Der Gepard steht mit höchster Erregung im hohen Gras, unter seinem Fell vibriert jeder Muskel. Das Raubtier fokussiert auf sein Opfer – einen Hasen, der sein Versteck verlassen hat. Dann der Sprint: Der Gepard scheint durch das Gras zu fliegen. Bis zu 120 Stunden­kilometer erreicht die Katze bei ihrer Attacke; der Hase hat keine Chance. Das Opfer kommt zu Fall, ein Kehlbiss besiegelt sein Schicksal.

Geparde sind von Kopf bis Fuss auf Jagd getrimmt – und entsprechen damit dem Prototypen des perfekten Raubtiers. Allerdings müssen Raubtiere keineswegs windschnittig und hochbeinig gebaut sein, um erfolgreich Beute machen zu können: Pummelige Bären erbeuten täglich Dutzende von Lachsen. Kohlmeisen fangen jeden Frühling Zehntausende von Raupen. Marienkäfer – in unseren Augen Glücksbringer – verspeisen Blattläuse im Minutentakt. Und auch die kleinen Laubfrösche, die uns Menschen so niedlich erscheinen, sind in den Augen der Fliegen nichts anderes als Killermaschinen.

Fressen und Gefressenwerden ist seit Urzeiten eines der Grundprinzipien der Natur. Beutegreifer – so nennt man die Raubtiere korrekterweise – sind nicht nur in der Savanne, sondern in allen Biotopen allgegenwärtig und haben ihre Beutetiere seit je beeinflusst und geformt.

«Seit es fleischfressende Arten gibt, liefern sich Räuber und Beute ein regelrechtes Wettrüsten», sagt Barbara König, Professorin am Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften an der Universität Zürich. «Sobald ein Beutetier ein Gegenmittel gegen die Feinde entwickelt hat, müssen sich Letztere wieder etwas Neues einfallen lassen.» Dadurch entwickelten die Tiere im Lauf der Evolution immer wieder neue Jagd- und Abwehrstrategien. Sieben Jagdtechniken führen todsicher zum Erfolg.

Sitzen und warten

Es gibt gewiss spektakulärere Jagdstrategien als Sitzen und Warten. Doch viele Schlangen, Spinnen und Insekten machen genau das: Sie warten tage- oder gar wochenlang in ihrem Versteck, bis ihnen ein Opfer über den Weg läuft. Dann allerdings gilt es, die Gunst des Augenblicks zu nutzen – denn wer weiss, wie lange es dauert, bis wieder ein Stück Frischfleisch heranmarschiert.

Einen besonders fiesen Trick wendet die australische Wüstentodesotter an. Sie buddelt sich im Wüs­tensand ein und streckt nur ihr dünnes gelbes Schwanzende heraus. Kriecht dann nach Wochen des Wartens ein Skink – ein eidechsenartiges Reptil – vorbei, zuckt das Schwanz-anhängsel der Schlange hin und her. Der Skink glaubt, er habe einen Wurm entdeckt, und will zubeissen. Doch bevor er zur Tat schreiten kann, schnellt die sonst so phlegmatische Otter hervor und schlägt ihre Giftzähne ins Opfer.

Auf die Taktik des Abwartens haben sich auch mehrere Vögel spezialisiert, so die einheimischen Eisvögel. Sie sitzen so lange auf einem Ast über dem Wasser, bis ein Fischchen vorbeischwimmt. Dann stürzen sich die Vögel kopfüber ins Wasser und schwimmen ihrem Opfer flügelschlagend mehrere Meter weit hinterher.

