Im fünften Untergeschoss des Naturhistorischen Museums Basel stinkt es penetrant nach Alkohol. Flackerndes Neonlicht beleuchtet einen grossen Kellerraum, und ein vergilbtes Schild weist auf Explosionsgefahr hin. Den meisten Platz des Raums belegen grosse graue Archivschränke. Ambros Hänggi drückt auf einen Knopf, worauf die Schränke leise surrend auseinanderrollen. Zum Vorschein kommen Hunderte von Gläsern. In ihnen lagern tote Spinnen, konserviert für die Ewigkeit, in hochprozentigem Alkohol. «Die Sammlung umfasst rund 2600 Spinnenarten aus aller Welt», sagt Hänggi, «darunter sehr altes Material von grossem Wert.»

Ambros Hänggi ist Leiter der Abteilung Biowissenschaften und einer der besten Spinnenkenner des Landes. Die Sammlung ist sein Heiligtum. Denn sie dient als wichtiges Arbeitsinstrument, um die Arten bestimmen und vergleichen zu können. Hänggi hat sich mit den Achtbeinern schon derart intensiv befasst, dass er jede einheimische Art quasi im Schlaf bestimmen kann. Und es sind nicht wenige: 945 Arten wurden in der Schweiz schon nachgewiesen. Und laufend werden neue entdeckt. «Wir glauben, dass es noch mindestens 450 unbekannte Arten gibt», sagt Hänggi, «man müsste einfach genauer hinschauen.»

Ob diese unentdeckten Arten je ans Licht kommen werden, ist indessen mehr als fraglich. Denn die Fachleute, die sich wie Hänggi mit den einheimischen Tier- und Pflanzenarten befassen, werden immer rarer. «Alles spricht von Biodiversität», sagt der Basler, «aber die Experten, die die Vielfalt der Natur noch kennen, sind heute selber eine aussterbende Spezies.»

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In der Tat hat die Zahl der Taxonomen, wie die Artenkenner in der Fachwelt heissen, in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Heute existieren in der Schweiz nur noch zwei Professuren, die sich mit der Systematik der Pflanzen befassen. In der Zoologie ist kein einziger Lehrstuhl mehr vorhanden. Schweizweit kennen sich mit Spinnen vielleicht noch sieben Experten aus. Noch etwa drei befassen sich mit den Eintagsfliegen, zwei mit den Steinfliegen, einer mit den Laufkäfern. Auch für die zahlreichen Wurmspezies findet sich nur noch ein Spezialist. Und für andere Tiergruppen, etwa die Milben, gibt es gar keinen mehr. Besser sieht es immerhin bei den Schmetterlingen, Libellen und Heuschrecken aus.

Das Verschwinden der Artenspezialisten stellt die Naturmuseen bereits vor Schwierigkeiten. Denn eine ausreichende Aktualisierung und Ergänzung der Sammlungen ist nicht mehr möglich, wenn die Experten fehlen. So motten die schweizweit rund 41 Millionen konservierten Tiere und Pflanzen ohne gebührende Pflege vor sich hin, und neues Material bleibt oft über Jahre unbearbeitet.

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Allerdings ist dies nur eines der kleineren Probleme. Der Mangel an Artenkennern hat viel weitreichendere Konsequen-zen. «Die biologische Vielfalt kann nur mit guten Artenkenntnissen erforscht werden», sagt Ambros Hänggi. «Wenn man die Arten nicht kennt, merkt man auch nicht, wenn eine ausstirbt.» Dies birgt insbesondere in den Bereichen Gewässer und Boden ein grosses Risiko. «Wenn zum Beispiel neue Stoffe in die Umwelt gelangen, kann niemand abschätzen, was die Auswirkungen auf die Lebewesen und die Ökosysteme sind», warnt Daniela Pauli, Geschäftsführerin des Forums Biodiversität in Bern.

