Das Drama ist rasch erzählt: 30 Mutterkühe und Rinder lösen sich Ende August oberhalb der Alp Sous bei Lauterbrunnen von ihrer Herde, steigen 200 Meter zu einem Pass auf, danach durch ein Couloir ab, das immer steiler wird. Nur zwei Tiere kehren um, die andern 28 rennen über ein Felsband in den Tod.

Das ist weltweit einzigartig. Noch nie sind so viele Kühe gemeinsam in den Tod gegangen. Löste ein tieffliegender Hängegleiter Panik aus? War es der Lärm eines Düsenjets? Haben die Kühe gar wie Lemminge Gruppensuizid begangen? Älpler und Tierärzte rätseln über die Gründe. Normalerweise stürzen nur einzelne Tiere ab.

Die Untersuchungen ergaben, dass am Unglückstag kein Gewitter in der Gegend niederging, auch wurden keine Spuren von Luchsen oder Wölfen gefunden, die mit einem Angriff die Flucht hätten auslösen können. Hingegen fand an diesem Tag im nahen St. Stephan ein Flugplatzfest statt, bei dem alte Hunter-Düsenflugzeuge starteten. Am gleichen Tag wurde auch der «Inferno Marathon» durchgeführt – auf dem Weg zum Schilthorn dröhnte es deshalb aus zahlreichen Lautsprechern. Fielen die gemütlichen Kühe also unserer Freizeit- und Spasskultur zum Opfer?

«Bremsprobleme an Hanglagen»

«Sogar Wildtiere wie Steinböcke und Gämsen merken bei Düsenjets kaum auf. Der Lärm dauert zu kurz», wendet Paul Ingold ein, pensionierter Berner Professor für Wildtierbiologie. Er hat jahrelang Wildtiere im Berner Oberland beobachtet. «Und Hängegleiter können zwar bei Wildtieren Fluchten auslösen, doch die erfolgen geordnet.» Dass Kühe deshalb flüchten, habe er hingegen nie beobachtet. Was war es also?

Da kann nur noch einer helfen: Hans Hinrich Sambraus. Der 74-jährige Münchner Professor für Tierhaltung und Verhaltenskunde gilt als die Kapazität für wildlebende Kühe im deutschen Sprachraum und wird in der Szene «der Rindermann» genannt. Sein Erklärungsversuch: «Der Anlass für die Flucht oberhalb der Alp Sous kann sehr banal gewesen sein. Vielleicht hat eine Kuh aus nichtigem Anlass zu rennen begonnen und die andern mitgerissen. Weil der Hang steil war, konnten die mehr als 600 Kilogramm schweren Tiere nicht mehr bremsen und stürzten in den Tod.» Die Bremsprobleme von Kühen an Hanglagen habe er öfter beobachtet.

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Kapiert. Aber weshalb kommen dann solche Massenabstürze in den Bergen nicht häufiger vor? «Auf der Alp Sous müssen mehrere Umstände unglücklich zusammengetroffen sein», rätselt nun auch Sambraus.

Selbst der «Rindermann» ist also schliesslich ratlos – und unsere durchrationalisierte Welt um ein Mysterium reicher.