Der König der Pygmäen ist 1,90 Meter gross, weiss und ein miserabler Jäger. Er kann nicht auf Bäume klettern, keinen wilden Honig ernten, das Wesen der Waldgeister ist ihm fremd, die Frauen kichern über ihn. Singen? Tanzen? Fehlanzeige. Und leicht zu finden ist er auch nicht.

Seit vier Tagen sind wir unterwegs im Kongobecken. Von Kameruns Hauptstadt Yaoundé aus stetig nach Osten, auf roten Schlammpisten immer tiefer hinein in den grössten Dschungel Afrikas, im Boot den Sangha-Fluss hinauf, hinüber in die Zentralafrikanische Republik und auf Wald­pfaden bis auf diese Lichtung, wo plötzlich von allen Seiten Baka-Pygmäen auf uns zuströmen, in zerlumpten Kleidern, die Kinder sind nackt. Kleingewachsene Männer schreien uns an und fuchteln mit ihren Speeren herum. Frauen mit tätowierten Gesichtern und spitz gefeilten Schneidezähnen zerren an unseren Hemden. Der Geruch nach Rauch, nach Schweiss; es ist heiss, überall Fliegen. Über Hütten aus ­Ästen und Blattwerk türmt sich eine Wolke auf, ein Donner grollt – und genau in diesem Moment löst sich aus dem Unterholz eine hochgewachsene Gestalt.

Wie auf ein geheimes Signal reisst das Geschrei der Baka ab. Sie bilden eine Gasse, der Mann schreitet hindurch und bleibt direkt vor uns stehen: ein Weisser, zwei Köpfe grösser als die anderen, auf jedem Arm ein Pygmäenbaby, barfuss. Sein nackter Oberkörper ist mit dunklen Flecken übersät. Kahler Kopf, schmaler Oberlippenbart, das Gesicht kantig und spitz wie das einer Ginsterkatze.

Vor uns steht eine Legende: der erste Weisse überhaupt, den die Baka in ihr Volk aus Jägern und Sammlern aufgenommen haben. Ein Verlorener, Verschollener, Wiedergeborener, der monatelang nur Kaulquappen ass, eine Baka-Frau heiratete, der Malaria, Hepatitis, Typhus, Lepra überlebt und 400 Stunden einzigartiger Pygmäengesänge aufgezeichnet hat. Vor uns steht der musikalische Herodot der zentralafrikanischen Wälder, der «weisse Pygmäe» – Louis Sarno.

Sein stechender Blick durchbohrt uns. Wir kommen unangemeldet. Aber wir haben sein Buch gelesen, «Der Gesang des Waldes». «Ein grossartiges Werk», schwärmen wir, «phantastisch geschrieben, bewegend.» Er knurrt zurück: «Don’t mention the book!» – erwähnt das Buch nicht.

Sein Gesicht ist wie versteinert. Gleich dreht er sich um, und unsere Reise war umsonst. Da geschieht etwas Eigenartiges: Ein Baka-Junge, fünf, sechs Jahre alt, greift nach unseren Händen und summt eine eindringliche Melodie. Sarnos Gesichtsausdruck verändert sich. Lächelt er?

Noch bevor das Lied des Jungen verstummt, ist Sarnos Feindseligkeit wie weggezaubert. «Ich wusste nichts über die ­Baka, als ich das Buch damals schrieb», sagt er, und seine Stimme klingt jetzt viel weicher. «Kein Wort mehr darüber.» Wir versprechen es. «König der Pygmäen?», sagt er auf dem Weg zu seinem Haus und lacht. «Ein blöder Scherz, den man sich in Amerika mit mir erlaubt.»

1954 in Newark, New Jersey, geboren, studierte Sarno Englisch und Literatur und folgte seiner holländischen Frau nach Amsterdam. Die Ehe hielt nicht lange. Zu jung seien sie gewesen, sagt Sarno, zu verschieden. Nach der Trennung unterrichtet er Englisch, arbeitet auf einer Schaffarm und fährt mit selbstgemachten Postern von Flugshow zu Flugshow, bis er allein am Ton erkennt, ob gerade eine F-16 oder ­eine Harrier, eine Tornado oder eine Eagle über ihn hinwegzieht.