Jagd im Rudel

Gemeinsam ist man stärker. Dieses simple Prinzip machen sich viele Beutegreifer zu eigen – auch solche, von denen man es nicht erwarten würde. Besonders strategisch agieren Schimpansen. Nimmt sich die Schimpansengang eine Gruppe Stummelaffen vor, schleicht sie sich klammheimlich an sie heran. Augenkontakt mit den Opfern wird tunlichst vermieden. Doch sobald die Stummelaffen die Gefahr bemerken, ändern die Menschenaffen ihre Strategie: Eine lautstarke Treibjagd beginnt, bei der die Angreifer ihre Opfer in eine bestimmte Richtung drängen. Und genau dort, hinter einem Baum, versteckt sich der stärks­te und älteste Schimpansenmann. Eins der Stummeläffchen erwischt er meist.

Auch einige Fledermäuse jagen im Team: Eine Schweizer Biologin hat herausgefunden, dass Hasenmaulfledermäuse einander auf die Beute aufmerksam machen: «Die Tiere nehmen die Echosignale der anderen wahr», sagt Dina Dechmann vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. «Anhand der Signalmuster erfahren sie, wo die anderen jagen und ob sie fündig wurden.» Das macht die Jagd viel effizienter.

Wanderameisen wiederum überwältigen hundertfach grössere Beutetiere, indem sie zu Tausenden über sie herfallen. Die Rudeljäger schlechthin sind aber die Löwen: Nur im Team gelingt es ihnen, grosse und äusserst wehrhafte Büffel und manchmal gar Elefanten zu überwältigen.

Schnelligkeit

Auf Teamwork verzichten kann der Gepard, das schnellste Tier der Welt. Bei einem Duell über 100 Meter wäre die Raubkatze drei Sekunden schneller als Usain Bolt, der Weltrekordhalter. Da haben auch die schnellsten Gazellen, die es auf bis zu 90 Stundenkilometer bringen, keine Chance. Allerdings sind Letztere einiges langatmiger als der Gepard: Der macht schon nach 500 Metern schlapp.

Schnelligkeit ist dann vonnöten, wenn Fluchttiere auf dem Speiseplan stehen: Antilopen, Hasen oder auch Fische. Tölpel – torpedoförmige Meeresvögel mit langen Schnäbeln – stürzen sich mit bis zu 100 Stundenkilometern ins Wasser, um blitzschnell einen Fisch zu packen. Dabei tauchen sie oft 20 Meter tief ein. Nur weil Gasbläschen und Luftsäcke unter ihrer Haut den Schlag abdämpfen, überstehen die Vögel den Aufprall auf der Wasseroberfläche.

Giftattacke

Chemische Waffen gelten in Kriegen unter Menschen als besonders verwerflich. Im Tierreich sind sie freilich keine Seltenheit. Spinnen, Skorpione oder Schlangen haben bei der Jagd hochwirksame Gifte zur Verfügung, mit denen sie die Opfer innerhalb weniger Minuten töten. Andere Tiere wie Pfeilgiftfrösche, Bienen, giftige Fische oder Quallen hingegen benutzen ihr Gift «nur», um sich zu verteidigen.

Ein besonderes Chemieduell liefern sich Wolfsspinnen und Wegwespen – mitten in unseren Gärten. Die Wolfsspinnen, flinke und bewegliche Giftjäger, werden von der noch schnelleren Wegwespe mit Angriffen aus dem Hinterhalt überrascht und innert Sekunden per Giftstich betäubt.

Ist die Spinne eine halbe Stunde später tot, verbuddelt die Wespe ihre Beute in der Erde, worauf sie ein einzelnes Ei dazulegt. Die entschlüpfende Wespenlarve kann sich dann monatelang vom Spinnenfleisch ernähren, bis sie selber als ausgewachsene Wegwespe aus der Erde steigt.

«Der Mensch, biologisch gesehen, ist das furchtbarste aller Raubtiere», sagte einst der amerikanische Philosoph Wil­liam James. Ob er die Taktik der Wegwespen kannte?

