Fünf Krähen am Himmel. Sie ­jagen einander nach, lassen sich fallen, fangen sich wieder auf, zwicken sich. Es wirkt wie eine kleine Flugshow, extra für das Publikum unten am Boden.

«Willkommen in der Dohlen-Flugschule», kommentiert Christoph Vogel das Schauspiel am Himmel über Zofingen AG. Natürlich hat der Spezialist der Vogelwarte Sempach die Dohlen an ihrem hellen Kopfgefieder und an den typischen «Kjack»-Rufen sofort erkannt. Auch dass es sich um eine Familie mit Jungvögeln handelt. Zu unbeholfen wirke die Flugakrobatik bei einigen noch.

Rabenvögel – speziell die Dohlen – haben es dem Biologen angetan. ­Liebe auf den ersten Blick war es ­allerdings nicht.

«Fenster zu!», schrie Klein Stöpheli frühmorgens, wenn draussen Krähen krächzten. Die schwarzen Vögel jagten dem Buben Angst ein. Irgendwann verflog sie und schlug in Liebe um. Scheinbar gegenseitig. Nach vielen Jahren in Bern zog der gebürtige Zofinger vor rund 20 Jahren in seine Heimat zurück. Kaum war er da, liessen sich auch die Dohlen im Städtchen nieder und ­zogen im Kirchturm ein.

Mit Beton Nüsse knacken

Vogels ­Begeisterung teilen längst nicht alle. Die grossen, dunklen Vögel sind ­vielen unheimlich, sie gelten als Todes­boten und Unglücksbringer.

Dem Zofinger Friedhofsgärtner Peter Brühlmann bereiten sie ganz weltliche Sorgen. Die Krähen klauten ständig Grablichter und pickten an den Kerzen. «Die Friedhofsbesucher beschweren sich, verdächtigen manchmal sogar andere Besucher, aber es sind ganz klar die Krähen.»

Er habe schon beobachtet, wie sie mit einer Kerze in die Höhe flogen und sie fallen liessen, um die Einfassung zu zerbrechen. Sie öffneten sogar ein Gefäss mit Deckel, um an die Grabkerze zu kommen.

Beides ist typisch für Rabenkrähen: Sie lassen Nüsse oder Muscheln auf Beton fallen, um sie zu knacken. Und sie können ohne Probleme Plastikdosen öffnen. «Blöd sind sie nicht», sagt der Gärtner.

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Grosse Schauspieler

Das mussten schon viele andere merken. Land­wirte etwa, die versuchten, Krähen mit Ballonen, Glitzerstreifen, Vogelscheuchen oder aufgehängten toten Artgenossen abzuschrecken. Vergeblich.

In den Städten sorgen vor allem die Saatkrähen für blanke Nerven. Sie leben in Kolonien. Brütende Vogelpaare, Junge und «Ledige», alle auf einem Haufen. Das ist laut. Die Menschen hängen Krähenklatschen in die Bäume, schicken Laserstrahlen in die Kronen, platzieren Deckel auf den vorjährigen Nestern. Nichts davon vermag die Vögel dauerhaft zu vergraulen.

Wer Kolkraben beim Verstecken von Nüssen beobachtet, ahnt, warum: Sie sind mit allen Wassern gewaschen – geborene Trickser und grosse Schauspieler.

«Ein Rabe schaut sich um, bevor er seine Nuss versteckt. Er guckt, ob ein anderer ihn beobachtet», sagt Christoph Vogel. Wie ein Kolkrabe zieht er die Schultern hoch, schielt mit einem Auge nach links und rechts. Wenn sich ein Rabe ­beobachtet fühle, tue er nur so, als verstecke er die Nuss oder verbuddele nur einen kleinen Stein. Und dann – der Krähenexperte macht es vor – schaut der Rabe in die Luft und guckt harmlos aus der Wäsche. «Der Rabe tut so, als sähe er gar nicht zu.»

