Der Himmel schien weiter als sonst an diesem Morgen, der Atlantik blauer. Isidro Ortíz Mendoza pirschte mit einer Flinte durch die dürren Wiesen, das Bergdorf Chipude im Rücken. Der Wind, der auf der Kanarischen Insel La Gomera nie müde wird, wirbelte die Halme durcheinander, raschelnd wichen die Eidechsen dem jungen Jäger aus. Er legte die Flinte an und schoss auf ein Rebhuhn. Sprang der Beute hinterher. Einen steilen Hang hinab. Noch einen. Bis er nicht mehr weiterkam. Zu stark war das Gefälle, ausweglos seine Lage.

Gerettet hat ihn damals «El Silbo Gomero». Isidro Ortíz Mendoza pfiff mit der über lange Distanzen hörbaren Pfeifsprache der Inselbewohner Hilfe und ein Seil herbei. Rund 35 Jahre später rettete er El Silbo (von spanisch silbar = pfeifen).

Fast jeder Inselbewohner kennt eine Geschichte wie die von Isidro Ortíz Mendoza. Sie alle haben Eltern oder Grosseltern, die von der Landwirtschaft lebten. Ziegen hüteten, Vieh hielten, Gemüse anpflanzten. Die Pfeifsprache gehörte bis in die 1960er-Jahre zum Alltag der Gomeros. Von Hügel zu Hügel pfiffen sie sich Nachrichten zu auf ihrer Insel, deren Form an eine Orangenpresse erinnert. Steinige Berge und steile Täler wechseln sich ab. Ein internationaler Flughafen fehlt, weil nur kurze Landepisten auf dieses zerklüftete Eiland passen wollen.

Ein pfiffiger Nachrichtendienst

«Etwa 15 Minuten benötigte eine Nachricht vom Süden bis in den Norden der Insel», sagt Isidro Ortíz Mendoza in seinem Häuschen in Chipude. Er legt seine braunen Hände auf den Tisch und schaut über den Brillenrand. Hätten die Meldungen die rund 20 Kilometer Luftlinie zu Fuss oder auf einem Esel hinauf und hin­unter überdauern müssen, wären sie am Ziel oft ­bedeutungslos gewesen.

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War eine Ziege verschwunden, pfiff der Hirte die Vermisstmeldung zur gegenüberliegenden Talseite, Laut für Laut, Wort für Wort, um sich den mühseligen Gang bergab und bergauf zu ersparen. Wurde der Wasserverteiler geöffnet, verbreitete sich die Nachricht rasch von Bauer zu Bauer, damit kein Wasser ungenutzt in der trockenen Erde versickerte.

Die Frauen benutzten El Silbo, um die Kinder nach Hause zu rufen und dem Gatten mitzuteilen, was für das Abendessen noch fehlte. Brauchte jemand neue Schuhe, pfiff er dem nächsten Bekannten die Grösse zu, der sich für Besorgungen an die Küste aufmachte. Und wenn die Guardia Civil jemanden jagte, machten sich die Pfeifer zu Komplizen und warnten den Gesuchten, damit er sich rechtzeitig verstecken konnte.

Nur als Liebesgeflüster eignete sich das Pfeifen nicht, weil zu viele mithören konnten. Intimität habe früher ohnehin einen anderen Stellenwert gehabt, sagt Isidro Ortíz Mendoza. Ein Dorf sei wie eine Familie gewesen. Der 83-Jährige rückt seine Brille zurecht und blickt zu den gerahmten Bildern seiner Enkel auf dem Buffet. Sie leben mit ihren Eltern auf Teneriffa, wo es mehr Arbeit gibt und die Uhren schneller ticken als auf La Gomera, der zweitkleinsten Insel des Archipels. Für einen kurzen Moment wirkt er etwas müde.

