Dem Tierwohl verpflichtet: Der 1963 geborene Biologe Hanno Würbel untersuchte für seine Doktor­arbeit (1996) haltungsbedingte Verhaltensstörungen bei Labormäusen. Er kam zum Schluss, dass Mäuse einen Unterschlupf und acht bis zehn Gramm Zellstoff brauchen, um ein Nest bauen und ihre Körpertemperatur regulieren zu können. Seine Erkenntnisse sind in die Richtlinien der EU und der USA zur Haltung von Versuchstieren eingegangen und werden heute auch in der Schweiz berücksichtigt. Würbel ist seit 2011 Professor für Tierschutz an der Vet­suisse-Fakultät der Universität Bern und lebt mit seiner Familie in Zürich.

Quelle: Marco Zanoni

Einen Professor für Tierschutz stellt man sich nicht unbedingt so vor: schwarze Brille, ein puristisch eingerichtetes Büro, zeitgenössische Kunst an der Wand, die stilvolle Ledertasche lässig am Boden deponiert. Das Gespräch findet in der veterinär­me­dizinischen Fakultät der Universität Bern statt. Im Treppenhaus erklärt eine bunte Tafel die Anatomie des Pferdes. Es riecht nach ­Bibliothek und Spital.

Auch wenn Hanno Würbel dem Klischee eines Tierschützers so gar nicht entspricht – erreicht hat er schon viel. Gleich zu Beginn seiner Karriere konnte er nachweisen, dass wissenschaftliche Studien an Aussagekraft verlieren, wenn Tierversuche an nicht artgerecht gehaltenen Labormäusen durchgeführt werden. Diese Erkenntnis machte Millionen von Versuchstieren das Leben erträglicher. Heute wirkt der Zoologe selbst so, als könnte er jemanden gebrauchen, der sein Leben etwas angenehmer gestaltet. Eigentlich hat er keine Zeit, um über so Grundsätzliches wie das Wohl und Leiden der Tiere zu reden. Er stöhnt kurz über all die Arbeit, die auf ihn wartet, bevor er entschlossen einen Stapel Bücher auf seinem Tisch beiseiteschiebt und bereit ist für die erste Frage.

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BeobachertNatur: Hanno Würbel, Sie sind der erste Tierschutzprofessor der Schweiz. Als Tee­nager haben Sie ­bestimmt ­Kröten ein­gesammelt und über die Strasse getragen.
Würbel: Nein, ich habe mich weder für Tiere noch für den Tierschutz ­besonders früh interessiert. Mein Zugang zum Tierschutz war und ist die Wissenschaft.

BeobachertNatur: Die Umweltschutzbewegung in den Siebziger- und Achtzigerjahren hat Sie kaltgelassen?
Würbel: Die ganze Umweltschutzproblematik und die Anti-AKW-Demos waren Teil meiner Jugend und nicht zuletzt meiner politischen Sozialisierung. Ich habe mich für das Biologiestudium entschieden, weil mich Ökologie als gesellschaftspolitisches Phänomen ­interessierte. Aber bald ging ­ es mir einfach darum, wissenschaft­liche ­Zusammenhänge zu verstehen. Dieser ­Antrieb war ­stärker als der Wille, konkret etwas zu verändern. Obwohl ich es natürlich toll finde, wenn die Konsequenz meiner Arbeit ist, dass Tiere weniger leiden.

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BeobachertNatur: Geht es unseren Nutztieren heute denn besser als vor 20 Jahren? Der Kostendruck nimmt doch ständig zu.
Würbel: Die Haltung der Nutztiere verbessert sich langsam, aber stetig. Mehr Sorgen bereitet mir, dass immer mehr Nutztiere auf Hochleistung gezüchtet werden: Legehennen sind derart produktiv, dass sie tatsächlich bald jeden Tag ein Ei legen. Kühe geben immer mehr Milch, Schweine setzen immer mehr Fleisch an. Wir müssen uns ­fragen: Was halten diese Tiere noch aus?

BeobachertNatur: Wie gross darf man das Euter von ­Kühen züchten? Gibt es da Grenzen?
Würbel: Es gibt nur die biologische Grenze, und die kennen wir noch nicht.

