BeobachterNatur: Christian Wenker, wie messen Sie bei einem Elefanten Fieber?
Christian Wenker: Dem Elefanten kann man nicht einfach ein Fieberthermometer ins Hinterteil ­stecken, mag es auch noch so gross sein. Will man bei ihm die Temperatur nehmen, heisst es geduldig sein und warten. Sobald er einen Haufen fallen lässt, sprintet man los und steckt schnell und entschlossen das Thermometer tief in den Kot – und schon kennt man die Innentemperatur des Elefanten. Wir nennen das eine «nicht-invasive Messung».

BeobachterNatur: Und falls Sie nicht gerade im passenden Moment dazukommen?
Wenker: Der Haufen, der je nach Wassergehalt mehrere Kilogramm wiegen kann, muss unbedingt frisch sein. Wartet man zu lange, setzen Fermentationsprozesse im Kot ein. Die Temperatur steigt, und die Messung wird für die Diagnose ­unbrauchbar.

BeobachterNatur: Wenn der Elefant Medikamente braucht, ist die Dosierung wohl auch nicht gerade klein.
Wenker: Gewöhnlich stecken wir die Tabletten in Bananen. Der Elefant schluckt sie, und das Problem ist gelöst. Als es aber einmal gleich 50 Tabletten aufs Mal sein mussten, hat das nicht geklappt.

BeobachterNatur: Wie sind Sie dann vorgegangen?
Wenker: Ich habe ein Kilo Kochbutter mit den gemörserten Tabletten verknetet und das Ganze zu einem länglichen Gebilde geformt: Schon hatte ich ein Zäpfchen. Das ist sowieso praktischer, da die Wirkstoffe so die Leber nicht passieren müssen und eine niedrigere Dosierung genügt.

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BeobachterNatur: Welche Tricks verwenden Sie bei ­kleinen Tieren?
Wenker: Zur Mineralstoff- und Vitaminversorgung von Reptilien beispielsweise genügt es, ­ihr bevorzugtes Futter – das sind meist ­lebende Grillen, Heimchen oder Heuschrecken – kräftig mit dem Medikament einzupudern. Bei Exemplaren, die staubige Futtertiere nicht so schätzen, greift man zum «Gut-Loading», wie wir das auf Mediziner-Englisch nennen. Das heisst so viel wie Darmbeladung. Man hat nämlich festgestellt, dass die meisten Futterinsekten das Mineralpulver mit dem Medikament freiwillig fressen. Sind sie schön voll damit, verfüttern wir sie.

BeobachterNatur: Wie nimmt man beim Panzernashorn ­eine Blutprobe?
Wenker: Ein Panzernashorn ist empfindsamer, als man meinen könnte. Es lässt sich vom ­vertrauten Pfleger gerne an den richtigen Stellen, beispielsweise in den Kniekehlen oder am Bauch, kraulen. Es legt sich dann ­entspannt hin, und so können wir Blut nehmen, ohne das Tier narkotisieren zu müssen.

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BeobachterNatur: Wo pieksen Sie ein Panzernashorn?
Wenker: Die Injektionsstelle liegt etwa eine Handbreit hinter dem Ohr. Es gibt dort keine panzernden Bindegewebsplatten; die Spritze muss nur durch die Haut.

BeobachterNatur: Was machen Sie, wenn Sie eine ­Blut­probe von der ­Giraffe brauchen?
Wenker: Viele Zootiere kann man gar nicht anfassen. Geraten sie in Aufregung, wird es ­für Tierarzt und Tier gefährlich. Gerade bei Giraffen, die durch einen Huftritt einen ­Löwenschädel spalten können. Früher war es daher manchmal nötig, ein Tier zu betäuben, um eine Blutprobe nehmen zu können. Bei Giraffen ist aber auch das mit grossem Risiko verbunden. Man braucht dafür zehn Mann, die dafür sorgen müssen, dass die Giraffe langsam nach unten sinkt und dass ihr Hals gesichert ist. Denn wenn der nach hinten kracht, könnte das Tier sich das Genick brechen. Das ist bei uns zum Glück noch nie vorgekommen.

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BeobachterNatur: Und wie gelangen Sie denn zu einer Giraffenblutprobe?
Wenker: Ich bestelle mir bei einem befreundeten Tierarzt ein paar Raubwanzen, die er zu diesem Zweck züchtet. So eine Wanze fasst bis zu zwei Milliliter Blut, was für die meisten Untersuchungen genügt. Ich setze sie auf die Giraffe, und sie saugt sich voll. Dann lässt sie sich fallen, und ich zapfe mir von ihrem Mageninhalt meine Blutprobe ab. Die Wanze überlebt das.

BeobachterNatur: Geht eine kleine Wanze im Stall nicht verloren?
Wenker: Leider ist mir auch schon mal eine Giraffe auf die frische Blutprobe getreten und hat der Wanze den Garaus gemacht. Seitdem seile ich die Wanze jeweils an: Ich binde ihr einen langen Faden um und kann sie bequem von oben auf die Giraffe ­herunterlassen und flugs wieder hoch­ziehen, wenn sie sich vollgesaugt hat und loslässt.

