Eine Angel, ein Wurm, ein Gewässer, Geduld und ganz viel Schweigen. Etwa so stellt man sich das Fischen vor, wenn man keine Ahnung hat vom ­Fischen. Wie ich bis vor ein paar Monaten, als ich noch nicht wusste, dass …

  • … die Welt der Angler für Anfänger etwa so undurchsichtig ist wie ein Fluss nach einem Gewitter
  • … Fischer schweigsam sind, aber nicht zwingend beim Angeln
  • … Fischer keine Nachnamen haben
  • … es nicht die Regel ist, einen Fisch zu fangen, sondern die Ausnahme
  • … es doch auf die Grösse ankommt.

«Sie haben wirklich überhaupt keine Ahnung. Noch nie etwas von Schonzeiten gehört?» Der Mann im Fischereigeschäft ist hörbar genervt, als ich vergangenen Spätsommer wissen will, wann denn ­eigentlich Angelsaison sei. «Rufen Sie bei der Fischereiverwaltung an.» Statt auf ­einen Beamten setze ich lieber auf einen Fischer. Stefan Lanz, 28-jährig, angelte schon als Kind. Er klingt zum Glück viel freundlicher, obwohl er im Grunde dasselbe sagt: «Fischen ist weit mehr als Würmer baden. Am besten kommst du einfach mal mit.»

Ein paar Wochen später stehen wir am Ufer der Aare, nur ein paar Minuten vom Stadtzentrum Aaraus entfernt. In das Rauschen des Flusses mischt sich das­jenige der Autobahn. Mit einem feinen Haken spiesst Stefan einen Würfel Greyer­zer auf. Manche Fische stehen offenbar auf Käse. Sorte: egal, Hauptsache, er stinkt. Stefan selber begnügt sich mit einem Schluck Energy-Drink. Die Rute legt er ein paar Meter weiter unten ans Ufer, wo sie den ganzen Abend über bleibt. Grundfischen nennt sich diese ­Angeltechnik für Faule; man muss nichts tun, ausser zu warten, bis hoffentlich die Angelschnur, der Silch, sich spannt.

«Er wird den Abend höchstwahrscheinlich nicht überleben», sagt Stefan über den Regenwurm, den er soeben auf den Haken am Ende seiner zweiten Angelschnur gespiesst hat – hinten rein in den weichen Körper, der sich krümmt, «Entschuldigung!», und vorn wieder raus. An der Schnur hängt ein orangefarbener Zapfen, und weiter vorn sind kleine Bleikügelchen befestigt, damit es der Regenwurm hinunter zu den Fischen schafft. Stefan hat sie aus einer der durchsichtigen Plastikboxen geklaubt, die er beim Angeln immer bei sich hat. Verschiedene, für Laien teils undefinierbare Utensilien lagern darin: feine Drähte, Verschlüsse, silbrige Haken. Auf einer kleinen Plastikdose steht «Made in Western Germany». Die hat Stefan von seinem Grossvater, genau wie das Fischervirus. In einer anderen Box liegen silbrige Plättchen, die ein wenig aussehen wie Hängeohrringe, und etwas grössere, die in der Form an Schuhlöffel erinnern, daneben schwabbelige Gummifischchen in allen Farben und Grössen. Sie heissen Wobbler, Löffel oder Spinner und sind allesamt Köder. Etwa 200 hat Stefan jeweils dabei, weil «du nie genug haben kannst. Schliesslich weisst du nie, welchen Köder du brauchst.»

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Anglerpech: Diese Forelle ist einen Zentimeter zu kurz und darf zurück ins Wasser.

Quelle: Rainer Eder

Was heute funktioniert, wird morgen ignoriert

Klar gibt es ein paar Faustregeln; etwa dass Hechte kannibalisch sind und auf Köder reagieren, die aussehen wie Jung­fische; dass Äschen Bienenmaden mögen und Forellen schimmerndes Perlmutt, das einen Futterfisch imitiert. Und es gilt: je heller das Wasser, desto heller der Köder. Das ist aber noch lange keine Garantie, dass ein Fisch danach schnappt. Was heute funktioniert, wird morgen ignoriert. «Das ist das grosse Mysterium. Auch darum macht Fischen so viel Spass», sagt Stefan und wirft erneut die Angelschnur aus in der Hoffnung, dass der Zapfen ­untertaucht, das Zeichen, dass einer angebissen hat.

