Sumatra hat keine Lust, sich hinzulegen, so kurz nach sieben Uhr früh. «Down», sagt Tierpfleger Thorsten Oppermann mit ruhiger Stimme. Doch die Elefantendame im Stall des Kinderzoos in Rapperswil bleibt stehen. «Down.» Suma­tra bewegt sich nicht. Oppermann möchte ihr die morgendliche Dusche verpassen, sie lässt lieber ein paar Kugeln Dung auf den Boden fallen. Zuvor hat der Tierpfleger ihr mit einer Bürste Fusssohlen und Nägel geputzt, ihre Haut geschrubbt und zur Kontrolle in ihren Mund geschaut. «Down», versucht er es erneut. «Was ist heute los mit dir?» Der Elefantenhaken, ein schwarzer Stock mit gebogener Spitze, bleibt unbenutzt in seiner Hand. Nach fünf weiteren ruhigen «Down» und ein paar Zückerchen in Form von gepresstem Heu mit Spuren­elementen lässt Sumatra sich erweichen und legt sich auf den Boden. «Elefanten sind käuflich», sagt Oppermann und dreht den Gartenschlauch auf.

Viel, wenig oder gar kein Kontakt?

Szenen wie diese gibt es in kaum einem Zoo mehr zu sehen. Mensch und Tier haben heute meist keinen direkten Kontakt. Im neuen Elefantengehege in Zürich etwa halten sich keine Pfleger mehr auf. Bei ­der Betreuung trennt sie eine sichere Abschrankung von den Tieren. Einerseits sollen die Elefanten so naturnah wie möglich leben und selber entscheiden, wann sie sich den Menschen nähern. Anderseits soll das Verletzungsrisiko für die Tierpfleger ­reduziert werden. Der Elefant sei haltungsbedingt das gefährlichste Wildtier in Menschenhand, mahnte der Verein European Elephant Group schon vor Jahren.

Die Philosophie des Protected Contact, des geschützten Kontakts, stammt aus den USA und wird in immer mehr Zoos zum Standard. Damit die Tiere dennoch betreut werden können, beispielsweise bei medizinischer Behandlung oder der Fusspflege, müssen sie speziell trainiert werden. Meist kommt das sogenannte Targettraining zum Einsatz: Den Tieren wird beigebracht, ein Target, also ein Ziel, mit ihrer Stirn zu ­berühren – im Zoo Zürich zum Beispiel die farbige Spitze eines Stabs. So können die Elefanten zum Gitter gelockt werden, wenn Blut entnommen werden muss oder die Fussnägel Pflege brauchen.

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Noch radikaler als das Protected-Contact-System ist der Hands-off-Ansatz. Dabei werden die Tiere überhaupt nicht mehr berührt.

Knies Kinderzoo in Rapperswil wird aber weiterhin am direkten Kontakt mit den Elefanten festhalten, also an der Art, wie diese in Asien seit je gehalten werden. Bloss der Bulle, der künftig im neuen Elefantenpark leben wird, soll im geschützten Kontakt gehalten werden. Besonders in der Phase der Musth, in der die Hormone mit ihnen durchgehen, sind Bullen sehr aggressiv und gefährlich.

«Tiere hautnah!», wirbt der Kinderzoo auf seiner Website. Die Besucher können auf Elefanten reiten, sie füttern, ihnen beim Baden oder bei Darbietungen mit Baumstämmen und Seilen zuschauen. «Unser heutiger Betrieb, der am Zirkus ­angelehnt ist, wäre mit dem Hands-off-Prinzip unmöglich», sagt Thorsten Oppermann und schlüpft durch das Gitter zur Elefantendame nebenan.

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Der Pfleger ist eher Dirigent als Alphatier

«Lift», sagt er, und Sabu hebt sofort ihr rechtes Vorderbein an. Die sechs Elefantenkühe folgen Oppermann auf Kommando beziehungsweise auf rund 15 Kurz­befehle. Er ist zwar der Revierleiter hier, als Alphatier im Stall sieht er sich jedoch nicht. «Dazu müsste ich mich mit der Leitkuh Patma anlegen. Mit meinen 95 Kilogramm käme ich gegen ihre 3500 aber wohl kaum an.» Er sieht sich vielmehr als Dirigenten, der die Charaktere der Elefanten genau kennt und die Tiere darum beeinflussen kann. Wenn zwei Elefanten aneinandergerieten oder einer erschrecke, könne er eingreifen. Beim geschützten Kontakt sei das kaum möglich.

Furcht vor den Riesen kennt Oppermann nicht. Die Gefahr, auf dem Weg zur Arbeit von einem Auto überfahren zu werden, sei viel grösser als die, von einem Elefanten angegriffen zu werden, sagt er. Was aber, wenn Protected Contact für alle Zoos obligatorisch würde? «Das wäre möglich, die Elefanten müssten bloss anders trainiert werden.» Die Frage sei bloss, ob ihm sein Beruf als Tierpfleger noch gleich viel Freude bereiten würde.

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Elefantenpark: Alles neu auch in Rapperswil

Die Bauarbeiten für den neuen Elefantenpark «Himmapan» in Knies Kinderzoo Rapperswil sind in vollem Gang. Zwischen der Giraffen- und der Trampeltieranlage entsteht ein 6500 Quadratmeter grosses Gehege für die Elefanten.
Auf einer sieben Meter hohen Brücke können die Zoobesucher quer über die gesamte Anlage flanieren und die Elefanten von oben beobachten – unter anderem beim Schwimmen im neuen Badesee. Neben den sechs asiatischen Elefantenkühen und dem im November geborenen Babyelefanten Kalaya werden auch ein bis zwei Bullen einziehen. Offiziell eröffnen soll der Elefantenpark Himmapan im Frühling 2015.