Eigentlich wäre ich gerne mit Bernie Krause durch die unberührte Wildnis gestapft, um ihn dort zu treffen, wo er seit mehr als 40 Jahren hauptsächlich arbeitet. Doch leider ist der Kalifornier im Stress, er muss seinen Vortrag für eine Konferenz vorbereiten. Dort wird er erklären, wie Ameisen klingen und warum es ohne die Klangwelten der Wälder keine Musik gäbe, wie wir sie kennen. Krause war nicht immer im Wald. Als junger Mann war er ein gut gebuchter Musiker und Klangtüftler. Er arbeitete mit den ­Doors zusammen und wirkte an Soundtracks für Filme wie «Apocalypse Now» und «Rosemary’s Baby» mit. Dann fand er in den Geräuschkulissen der Natur eine Welt, die ihn nicht mehr losliess. Unser Gespräch findet am Telefon statt.

BeobachterNatur: Bernie Krause, was hören Sie gerade, wenn Sie die Ohren spitzen?
Krause: Das leise Surren meines Computers.

BeobachterNatur: Sonst nichts?
Krause: Nein, ich sitze im Tonstudio meines ­Hauses. Es ist schallisoliert.

BeobachterNatur: Und wenn Sie mal vor die Tür treten?
Krause: Dann kann ich die Stimmen von ungefähr zehn Vogelarten unterscheiden. Unser Grundstück ist etwa zweieinhalb Hektar gross und bietet relativ ­unberührte ­Vege­tation. Manchmal kann ich Füchse kreischen oder bellen hören. Eine ­Fuchsmutter kann einen ziemlich furchterregenden Schrei ausstossen, um ihre Welpen zu schützen.

BeobachterNatur: Wohin sind Sie zuletzt gereist, um ­Naturgeräusche aufzunehmen?
Krause: Nach Alaska, etwa dorthin, wo die Inselkette der Aleuten beginnt. Das ist aber schon Jahre her. Zurzeit arbeite ich viel in der Umgebung, auch weil ich mit 75 nicht mehr der Jüngste bin. Am liebsten mache ich Aufnahmen kurz vor Sonnenaufgang, wenn das Konzert der Tiere am lautesten ist. Ich nenne das den «Morgenchor».

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BeobachterNatur: Warum machen Tiere gerade zu dieser Tageszeit solch ein Spektakel?
Krause: Weil die meisten Tiere dann aus dem Schlaf ­erwachen, wie wir auch. Sie singen, um ihr Territorium zu markieren, um sich aufzuwärmen. Das Licht kehrt zurück, und aus irgendeinem Grund scheinen sie den anbrechenden Tag willkommen zu heissen. Man darf nicht vergessen: Das Überleben von Tieren hängt auch von der Fähigkeit ab, sich mitteilen zu können. ­Jedes Tier will seine Nische finden, in der es kommunizieren kann, ohne von ­anderen gestört zu werden – wie auf einer Funk­frequenz. Die Klangsignatur bildet seinen Platz im Leben ab.

BeobachterNatur: Sie sagen, jede Form von Musik habe ­ihre Wurzeln in natürlichen Klängen. Woran machen Sie das fest?
Krause: Ich glaube, Tiere haben uns gelehrt, wie man singt und tanzt. Eingeborenenstämme imitieren noch heute die Klänge und Laute ihres Lebensraums, die Arrangements, die Rhythmen. Menschen sind gut darin, etwas nachzuahmen. Diese Gabe hat unsere Ausdrucksweise geprägt. Dabei waren es nicht so sehr die Laute ­eines einzelnen Vogels oder eines Froschs, sondern die kollektiven Laute eines ­Habitats. Wenn Sie die Klangdiagramme eines natürlichen Morgenchors und einer Mozart-Symphonie vergleichen, werden Sie im Aufbau Ähnlichkeiten erkennen. Die Kunst, Musik zu Symphonien zu verdichten, haben wir nicht in der Schule gelernt, sondern in den Wäldern der Urzeit.

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BeobachterNatur: Wie wurde aus Nachahmung Musik?
Krause: Darüber können wir nur spekulieren. ­Vielleicht haben die Urmenschen versucht, die Naturklänge zu imitieren, um ihre Spiritualität auszudrücken. Etwas, was jenseits des Sagbaren liegt. Musik ­­ hat emotionale, mystische, aber auch prak­tische Bedeutung. Bestimmte Laute ­deuteten vielleicht auf Nahrung hin. ­Natürliche Klanglandschaften waren ­damals unser Medium, unser Nachrichtenkanal. ­Bestimmte Affen verständigen sich über Rhythmen, die sie auf Feigenbäumen trommeln. Möglich, dass wir uns das ­abgeschaut haben.

