Als Stephan Billeter kurz vor acht Uhr morgens seinen Kleinbus parkiert, weht ein eisig kalter Wind durch das halboffene Parkhaus bei der Luftseilbahn Hoch-Ybrig SZ. Es ist Samstag vor Weihnachten und einer der kältesten Tage des Jahres. Minus 14 Grad zeigt das Thermometer. Die ersten Skifahrer stöckeln bereits Richtung Seilbahn. Stephan Billeter (39) aber holt nicht Skier aus dem Bus, sondern Klettermaterial, einen Helm und farbige Packsäcke aus PVC. Dann zwängt er sich in einen gelben, mehrfach geflickten Ganzkörperanorak, zieht Gummistiefel an und eine modisch etwas zweifelhafte Roger-Staub-Mütze. Als die Kollegen eintreffen, ist Billeter, hochmotiviert wie immer, längst bereit für das Abenteuer, das oben am Berg auf ihn wartet.

Man ist zu acht, eigentlich eine zu grosse Gruppe. Vier Personen gehören der Ostschweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung (OGH) an, die anderen sind Einheimische, organisiert in der Höhlengruppe Ybrig (HGY). Ein Geoinformatiker ist dabei, ein Carfahrer, eine Chemielaborantin, ein Treuhänder. Ihr Tagesprogramm: in die Sternenhöhle abseilen, erkunden, ob sich Eisformationen gebildet haben, dann die Gänge nachmessen und am Ende alle wieder heil nach oben bringen.

Die Kälte? Kein Thema. Schlechtes Wetter kennen Höhlenforscher nicht, höchstens schlechte Kleidung.

Auf der Bergstation der Luftseilbahn, 1465 Meter über Meer, bläst der Wind noch frostiger. Die acht Unentwegten treffen sich unter einer grossen Tanne. Wortlos seilt sich einer nach dem andern in eine steile, tiefverschneite Schlucht ab. Nach etwa 60 Seilmetern stehen sie mit klammen Fingern und roten Nasen im Portal der Sternenhöhle.

Der Anblick ist überwältigend. Zehn Meter hoch und ebenso breit ist das Loch im Fels. Meterlange Eiszapfen und Eisvorhänge verzieren die Pforte. Einige Steine sind mit einer Eisschicht bedeckt, die aussieht wie Cappuccinoschaum. Alois Kälin aus Unteriberg war es, der die Höhle im Oktober 1996 entdeckte. Ein unglaubliches Gefühl muss das gewesen sein.

60 Meter seilen sich die Forscher zum Höhleneingang ab.

Quelle: Gerry Nitsch

Das Herz schlägt schneller

Jetzt steht der 54-Jährige wieder hier, zusammen mit Billeter und seiner Gruppe. «Natürlich habe ich gejauchzt damals», sagt Kälin. Und nur ein feines Lächeln verrät seinen Stolz. Der frühere Primarlehrer und heutige Sportredaktor war auf der anderen Talseite auf der Jagd, als er in den Felsen neben der Bergstation einen grossen Schatten sah. Es konnte kaum etwas anderes als eine Höhle sein. Klar, dass er sich die Sache genauer anschauen musste.

Die ersten Schritte in die Höhle hinein liessen Kälins Herz schneller schlagen. Nie zuvor hatte jemand einen Fuss an diesen Ort gesetzt, noch nie hatte jemand erkundet, wohin die Gänge führen. Niemand wusste, ob es schöne Kalkformationen, versteinerte Ammoniten oder einen unterirdischen See zu entdecken gab. Den ersten Schritt ins Unbekannte zu setzen – für solche Erlebnisse ist man Höhlenforscher. Und nimmt an vielen Wochenenden Strapazen und Gefahren auf sich.

Nur zu gern hätten Kälin und seine Yberger Kameraden die Höhle geheim gehalten. Doch Ende 2000 ereignete sich beim Abseilen ein Unfall, und die Rega musste kommen. Eine zufällig anwesende Journalistin wurde aufmerksam, und bald wusste die ganze Schweiz von der Höhle. Kälin war der Star der Woche.

Jetzt aber ist es Zeit, in die Höhle einzusteigen und mit den Vermessungen zu beginnen. Kälin bereitet die Lampe vor. Er giesst Wasser auf die Kalziumkarbid-Steine. Zischend entwickelt sich ein brennbares Gas, giftig und stechend nach Knoblauch riechend. Kälin schliesst die Patrone und hängt sie an den Schlauch an seinem Helm. Dann entfacht er das Gas, hebelt ein bisschen am Gerät, bis die Flamme die richtige Grösse hat. Auch seine Begleiter haben inzwischen ihre Karbidlampen präpariert. Die Gruppe ist bereit zum Einstieg.

