witzelt ein Beamter. Kurze Haare, langer Bart, Militärhosen mit schwerer Schlüsselkette, tätowierte Arme, Kampfstiefel. Mürrisch öffnet er den Laderaum. Kompakt stapeln sich die Spanplatten. «Mindestens acht Tonnen zu viel», schätzt der Kontrolleur. Ein Katzensprung wäre es gewesen bis zum Zoll in Basel und damit bis zur Grenze der lästigen 28-Tonnen-Limite. Jetzt aber gibt es 2000 Franken Busse. Und eine Polizeieskorte: ab auf die Waage am Stützpunkt und zurück ins Luzerner Hinterland. Zum Abladen beim Spanplattenhersteller.

Inzwischen hat sich Richard Huwiler persönlich auf den holländischen Viehtransporter gestürzt. «Sie sind viel zu lang und wissen es», schnauzt er den Chauffeur an. Dieser wendet sich ab. «Er lacht nur, er weiss es ganz genau.» Der Anhängerzug ist 75 Zentimeter zu lang und sieben Zentimeter zu hoch. Das kostet 800 Franken.

Simon de Groot transportiert Schafe vom Norden nach Italien. Wie jede Woche. Zum Schlachten. Mehr Platz im Lastwagen heisst mehr Tiere, räumt er ein. Und deponiert den Standardsatz: «Fahren, sagt mein Chef. Was soll ich tun?»

Fahrersünden bringen fette Beute

Die weissen Handschuhe sind versorgt, die Equipe sammelt sich um Richard Huwiler. «Ich bin zufrieden», lässt der Einsatzleiter seine Leute wissen. Man habe «ruhig und professionell gearbeitet».

Die Sünden des Tages sind archiviert, die «Zusammenfassung 4/00» der «Interkantonalen Schwerverkehrskontrolle Region Zentralschweiz» gibt darüber Auskunft. 203 Lastwagen mustern die fünf Kantone an diesem Freitag. Acht Camions sind zu schwer, 55 Fahrer haben andere Bestimmungen verletzt: zu wenig Ruhezeit, zu grosse Fahrzeuge, keinen Fahrausweis, Alkohol am Steuer, illegale Funkgeräte.

Verlassen steht das schwarze Gefährt von Richard Mrkos auf dem Parkplatz. «Ich verdiene 1300 Franken im Monat gutes Geld in Tschechien», hat er vor zwei Stunden noch frohlockt. Jetzt ist es sauer verdientes Geld. «Noch immer kein Fax», ärgert er sich. Und kein freies Wochenende. Er verdreht die Augen. Richard Huwiler kümmert es wenig: «Den Tschechen nehmen wir im Schlepptau zurück zum Stützpunkt. Und dort bleibt er, bis sein Chef bezahlt hat.»

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