BeobachterNatur: Sie waren selbst mal Musiker. Warum hat es Sie plötzlich in den Wald gezogen?
Krause: Mitte der Sechzigerjahre lernte ich Paul Beaver kennen; er machte experi­mentelle Musik und ­kreierte Sounds für Pulp-Filme. 1967 traten wir als Beaver & Krause auf dem Monterey Pop Festival auf, als eine der ersten Bands mit Moog-Synthe­sizer. Dank dieses Auftritts bekamen wir einen Plattenvertrag und nahmen ein ­Album auf, eine Art Guide für elektronische Musik, der sich 26 Wochen lang in den Charts hielt. Danach sollten wir für den Medienkonzern Warner Brothers ein ­Album zum Thema Ökologie aufnehmen. Für ein ­Album über die Natur brauchte man ­natürliche Klänge. Da mein Partner nicht der Outdoortyp war, machte ich mich mit zwei Stereomikros und einem Tonband ­­ auf den Weg.

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BeobachterNatur: Wohin gingen Sie für diese ersten ­Aufnahmen?
Krause: Ich spazierte in den nächstbesten öffent­lichen Park nördlich von San Francisco. ­ Es war Oktober, und eigentlich waren kaum Tierlaute zu hören. Aber allein der Raum, der sich plötzlich auftat, die Weite! Das hat mich sofort in den Bann gezogen. Ich verbrachte bald mehr Zeit im Wald als woanders. Es tat mir gut, still sein zu müssen. Ich leide an ADHS und kann mich bei Stress schlecht konzentrieren. Je mehr ich mich von der Zivilisation ­entfernte, desto ruhiger wurde ich. Es ­ war eher Selbsttherapie als Forschungs­interesse. Das kam dann später.

BeobachterNatur: Was ist Ihre grösste Erkenntnis nach 40 Jahren in der Natur?
Krause: Dass selbst vermeintlich «einfache» Tiere zu tiefen Gefühlen fähig sind. Ein Freund von mir hat einmal in den Wäldern des Mittleren Westens Aufnahmen an einem Teich gemacht, der seit der letzten Eiszeit nahezu unberührt war. Er wollte die Töne einer Biberfamilie aufnehmen, die dort wohnte. Eines Tages tauchten ein paar Jagdaufseher auf und sprengten ohne ­ersichtlichen Grund den Biberdamm samt Bibermutter und -jungen in die Luft. Mein Freund war geschockt, beschloss aber trotzdem, den restlichen Tag Aufnahmen zu machen. Der Bibervater schwamm in langsamen Kreisen um die Stelle, wo zuvor der Damm gewesen war, und hörte nicht auf zu klagen. Ich sage Ihnen: Es sind die markerschütterndsten Laute, die ich je von einem lebenden Wesen gehört habe.

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BeobachterNatur: In Ihrem Buch «Das grosse Orchester der Tiere» schreiben Sie, dass selbst kleinste Lebewesen eine eigene Klang­signatur haben, zum Beispiel Ameisen.
Krause: Oh ja. Einmal war ich in der Wüste, um dort nach interessanten Klanglandschaften zu suchen. Leider hatten wir unser ­Lager direkt neben einem Bau sehr aggressiver Roter Feuerameisen aufgebaut, die überall herumkrabbelten. Nach ein paar Bieren liess ich ein kleines Mikro durch den Haupteingang ihres Baus in die Tiefe und drückte den Aufnahmeknopf. Ich hörte kratzende Geräusche und sah, ­ wie die Ameisen ihre Beinchen an ihren ­Bäuchen rubbelten, um sich darüber ­­ zu verständigen, dass ein Problem existierte, das aus dem Bau geschafft ­werden musste. Sie kommunizierten über Klänge, nicht über Pheromone oder Duft. Danach hab ich andere Kleinstlebewesen aufgenommen, zum Beispiel Insekten­larven und sogar Bakterien und Viren.

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BeobachterNatur: Wie hören sich Viren an?
Krause: Wenn ein Virus sich von einer Zelle losmacht, erzeugt es ein klickendes Geräusch, wie wenn man mit den Fingernägeln schnippt. Übrigens sind kleine Lebewesen nicht unbedingt die leisesten. Und grosse nicht die lautesten: Eine Giraffe erzeugt leise, sehr tiefe Töne unter 20 Hertz, die für Menschen kaum wahrnehmbar sind.