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Quelle: Gerry Nitsch

Vor­be­reitung der Karbidlampe

Quelle: Gerry Nitsch

Weit weg von der realen Welt

Bereits nach wenigen Schritten stehen die acht Forscher in einer hohen Eingangshalle. Im Halbdunkel sind unter tropfendem Wasser Dutzende kleiner Eissäulen gewachsen. «Letztes Jahr wurden sie bis zu drei Meter hoch», sagt Alois Kälin so leise, dass man ihn kaum hört. Wie Kristalle glitzern die Eisstalagmiten in den spärlichen Sonnenstrahlen, die noch in die Halle dringen. Dann wird der Höhlengang enger, dunkler, die sieben Männer und die Frau werden immer ruhiger. Sie zwängen sich durch Verengungen, klettern über Felsblöcke und robben durch staubige Gänge. Abgeschirmt von all den Erwartungen der Welt, stossen die Forscher vor, hinein ins Jahrmillionen alte Urgestein der Erde.

Eisstalagmiten wachsen in der Eingangshalle.

Quelle: Gerry Nitsch

Höhlen entstehen meist entlang von Gesteinsverschiebungen oder Schichtgrenzen. Das erklärt Stephan Billeter an einer Stelle, wo eine solche Grenze zu sehen ist: eine weisse Linie, die sich im Fels nach oben zieht. «Ein haardünner Riss genügt, damit eine Höhle entstehen kann. Durch Kapillarkraft füllt sich der Fels mit Wasser, und weil im Wasser immer Säure gelöst ist, zersetzt sich der Kalkstein. Nach etwa 50'000 Jahren ist der Riss allerdings erst zirka zwei Millimeter breit.» Stephan Billeters Stimme wird lauter und höher, so begeistert ist er von der Geologie. «Immer schneller fliesst das Wasser in der Spalte, wäscht Schicht um Schicht aus dem Fels – bis sich nach vielen weiteren Zehntausenden von Jahren ein Höhlengang gebildet hat.»

Vorrücken im engen Hauptgang

Quelle: Gerry Nitsch

Billeter ist ein guter Erzähler. Und er kann begeistern. Denn er ist selber von vielem begeistert: von Abenteuern, aber auch von Motoren und Lastwagen. Auf die Höhlen kam er durch die Pfadi: Man ging gemeinsam ins Nidlenloch oberhalb von Solothurn. Stephan Billeter alias Kobra war so bezaubert, dass er darauf die Nummer 111 anrief und fragte, ob es zum Stichwort Höhle einen Eintrag gebe. Die Auskunft verwies ihn an die OGH. Er besuchte einen Vereinshöck – und blieb dabei. Heute ist er der Präsident der 100-köpfigen Gesellschaft. Das Vereinslogo: eine Fledermaus.

Fledermaus im Winterschlaf

Quelle: Gerry Nitsch

Geräusche in der Stille

Ein solches Säugetier taucht plötzlich im Licht der Lampen auf. Es hat sich zum Überwintern an einen Vorsprung gehakt. Die Forscher werfen einen raschen Blick hinauf und gehen weiter. Niemand will den einsamen Schläfer aufwecken. Erst später macht die Gruppe Halt.

«Hier hört man manchmal das Surren eines Seilbahnmasts», flüstert Billeter. Doch heute ist nichts zu hören ausser dem steten, allgegenwärtigen Tropfen von Wasser. Die Lampen werfen Schattenmonster an die Wände. Ein etwas ungemütliches Gefühl kommt auf: das Gefühl, Eindringling zu sein, eine Entdeckung zu machen, die einem eigentlich nicht zusteht.

Dennoch zieht es die Männer und die Frau vorwärts mit dem Ziel, weitere verborgene Schönheiten zu entdecken. Etwa die fünf Zentimeter kurzen und wohl erst zirka 200 Jahre alten Baby-Stalaktiten, die wie Tropfsteine von der Decke wachsen. Oder kleine und grosse Kolken – kreisrunde Vertiefungen, die von rotierenden Steinen herausgeschliffen wurden. Naturphänomene, die nicht nur entdeckt, sondern auch genaustens dokumentiert werden.

Christoph Kälin setzt mit Nagellack einen Vermessungspunkt.

Quelle: Gerry Nitsch

Ein Teil der Guppe macht sich an die Vermessung. Christoph Kälin, mit 13 Jahren der Jüngste, zwängt sich in einen Seitengang bis zu einem Punkt, der vom Hauptgang aus gerade noch zu sehen ist. Hier setzt er mit rotem Nagellack eine erste Vermessungsmarke. Andreas Dickert, der zweite Vermesser, peilt den roten Punkt vom Eingang des Seitengangs an – mit einem neuen Vermessungsgerät, das Kompass, Neigungsmeter und Metermass in einem ist. Ein Laserstrahl blitzt auf, auf dem Display erscheinen Distanz, Richtung und Neigungswinkel. «Früher mussten wir alles von Hand auf wasserfestes Papier zeichnen», sagt Dickert. Jetzt können die Forscher den Plan der Höhle am Bildschirm studieren, ihn drehen und wenden, Grundrisse und Querschnitte zeichnen.