Spezialsinne

Eine im Unterholz versteckte Maus kann sich vor Menschen sicher fühlen: Weder sehen noch hören wir das getarnte Tier. Schlangen sind da um einiges feinfühliger. Zum einen vermögen sie die Ultraschall-Pieptöne der Nager zu hören, zum anderen verfügen sie über extrem feine Erschütterungssensoren und einen rekordverdächtigen Geruchssinn. Bei Grubenottern konnte man gar nachweisen, dass sie die Nager mittels eingebauter «Infrarotkamera» orten: Das sogenannte Grubenorgan zwischen Augen und Nase registriert minimale Temperaturunterschiede von 0,003 Grad – selbst im dichten Unterholz.

Auf Spezialsinne setzen auch Hammerhaie. Dank Elektrosinn spüren sie im Sand vergrabene Schollen auf, da jede Muskelbewegung ein feines elektrisches Feld erzeugt. Aale hingegen lähmen ihre Beute mit starken Stromstössen. Und Fledermäuse setzen auf Ultraschallradar, um ihre Opfer zu orten. Einige Nachtfalter haben den Trick allerdings durchschaut: Sobald sie die Klicktöne einer Fledermaus hören, lassen sie sich blitzschnell fallen.

Fallen stellen

Meister im Fallenstellen sind Spinnen. Das Radnetz ist dabei nur eine von vielen Methoden des Beutefangs. Allerdings tappen sie ab und an auch selbst in die Falle: Eine Raubwanzenart spaziert nämlich mitten ins Spinnennetz und lässt es vibrieren, als wäre sie ein zappelndes Beutetier. Eilt die Spinne heran, wird sie sofort überwältigt.

Effektiv ist auch die Falle des Ameisenlöwen. Das Tierchen, das zur Hälfte aus einem Kopf mit Beisszangen besteht, buddelt einen glatten Trichter in den Sand und vergräbt sich zuunterst. Sobald eine Ameise oder ein Käfer am Trichterrand steht, bewirft der Ameisenlöwe sein Opfer mit Sand, bis es in den Trichter plumpst. Dann wird die Beute unter den Sand gezogen und auseinandergenommen.

Austricksen

Manchmal jedoch sind echte Spezialtricks vonnöten, um ans Ziel zu gelangen. Steinadler «knacken» in Griechenland Landschildkröten, indem sie sie aus grosser Höhe auf einen Felsen fallen lassen. Baum­ozelote – kleine Raubkatzen – imitieren die Geräusche von Affenbabys, um Primaten anzulocken. Und im Himalaya wollen Forscher gesehen haben, wie sich Kragenbären als Lawine getarnt auf Hirsche stürzten: Sie kugelten den schneebedeckten Hang hinunter und waren dabei gut getarnt, weil der Schnee im Fell haften blieb.

Die Pranke, die aus dem Schneebrett kam – das soll den Bären erst mal einer nachmachen.

Können Raubtiere andere Tiere ausrotten?

Jüngst hat man entdeckt, dass eine Fledermausart hochgiftige Skorpione jagen kann. Sie wurde im Lauf der Evolution immun gegen das Gift – die einzige Abwehrstrategie der Skorpione wurde also nutzlos. Die Gefahr, dass sie nun aussterben könnten, droht aber nicht: «Wegen eines Raubtiers ist noch nie eine Tierart ausgestorben», sagt Barbara König. Nur der Mensch schaffe es, andere Arten auszurotten. «Sobald ein Beutetier zu selten wird, lohnt es sich für ein Raubtier nicht mehr, ihm nachzuspüren.» Stattdessen verlegt es sich auf eine andere Beute, wodurch sich die Art wieder erholen kann.

So können sich regelrechte Räuber-Beute-Zyklen entwickeln: Kommt ein Beutetier häufig vor, nimmt auch die Population der Räuber zu. Dadurch wird das Beutetier seltener, worauf auch der Bestand der Raubtiere einbricht. Nun beginnt das Spiel von vorne: Die Beutetiere erholen sich, die Raubtiere ziehen nach. Bekannt sind solche Zyklen etwa bei Luchsen und Schneeschuhhasen in Kanada.