Am 15. Juli 1802 bricht der englische Maler William Turner nach Paris auf, um von dort weiter in die Schweiz zu reisen. Am 30. September, zurück in Paris, trifft er einen Künstlerkollegen aus London. Ihm erzählt er, die Schweizer seien Engländern recht zugetan. Ihr Wein allerdings sei für seine empfindliche Galle zu sauer gewesen. Das weite Wandern habe ihm Mühe bereitet. Kost und Logis seien eher unbefriedigend ausgefallen. Die Horizonte der Schweizer Landschaften seien rau und ihre Linien von Bergen unterbrochen, doch habe er auch sehr schöne Landschaften angetroffen. In den Alpen habe er mächtige Gewitter erlebt und schöne Wasserfälle gesehen. Er habe die ganze Zeit über gezeichnet und das Erlebte in Skizzenbüchern festgehalten.

Ein Schelm, wer nur die Landschaft sieht: «The Great Fall of the Reichenbach», William Turner, 1804

Quelle: Joseph Mallord William Turner (1775-1851)
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Selbstporträt, 1798, Tate Gallery

Quelle: Joseph Mallord William Turner (1775-1851)

Joseph Mallord William Turner (1775–1851), Sohn eines Londoner Friseurs und einer Metzgerstochter, ist bereits mit 14 Jahren Stipendiat der Royal Academy und gilt heute als der englische Landschaftsmaler. In Ausstellungen wird er zum Nationalkünstler stilisiert und als fleischloses Wesen akademisiert. Dabei skizzierte er, als er in Bern Halt machte, sich selber und ein Berner Meitschi, nackt im Bett liegend, die Leintücher zerknüllt, die Kleider am Boden. Turner wollte auf seiner Reise offensichtlich «Land und Lüüt» möglichst umfassend kennenlernen.

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Von Bern zieht es den wandernden Maler nach Thun, über den See nach Interlaken, von dort hinauf nach Lauterbrunnen und Grindelwald, zu Fuss und per Maultier über die Grosse Scheidegg bis nach Meiringen. Wasserfälle, Gletscher, Berge – er skizziert in Schwarz-Weiss, was er später in London farbig zu malen gedenkt.

Ein Aquarell, das unser der Sinnlichkeit zugetane Künstler tatsächlich farbig ausführt, ist «The Great Fall of the Reichenbach»: das grossformatige, erotische Bild des Reichenbachfalls, dessen Wasser in die Aare fliesst.

Kunstkritiker sprechen im Zusammenhang mit Turners Bildern gerne von «idea­lisierten» Landschaften der Frühromantik. Sie ignorieren damit deren sexuelle Seite.

Bis vor ein paar Jahren konnte man dem nur schwer widersprechen. Wer in dem Felsschlitz mit seinem heraussprudelnden Wasser nicht nur den Schoss von Mutter Erde ­erblickte, sondern auch den einer Frau erahnte, konnte leicht als Erotomane abgestempelt werden. Turner trug für seine Berg-, Meer- und Stadtlandschaften den Beinamen «Meis­ter des Lichts», und sein Werk hatte mit Erotik nichts zu tun.

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Inzwischen sind Zeichnungen aufgetaucht, die das Bild von Turner verändert haben. Zudem hatte der Maler zwei illegitime Kinder mit der Witwe eines Musikers. Er machte seine Vermieterin Sophia Booth ­in Margate an der englischen Ostküste zu seiner Dauergeliebten. Und im Londoner Haus, in dessen Estrich er sein Atelier hatte, befand sich im ersten Geschoss ein Bordell.

Zwar verbrannte fünf Jahre nach Turners Tod der prüde Nachlassverwalter und Kunsthistoriker John Ruskin alle erotischen, kleinformatigen Skizzen von Prostituierten oder von Turners Geliebter Sophia, die ihm in die Hände fielen. Was John Ruskin aber nicht wissen konnte: Turner hatte einige seiner erotischen Skizzenbücher seiner Mätresse Sophia und den Damen geschenkt, die er auf dem Weg in sein Estrichatelier geliebt hatte.

Wer Turners intime Zeichnungen des weiblichen Schosses mit dem Bild des Wasserfalls vergleicht, erkennt, warum sich ein frischer Blick auf historische Ma­lerei lohnt. In scheinbar asexuellen Landschaftsbildern steckt zuweilen ein bezaubernd erotisches Geheimnis.

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