Wenn eine Person ein Jahr lang Plastik sammle, habe das den gleichen Effekt, wie wenn sie einmal auf ein Steak oder eine Autofahrt von 30 Kilometern verzichte. Das sagt der Abfallforscher Rainer Bunge von der Hochschule Rapperswil. «Das Recycling von gemischtem Plastik hat einen sehr geringen ökologischen Nutzen, kostet aber sehr viel.» Das Problem: Viele minderwertige Materialien, zum Beispiel Verpackungen, kann man gar nicht wiederverwerten Recycling Das gehört nicht in den «Güsel» .

Trotzdem sammeln Schweizer immer fleissiger Plastik. Doch seit China seit Anfang Jahr keinen Plastik mehr annimmt, sind die Märkte durcheinander, sagt der Abfallforscher. Die Folge: «Europa ersäuft in minderwertigem Plastik.» Das Reich der Mitte war bisher ein wichtiger Abnehmer für Altkunststoff, auch aus der Schweiz.

Aktuell wird der Schweizer Altplastik meist im Ausland sortiert und dann unter enormem Energieaufwand zu Granulat für die Industrie verarbeitet. Die 50 oder mehr Prozent Ausschuss werden oft zurück in die Schweiz gefahren – und in Zementwerken und Kehrichtanlagen verbrannt. Immerhin nutzt man noch die Wärme als Energie. Doch mit Recycling hat das nichts zu tun.

PET ist was anderes

Eine viel bessere Ökobilanz hat das Recycling von PET- und Kunststoffflaschen. Bloss: «Rein wirtschaftlich lohnt sich das PET-Recycling nicht», sagt Jean-Claude Würmli, Chef von PET-Recycling Schweiz. Da man aber im Vergleich zu Neumaterial rund 50 Prozent Energie spare, sei das PET-Recycling ökologisch sinnvoll.

Für Plastikabfälle bieten Privatfirmen vorab in der Ostschweiz und im Mittelland Sammlungen an – nicht zu verwechseln mit den PET- oder den Kunststoffflaschensammlungen der Grossverteiler. Die Kunden stecken das Plastik in einen zu diesem Zweck gekauften Sack, der zwei bis drei Franken kostet. So finanzieren sie das Geschäft der Recycler im Glauben, dass das Plastik wiederverwertet werde. 

Die Bevölkerung mache Druck, sammeln zu dürfen, sagen die Behörden. Auch politisch wird die Forderung nach Plastik-Recycling lauter, wie eine Petition der Jungen Grünen in Zürich zeigt. Insgesamt werden 10 Prozent der Kunststoffe (PET und Plastik) rezykliert.

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«Es ist inakzeptabel, den Kunden zu versprechen, das Material werde rezykliert, wenn letztlich über die Hälfte verbrannt wird.»

PET-Recycling-Experte Würmli

 

Doch viele Experten sind kritisch. Beim Gemischtplastik-Recycling ist von «dubiosen Anbietern» die Rede, von «wenig Transparenz» und «Bschiss». «Den Konsumenten wird ein Märchen aufgetischt», sagt Robin Quartier, Direktor des Verbands der Betreiber Schweizerischer Abfallverwertungsanlagen. Viele der privaten Anbieter würden mit unrealistischen Recyclingquoten und einem völlig übertriebenen ökologischen Nutzen werben. Ausnahmen seien «Kuh-Bag» und «Recycling-Sack». 

«Es ist inakzeptabel, den Kunden zu versprechen, das Material werde rezykliert, wenn letztlich über die Hälfte verbrannt wird», sagt PET-Recycling-Experte Würmli. So behauptet ein grosser Anbieter, 80 Prozent des gesammelten Plastiks würden wiederverwertet. Dabei sind es nur 50 Prozent, wie er im «Kassensturz» zugeben musste.

Auch die Thurgauer Firma Innorecycling suggeriert auf der Website unter dem Stichwort Sammelsack, das Plastik werde völlig wiederverwertet. Im Gespräch nennt Inhaber Markus Tonner dann eine Recyclingquote von 60 Prozent. Und wird emotional: «Es macht mich traurig, dass immer wieder versucht wird, das Kunststoff-Recycling schlechtzumachen.» Die 60 Prozent, die er erwähnt, stammen aus einer Studie der Empa, die einen einzigen Anbieter analysiert hat, den «Kuh-Bag».

Im Branchenschnitt dürften die Zahlen allerdings viel tiefer liegen. Untersuchungen aus Deutschland kommen auf Quoten von gerade mal 30 Prozent. 

Behörden sind skeptisch

Das Zürcher Umweltamt Awel, das Recycling fördert, hält fest: Bei den bestehenden Sammlungen liege der Anteil der stofflich hochwertig verwertbaren Kunststoffe bei 20 bis 40 Prozent. Daher hält auch das Bundesamt für Umwelt wenig von Gemischtplastiksammlungen. Es sei erst ab einer Wiederverwertung von 70 Prozent sinnvoll. So viel oder mehr erreichen etwa die PET-Sammlungen.

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Doch der Kunststoffmarkt sei «sehr schwierig», sagt man bei der Migros, einem der grössten Plastiksammler. Gründe seien etwa das Importverbot von China und der tiefe Erdölpreis. Da Recycling einen wichtigen Beitrag zu Ressourcenschonung und CO2-Reduktion leiste, will die Migros daran festhalten, zumal es auch einem Kundenwunsch entspreche. Die gesammelten Flaschen würden grösstenteils in der Schweiz zu Granulat für die Bauindustrie verarbeitet. Von Coop kommen ähnliche Angaben. Die Sammlungen der Grossverteiler sind unbestritten.

Der Importstopp Chinas habe auch sein Gutes, sagt Jean-Claude Würmli von PET-Recycling Schweiz. «In vielen Ländern wird im grossen Stil ins Plastik-Recycling investiert.» Nun müsse man den Abfall selber verarbeiten, statt ihn einfach nach China abzuschieben. Letztlich eine gute Nachricht für Recyclingfreunde. 

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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