Das Nationalgestüt in Avenches ist so etwas wie das Heiligtum der «Rösseler». An diesem Herbsttag präsentiert es sich im besten Licht. Allein der Geruch kann glücklich machen: eine herbe Mischung aus Pferde-, Stall- und Ledernoten. Hier, etwas ausserhalb des Waadtländer Städtchens, kriegt man davon fast eine Überdosis. Auf über 20 Hektaren dreht sich alles um edle Pferde.

Die 111-jährigen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude und Stallungen sind herausgeputzt, die Reithalle und der Reitplatz sind so gross wie Fussballfelder. Es ist offensichtlich: An diesem Ort wird dem Pferd gehuldigt. Bereits frühmorgens, wenn der Herbstnebel noch über der Landschaft liegt, wird in Avenches fleissig geritten, gefahren und longiert. Aus den Stallungen strecken frisch gestriegelte Freiberger den Besuchern ihre Köpfe entgegen.

Keine Probleme mit der Rangordnung: Dass Hengste gemeinsam friedlich auf einer Weide leben, verblüfft selbst Pferdekenner.

Quelle: Tomas Wüthrich

Freiberger sind die einzige ursprünglich schweizerische Pferderasse. Sie zählen zu den gutmütigsten und am wenigsten schreckhaften Pferden. «Sie sind die Berner unter den Pferden», charakterisiert Ruedi von Niederhäusern, Leiter der Bereiche Biodiversität und Ausbildung auf dem Gestüt, seine Schützlinge augenzwinkernd.

Dem Gestüt droht das Aus

Die Tiere haben vielleicht bald keine Heimat mehr. Denn die Zukunft des Gestüts ist ungewiss es soll 2012 aus Spargründen geschlossen werden. Dagegen protestieren Zehntausende Schweizer Pferdefreunde. Sie haben Unterschriften gesammelt und sind mit einem ganzen Tross vor dem Bundeshaus aufmarschiert. «Wie es weitergeht, wissen wir noch nicht», sagt der Kommunikationsbeauftragte des Nationalgestüts, Reto Burkhardt. Das Aus wäre für viele fatal: Auf dem Gestüt werden 60 Personen beschäftigt und Hufschmiede, Wagner und Sattler ausgebildet – alles selten gewordene Handwerksberufe. Derzeit wollen die Pferdezuchtverbände mit dem Bundesamt für Landwirtschaft eine Strategie entwickeln, um Kosten zu senken und die Schliessung zu verhindern. Den definitiven Entscheid fällt das Parlament im Dezember.

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Quelle: Tomas Wüthrich

«Schliessung wäre katastrophal»

Befürworter machen geltend, die Freiberger Pferde gehörten zum Kulturgut und seien erhaltens- und schützenswert. «Eine Schliessung des Gestüts wäre für die Rasse katastrophal», sagt Ruedi von Niederhäusern. Er befürchtet, dass es innerhalb der geschlossenen Population zur Inzucht käme, würde man die Freibergerzucht dem freien Markt überlassen. Zudem spielten Pferde eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen Stadt und Land. Zu diesem Schluss kommt auch das Observatorium der Schweizer Pferdebranche im 2009 veröffentlichten Bericht über die Bedeutung des Pferdes. Pferde seien nicht länger Arbeitstiere, sondern befriedigten heute in erster Linie die «Bedürfnisse nach naturnaher Freizeitgestaltung». Es sind vor allem junge Frauen aus der Stadt, die reiten und ihre freie Zeit auf dem Land bei ihrem Pferd verbringen. «Mit dem Pferd bewegt sich der Mensch in der Natur. Eine wunderbare Art, abzuschalten und die Hektik des Alltags zu vergessen», so von Niederhäusern.

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Die Branche boomt, die Nachfrage nach Pferden, Ponys und Eseln ist ungebrochen: Seit 2001 nimmt deren Anzahl in der Schweiz jedes Jahr um 2000 Tiere zu. Für Landwirte sind die Tiere eine willkommene Einnahmequelle. 1,65 Milliarden Franken setzte die Schweizer Pferdebranche 2009 um, davon rund 500 Millionen Franken in der Landwirtschaft.