BeobachertNatur: Leiden Hühner, wenn sie im Akkord ­Eier legen müssen?
Würbel: Bei der Zucht von Legehennen wurde ­darauf geachtet, dass sie möglichst stabile Eier mit dicken Eierschalen legen. In der Folge leiden nun viele Hühner an ­Osteoporose. Ihre Knochen sind so ­brüchig, dass sie sich bei Stürzen und ­Kollisionen das Brustbein brechen. Auf Hochleistung gezüchtete Kühe fressen ­ununterbrochen und ver­lieren trotzdem an Gewicht, weil sie die gesamten Kalorien, die sie aufnehmen, ­für die Milch­produktion brauchen. Diese Kühe haben wahrscheinlich ständig Hunger.

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BeobachertNatur: Das ist grausam.
Würbel: Das sind Auswüchse, die man in Frage stellen muss.

BeobachertNatur: Lässt sich der Hunger des Tiers wissenschaftlich ­nachweisen?
Würbel: Physiologisch ist er nicht nachweisbar. Um Gewissheit zu haben, bräuchte es ­weitere Indikatoren, die darauf hinweisen, dass die Kuh sich nicht wohlfühlt.

BeobachertNatur: Wie misst man bei Tieren das ­Wohlbefinden?
Würbel: Das ist unsere grösste methodische Herausforderung. Tiere können nicht über ihre Gefühle sprechen, und man kann ihr Wohlbefinden oder Leiden auch nicht ­direkt messen. Aber man kann es ­indirekt messen, indem man sich eine ­Erkenntnis aus der Humanforschung ­zunutze macht: Heute weiss man, dass glückliche Menschen optimistische Entscheidungen treffen und depressive Menschen zu pessimistischen Entscheidungen neigen. Englische Forscher vermuteten als Erste, dass sich die psychische Grundstimmung von Tieren in einer ähnlichen Art und Weise auf deren Entscheidungsverhalten auswirken könnte.

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BeobachertNatur: Konnten die Forscher das beweisen?
Würbel: Ja. Sie trainierten Ratten darauf, einen Knopf zu drücken, wenn ein hoher Ton ­erklang. Taten sie das, bekamen sie Futter. Drückten sie aber den Knopf bei einem tiefen Ton, wurden sie mit einem un­angenehmen Geräusch «bestraft». Sobald die Ratten gelernt hatten, dass es nur ­ beim hohen Ton Futter gab, spielten die Forscher einen mittel­hohen Ton ab. So konnten sie feststellen, ob die Ratten ­diesen Ton optimistisch als hohen Ton ­interpretierten und den Knopf drückten oder ob sie ihn pessimistisch als tief ­einschätzten und nichts unternahmen.

BeobachertNatur: Hat man überprüft, ob schlecht gehaltene Ratten pessimistisch entscheiden und gut gehaltene optimistisch?
Würbel: Die These hat sich bestätigt: Gut gehaltene Tiere entscheiden sich optimistisch und schlecht gehaltene pessimistisch.

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BeobachertNatur: Kann man Erkenntnisse aus der ­Humanforschung so einfach auf Tiere übertragen? Umgekehrt funktioniert es ja auch nicht immer.
Würbel: Natürlich sind Menschen keine Ratten. Aber das Grundprinzip, dass sich eine ­Gefühlsstimmung auf Entscheidungen ­auswirkt, konnte mittlerweile bei vielen Säugetieren nachgewiesen werden. Diese ­sogenannte kognitive Verzerrung haben Forscher sogar bei Bienen beobachtet.

BeobachertNatur: Kann man die Versuchsanordnung auf ­andere Tierarten übertragen?
Würbel: Man muss für jede Tierart eine geeignete Methode erfinden. Derzeit entwickeln wir eine für Pferde: Wir haben die Tiere darauf trainiert, bei einem hohen Ton zu einem Kübel zu gehen, wo sie Futter vorfinden. Das Training hat sich aber als so aufwendig erwiesen, dass wir diese Versuchs­anordnung nicht weiterverfolgen können. Wir überlegen nun, ob wir statt der Töne Farben als Reize verwenden und ­statt des Futterkübels einen Touchscreen, den die Pferde mit ihrer Nase bedienen.