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Aber dazu kommt es heute Abend nicht. Gefangene Fische: null. Investierte Regenwürmer: zwei. Enttäuscht? «Nein», versichert Stefan und sagt dann den Satz, den alle Fischer sagen: «Ich fische vor ­allem, weil ich gern in der Natur bin.» Hier sehe man immer wieder Biber, mal schwimme eine Entenfamilie vorbei, und die Entenjungen musterten den Zapfen; und jedes Mal sehe die Umgebung ein wenig anders aus. Auch in die Ferien nimmt er immer eine Angel mit, nach Schottland, Kambodscha oder Slowenien. «Die Soča dort ist so schön, da kriegst du feuchte Augen.»

Vielleicht wird es beim nächsten ­Versuch klappen, eine Jahreszeit später. Dann werde auch ich neben Stefan angeln dürfen, mit hüfthohen Stiefeln am Ufer der Aare stehen, immer wieder die rund drei Meter lange Rute schwingen, den Köder zum Wasser werfen und ihn mitziehen lassen vom Fluss, auf den sich sanft die Schneeflocken senken. Ich ­werde den Zapfen mit Spannung im Auge ­behalten, um ihn jedes Mal aufs Neue ­heranzukurbeln, weil wieder keine Äsche angebissen hat. Gefangene Fische: null. Investierte Bienenmaden: fünf.

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Das Ziel eines jeden Hobby-Anglers: Das Brevet-Abzeichen

Zuerst brauche ich jedoch das Sportfischer-Brevet; ohne den sogenannten Sachkundenachweis (SaNa) ist Fischen seit 2009 verboten. Nur an vereinzelten Gewässern gilt unter Auflagen das Freiangelrecht. «Wir wollen nicht den Doktor machen beim Fischen, sondern legen Wert auf ­eine korrekte und fischgerechte Ausübung unserer Passion», steht ganz vorn im Lehrbuch. Und weiter unten: «Tragen Sie Ihr Brevet-Abzeichen mit Stolz und Verantwortungsbewusstsein.»

Im Buch findet sich alles, was man so wissen muss: in welchen Gewässern welche Fische schwimmen, welche Knoten es gibt und wie man einen Fisch tötet – erst betäuben mit einem heftigen Schlag auf den Kopf, danach den Kiemenbogen durchschneiden. Aber wohl nicht alle Prüfungsfragen werden so simpel sein wie Testfrage Nr. 124: «Was tue ich mit einer alten, nicht mehr brauchbaren Angelschnur am Wasser? a) Liegen lassen, löst sich an der Sonne bald auf. b) Im Bachbett vergraben. c) Zu Hause der Kehrichtabfuhr mitgeben.»

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Ein paar Wochen später im holz­verkleideten Stübli einer Beiz auf dem Land, die Tische in U-Form angeordnet wie in der Schule. 35 Fischerfrischlinge sind hier, die meisten Männer zwischen 35 und 50, drei Frauen und fünf Buben. Es ist kurz nach 21 Uhr, die Fantas, Colas und die paar Stangen Bier sind seit Stunden ausgetrunken, als nach der Theorielektion endlich die Prüfung beginnt. 70 Multiple-Choice-Fragen, 55 davon müssen richtig beantwortet werden. «Die Chance, die richtige Antwort anzukreuzen, liegt bei 30 Prozent», sagt ein Mann aufmunternd zu seinem Nachbarn, dessen Lehrbuch noch aussieht wie neu. Zwei bis drei Prozent der Prüflinge fallen beim ersten Mal durch.

Erst Brevet-Test, dann Bestellkatalog

«Sie haben die SaNa-Erfolgskontrolle bestanden», steht im Gratulationsschreiben, das ich einige Tage später erhalte. Petri Heil, nun dürfte ich also offiziell ­fischen. Das beiliegende runde Abzeichen verstaue ich aber erst einmal im Portemonnaie. Die ganze Sache erscheint mir noch immer so unübersichtlich wie der 612 Seiten dicke Versandkatalog, der eines Tages unbestellt in meinem Briefkasten liegt. Die Köderchen «Balzer MK Polderquirl» auf Seite 310 lassen mit ihrer «dezenten Rasselkugel» angeblich «keinen Hecht kalt» – für knapp zwölf Franken. Ebenso verführerisch klingt der «Perca Top Lure», der «Spinner mit dem roten Puschel», bei dem «jeder Fisch schwach» wird. Es gibt Grundfutter im Sieben-Kilo-Pack, wahlweise mit Erdbeer-, Anis- oder Knoblaucharoma, Mais in verschiedenen Grössen, Faltliegen mit gepolstertem Kopfteil (belastbar bis 200 Kilo) und Sonnenbrillen, mit denen man die Fische unter der Wasseroberfläche sieht. Als Geschenk gibt es zu jeder Bestellung einen silbrigen Flaschenöffner im Fischdesign dazu.

