Sieht Georgia ­einen Besucher kommen, füllt sie ihren Rachen mit Wasser, mischt sich unter ihre Artgenossen und verhält sich unauffällig. Erst wenn der menschliche Gast vor den in Gefangenschaft ­lebenden Schimpansen steht, schreit sie los und prustet der beobachteten Person die Flüssigkeit unter lautem Spektakel ins Gesicht. Diese vom holländischen Zoologen und Verhaltensforscher Frans de Waal beschriebene Situation zeigt, dass Menschenaffen zu höheren Hirnleistungen fähig sind und Handlungen planen können.

Es gibt heute auch keine Zweifel mehr, dass Menschenaffen sich selbst wahrnehmen und eine Form von Bewusstsein haben. Das zeigen Experimente, bei denen sich Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas im Spiegel selbst erkannten. Erstaunlicherweise bestanden auch Delphine, Elefanten und Elstern den Spiegeltest. Andere Tiere wie Makaken, Hunde oder Katzen hingegen sind dazu nicht fähig.

Überlebensvorteile

Die Fähigkeit, sich im Spiegel wahrzunehmen, weist auf ein Bewusstsein hin. Dieses ist Voraussetzung für eine Ich-Identität, die auch als Seele interpretiert werden kann. Menschen sind mit zwei Jahren bereits in der ­Lage, ihr Spiegelbild zu erkennen. In den folgenden Jahren entwickeln sie eine Ich-Identität. Die Spiegeltests machen deutlich, dass Tiere uns viel ähnlicher sind, als das noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten wurde – auch wenn wir nicht wissen, ob und wie sie denken.

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«Aus Sicht der Evolution sind diese expe­rimentellen Befunde mit dem Spiegeltest nicht überraschend», sagt der Prima­tenforscher Carel van Schaik von der Universität Zürich. Es gibt keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass nur Menschen geistige Fähigkeiten haben. Schon Charles Darwin spekulierte vor über 150 Jahren darüber, inwieweit Tiere höhere mentale Eigenschaften aufweisen. Offenbar schafft die Wahrnehmung des Selbst Überlebensvorteile. Das könnte erklären, warum Vertreter verschiedener Tierarten wie Fische, Vögel und Primaten eine Form von Bewusstsein entwickelt haben.

Lernen und Gefühle zeigen

Carel von Schaik unterscheidet die Selbstwahrnehmung von anderen höheren Fähigkeiten. Beklagten Schimpansen den Tod eines Artgenossen oder ­fischen sie mit Werkzeugen Ameisen aus Löchern, dann belege das nur, dass sie lernen können und Wissen weitergeben. «Mit der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung hat diese Kulturleistung aber noch nichts zu tun», sagt von Schaik.

Emotionen sind wiederum ein anderes Feld: Viele Tiere, darunter Hunde oder Katzen, zeigen Emotionen und empfinden Gefühle, wie ihre Halter bestätigen dürften. Nach gängi­gen Vorstellungen sind sie aber nicht zur Selbstreflexion fähig. Was sich hinter den treuherzigen Augen der Hunde verbirgt, bleibt also ein Rätsel.