Die Tennyson Road ist eine stille Reihenhäuschenstrasse im Londoner Stadtteil Kilburn. Die Gärten der westlichen Häuserzeile grenzen aber nicht einfach an diejenigen der nächsten Strasse. Vielmehr befindet sich hinter ihren Mauern ein luftiger Friedhof, der Paddington Cemetery. Zwischen den windschiefen viktorianischen Gräbern unter gewaltigen Kas­tanien, Eiben und Eichen ist die Stadt nur ein fernes Rauschen.

Geschätzt wird der Friedhof von Hundehaltern, deren Pudel, Boxer und Staffordshire Bullterrier sich hier in erstaunlicher Eintracht beschnuppern. Englischer, friedlicher gehts fast nicht. Und plötzlich: ein wildes Gackern im lauen Abendhimmel. Immer näher kommt es, wird lauter und lauter und senkt sich schliesslich auf zwei ausgehöhlte Baumskelette, die in einer verlassenen Ecke des Friedhofs in den Himmel ragen. Der Lärm stammt von einer Kolonie von Halsbandsittichen. 30 bis 40 Vögel mögen es sein. Sie sind von der Futtersuche zu ihrem Schlafplatz zurückgekehrt und tauschen Erfahrungen aus. So wie die Gäste im «Prince of Wales»-Pub beim Eingang zum Friedhof, die auf dem Heimweg von der Arbeit ein Bier kippen.

Der Indische Halsbandsittich ist ein spektakulärer Vogel. Der Rücken und die Oberseite des auffällig langen Schwanzes sind grün wie eine Limone, der Bauch und die Schwanzunterseite sind zitronengelb – ein Hauch Türkis kann durchscheinen –, und der Papageienschnabel ist rot wie ein Radieschen. Die Männchen ziert überdies eine gefiederte Halskette, die unter dem Kinn schwarz ist und im Nacken rosarot schimmert. Vom Schnabel bis zur Schwanz­spitze misst der Vogel rund 40 Zen­timeter. Er ist damit nur unwesentlich kleiner als eine ausgewachsene Krähe.

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In seiner indischen Heimat ist der Halsbandsittich ein weit verbreiteter Kultur-folger, der auch in Gebäudehöhlen und Mauerlöchern haust. Sein Verbreitungs-gebiet reicht bis in die tieferen Hänge des Hima­laya, er verträgt also kühle Temperaturen. Da verwundert es nicht, dass sich kleine Kolonien auch schon in Belgien, den Niederlanden, in der Nähe von Paris und im Umkreis diverser deutscher Städte etabliert haben. Aber nirgends in Europa flattern so viele Exemplare dieser Papageienart durch die Lüfte wie in England – genauer: im westlichen London. Man schätzt die Zahl der hier ansässigen Tiere auf 30 000. Der Ring-necked Parakeet, so die englische Bezeichnung, gilt damit praktisch als eingesessen. Oder wie es Mathew Frith, Vize-CEO des London Wildlife Trust, formuliert: «Er ist so britisch wie Curry.»

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«Der Papagei ist so britisch wie Curry»: Englische Vogelfans gehen in den Londoner Parks auf Grossstadtsafari.

Quelle: Deniz Saylan

Ein Vermächtnis des Gitarrengotts?

Jimi Hendrix persönlich habe einst in der Carnaby Street ein paar Halsbandsittiche fliegen lassen, um der grauen Stadt etwas psychedelische Farbe zu verpassen. Das besagt ein Mythos zur Entstehung des Papageienvolkes in London. Ein anderer: Nach dem Ende der Dreharbeiten zum Film «African Queen» mit Humphrey Bo-gart und Katherine Hepburn habe man 1951 in den Shepperton Studios eine Schar Halsbandsittiche einfach in die Freiheit entlassen. Oder auch ganz prosaisch: Beim Ausladen am Flughafen Heathrow hätten einige Tiere flink die Flucht ergriffen.

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«Möglich, dass in all den Geschichten ein Kern Wahrheit steckt», sagt Grahame Madge, Sprecher der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB). Er vermutet aber, dass einmal irgendwo im Westen von London, etwa im Windsor Great Park, eine Schar Vögel ausgerissen sei.