Viele tausend unbekannte Arten

Tatsächlich ist über die einheimische Natur erstaunlich wenig bekannt. Bis heute sind in der Schweiz rund 26'000 Tierarten nachgewiesen. Man schätzt aber, dass wohl eher 45'000 Arten bei uns heimisch sind. Praktisch immer, wenn Forscher ein Gebiet genauer unter die Lupe nehmen, entdecken sie neue Arten. Dabei gehen ihnen nicht nur in der Schweiz erstmals nachgewiesene, sondern oft auch wissenschaftlich völlig unbekannte Arten ins Netz. Vor einigen Jahren beispielsweise untersuchten Wissenschaftler die Insekten des Sihlwalds bei Zürich. Unter den insgesamt 953 nachgewiesenen Fliegenarten fanden sie 186 Arten, die in der Schweiz noch nie nachgewiesen wurden. Und 20 Arten waren der Wissenschaft bislang völlig unbekannt.

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Schliesslich ist auch der Naturschutz als solcher bedroht, wenn es zu wenig Artenkenner gibt. «Um den Wert von Gebieten und Lebensräumen zu bestimmen, brauchen wir die Taxonomen», sagt Daniela Pauli. «Nur sie können uns sagen, welche Flächen wir unbedingt schützen müssen.» Zudem brauche es heute konkrete Gründe und Zahlen, wenn man ein Gebiet vor Eingriffen bewahren wolle. Und die könnten nur die Spezialisten liefern.

Elias Landolt, emeritierter Professor für Geobotanik, ergänzt, dass Biodiversität auch eine Bedingung für die wirtschaftliche Nutzung der Natur sei – etwa für die Gewinnung von Wirkstoffen für Medikamente. «Sowohl die Nutzung als auch die Erhaltung der Natur setzt die Kenntnis der Organismen und der Zusammenhänge voraus.»

Wenn also die Artenspezialisten so wichtig sind – wie konnte es denn dazu kommen, dass sie heute selber auf der Roten Liste stehen? «Die Hochschulen müssten diese Leute ausbilden, doch sie setzen seit vielen Jahren andere Prioritäten», sagt Ambros Hänggi. Heute seien Molekularbiologie, Biochemie und Genetik gefragt, nicht mehr das Bestimmen und Inventarisieren von Heuschrecken oder Pflanzen.

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Quelle: Gian Marco Castelberg

Gentech statt Artenkenntnis

Hänggi sitzt in seinem Büro im Naturhistorischen Museum. Es riecht nach Kaffee, in hölzernen Beamtenschränken lagern von Hand beschriftete Ordner und alte Bücher. Verstaubte Schaukästen hängen an der Wand, gefüllt mit Käfern, Schmetterlingen und Muscheln. Und überall sieht man Spinnen: aus Plastik, eingegossen in Kunstharz, auf Postern an der Wand.

Modern ist es nicht, dieses Büro, Betätigungsfeld eines «Feld-, Wald- und Wiesenbiologen». Die meisten Biologen haben denn auch die Bestimmungsbücher weggelegt und sich Reagenzgläsern und DNA-Sequenzierungsgeräten in modernsten Chemielabors zugewandt. Forschungsgelder fliessen fast nur noch in Projekte, die internationales Renommee versprechen und deren Resultate man in den wichtigsten Fachpublikationen veröffentlichen kann. «Wenigstens finanziert das Bundesamt für Umwelt noch einige wichtige Forschungsprojekte», sagt Beatrice Senn-Irlet, Pilzexpertin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Sie meint damit zum Beispiel die von ihr betreute nationale Pilzdatenbank.

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Die Neuausrichtung der Biologie hat längst auch das Grundstudium an den Schweizer Hochschulen erfasst. Wer heute an der Universität Zürich Biologie studiert, lernt maximal 20 Pflanzennamen auswendig – dafür chemische Formeln zu Tausenden. Noch in den 1980er Jahren dauerte das Studium der Arten zwei Jahre, ebenso das der ökologischen Zusammenhänge.Heute steht dafür nur noch Zeit für je eine kurze Einführung zur Verfügung.

Quelle: Gian Marco Castelberg
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Wissenslücken bei Kindern

Vielleicht muss man das Aussterben des «Homo taxonomicus» aber auch in einem grösseren Rahmen betrachten. Denn das Wissen über die einheimische Natur erodiert nicht nur bei den Biologen, sondern in der ganzen Gesellschaft. So untersuchte eine Studie 2005, wie viele Arten Schweizer Kinder auf ihrem Schulweg wahrnehmen. Laut Ergebnis bedenklich wenig: 5,1 Pflanzen- und 5,2 Tierarten waren es im Schnitt. Am häufigsten genannt: Katze, Hund, Vogel, Löwenzahn, Gras, Ameise und Baum. Eine andere Studie – aus Grossbritannien – bestätigt den Trend. Als die Forscher den Schulkindern Abbildungen von häufigen Arten wie Dachs oder Eiche zeigten, konnten die Kinder nur 53 Prozent der Bilder richtig benennen. Legte man ihnen aber japanische Trickfilmfiguren (Pokemon) vor, betrug die Trefferquote 78 Prozent.