Systematisch arbeiten sich der junge Kälin und sein Partner immer tiefer in den Seitengang vor. Das zweite Vermessungsteam ist in der sogenannten «Todeszone» am Werk. Den finsteren Namen führt dieser Höhlenabschnitt, weil die Gänge hier im Sommer regelmässig mit Wasser gefüllt sind. Davon zeugen zurzeit nur drei kleine Seen – und der Dreck, der sich auf den Kleidern absetzt.

Alois Kälin, Höhlenent­decker (l.) und Stephan Billeter

Quelle: Gerry Nitsch

Arbeiten mit erhöhtem Risiko

Insgesamt haben die Forscher bis heute 1,4 Kilometer der Sternenhöhle vermessen. Stephan Billeter und sein Team sind indes zuversichtlich, dass noch viele neue Gänge zu entdecken sind. Oft sind die Eingänge jedoch verborgen oder sogar verschüttet. Diese «schwarzen Löcher» muss man erst «schleifbar machen», wie man in der Fachsprache sagt. Will heissen: Steine manuell entfernen oder auch einmal mit Dynamitstangen wegsprengen. Nur ist das nicht ganz ungefährlich: Wo man Material entfernt, können ganze Gänge einstürzen. «Solange man labile Steine nicht berührt, passiert nichts», sagt Billeter. «Aber man muss genau wissen, was man tut.»

Der Mann hat Erfahrung. Er steckte einmal selber ziemlich ungemütlich zwischen Steinen fest – und ein Kollege musste ihn freisprengen. Seither gibt Billeter noch mehr Acht auf die Sicherheit, zumal Bergungen bei Unfällen kompliziert und eventuell erst nach vielen Stunden oder gar Tagen möglich sind.

Um 14 Uhr besammeln sich die Forscher zur Besprechung. Lichter blitzen auf, Schritte und Wortfetzen hallen wie in einer leeren U-Bahn-Station. Alles ist nach Plan verlaufen, nur der Hunger macht sich langsam bemerkbar. Man kehrt zurück.

Am Höhlenausgang ergreift die Forscher erneut das Staunen über die glitzernden Eissäulen. «Letztes Jahr waren sie bis drei Meter hoch», wiederholt Alois Kälin und zeigt wieder dieses Lächeln. Dann zündet er sich einen Stumpen an.

Gemeinsam schwelgen Kälin, Billeter und ihre Freunde in Erinnerungen an frühere Entdeckungen in der Sternenhöhle, in anderen Höhlen. Sorgen und Nöte sind weit entfernt, Kälte und Hunger ausgeblendet, die Sinne geschärft. Es scheint, als hätte die Höhle aus den Männern wieder Kinder gemacht, sie das Staunen gelehrt. Wie neu geboren stehen sie da und freuen sich über die Höhle, den Schnee, die Welt. Und auf die nächste Tour.

Magische Erlebnisse in der Schweiz bieten die aufgelisteten Schauhöhlen. Sie können ohne Vorkenntnisse besucht werden, sind aber meist nur in geführten Gruppen zugänglich.

  1. Vallorbe VD: Orbe-Grotten
    www.grottesdevallorbe.ch
  2. Réclère JU: Grotten von Réclère
    www.prehisto.ch
  3. St-Maurice VS: Feengrotte
    www.grotteauxfees.ch
  4. St-Léonard VS: Unterirdischer See von St-Léonard
    www.lac-souterrain.com
  5. Sundlauenen BE: St.-Beatus-Höhlen
    www.beatushoehlen.ch
  6. Baar ZG: Höllgrotten
    www.hoellgrotten.ch
  7. Muotathal SZ: Hölloch
    www.trekking.ch
  8. Oberriet SG: Kristallhöhle Kobelwald
    www.kristallhoehle.ch
Quelle: Gerry Nitsch


Wer selber gerne Höhlenforscher werden möchte, schliesst sich am besten einem der zahlreichen Vereine an, die der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung (SGH) angehören (Informationen unter www.speleo.ch). Höhlen, die nicht touristisch eingerichtet sind, sollten keinesfalls auf eigene Faust erkundet werden.

Erste Informationsquellen

  • Eishöhlen, Bergwerke und weitere unterirdische Attraktionen weltweit: Unter www.showcaves.com finden sich Informationen über Höhlen in aller Welt, geordnet nach Typen und Ländern. Allerdings sind die meisten Texte nur auf Englisch vorhanden.
  • Reinhard Brühwiler: «Wanderungen ins Innere der Schweiz»; Werd-Verlag, 2008, 160 Seiten, CHF 33.90
  • Schweizer Museum für Speläologie in Chamoson VS: www.museespeleo.ch