Die ersten wilden Papageien wurden schon 1855 in London gesichtet. 100 Jahre lang blieb es danach bei vereinzelten Tieren oder kleinen Gruppen. Selbst als in den 1960er Jahren die ersten grösseren Brutplätze entdeckt wurden, blieb die Zahl begrenzt. Der rasante Zuwachs erfolgte erst in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Im Gegensatz zu anderen Exoten überlebt der Sittich nicht nur kältere Temperaturen, er kann sich unter diesen Bedingungen auch fortpflanzen. Die vielen Sumpfschild-kröten zum Beispiel, die in den Londoner Teichen leben, können das nicht; sie werden in 40 Jahren ausgestorben sein, sechs Dekaden nachdem sich der «Teen­age Mutant Ninja Turtles»-Boom gelegt hat und sie zu Tausenden ausgesetzt wurden.

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Zwischen 1995 und 2008 wuchs die Population der wilden Halsbandsittiche um 700 Prozent. Die Gründe für die Bevölkerungsexplosion sind unklar. «Halsband­sittiche entwickeln sich langsam und leben umso länger», erklärt Grahame Madge. «Die Zahl reifer Vögel hatte wohl eine Schwelle überschritten. Danach vermehrten sie sich sehr schnell.» Einige warme Winter und die Tatsache, dass immer mehr Londoner ihr Herz für Vögel entdeckten und anfingen, Futter zu streuen, mögen der Verbreitung weiter Vorschub geleistet haben. Gewiss ist: Die urbanen Halsbandsittiche geniessen einen grossen natürlichen Vorteil. Mit ihrem gewaltigen Stimmorgan machen sie Jimi Hendrix Konkurrenz. Ihr Krächzen ist über jeden Stadtlärm hinweg zu hören. So fanden einsame Tiere leichter zueinander, um der freien Liebe zu frönen und das Los des Exilantenlebens zu beklagen.

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David Bentley beaufsichtigt die Fauna von Hampstead Heath, dem schönsten Park in London, von dem aus man die Stadt überblickt und in dessen Wäldern man sich verirren kann. Er erinnert sich gut an das erste Mal, als er den Halsbandsittichen in freier Wildbahn begegnete: «Ende der 80er Jahre in Richmond an der Themse», erzählt er, «es war Abenddämmerung, am Himmel zog düster ein Wintersturm auf – und gleichzeitig ein Schwarm knallbunter Papageien, die zu ihrem Schlafplatz zurückkehrten. Der Gegensatz war bizarr.»

Radau beginnt im Morgengrauen

Heute sind ähnliche Schwärme auch im Hampstead-Heath-Park zu beobachten. Nicht nur zur Freude der Besucher. «Bei­leibe nicht alle Parkbesucher wissen den Vogel zu schätzen», sagt Bentley, «seine Präsenz ist stark umstritten.» Viele Spaziergänger, die die Stille geniessen möchten, stossen sich am unenglischen Klamauk, den die Papageien veranstalten. Auch der Musikproduzent und Übersetzer Will Mowat, der an der Tennyson Road wohnt, lässt kein gutes Haar an den Vögeln. «Ich wäre sehr glücklich, wenn ich im Leben nie so ein Biest gesehen hätte.» Vor vier Jahren sei es losgegangen. Der Radau sei furchtbar: «Um 6.30 Uhr wird man geweckt und kann nicht mehr einschlafen. Und vor lauter Gackern hört man die schönen, subtilen Gesänge der kleinen Vögel nicht mehr.» →

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«Ich habe Verständnis für Leute, die das Pech haben, dass auf der anderen Seite ihres Gartenzauns eine Kolonie von 2000 Halsbandsittichen lebt», lächelt Tony Wileman, Konservationsökologe beim London Wildlife Trust. Am Morgen beim Ausschweifen und abends, wenn die Vögel von ihren Ausflügen zurückkehren, könne es so laut werden, dass man den eigenen Fernseher nicht mehr höre, sagt Wileman. «Dabei tun die Vögel nichts anderes als wir, wenn wir abends nach Hause kommen oder in den Pub gehen. Es sind gesellige Vögel, das liegt in ihrem Charakter.»

Es ist aber nicht nur seine Plauder-taschennatur, die dem Halsbandsittich einen schlechten Ruf eingetragen hat. Er hat noch andere Gewohnheiten, die nicht überall auf Wohlwollen stossen. So monieren viele Vogelfreunde, der Sittich nehme Specht, Kleiber oder Blaumeise den Wohnraum weg. Tatsächlich hackt er die Baumhöhlen, in denen er lebt, nicht selber ins Holz, sondern zieht lieber erst ein, wenn andere Tiere oder Wind und Wetter die Behausung geschaffen haben. Ausserdem braucht er seiner Körpergrösse entsprechend viel Nahrung. Die fehle dann den kleineren Vögeln, sagen manche. So picke der Halsbandsittich die Beeren nicht einzeln, sondern fege mit einem einzigen Zug des Schnabels einen ganzen Ast kahl.