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BeobachertNatur: Versuchen Sie auch, das Leiden der ­Hühner zu messen, die sich das ­Brust­bein gebrochen haben?
Würbel: Wenn sich Legehennen aufgrund einer Haltungsform Knochen brechen, müssen wir ihr Leiden nicht mehr messen, weil es ­offensichtlich ist. In anderen Situationen weiss man hingegen nicht so genau, wie es den Tieren geht. Niemand weiss zum Beispiel, wie sich eine Legehenne fühlt, wenn sie mit bis zu zehn anderen Hühnern auf einem Quadratmeter gehalten wird, so wie das bei der Bodenhaltung der Fall ist.

BeobachertNatur: Wie lässt sich verhindern, dass sich Hühner das Brustbein brechen?
Würbel: Man muss wieder Hühner mit stärkeren Knochen züchten. Dann sollte aber auch das Haltungssystem überdacht werden: Mittlerweile werden Legehennen in drei- bis viergeschossigen Volièren ­gehalten, was dazu führt, dass sie einander von ­höher gelegenen Stangen hinunterschubsen. Weniger hohe Volièren und weichere ­Materialien könnten eine Verbesserung bringen. Zudem haben wir Hühner mit ­einem Datenlogger ausgestattet, um ­herauszufinden, wie Nester und Stangen ­angeordnet sein müssen, damit es zu ­möglichst wenig Kollisionen kommt.

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BeobachertNatur: Warum picken sich Hühner gegenseitig die Federn aus?
Würbel: Haben die Vögel als junge Tiere die Möglichkeit, in einer guten Einstreu zu picken, piesacken sie später ihre Artgenossen seltener. Diese Verhaltensstörung entwickeln nur ältere Tiere; man beobachtet sie vor ­allem bei Legehennen und bei den Eltern der Masthühner: Die Tiere sind eigentlich zum Mästen gezüchtet, dürfen aber nicht zu viel fressen, weil sonst der Sex nicht mehr funktioniert und sie zu wenig Nachkommen produzieren. Deswegen gibt man ihnen nicht genug Futter. Diese Hühner entwickeln ein stereotypes Verhalten, weil sie Hunger haben. Sie picken nicht nur nach den Federn ihrer Artgenossen, sondern auch gegen Objekte, etwa gegen die Futteranlage.

BeobachertNatur: Das ist doch Tierquälerei.
Würbel: Unter Tierquälerei versteht man das ­vorsätzliche Zufügen von Schmerzen, ­Leiden und Schäden. In diesem Fall handelt es sich nicht um vorsätzliches Zufügen von Leid, sondern um einen Kollateralschaden. Die Produktion von Nahrungsmitteln muss wirtschaftlich und konkurrenzfähig sein, dafür nimmt man gewisse Abstriche beim Wohlbefinden der Tiere in Kauf.

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BeobachertNatur: Wird die Zeit kommen, in der wir das Leiden der Hühner nicht mehr ­tolerieren?
Würbel: Davon gehe ich aus. Die Sensibilität nimmt zu. Vegane Ernährung ist heute ein Lifestyle. Und Zootiere vegetieren nicht mehr in gekachelten Käfigen, da haben wir heute andere Ansprüche.

BeobachertNatur: Jeder ist gegen Massentier­haltung, aber im Supermarkt greifen dann doch viele zum unschlagbar ­günstigen EU-Fleisch.
Würbel: Heute begnügen sich viele Menschen ­ mit Lippenbekenntnissen, das stimmt. Dennoch ist klar, in welche Richtung der Trend geht. Aber ich finde es schon auch fragwürdig, dass in der Schweiz Fleisch verkauft werden darf, ­das nicht gemäss den Richtlinien unseres Tierschutzgesetzes produziert worden ist.