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In Martin Berners Garage sieht es aus, als würde er öfter aus solchen Katalogen bestellen. In all den Jahren habe sich halt so ­einiges angesammelt. Etwa 20 Ruten ­lagern hier, für jede Fischart die pas­sende, manche der Gummiköder sind fast 30 Zentimeter lang und liegen schwer in der Hand. Sie sind nötig für die grossen Brocken, die Berner in den Ferien in Schweden, Norwegen oder Kanada fängt. Ein heimischer Rekordfisch, eine Bach­forelle – 71 Zentimeter lang, 3900 Gramm schwer –, hängt gefriergetrocknet und original­getreu koloriert über seinem Sofa, gleich neben den gerahmten Fotos seiner Kinder. 800 Franken liess er sich die Erinnerung an den Superfang kosten, «und der Fisch ist jeden Franken wert».

Seit über 30 Jahren fischt der 44-Jäh­rige schon, auch als SaNa-Instruktor und Fischereiaufseher ist er tätig, und das ­Fieber ist noch immer zu spüren. Da sei ­diese Spannung, wenn man den Köder durchs Wasser ziehe und jeden Moment mit einem Ruck rechnen müsse. Da sei diese Ruhe der Natur, die den ­Alltag vergessen lasse. «Auch das Unberechenbare, ob ich den Fisch über­listen kann, macht den Reiz des Fischens für mich aus.»

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Zu Hause besitzt Martin Berner ein ganzes Arsenal an Anglerutensilien.

Quelle: Rainer Eder

Martin Berner schätzt beim Angeln die Kombination aus Ruhe und Spannung.

Quelle: Rainer Eder
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Nach 256 Minuten beisst der erste Fisch zu

Die Wahrscheinlichkeit, etwas zu fangen, nimmt jedoch von Jahr zu Jahr ab. 2012 zogen Angelfischer rund 320'000 ­Forellen aus Schweizer Fliessgewässern, vor 20 Jahren waren es noch mehr als doppelt und vor 40 Jahren sogar fünfmal so viele. Die Aargauer Fischfangstatistik zeigt auf, dass Angler durchschnittlich vier Stunden und 16 Minuten warten, bis sie einen Fisch an der Angel haben; vor zehn Jahren reichten ­eine Stunde und 41 Minuten.

Kein Wunder, werden die meisten ­Fischer schweigsam, wenn es um ihre Tricks, ihre verheissungsvollsten Angelplätze oder die erfolgreichen Köder geht. «Aber dass wir am Ufer nur schweigen, ist ein Klischee», sagt Martin Berner. «Fische reagieren weniger auf Lärm als auf Erschütterungen.»

Davon wird es heute keine geben. Es ist kurz nach sieben Uhr in der Früh auf dem Zürichsee. Himmel, Wasser und Landschaft sind in dieselbe bläulich graue Farbe getaucht. Zwei Angler nehmen mich mit ins Boot zum Forellen­fischen. «Ich bin Evelyne, und das ist Henry, wir Fischer sagen einander alle du», sagt die 50-Jährige, die von den meisten ihrer Fischerkollegen nur den Vornamen kennt. Mit der Rute in der Hand werden Beruf und Privatleben plötzlich nebensächlich.

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Fischerinnen wie Evelyne Smit sind rar. «Wie kannst du bloss einen Fisch töten!», wird sie manchmal von Nichtfischern gefragt, meistens sind es Frauen. Auch deswegen hielt sie sich anfangs lieber bedeckt. Wenn sie heute vor der Arbeit einen Fisch fängt, legt sie ihn nicht mehr heimlich in den Bürokühlschrank wie früher, sondern ganz ­offiziell. Seit fünf Jahren nutzt sie fast jede freie Minute zum Angeln, mal am Ufer, mal auf dem See, «aber ich bin immer noch Anfängerin».

Henry Loher dagegen fischt schon länger als sein halbes Leben. Sein Boot ist nicht einfach nur ein Fischerboot. «Was du hier siehst, ist kein Standard, das ist Hightech», sagt der 55-Jährige, Vorstand im Fischereiverband des Kantons Zürich. Die champagnerfarben schimmernden Rollen sind eigentlich für die Meerfischerei gedacht, das Echolot kann dank Schallwellen Fischschwärme orten, und handgemachte Perlmuttköder, Henrys Geheimwaffe, sind zu Dutzenden in Etuis aufgereiht. 1500 Franken ist der Inhalt ­eines einzelnen Etuis wert, Henry besitzt etwa 20 davon. Hinzu kommen etwa 100 Ruten und alles, was sonst noch nötig ist. «Es ist wie eine Sucht. Wir Fischer sind halt auch Sammler.»

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Wie wird man Fischer?