Rabenkrähen verhalten sich ähnlich. Saatkrähen und Dohlen klauen sich in den Kolonien gegenseitig Futter und Nestmaterial. Kein Wunder also, dass sich so ein Vogel nicht ins Bockshorn jagen lässt – Tricksen gehört zum Rabenvogelalltag.

Nachtragend – und zwar jahrelang

Überhaupt gibt es einige Parallelen zwischen Rabenvögeln und Menschen. Alle Rabenvögel suchen sich einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben. Diese «Ehen» halten nicht immer bis zum Tod, auch Fremdgehen gehört bei manchen dazu. Rabenvögel sind sozial. Nach einem Streit in der Gruppe trösten die anderen den Unterlegenen und schnäbeln mit ihm.

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Auch wenn für uns alle gleich aussehen: Krähen können einander unterscheiden – und die Menschen. Sie prägen sich Gesichter ein. Wenn man es sich mit einer Krähe mal verscherzt hat, kann das ungemütlich werden. Nachtragend sind sie auch, oft jahrelang.

In den Kolonien von Saatkrähen und Dohlen gibt es eine soziale Ordnung mit strenger Hierarchie und gegenseitiger Unterstützung. Um ihre Nester zu verteidigen, greifen brütende Paare manchmal auf Verwandte zurück. «Ich habe schon Dohlen beobachtet, die zu dritt eine Brut betreuten», sagt Christoph Vogel.

Wie Teenager

Kolkraben und Rabenkrähen gehören zum Typus Eigenheim mit Umschwung. Sie leben paarweise in Territorien. Wer jedoch nicht brütet, schliesst sich einem Junggesellenschwarm an, auch die Weibchen. Als Singles ohne Nachwuchs haben sie viel Zeit, um Party zu machen. Sie treiben gern Schabernack.

Kolkraben etwa veranstalten akrobatische Luftspiele und können als einzige Rabenvögel auf dem ­Rücken fliegen. Manchmal hängen sie spasseshalber kopfunter von einem Ast. Das Video einer Nebelkrähe, die auf einem Dosendeckel mehrmals ein verschneites Dach hinunterschlittelt, ist auf Youtube ein Renner.

Christoph Vogel weiss von einem Kolkraben, der gern Baumnüsse sammelte und sie beim benachbarten Haus in den Kamin warf. Dabei stellte er den Kopf leicht schräg, als würde er lauschen. Die Nüsse schlugen im Cheminée auf. «Das klang vermutlich einfach lustig», sagt er.

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Krähen sind auch erfinderisch, vor allem wenn es ums Essen geht. In Gefangenschaft lebende Saatkrähen haben bei Experimenten aus einem Stück Draht Haken gebogen, um an Futter zu kommen. Dies, obwohl sie in Freiheit keine Werkzeuge ­benutzen und zuvor noch nie vor ein ähnliches Problem gestellt wurden.

Finnische Nebelkrähen sollen gelernt haben, an den Angelleinen von Eisfischern zu ziehen, um so an den Fisch zu gelangen.

Kolkraben und Rabenkrähen gehen auch Kooperationen mit anderen Tieren ein. «Manche reiten auf Kühen mit, weil diese die Insekten aufscheuchen – Leckerbissen, an die die Krähen im hohen Gras sonst nicht kommen», sagt Christoph Vogel.

Meister im Memory

Ein Spezialfall sind die ­Eichel- und Tannen­häher – nicht nur optisch. Sie sind zwar auch Allesfresser, haben sich aber auf Eicheln respektive Arvennüsschen eingeschossen. Für den Winter legen sie deshalb Vorräte an und verstecken Tausende Eicheln und Nüsschen. Die meisten finden sie auch unter einer dicken Schneedecke auf Anhieb wieder. Es scheint, als würden sie eine Art Karte im Hirn abspeichern. Mit 100'000 Nüsschen in 10'000 Verstecken und einer Trefferquote von 80 Prozent ist der Tannenhäher der Champion – und dem Menschen weit überlegen.