Quelle: Nadja Tempest

Als die Pfiffe verstummten

In seiner Kindheit schallten zu jeder Stunde Pfiffe über Berg und Tal. War es finstere Nacht, wusste er, dass die Laute sich zu einer schlechten Nachricht zusammenfügen würden. Wenn der Wind es gut meinte, trug er die Pfiffe mehrere Kilometer weit.

Die Kinder wuchsen mit den eindringlichen Melodien aus kurzen und langen, hohen und tiefen Tönen auf, die mit dem Rauschen des Windes und dem Surren und Zirpen aus den Wiesen den Inselchor bildeten. Sie erlernten El Silbo auf dieselbe Weise wie das Sprechen. Die Pfeifsprache rhythmisierte den Takt des Lebens auf La Gomera.

Mit dem Aufkommen der Autos und der Verbreitung des Telefons änderte sich das. Wie die Nebelschwaden, die der alte Lorbeerwald im Inselzentrum Richtung Küsten sendet und die sich auf ihrem Weg in nichts auflösen, verlor sich irgendwo zwischen den Höfen auch El Silbo. Bald wehten keine Pfiffe mehr über die Kreten. Dafür erfüllte Motorenknurren die Kakteenlandschaft und Telefonrasseln die Häuser, um die die Bewohner Steinmäuerchen aufgewuchtet hatten, als brächte ihnen diese zweite Haut Geborgenheit in der kargen, einsamen Landschaft.

Kein Raum mehr für Tradition

Als Isidro Ortíz Mendoza aus Venezuela zurückkehrte, wo er als junger Mann Arbeit gefunden hatte, erkannte er seine Heimat kaum wieder. In den Achtzigern war El Silbo beinahe ausgestorben. Es schien, als hätte die Modernität den Traditionen den Raum genommen. Er nahm sich vor, El Silbo zu retten.

Er begann, auf den Pausenhöfen Pfeifunterricht zu erteilen und zeigte den Kindern, wie sie den gekrümmten Finger in den Mund legen mussten, damit auf der einen Seite eine Öffnung entstand, durch die die Laute ausströmen konnten. Wie sie die andere Hand dabei an die Wange zu halten hatten, um den Schall in die gewünschte Richtung zu lenken. Für die Tonhöhe sind Lippen und Finger zuständig, die Zunge spielt eine Rolle bei der Artikulation des Pfiffs. Isidro Ortíz Mendoza hat eine Lautsprache zu den Pfiffen ent­wickelt – eine Theorie, um die Praxis weitergeben zu können. Vier Konsonanten und zwei Vokale sind es heute, in die sich jedes beliebige Wort übersetzen lässt.

El Silbo wurde Pflichtfach an Schulen

Fünf Jahre dauerte es, bis Ortíz Mendoza vom Staat einen Lohn fürs Unterrichten erhielt, und noch ein paar Jahre länger, bis El Silbo auf La Gomera zum Pflichtfach erklärt wurde. Seit 1999 lernen alle Schülerinnen und Schüler die Pfeifsprache. Einspruch da­gegen regt sich nirgendwo auf der 21'000-Einwohner-­Insel, die viereinhalbmal in den Kanton Zürich passen würde. Selbst die mittlere Generation, des Pfeifens meist nicht mächtig, äussert nur Zustimmung. Und Bedauern, es selber nicht erlernt zu haben.

Aus dem Colegio Nereida Díaz Abreu im Valle Gran Rey dringen zu dieser flirrenden Mittagsstunde bewundernde Pfiffe, als hätten sich ein paar Bauarbeiter in die Schule verirrt und sich von den Lehrerinnen mit dem dunklen palmhonigfarbenen Teint den Kopf verdrehen lassen. Stattdessen klemmt ein Junge im Fussballtrikot den Zeigefinger zwischen die Lippen.

Die Ursprünge von El Silbo sind nicht eindeutig festzumachen, erfahren die Kinder in der Schule. Man vermutet, dass die Pfeifsprache von Volksstämmen aus dem nordafrikanischen Atlasgebirge auf die Insel gebracht wurde und mindestens 500 Jahre alt ist.