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Was Ambros Hänggi daher fast noch mehr umtreibt als das «Taxonomensterben» ist die Tatsache, dass die einheimische Natur auch in der Schule immer weniger Gewicht hat. Für ihn ist klar, dass dies mit der Lehrerausbildung zu tun hat: «Artenkenntnis ist in der Ausbildung zum Gymnasial- oder Sekundarlehrer schlicht kein Thema mehr.» Grund: Die Ausbildung findet an den Universitäten statt und ist eng mit den Entwicklungen in der Fachrichtung Biologie verknüpft.

Anni Heitzmann, Verantwortliche für die Ausbildung von Biologielehrern der Sekundarstufe an der Fachhochschule Nordwestschweiz, stimmt Hänggi zu. Viele Lehrpersonen erhielten im Studium nur noch geringe Kenntnisse über die einheimische Tier- und Pflanzenwelt vermittelt, da sich die Fachausbildung in Richtung Biochemie verschoben habe. «Es gibt Lehrpersonen, die während ihrer Ausbildung kaum an Exkursionen teilnehmen und daher wohl auch nie eine Exkursion durchführen werden», klagt die Pädagogin. Auch die Primarlehrerausbildung habe sich grundlegend gewandelt; traditionelle Biologie sei immer seltener ein Thema.

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Yves Gonseth, Direktor des Schweizer Zentrums für die Kartografie der Fauna und Taxonom für Schmetterlinge, teilt diese Sicht: «Heute lernen Kinder zwar, wie die Photosynthese abläuft, aber sie kennen die häufigsten Arten nicht mehr», sagt er. Das sei eine Tendenz, über die man dringend reden müsse.

Quelle: Gian Marco Castelberg

Investition in die Arterhaltung

Darüber reden reicht allerdings nicht – das wissen auch die Taxonomen. Gonseth, Hänggi und ihre Berufskollegen versuchen daher, der Erosion des Wissens Gegensteuer zu geben. Zum einen gründeten sie die Swiss Systematics Society, um der Artenkenntnis mehr Gewicht zu verleihen. Zum anderen bieten sie vermehrt Kurse in Artenkunde an, meist im Auftrag von Naturmuseen, Umweltverbänden oder Universitäten. So hat Hänggi mit Partnern neulich einen Spinnenkurs angeboten. Zehn Personen haben ihn besucht, drei werden sich wohl auch weiterhin intensiv mit den Achtbeinern auseinandersetzen. «Wieder drei mehr!», freut sich Hänggi.

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Neben den Taxonomen springen inzwischen immer mehr Umweltorganisationen in die Bresche und versuchen, die Naturkenntnisse mit Bildungsangeboten und Lehrmitteln zu fördern. Doch trotz diesen Anstrengungen werden die Artenkenner noch lange eine seltene Art bleiben. Die meisten kommen demnächst ins Rentenalter. Und Nachwuchs ist nicht in Sicht.

  • Artenkunde: Überblick über das gesamte Kursangebot zur einheimischen Flora und Fauna: www.artenspezialisten.ch (wird im März 2010 aufgeschaltet)

  • Jahr der Biodiversität: 2010 besteht eine grosse Auswahl an Angeboten zum Thema Biodiversität (biologische Vielfalt). Infos unter www.biodiversität2010.ch

  • Schweizer Naturschutz: Diverse Kurs­angebote unter www.naturschutz.ch

  • NATUR 2010 Messe, Kongress und Festival zum Thema Biodiversität: NATUR ist die grösste Schweizer Messe zu den Themen Ökologie und Nachhaltigkeit (11.–14. Februar 2010; Messe Basel, Halle 4). Der dazugehörende NATUR-Kongress ist dem Thema Biodiversität gewidmet (12. Februar, Musical-Theater Basel). Infos: www.natur.ch 

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