Quelle: Tomas Wüthrich

Schreckhafte Tiere sind ein Risiko

Bei den 200'000 Schweizer Freizeitreitern – 80 Prozent davon Frauen – sind verlässliche Pferde wie die Freiberger besonders gefragt: Für geprüfte Jungtiere werden durchschnittlich 7500 Franken bezahlt. Den «Pferde-TÜV», einen vom Nationalgestüt entwickelten Verhaltens- und Eignungstest, legen die Freiberger im Alter von drei Jahren ab. «Dabei zeigt sich, wie belastbar oder schreckhaft ein Pferd ist», erklärt von Niederhäusern. Schreckhaftigkeit kann bei einem Fluchttier wie dem Pferd in einer Katastrophe enden, wie Reit- und Fahrunfälle immer wieder zeigen.

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Einer der Aufträge des Nationalgestüts ist es, die Schweizer Pferderasse zu erhalten. «Sie hat eine eigene Genetik, und dieser Genotyp darf sich nicht verwässern», sagt von Niederhäusern. Doch die Rasse soll nicht nur rein, sie soll auch gesund bleiben. Dazu werden die Züchter – meist Bauern in Randregionen – mit hochwertigem Material aus der Samenbank des Gestüts versorgt. «Das ermöglicht, dass ein Hengst noch Jahre nach seinem Tod Vater wird», sagt von Niederhäusern und lacht. Nur zwei Prozent der Freiberger Stuten werden allerdings künstlich befruchtet; 98 Prozent werden auf natürliche Weise gedeckt – im sogenannten «Natursprung», in einer der 30 Deckstationen der Schweiz. Mit 170 Franken ist diese Art der Befruchtung deutlich günstiger als die künstliche.

Nichts für empfindliche Gemüter

Derzeit sind 55 Hengste im Einsatz. Im Reproduktionszentrum werden sie während der Saison regelmässig abgesamt, wie es im Fachjargon heisst. Der Vorgang «könnte empfindliche Gemüter schockieren», steht warnend auf dem Schild beim Eingangstor. «Es hat etwas Archaisches, wenn ein Hengst eine Stute deckt. Das vertragen nicht alle Leute gleich gut», weiss Alessandra Ramseyer, eine der sechs Tierärzte und -ärztinnen des Gestüts.

Ein rassiger Kerl: Das Sperma von Hengsten wie Nick ist bei Züchtern begehrt.

Quelle: Tomas Wüthrich
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An diesem Morgen kommt Nick, ein schöner Fuchs, zum Zug. Die Animierdame, wie die Lockstute scherzhaft genannt wird, steht schon in ihrem Verschlag bereit. Doris alias Dodo, die mit ihren 27 Jahren zu den älteren Semestern gehört, «kennt ihre Aufgabe bestens», so Ramseyer. Die Stute weiss, was sie zu tun hat, wenn sie von der Weide in die Reproduktionshalle geführt wird: den Schweif heben und urinieren. Das bringt den Hengst in Fahrt. Auch bei Nick funktioniert der Trick. Kaum hat er die Halle tänzelnd betreten, stellt er sich auf die Hinterbeine und besteigt das «Phantom», eine Vorrichtung, die dem Leib einer Pferdedame nachempfunden ist. Der Hengst schnaubt, beisst die vermeintliche Partnerin in den Nacken – und schon ist das Sperma im Behälter.

Quelle: Tomas Wüthrich
Quelle: Tomas Wüthrich
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Tierärztin Alessandra Ramseyer nimmt den Samen, der für 30 Stuten reicht, ins Labor nebenan und untersucht ihn unter dem Mikroskop. «Ja, doch, es bewegt sich etwas», vermeldet sie, «aber die Dichte könnte besser sein.» Die Samenproben werden mit Verdünner für 48 Stunden haltbar gemacht, sofern sie verschickt werden müssen. Ein grosser Teil davon wird in einem der sechs Gefriersamen-Container bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff aufbewahrt. Bereits 180'000 Stäbchen mit Proben lagern im Archiv – ein kostbarer Schatz. Je wertvoller der Hengst, desto teurer sein Sperma.