Eine Legende erzählt von Gara, der Tochter eines wohlhabenden Viehbesitzers, die sich in den Hirten Jonay verliebte. Gara wurde schwanger. Ausser sich vor Zorn, drohte ihr Vater, sie einzusperren und ihren Geliebten zu züchtigen. Das Paar floh auf den höchsten Berg, während der Vater mit der Pfeifsprache nach ihm fahndete. Aus Verzweiflung stürzten sich die Liebenden in die Tiefe.

In der ersten Klasse werden die Kinder eine Viertelstunde die Woche in El Silbo geschult, später eine ­halbe. Zwei Lehrer und Francisco Correa, der Koordinator des El-Silbo-Unterrichts, kurven zwischen den Colegios hin und her, hinauf auf über 1000 Meter und wieder hinunter an die Küste, um den rund 1400 Schülern der Insel das Pfeifen beizubringen. Bei Schulabschluss verstehen alle El Silbo, artikulieren können sich aber nur wenige.

Die Piffe hallen wieder durch alle Gassen

Die Kinder mögen die Pfeifsprache. Sie lernen sie als Teil ihrer Kultur kennen, die nicht vergessen gehen darf. Die Viertklässler äussern sich nicht viel anders zu El Silbo als Isidro Ortíz Mendoza, der ihr Urgrossvater sein könnte. «Man muss die Gewohnheiten bewahren. Wenn man seine Wurzeln verliert, ist man verloren», sagt er. Der moderne Alltag braucht El Silbo nicht mehr, die Pfeifsprache hat sich jedoch das Überleben im Stolz der Einheimischen gesichert.

Überall hört man El Silbo. Auf den Terrassen des Valle Gran Rey. Über den Bananenplantagen in Hermigua. In den Gassen der Hauptstadt San Sebastián de la Gomera, wo rund 9000 Menschen leben. Die Pfiffe drängen sich ins Leben der Gomeros. Da ist ein weiss getünchtes Wohnhaus, aus dem sich eine Melodie windet; ein Junge an der mütterlichen Hand, der pfeifend ein Selbstgespräch führt; ein Jugendlicher in einem Park, der mit seinen Kollegen zwitschert.

Und wieder Isidro Ortíz Mendoza, der aus dem bremsenden Auto einen Buben aus seinem Dorf zu sich heranpfeift. Der Junge antwortet pfeifend, er habe keine Zeit, er gehe spazieren. Auf einem der Wanderwege, die sich fast so engmaschig wie ein Fliegennetz über die Insel ziehen und sich von den Bergen bis an die Küsten schlängeln, von Chipude bis San Sebastián de la Gomera.

2009 hat die Unesco El Silbo in die Liste des immateriellen Kulturguts der Menschheit aufgenommen, als einzige Pfeifsprache weltweit, die vollständig entwickelt ist und von einem grossen Teil der Bevölkerung praktiziert wird.

Der Wind in der Hauptstadt dreht weiter auf, die Palmen an der Uferpromenade verneigen sich vor dem Atlantik, und für einen Moment scheint es, als bedankten sie sich dafür, dass dieses viele Wasser das Eigenleben der Insel bewahrt. Von irgendwoher wehen ein paar Pfiffe herüber.

Diese Reportage wurde auf Anfrage von BeobachterNatur unterstützt von Turespaña, dem Spanischen Fremdenverkehrsamt in Zürich, ­Seefeldstrasse 19, 8008 Zürich, Tel. 044 253 60 50; www.spain.info, zurich@tourspain.es

Wandern und geniessen zwischen Berg und Tal

Die zweitkleinste Insel der Kanaren ist vor allem als Wanderdestination bekannt. Das Klima ist mild, die Insel bergig, die Zeiger drehen sich langsamer als anderswo. Ausführlichere Informationen sind beim Spanischen Fremdenverkehrsamt erhältlich.
www.spain.info


Rund um El Silbo

Im Restaurant Las Rosas in Las Rosas finden fast jeden Mittag El-Silbo-Demonstrationen statt. Auch in anderen Lokalen wird gezwitschert, etwa im «Torre del Conde» in San Sebastián de la Gomera. Ein informatives Video zu El Silbo findet sich auf www.busuu.com/silbo.