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BeobachterNatur: Können Sie diese Methode bei allen Grosstieren anwenden?
Wenker: Bei den an sich recht empfindlichen Giraffen klappt das sehr gut. Elefanten dagegen sind dünnhäutiger, als man gemeinhin denken würde. Die spüren sogar, wenn die Wanze auf ihnen herumläuft, und schlagen mit dem Rüssel danach. Darum halte ich für alle Fälle mehrere Wanzen vorrätig.

BeobachterNatur: Manchmal lässt sich eine Narkose nicht vermeiden. Halten Sie für jedes Tier die passende Ausrüstung auf Lager?
Wenker: Da sind durchaus handwerkliche Talente gefragt. Kleine Tiere kommen in unsere Narkose-Einleitungskammer aus transparentem Plastik, die eine gute Überwachung ermöglicht.

BeobachterNatur: Das sieht verdächtig nach einer ­Wattestäbchenbox aus.
Wenker: Es ist auch eine. Wir haben einfach ein Loch hineingeschnitten, durch das die Leitung mit dem Betäubungsgas geführt wird.

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BeobachterNatur: Und die PET-Flaschen dort drüben?
Wenker: Die 1-Liter-Flasche mit dem Gartenschlauch als Zuleitung ist die perfekte Atemmaske für einen Tukan. Für Horn­raben braucht es die 1,5-Liter-­Flasche, sonst passt der Schnabel nicht rein.

BeobachterNatur: Beim Pelikan dürfte eine gewöhnliche Flasche kaum über den Schnabel passen.
Wenker: Bei solch gewaltigen Schnäbeln wie denen von Pelikan und Storch muss einer der Gummihandschuhe herhalten, die man aus der alten Fernsehserie «Der Doktor und das liebe Vieh» kennt.

BeobachterNatur: So einer, der bis zur Achsel reicht?
Wenker: Genau. Der Gartenschlauch wird dann an eine abgeschnittene Fingerkuppe des Handschuhs montiert.

BeobachterNatur: Was machen Sie, wenn der Elefant in Narkose muss?
Wenker: Als wir einen der Stosszähne unseres ­Elefantenbullen zahnmedizinisch behandeln mussten, war Improvisationstalent gefragt. Das Loch war über einen halben Meter tief. Ein 65-Tonnen-Kran liess das Tier in ­einem Netz auf die gewünschte Körperseite zu Boden. Wir betteten den Bullen auf Camion-Reifenschläuche. ­Zwei Atemgeräte für Pferde schalteten wir ­parallel. Der Atembeutel war ein Wetterballon, der 700 Liter fasst. Und die Bohrer haben die Zoohandwerker ­natürlich alle in der richtigen Länge massgefertigt.

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BeobachterNatur: Es scheint, als müsste ein Zootierarzt so manches medizinische Problem mit ­Material aus dem Baumarkt lösen.
Wenker: Improvisieren gehört dazu. Ich hatte zum Beispiel immer das Problem, dass die ­Pinguine aufgeregt mit den Flügeln schlugen, wenn ich sie untersuchen wollte. ­Solange sie so flatterten, konnte ich wenig ausrichten. Also habe ich einem Verkehrskegel die Spitze abgesägt und ihn auf die passende Kragenweite gebracht. Den ­stülpe ich jeweils über den störrischen Pinguin.

BeobachterNatur: Haben Sie noch mehr solcher Tricks auf Lager?
Wenker: Ja, etwa für Schildkröten. Die sind zwar nicht unbedingt schnell, aber stur, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Sich vom Untersuchungstisch zu verdrücken, zum Beispiel. Jetzt setze ich sie auf e­inen ausgedienten Schubkarrenpneu. Dann strampeln die kurzen Beinchen in der Luft, und ich kann in Ruhe arbeiten.

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BeobachterNatur: Das klingt alles so routiniert und locker. Ist auch schon mal etwas ­richtig schiefgelaufen?
Wenker: Und ob! Für Zootierärzte gilt eine Grundregel: Man hält die Tiere stets von hinten, um möglichst weit weg von den gefähr­lichen Zähnen zu sein. Bei einer Tierart ist das jedoch genau die falsche Methode. Das Stachelschwein kann seine Stacheln nämlich nur nach hinten aufstellen und abschiessen. Das vergesse ich mit Sicherheit nie mehr: Ich musste mir einmal 120 Stacheln aus Armen und Oberkörper entfernen lassen.

Doktor im Zolli

Christian Wenker, 46, ist Zootierarzt im Zoo Basel. Er war von 2011 bis 2012 Präsident des europäischen Tierärzteverbands «European Association of Zoo and Wildlife Veterinarians». Wenker hat an den Universitäten in Bern und Zürich Tiermedizin szudiert. Forschungsreisen führten ihn unter anderem nach Argentinien und Südafrika.

Quelle: Torben Weber/Zoo Basel
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