Fritz Studer hat genug. Mehr als 39 Jahre lang war er Milchkontrolleur, hat auch abgelegene Bauernbetriebe jeden Monat besucht, die frisch gemolkene Milch gewogen, Proben jeder einzelnen Kuh genommen und ins Labor geschickt, damit der Bauer anhand der Nährwertangaben die Zucht seiner Kühe besser steuern kann. 11'000 Franken jährlich hat Studer dafür bislang erhalten. Neu sind es noch 8120 Franken – satte 26 Prozent weniger. Sein Stundenlohn betrüge weniger als 20 Franken. «Diese Frechheit lasse ich mir nicht ­gefallen», sagt der 60-jährige Landwirt aus Frutigen.

Auch Susanne Iten hat genug. Für die exakt gleiche Arbeit verdient sie 21 Prozent weniger: 2700 Franken statt 3400 Franken pro Jahr, für 644 Proben an 59 Besuchen bei Milchproduzenten, 38 davon morgens und abends. «Das lohnt sich nicht mehr», sagt die 45-jährige frühere Bäuerin Iten, die ihr Geld jetzt als Taxifahrerin verdient.

Zwei Beispiele von 1820 Fällen. Die Genossenschaft Swiss­herdbook, der frühere Fleck­viehzuchtverband, kürzt per 1. Juli allen nebenamtlich angestellten Milchkontrolleuren den Lohn. Nicht alle trifft es gleich hart. Weil das Abrechnungssystem geändert wird sowie Zuschläge und Prämien gestrichen werden, ist die Lohnreduktion je nach Fall unterschiedlich hoch. Im Schnitt liegt sie nach Angaben von Swissherdbook bei zehn Prozent.

Die Milchkontrolle sei defizitär, für 2012 rechnet der Verband mit einem Verlust von einer halben Million Franken. Gleichzeitig müsse man die Preise, die die Bauern für die Milchkontrolle bezahlen, auf das Niveau der Konkurrenz senken, argumentiert Swissherdbook-Präsident Andreas Aebi. Die Milchkontrolleure erhielten aber immer noch einen «korrekten Lohn». Darunter versteht Gottlieb Brügger allerdings etwas anderes. «Für die Kontrolle eines Milchbetriebs mit 29 Kühen habe ich bislang 170 Franken erhalten. Mit dem neuen Lohnsystem gäbe es nicht mal mehr 100 Franken, Autospesen inbegriffen – ich bin dafür sechs Stunden und 20 Minuten beschäftigt», ärgert sich der 60-jährige Bauer.

«Milchkontrolle nicht wirklich defizitär»

Auch der Verband der bernischen Milchkontrolleure hat gegen die Lohnkürzung seiner Mitglieder protestiert. «Wir glauben nicht, dass die Milchkontrolle wirklich defizitär ist», sagt Präsident Arnold Knutti. Immerhin sei die Zahl der Kontrolleure in den letzten Jahren bereits deutlich reduziert worden. Als Swissherdbook vergangenen Sommer die Lohnkürzung per Oktober 2011 ankündigte, hat Knuttis Verband einen Anwalt eingeschaltet. Dieser musste Swissherdbook zuerst begreiflich machen, dass sie bestehende Arbeitsverträge nicht einfach so abändern können.

Mit Putzen mehr verdienen

Ausser einem Aufschub hat das aber nichts gebracht. Alle Betroffenen erhielten im März einen Einschreibebrief: Wer sich nicht innert 14 Tagen mit der Lohnkürzung einverstanden erklärte, erhielt eine Änderungskündigung per Mitte Jahr. Laut Swissherdbook-Präsident Aebi haben 714 von 1820 Angestellten nicht unterschrieben, allerdings seien da auch Aushilfskräfte und Karteileichen darunter. Bis Ende April haben alle Gekündigten die Möglichkeit, auf ihren Entscheid zurückzukommen.

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Die Rolle von Andreas ­Aebi ist umstritten. Als Bauer und SVP-Nationalrat kämpft er dafür, dass der Staat mehr reguliert. Als Swissherdbook-Präsident überwälzt er wirtschaftlichen Druck auf die Schwächsten. Sein Verband habe auch selbst gespart und den Mitarbeiterbestand fast halbiert, entgegnet Aebi. Weil sich aber die Einkünfte aus dem Milchverkauf fast halbiert hätten, müssten viele Bauernbetriebe «jeden Franken umkehren». Jetzt müssten auch die Milchkontrolleure ihren Beitrag leisten.

Davon allerdings will Susanne Iten nichts mehr wissen. Wie ihre Kollegen Fritz Studer und Gottlieb Brügger hat sie die neuen Anstellungsbedingungen nicht unterschrieben und muss deshalb aufhören, «auch wenn das nach 17 Jahren weh tut». Sie sucht sich nun einen neuen Neben­erwerb. Mit Putzen zum Beispiel würde sie mehr verdienen.