Insel-Highlights

Der Nationalpark Garajonay, 1986 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt, lädt zu ausgedehnten Spaziergängen und Wanderungen ein. Empfehlenswert sind die Besteigung des Alto de Garajonay, des höchsten Gipfels auf La Gomera, und der Abstieg durch den mystischen Lorbeerwald ins Dorf El Cedro. Das Wanderwegnetz ist auf der ganzen Insel gut ausgebaut: Besonders beeindruckend sind die Schluchtenwanderungen bei Imada und Benchijigua im Süden, im Norden bieten sich Wanderungen zur Cumbre de Chijeré und zum Roque Cano an. Die Küsten-Wanderroute GR 132 führt rund um die Insel.

Ein Sonnenbad zwischen den Felsen an der Playa del Inglés bei La Playa im Valle Gran Rey tut dem Körper danach genauso gut wie das Schwadern im schaumigen Atlantik mit Blick auf die rötlichen Klippen.


Zeit für einen Apéro

Im «Casa María» in La Playa beginnt die Aperitifzeit bereits nach dem Mittagessen: Vor den Augen das Meer, im Ohr Live-Musik, im Gaumen kühlen Weisswein, lässt sich auf den blauen Stühlen gut verweilen, bis die Sterne aufgehen. Die Küche ist solide, wenn auch nicht mehr. Das Glas zu heben, lohnt sich zu dieser Stunde auch auf der Plaza de Las Américas in San Sebastián de la Gomera, wo es zahlreiche Cafés und vieles mehr zu entdecken gibt.


Lust auf Inselküche

Beim Aussichtspunkt Mirador César Manrique kocht man im gleichnamigen Restaurant mit einheimischen Zutaten: Zur Sopa de berros (Brunnenkressesuppe) gibts Queso blanco (Ziegenkäse), Mojo rojo und Mojo verde (Würz-­saucen) und Gofio (Getreidemehl). Der Thunfisch wird mit Papas arrugadas (Schrumpel­kartoffeln) serviert. Zum Dessert gibts Palmhonigmousse.

Das «Salamandra» in der Hauptstadt bietet vorzügliche Fisch- und Fleischküche.


Orte der Ruhe

Die Café-Bar Pedro in Hermigua ist der richtige Ort, um die Gedanken treiben zu lassen. Bei einem Stück hausgemachtem Kuchen vor der fast schon unwirklichen Kulisse fühlt sich das Leben wunderbar leicht an. Auch die zahlreichen Ermitas, ehemalige Klausen, bieten Ruhe zum Rasten und Durchatmen.


Übernachten

Komfortable Zimmer mit Klimaanlage bietet das Hotel Torre del Conde in San Sebastián de la Gomera. Im «Tres Palmeras» in La Playa sind Familien willkommen. In Hermigua lädt das Landhotel Ibo Alfaro zum Aufenthalt in 17 stilvoll eingerichteten Zimmern in einem 190 Jahre alten Herrenhaus ein. Das Hotel Sonia in Chipude kommt bei Wanderern gut an.

Hauptreisezeit

Beliebt sind vor allem die milden Wintermonate (Oktober bis April). Im Sommerhalbjahr ist wenig los, und viele Lokale bleiben geschlossen.

Anreise

Die meisten Gäste reisen über den Flughafen Teneriffa Süd an und setzen ab Los Cristianos mit der Fähre nach San Sebastián de la Gomera über. Direktflüge nach Teneriffa Süd gibt es ab Zürich mit Swiss und Air Berlin oder ab Basel mit Easyjet.