Die Aussage erstaunt selbst Fachleute. Obwohl der Berner Stromkonzern BKW sein Atomkraftwerk Mühleberg für immer stillgelegt hat, erklärt er: «Es muss kein zusätzlicher Strom beschafft werden.» Weder im Winter noch im Sommer. Weder aus dem Ausland noch aus dem Inland.

Die drei Milliarden Kilowattstunden aus Mühleberg fehlen der BKW dieses Jahr plötzlich nicht mehr. Das ist genug Strom für mindestens eine halbe Million Haushalte. Man habe 2020 auch ohne Atomkraftwerk genügend eigene Energie für die 360'000 Haushaltskunden in der Grundversorgung sowie die Grosskundinnen im freien Markt, sagt eine Konzernsprecherin.

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47 Jahre lang hat die BKW an der Aareschlaufe bei Mühleberg Atomstrom produziert. Mehrere Volksabstimmungen gegen das AKW haben die BKW und ihre Mitstreiter gewonnen. Mit Warnungen vor einer drohenden «Stromlücke», vor importiertem «Dreckstrom» aus ausländischen Kohlekraftwerken und vor einer ungenügenden Versorgungssicherheit in der Region Bern.

Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 2019, hat die BKW ihren Atomreaktor endgültig vom Netz genommen, freiwillig, weil sich der Betrieb nicht mehr rechnete. Jetzt erklärt sie, dass ihr einst grösstes Kraftwerk für die Stromversorgung nahezu irrelevant sei. «Die BKW hat den Strom aus Mühleberg nicht spezifisch ersetzt», sagt die Sprecherin.

Doch fünf Prozent der Schweizer Stromproduktion können nicht einfach spurlos verschwinden. Auf mehrfache Nachfrage hin erklärt die BKW, dass die Atomenergie der Handelsabteilung fehle. Die BKW kann offenbar weniger Strom exportieren, etwa nach Italien, wo die Preise hoch liegen. «Mit dem Wegfall des Kernkraftwerks Mühleberg setzt die BKW weniger Eigenproduktion am Markt ab», bestätigt die Sprecherin. Es sei schon «seit mehreren Jahren» so gewesen, dass der Atomstrom aus Mühleberg «mehrheitlich» am Markt verkauft worden sei. Im Klartext: Das AKW Mühleberg produzierte vorwiegend für den Export und den Handel. Die Versorgung der Kunden in der Region Bern war bloss noch ein Nebengeschäft.

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AKW Mühleberg: So viel Strom fällt weg

Stromproduktion des AKW Mühleberg

Die Produktion des AKWs Mühleberg fiel innerhalb von einem Monat von 260 Millionen Kilowattstunden auf 0.

Quelle: Swissnuclear – Infografik: Beobachter/SEE

Grünen-Präsidentin Regula Rytz freut sich über das Geständnis der BKW. «Das Gerede von der Stromlücke war schon immer übertrieben. Die Lichter gehen nicht aus, wenn ein Uralt-AKW abschaltet und in die Energiewende Energiewende Irgendwo müssen die Anlagen halt stehen investiert wird.» Zuletzt bekämpften die Grünen die Schweizer AKWs vor vier Jahren mit der Atomausstiegsinitiative. Mühleberg hätte zwei Jahre früher als geplant vom Netz gehen müssen, Beznau wäre heute ebenfalls stillgelegt.

Die BKW bezeichnete die Initiative damals als «Irrweg». Das Volksbegehren erschwere es, «den hohen Versorgungsstandard der Schweiz zu erhalten», und bringe eine «grössere Abhängigkeit vom Ausland». Die Argumentation überzeugte die Mehrheit der Stimmenden, die Initiative der Grünen fiel durch. «Die Angstmacher-Kampagnen erweisen sich jetzt als Fake», sagt Regula Rytz. Die BKW zeige, dass man auch weniger exportieren könne, statt mehr zu importieren.

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Dass das AKW Mühleberg im Kern ein Kraftwerk für die Stromhändler war, hat die BKW bis heute nie eingestanden. Denn Abstimmungen lassen sich damit nicht gewinnen. Firmenintern war das hingegen seit Jahren klar, wie ein Vortrag des ehemaligen BKW-Handelschefs belegt.