BeobachterNatur: Wale können über Hunderte von ­Kilometern kommunizieren, heisst es. Was könnte lauter sein?
Krause: Das stimmt: Der Gesang der Wale ist so mächtig, dass er einmal um die ganze Welt wandern würde, stünden keine Kontinente im Weg. Eines der lautesten Geräusche in der Tierwelt, gemessen an der Grösse seines Erzeugers, produziert aber ein Tier, das kaum grösser als vier Zentimeter ist: der Knall- oder Pistolenkrebs. Er schnappt unter Wasser so schnell mit seiner Schere, dass eine sogenannte Kavitationsblase entsteht, die mit einem unglaublich lauten Knall implodiert, mit etwa 200 Dezibel. Das ist annähernd so laut wie beim Wal.

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BeobachterNatur: Dennoch stellt sich der Laie die Unterwasserwelt alles in allem eher still vor.
Krause: Oh nein, sie ist alles andere als leise. Ich ­allein habe in meinem Archiv Laute von 200 verschiedenen Fischarten. Schnorcheln Sie mal zu einem Korallenriff, und Sie werden eine symphonische Explosion ­erleben! Ein Beispiel: Dort gibt es Umber­fische, die man nicht umsonst Trommler nennt. Ihre Laute hören sich an wie die von der Basstrommel eines Rockschlagzeugs.

BeobachterNatur: Warum machen Sie die Aufnahmen? Sind sie für Sie persönlich oder für die Nachwelt bestimmt?
Krause: Ich arbeite mit Orchestern und Kompo­nisten zusammen, nehme Alben auf und ­arrangiere Klanginstallationen für ­Museen. Und natürlich will ich auch der Wissenschaft dienen. Ich besitze eine der wenigen Sammlungen von Klanglandschaften von vor 45 Jahren. So hat sich die Welt ­damals angehört. Und sie wird sich nie wieder so anhören.

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BeobachterNatur: Was hat sich verändert?
Krause: Ein Grossteil dieser Aufnahmen stammt von Tieren, die heute ausgestorben sind. Das ist die grosse Tragödie unserer Zeit. Die Bioakustik eines Habitats lässt grosse Rückschlüsse darauf zu, wie gesund es ist.

BeobachterNatur: Wie klingt ein gesundes Habitat im ­Vergleich zu einem gestörten?
Krause: In einer gesunden Umwelt haben alle ­Insekten, Reptilien, Amphibien, Vögel ­­ und Säugetiere ihre akustischen Nischen. Man kann das sehr gut beobachten in den Klangspektrogrammen, das sind unsere Audio-Schnappschüsse eines Habitats. ­In einem gestörten Lebensraum geht diese Ordnung verloren. Die Tiere suchen sich neue Nischen. Das Klangdiagramm wird diffus, gerät aus dem Gleichgewicht.

BeobachterNatur: Gibt es heutzutage überhaupt noch ­unberührte Habitate?
Krause: Ja, in Alaska, in den Nordwestterritorien von Kanada, wo kein Bergbau betrieben wird. Im südamerikanischen Regenwald. Oder in Afrika, aber dort werden sie rapide weniger. In Europa ist es schon schwieriger, solche Orte zu finden. Es gibt jedoch einen Ort, wo die natürliche Soundlandschaft sogar zurückkehrt: Tschernobyl.

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BeobachterNatur: Welches ist der stillste Ort, den Sie kennen?
Krause: Einmal stieg ich runter in den Grand Canyon und fand abseits des Flusses einen kleinen Seitencanyon mit etwa 100 Meter ­hohen Wänden aus Sandstein. Ich konnte das Blut durch meine Venen rauschen ­hören. Der Ausschlag auf meinem Aufnahmegerät war nicht wahrnehmbar, also ­unter zehn Dezibel. Es war so beunruhigend, dass ich zurück zum Fluss ging, um weiterzuwandern. Es gibt noch einen Tag, den ich nie vergessen werde: den Tag nach dem 11. September 2001. Kein Flugzeug ­­ in der Luft, der Strassenverkehr versiegt. Ich sass zusammen mit meiner Frau im Garten, und es herrschte eine absolut ­unwirkliche, atemberaubende Stille, wie wir sie nie zuvor und nie wieder danach vernommen haben. Es war gespenstisch und wunderbar zugleich.

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Klangsammler

Bernie Krause, 75, stammt aus Detroit. 1968 hat der Musiker die Organisation Wild Sanctuary gegründet, die sich der Aufnahme und Archivierung von natürlichen Klanglandschaften widmet. Sein Privatarchiv umfasst Aufnahmen von 15'000 Tierarten. Zuletzt erschien sein Buch: «Das grosse Orchester der Tiere. Vom Ursprung der Musik in der Natur»; Kunstmann-Verlag, 2013, 272 Seiten, CHF 35.90

www.wildsanctuary.com

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