BeobachertNatur: Sie haben sich intensiv mit der Haltung von Labortieren auseinandergesetzt. In der Schweiz sterben jedes Jahr 600 000 Tiere in Tierversuchen. Wie viel Leiden darf Versuchstieren zugemutet werden?
Würbel: Tierversuche werden in Schweregrade ­eingeteilt. Bei schmerzhaften Prozeduren muss man einen guten Grund haben, um sie zu rechtfertigen – etwa die Erforschung einer Krankheit, von der viele Menschen erheblich betroffen sind. Es wird immer abgewogen, ob der Erkenntnisgewinn das Leiden rechtfertigt.

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BeobachertNatur: Die Ergebnisse sind oft nicht auf den Menschen übertragbar. Sind Tierversuche nicht grundsätzlich ­fragwürdig?
Würbel: In der Schlaganfallforschung erwiesen sich im Tierversuch rund 370 neue Wirkstoffe als vielversprechend; als man 100 dieser Substanzen an Patienten testete, wirkte ­jedoch nur noch eine einzige davon. Diese miserable Quote hat eine Krise ausgelöst, und die Hirnschlagforscher kämpfen heute an vorderster Front für eine Verbesserung der Tierversuche. Man muss dazu aber auch sagen, dass diese Wissenschaftler mit fragwürdigen Tiermodellen ge­arbeitet haben: Sie verabreichten einer Ratte 30 Sekunden nach einem Hirnschlag ein bestimmtes Medikament. Da beim Menschen ein Hirnschlag kaum je nach 30 Sekunden behandelt werden kann, ist eine solche Versuchs­anordnung vollkommen wertlos.

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BeobachertNatur: Sie stellen Tierversuche nicht grundsätzlich in Frage. Werden Sie von ­militanten Tierschützern als Helfers­helfer der Pharmaindustrie kritisiert?
Würbel: Selten. Ich bin kein Verfechter des Tierversuchs, aber ich verdamme ihn auch nicht. Die Schweizer Bevölkerung hatte ein ums andere Mal die Möglichkeit, Tierversuche zu verbieten, hat es aber nie getan. Es ­besteht eindeutig ein gesellschaftlicher Konsens, und der besagt: Wir brauchen Tierversuche. Diesen Konsens stelle ich nicht in Frage.

BeobachertNatur: Sie betreiben einen wissenschaftlichen Tierschutz. Sind Sie nicht moralisch ­verpflichtet, Partei für die Tiere zu ­ergreifen?
Würbel: Nein, das ist nicht mein Job. Die Gesellschaft bestimmt, dass es okay ist, Fleisch zu essen und Tiere in Zoos zu halten – auch wenn es Veganer und Zoogegner gibt. Meine Aufgabe ist es, wissenschaft­liche Argumente für die gesellschaftliche Debatte zur Verfügung zu stellen. So kann ich dazu beitragen, das Leiden der Nutz- oder Zootiere zu minimieren.

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BeobachertNatur: Können Sie auf diese Weise mehr ­beitragen, als wenn Sie Partei ergreifen würden?
Würbel: Ich persönlich schon, weil mir diese Arbeit mehr liegt. Aber ob das grundsätzlich so ist, das wage ich zu bezweifeln. Ich habe das Gefühl, dass der Druck der Strasse mehr bewirkt als die Forschung.

BeobachertNatur: Weshalb?
Würbel: Ein Beispiel: In Deutschland wurde die ­Käfighaltung von Legehennen verboten. Später wurde auf Druck der Branche ­ein sogenannter ausgestalteter Käfig wieder zugelassen. Doch diesen hatten ­die ­Eierproduzenten gar nie eingesetzt, weil die Supermärkte entschieden hatten, ­ keine Käfigeier mehr zu verkaufen. Die Kon­sumenten wollten sie ganz einfach nicht mehr. Damit war diese Art der Haltung ­definitiv vom Tisch.

BeobachertNatur: Wie viel Macht hat der Konsument?
Würbel: Wissenschaftler können in Einzelfällen ­einen Anstoss geben. Das Problem der Brustbeinfrakturen bei Hühnern haben Wissenschaftler entdeckt. Sie liefern wichtige Impulse, wenn es darum geht, bestehende Systeme zu optimieren. Der Kon­sument aber kann das System ­ändern.

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