Krähen muss man einfach mögen, sollte man denken. Doch jährlich ­werden 10'000 bis 12'000 Rabenvögel bei der Jagd erlegt. «Es gibt so viele Vorurteile», sagt Christoph Vogel und seufzt. Bei der Vogelwarte sass er ­viele Jahre am Krähen-Beratungs­telefon – und habe sich manchmal zusammenreissen müssen, um freundlich zu bleiben. «Im Grossraumbüro grinsten alle, wenn sie sahen, wie ich innerlich kochte.»

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Damit ist nun Schluss. Vogel ist 65 und wird sich in einem Artenförderungsprojekt ausschliesslich um seine Lieblinge kümmern – die Dohlen.

Sie alle gehören zur Rabenfamilie

Zur Familie der Rabenvögel gehören 123 Arten. Rabenvögel sind Singvögel und Allesfresser: Sie ernähren sich von pflanzlicher und tierischer Kost, je nach Angebot und Bedarf. Sie bilden Lebensgemeinschaften zu zweit und umsorgen einander liebevoll. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Rabenkrähe

Rabenkrähe
Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Raben- und Nebelkrähen sind Unterarten der Aaskrähe. Nicht brütende Vögel greifen andere gern an und töten sogar deren Nachwuchs, um das Revier zu erobern. So tragen die Krähen selbst dazu bei, dass ihr Bestand nicht anwächst. Nebelkrähen trifft man im Tessin, Wallis und in Graubünden an, Rabenkrähen in der ganzen Schweiz.

Nebelkrähe

Nebelkrähe
Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

 

Dohle

Dohle

Dohlen leben in Kolonien, nisten aber in Nischen hoher Gebäude oder von Felsen sowie in Baumhöhlen. Sie fallen weniger auf, weil sie nicht so krächzen. Sie sind für ihre Luftspiele im Wind bekannt. Man trifft sie vor allem im Mittelland und im Jura an.

Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

 

Eichelhäher

Eichelhäher
Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

Eichelhäher und Tannenhäher sind quasi die Eichhörnchen der Lüfte: Sie verstecken Tausende Nüsse als Vorrat. Die meisten finden sie wieder – die anderen werden zu neuen Bäumen. Der Eichelhäher gilt als Wächter des Waldes. Seinen Warnruf kennen auch andere Tiere – und machen sich aus dem Staub. Bei Jägern ist er deshalb nicht sehr beliebt.

Tannenhäher

Tannenhäher
Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

 

Saatkrähe

Saatkrähe

Saatkrähen leben wie die Dohlen in Kolonien im Mittelland und in der Nordwestschweiz. Seit den Achtzigerjahren brüten sie in der Schweiz häufig im Siedlungsgebiet, viele Menschen fühlen sich dadurch gestört. Die meisten Saatkrähen bleiben das ganze Jahr hier, dazu gesellen sich im Winter Tausende Gäste aus Nord- und Osteuropa.

Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

 

Kolkrabe

Kolkrabe

Der Kolkrabe ist der grösste und schlauste Rabenvogel. Er ist besonders verspielt und ein guter Stimmenimitator. In einem US-Skigebiet soll es Kolkraben geben, die Lawinensprengungen nachahmen: «Three-two-one-pchch!» Einst fast ausgerottet, ist er heute wieder in der ganzen Schweiz verbreitet.

Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

 

Alpendohle

Alpendohle

Wer in den Bergen einen schwarzen Vogel sieht, hat meistens eine Alpendohle vor sich. Ihr heller Ruf, die roten Beine und der orange Schnabel unterscheiden sie deutlich von den anderen. Alpendohlen wissen genau, wo es wann etwas zu futtern gibt: Pünktlich zur Pause tauchen sie etwa auf Schulhausplätzen auf.

Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

 

 

Elster

Elster

Elstern erkennen sich selber im Spiegel, eine Fähigkeit, die Kinder erst ab zwölf Monaten lernen. Hin und wieder rauben sie die Nester anderer Singvögel aus, deren Bestand beeinflusst das jedoch nicht. Gern ärgern sie Katzen und Hunde. Sie mögen einfach keine Vierbeiner.

Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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