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Anpassungsfähig: Halsbandsittiche sind Kulturfolger und ertragen auch kühles Klima.

Quelle: Deniz Saylan

Bizarre Rassismus-Diskussionen

In einschlägigen Internetforen nimmt der Ton häufig fanatische Züge an. In der Diskussion darüber, ob die Bewilligungspflicht für den Abschuss der Papageien aufzuheben sei, gingen die Wellen hoch. Ein Experte äusserte schliesslich den Gedanken, die Feindseligkeit dem Halsbandsittich gegenüber könnte ähnliche Wurzeln haben wie die im britischen Alltag weit verbrei-tete Xenophobie. Der konservativen Tageszeitung «Daily Mail» war das sogar eine Schlagzeile wert.

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Doch wenn nicht Fremdenfeindlichkeit, so treibt die Gegner der Sittiche doch die Sorge um die heimischen Höhlenbrüter um: «Wir wissen genau, was in fünf, zehn oder 50 Jahren passieren wird», schreibt ein erboster User in einem Web-Forum. «Die Sittiche werden sich rasant weiterverbreiten und die britischen Vögel aus ihren Höhlen vertreiben. Die RSPB wird das Verschwinden der einheimischen Arten konstatieren und weiterhin den Kopf in den Sand stecken.»

Dabei hält es weder die RSPB noch der London Wildlife Trust für erwiesen, dass die Papageien tatsächlich Schaden anrichten – zumindest in der Stadt. Es gebe bis anhin schlicht zu wenig Daten, die zeigten, dass der Halsbandsittich andere Vögel aus ihrem Revier vertreibe, teilen beide Organisationen mit. «Es ist zwar möglich, dass die Sittiche einen Einfluss auf das Auftreten anderer Vögel haben», erklärt Grahame Madge, «aber bis jetzt ist das nur ein potentielles, nicht ein nachweisbares Problem. Auf jeden Fall beobachten wir die Entwicklung ganz genau.» Tony Wileman vom Wildlife Trust stellt gar grundsätzlich in Frage, dass der Papagei anderen Vögeln die Nahrung wegfresse: «Er ist ein ungewöhnlich flexibler Vogel. Er weidet viele Äste ab, an die andere Vögel gar nicht erst rankommen.»

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Die schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Dass sich nämlich der Sittich wie das Graue Eichhörnchen rasant verbreite, weil natürliche Feinde fehlen. Der Wanderfalke ist zurzeit daran, sich London als Habitat zu erschliessen. Und er ist auf den Geschmack gekommen: Nebst Tauben stehen nun auch Halsbandsittiche auf seinem Speiseplan. So könnte sich ein natürliches Gleich­gewicht einstellen – und die Aufregung ein Ende finden.

Englische Rebstöcke kahlgepickt

«Nicht alle Neuankömmlinge in unserer Fauna sind eine schlechte Sache», hält Grahame Madge von der RSPB fest: «Auch der Steinkauz, der Fasan und die Kanadagans sind von aussen eingeführt worden.» Auf dem Land würde sich der Halsband-sittich eher zur Plage mausern. In Cobham, südwestlich von London, musste ein Bauer zuschauen, wie ihm die Sittiche an einem einzigen Tag Trauben für 3000 Flaschen Wein stibitzten. Wer derlei Ertragsausfälle befürchten muss, darf seit Anfang 2010 zur Flinte greifen, ohne erst eine Bewilligung einholen zu müssen. Richtig schiesswütig scheinen die Engländer aber nicht zu sein. In den drei Jahren zuvor wurden lediglich zwölf Anträge für eine Abschussbewilligung gestellt. Zudem haben die Halsbandsittiche ihren Lebensraum in den letzten Jahren kaum ausgeweitet. Sie halten sich an die grünen Aussenquartiere von Westlondon und fliegen nur selten aufs Land.

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Für urbane Gartenbesitzer, die Sittiche aus ihrem Revier vertreiben wollen, weiss Tony Wileman allerdings keinen Rat: «Die Umwelt verändert sich, und wir müssen lernen, damit umzugehen.» Und längst nicht alle Gartenbesitzer ärgerten sich ob der Papageien. «Viele finden sie sogar richtig toll.» So wie Alice, eine junge Mutter aus der Tennyson Road: «Mir gefallen sie, die Papageien», sagt sie. «Baba!» jauchzt ihr Baby. «Lärm?», sagt Alice erstaunt. «Den habe ich noch nie bemerkt.»