Seit 2009 darf man nur noch mit dem Sportfischer-Brevet angeln (Ausnahme: Freiangelrecht). Dieses erhält, wer einen der SaNa-Kurse besucht, die in allen Kantonen angeboten werden. Der fünfstündige Kurs umfasst Theorie, praktische Übungen und eine Multiple-Choice-Prüfung. Das Lehrmittel dazu heisst «Schweizer Sportfischer-­Brevet». ­Zusätzlich zum SaNa-Ausweis ist je nach Kanton eine Tages-, Wochen-, Monats- oder Jahreskarte für einen ­bestimmten Gewässer­abschnitt obligatorisch, um darin fischen zu dürfen. ­Zudem sind Angler verpflichtet, eine Fischfang­statistik zu führen. Informationen erhält man direkt beim kantonalen Fischereiamt.

Als Anfänger schliesst man sich am besten einem erfahrenen Fischer an, um einen Einblick in die Praxis zu er­halten. Die meisten Fischervereine helfen gern bei der Vermittlung. www.anglerausbildung.ch

Evelyne Smit beim «Schleppfischen mit Hund»: Die rote Boje, Hund genannt, spannt ...

Quelle: Rainer Eder
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Kleine Fische für grosse Fische

Nun aber Konzentration. «Schlepp­fischen mit Hund» heisst unsere Angeltechnik für heute. Links und rechts des Bootes setzen Evelyne und Henry je einen Hund ins Wasser, eine Art Boje in Form eines Katamarans. Daran befestigt ist eine Leine, die sie auf eine Länge von 40 Metern ausrollen. Alle paar Meter hängen sie eine Köderschnur mitsamt Glöcklein an die Leine. Die einen sind mit richtigen Fischlein bestückt, die eben noch ge­froren in einer Tupperware-Box lagen, die anderen mit Perlmuttködern, die wie ­Fische im Wasser schwänzeln.

Jeder Handgriff sitzt, Worte sind keine nötig. Das Boot ist ständig in Bewegung, knapp unter Schritttempo. Dann heisst es: warten, bis hoffentlich ­eine Forelle ­anbeisst und eines der Glöcklein klingelt. Evelyne schenkt heissen Kaffee ein, der gelegen kommt in der morgend­lichen Kälte.

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«Schau, auch deswegen fische ich», sagt sie auf einmal und zeigt auf den Himmel, der sich über dem Horizont rot verfärbt. Sie holt ihr Handy heraus und zeigt Fotos von weiteren Sonnenaufgängen. Henry holt seines heraus und zeigt Fotos von Fischen. Der letzte Fang war ein 64-Zentimeter-Brocken; eine Seeforelle in dieser Grösse bekommen manche ein Fischerleben lang nie zu Gesicht.

Nach zweieinhalb Stunden springen Henry und Evelyne plötzlich auf. Ein Glöcklein hat geklingelt. «Ou, das ist ein Schöner! Das ist ein ganz Schöner!», murmelt Henry immer wieder, während er den Fisch herankurbelt. «Der ist bestimmt 70 Zentimeter lang!» Evelyne steht schon mit dem Kescher bereit. Schön ­ruhig bleiben. Einen Moment noch, ein Ruck, und der Fisch zappelt neben dem Boot im Wasser. Eine fette Seeforelle, silbrig schimmernd, gesprenkelt mit schwarzen Punkten. Henry strahlt, und Evelyne keschert den Fang. Rasch löst Henry den Haken und setzt die Forelle in den Fischkasten im Bauch des Bootes. Dort wird sie ihre letzten Stunden schwimmen, bis wir am Ufer sind.

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... die Fangschnur, an der acht Leinen mit Haken hängen.

Quelle: Rainer Eder

Sobald alle Fangleinen wieder auf­gereiht sind, kümmert sich Henry um die Kundgabe des Superfangs. «Wirklich? 70 Zentimeter? Wo? Mit welchem Köder?», wollen die Fischerfreunde wissen, die er nacheinander per Handy informiert. «Du brauchst nicht mehr zu kommen, ich ­habe ihn schon», antwortet Henry jeweils grinsend. Wir hören per Lautsprecher mit. Evelyne verdreht lächelnd die Augen: «Typisch Mann.»

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Noch vier weitere Male wird das Glöcklein heute klingeln. «Hätten wir nichts gefangen, wäre ich trotzdem glücklich – wegen des schönen Tages auf dem See», sagt Evelyne, als wir wieder zurück an Land sind. «Und ich, weil ich ums ­Filetieren herumkäme», ergänzt Henry und hebt seine Seeforelle in die Luft. «Könntet ihr bitte noch kurz ein Foto ­machen?»