Die Suche nach Krankheitsgenen

Nicht nur Samen, sondern auch Blut wird im Nationalgestüt gelagert. Derzeit besteht das Bioarchiv aus rund 8000 Blutproben, die bei minus 80 Grad gelagert werden. Anhand dieser Proben soll künftig untersucht werden, ob Krankheiten auf bestimmte Gene zurückzuführen sind. Die Halle, in der die Blutproben lagern, ist das Herzstück des tierärztlichen Bereichs: Hier werden die Pferde regelmässig Gesundheitschecks unterzogen.

Quelle: Tomas Wüthrich
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Reiche Sammlung an Wissen: Anatomische Präparate erlauben Einblicke in die Biologie des Pferdes.

Quelle: Tomas Wüthrich

Die Halle dient aber auch als Schulungszentrum, wo Pferdehalter in Weiterbildungskursen und Lehrgängen instruiert werden. Der Wandkasten mit den Exponaten – darunter sind Knochen, Hufe, Geschlechtsteile, Embryonen – zeugt vom Anschauungsunterricht. «So können wir den Haltern genau zeigen, auf welchen Knochen die Lahmheit ihres Vierbeiners zurückzuführen ist», so Ramseyer. Auch das Pferdeauge lässt sich hier als überdimensionierte Plastik in seine Einzelteile zerlegen.

Doch nicht alles Wissenschaftliche spielt sich drinnen ab: Auch auf den Weiden wird Forschung betrieben. Im Rahmen einer Doktorarbeit untersucht gerade ein Zoologe, welche Auswirkungen unterschiedliche Einzäunungen auf Pferde haben, ob eine mit Strom umzäunte Koppel mehr Stress bei den Tieren auslöst als eine mit Holzlatten. Zu diesem Zweck werden die Tiere mit einer Kamera überwacht. Stresshormone im Speichel der Tiere lassen auf die Belastung schliessen. Der Bund finanziert den Versuch. Die Pferde stellt das Gestüt zur Verfügung.

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Versuche mit wilden Kreuzungen

Beim Rundgang fallen seltsame Geschöpfe auf. Sie haben etwas von einem Esel, einem Haflinger, aber auch etwas Urzeitliches. Tatsächlich wird hier im Rahmen eines ETH-Projekts versucht, Chromosomen von Esel, Haflinger und Mongolischem Wildpferd zu kombinieren.

Ein weiteres Projekt findet sich einige Autominuten vom Gestüt entfernt, auf einer riesigen, von alten Bäumen gesäumten Weide. Sieben Hengste dürfen sich auf diesem paradiesischen Flecken austoben. Sieben Hengste auf einer Weide? Die meisten Pferdehalter würden darüber ungläubig den Kopf schütteln. «Wir hätten das Experiment abgebrochen, wenn es gefährlich geworden wäre», versichert Reto Burkhardt. «Aber nach zehn Minuten Unruhe standen der Chef und die Rangfolge fest.» Und was geschähe, wenn eine Stute zu den Hengsten stiesse? «In diesem Fall könnte ich für nichts garantieren», sagt der studierte Geograf. «Die Tiere würden sich bekämpfen, sich womöglich zu Tode schlagen.»

Sagts und fordert die Reporterin und den Fotografen auf, ihn auf die Weide zu begleiten. «Normalerweise tun sie Menschen ja nichts.» Burkhardt muss es wissen: Er ist selber Besitzer von drei Pferden. Die prächtigen, muskulösen Tiere, die sich auf der satten Weide ein paar Zentimeter Speck für den kommenden Winter angefressen haben, nähern sich den Besuchern zielstrebig, aber ohne jede Spur von Aggressivität. Neugierig stupsen die 600 Kilogramm schweren Tiere die Zweibeiner an, lassen sich von ihnen bereitwillig tätscheln. Den mächtigen Tieren in Freiheit zu begegnen hat nochmals eine ganz andere Qualität.

Dem Nationalgestüt liegt viel daran, seine Pferde möglichst artgerecht zu halten. «Der Trend geht auch in der Pferdehaltung zurück zur Natur», sagt Veterinärmedizinerin Alessandra Ramseyer. Die Fruchtbarkeit der Stuten, die zuvor bei rund 70 Prozent lag, konnte der Zuchtbetrieb dank einem simplen Trick markant steigern: mit der ständigen Anwesenheit eines Hengstes.

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Quelle: Tomas Wüthrich
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