Beat Deuber referierte an einem sonnigen Junitag 2012 hoch über dem Zürichsee zum Thema «Die Schweiz ohne Kernkraft». Nach dem Mittagessen präsentierte der promovierte Physiker der versammelten Energiewirtschaftsbranche seine Analyse: Der Wegfall eines Kernkraftwerks sei selbst im Winter versorgungstechnisch kein Problem, die Stromkonzerne könnten dann einfach weniger nach Italien exportieren. «Mittelfristig wegfallende Kraftwerksleistung in der Schweiz kann durch Exportverzicht nach Italien aufgefangen werden», lautete Deubers Fazit auf der letzten Powerpoint-Folie. Italien sei «eine Versicherung für die schweizerische Versorgungssicherheit».

Ziel Italien

Die Einschätzung ist zwar acht Jahre alt, an ihrer Aktualität hat sich aber nichts geändert. Die Schweiz exportiert heute rund die Hälfte des Atomstroms, belegen die Zahlen des Bundesamts für Energie. «Der Preis zieht den Strom nach Süden», bestätigt ein Strommarktspezialist. Die Marktanreize lenkten den Schweizer Strom dorthin, wo er den grössten Erlös bringe. Das ist meistens Italien.

Als im vorletzten Herbst ein Sturm die Hochspannungsleitung nach Süden über den Albulapass zerstörte, floss im folgenden Winter deutlich weniger Strom nach Italien ab. Er staute sich mangels Transportkapazitäten am Alpenkamm, wie die Zahlen der Netzgesellschaft Swissgrid zeigen.

Im Winter 2016/17 blieb ebenfalls mehr Strom in der Schweiz. Damals fielen die beiden AKWs Leibstadt und Beznau I gleichzeitig fünf Monate lang aus. Wegen der grossen Nachfrage zogen die Inland-Strompreise so stark an, dass sich der Export nach Italien kaum mehr lohnte. Der Markt füllte die «Stromlücke» automatisch auf, allerdings hatte das seinen Preis.

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4,4 Milliarden Franken verdient

Der Schweizer Kraftwerkspark ist für den Landesverbrauch eigentlich überdimensioniert. Die Anlagen rechnen sich nur dank dem Import-Export-Geschäft. In den letzten zehn Jahren haben die Stromkonzerne 4,4 Milliarden Franken damit verdient, zeigen Daten des Bundesamts für Energie. Allerdings sind die Exportgewinne zuletzt stark geschrumpft, weil die Strompreise eingebrochen sind. Anlagen mit hohen Gestehungskosten, wie das AKW Mühleberg, lohnen sich nicht mehr.

Laut FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen braucht die Schweiz aber Reserven. Die BKW habe ohne Mühleberg vielleicht genügend Strom für das eigene kleine Versorgungsgebiet. «Doch die weggefallene Stromproduktion fehlt für die Versorgungssicherheit der Schweiz.» Die Coronakrise zeige, dass man vorsorgen müsse. «Es braucht ein Back-up. Auf weniger Exporte zu setzen, ist naiv.»

Man könne nicht weniger nach Italien exportieren, aber bei Bedarf dennoch Strom in Frankreich und Deutschland zukaufen. «Man kann die Exporte vielleicht etwas drosseln, aber nicht abstellen», sagt Wasserfallen. Der Atomstrom müsse im Inland ersetzt werden. «Sonst haben wir im Winter zu wenig Energie.»

Über dem Nebelmeer

Tatsächlich muss die Schweiz im Winter Strom importieren, weil die Stauseen und Flusskraftwerke weniger Wasser führen und auch die Fotovoltaikanlagen Solarenergie fürs Eigenheim Strom von der Sonne anzapfen weniger hergeben. In diesem Januar und Februar traf diese Regel allerdings nicht zu. Wegen der hohen Temperaturen gab es mehr Wasser, mehr Strom, und es musste weniger Strom als im Vorjahr importiert werden – und das trotz Mühleberg-Aus.

«Der Klimawandel hilft uns derzeit im Winter ein bisschen», sagt Felix Nipkow von der Schweizerischen Energie-Stiftung. Doch auf milde Winter könne sich die Schweiz nicht immer verlassen. «Wir müssen die Fotovoltaik so ausbauen, dass mehr Solarpanels Solarstrom fürs Elektroauto So amortisieren Sie Ihre Fotovoltaikanlage über dem winterlichen Nebelmeer in den Alpen montiert werden», sagt Nipkow. Dann gebe diese Technologie auch im Winter mehr her.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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