Sarno hatte schon immer ein feines Gehör. Seit seiner Kindheit schlägt sein Herz für Klavier- und Violinsonaten, Sinfonien und Streichquartette. Doch dann, in einer Winternacht Mitte der achtziger Jahre, hört er im Radio eine Musik, wie er sie nie zuvor vernommen hat. «Ein polyphones Geflecht aus Frauenstimmen, raffinierte Jodellaute, eine sich endlos wiederholende an- und abschwellende Melodie», erinnert er sich, während wir durch das Baka-Dorf Yandoumbé zu seinem Haus gehen. An einer Feuerstelle zerlegen Frauen mit blossen Händen eine Ratte. «Diese fremdartigen Harmonien machten mir damals Gänsehaut, sie wirkten hypnotisch auf mich – pure Magie.» Es war einer jener Momente, die ein Leben für immer verändern.

Der Gesang aus dem Radio lässt Sarno keine Ruhe. Er forscht nach, findet heraus, dass er Pygmäenmusik gehört hat – und steigt mit seinem Aufnahmegerät und den letzten 500 Dollar in der Tasche in ein ­Flugzeug nach Bangui, in die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Seine Mittel lassen nur ein One-Way-Ticket zu.

Die Musik der Baka-Pygmäen

«Ich wurde von einem Lied ins Herz von Afrika gelockt», schreibt er in seinem Buch, erschienen Anfang der neunziger Jahre. Der erste Satz. Der Sprung in ein neues Leben. Denn Sarno fand seine Musik: in den Regenwäldern des Kongobeckens. Bei den Baka. Das war 1985. Heute, ein Vierteljahrhundert später, lebt Sarno noch immer unter den Pygmäen. «Sie führten mich in ihre Musik ein, im Gegenzug verlangten sie mein Leben», sagt er vor seinem Haus am Rand von Yandoumbé. «Ich denke, das ist ein fairer Tausch.»

Im Innern des grob gezimmerten Bretterverschlags – gestampfter Boden, ein Bett aus Bambusstangen, kein fliessendes Wasser, kein Strom, kein Fernsehen, kein Telefon – verkabelt Sarno seinen batteriebetriebenen alten Walkman mit zwei kleinen Tischlautsprechern, um uns einige seiner in Fachkreisen berühmten Aufnahmen vorzuspielen. Gleich darauf füllt sich der Raum mit sphärischen Frauenstimmen. Sie heben und senken sich wie Zweige im Wind, laufen ineinander wie das vielfältige Grün des Urwalds vor der geöffneten Fens­terluke, wo Mangabe-Affen mit weissen Backenbärten durch die Bäume hangeln. Papageien flattern vorbei. «Die Baka kommen als musikalische Wunderkinder zur Welt», sagt Sarno und wiegt sich in den Klängen. «Als Teenager jagen sie dir mit ihrer Musik einen Schauer über den Rücken, später haben sie die Kraft, mit ihrem Gesang verwundete Seelen zu heilen.»

Filigrane Jodellaute umflirren uns wie Insektensummen und Vogelstimmen. Sie scheinen einen geheimen Code zu enthalten, so etwas wie den Schlüssel zum Wesen des Regenwalds. Tief im Innern dieser Musik erahnen wir die geheimnisvolle Nähe einer Welt, die auch einmal die unsere gewesen sein muss. Als noch alle Menschen Jäger und Sammler waren. «Die Musik der Baka ist älter als die Pyramiden», sagt Sarno. «Sie ist einer der kostbarsten Schätze der Menschheit.»

Dann sind die Batterien leer. Sarno findet keine anderen, brüllt etwas in der Pygmäensprache Yaka, schaltet das Transis­torradio ein, seine einzige Verbindung zur Aussenwelt. Eben hat er über Jodellaute gesprochen, nun spricht er über Ratten im Gebälk. Seine Gedanken springen. BBC: irgendetwas über Afghanistan. Radio wieder aus. Wo sind die Batterien? Mit der Musik ist Sarno, wie es scheint, auch der innere Rhythmus abhanden gekommen. «Ich bin kein normaler Mensch», sagt er, «kein normaler Mensch könnte hier im Wald leben. Nur so ein seltsamer Mensch wie ich.» Ein Mensch, der sich von seinen Wurzeln weit entfernt hat.

Das Haus, in dem Louis Sarno aufwuchs, steht 10'000 Kilometer und sechs Zeitzonen von Yandoumbé entfernt. In Toms River, zwei Autostunden südlich von New York, reiht es sich in die schnurgeraden Zeilen seiner Doppelgänger, holzverkleidet, einstöckig, daneben die Garage, davor ein Rechteck mit kurzem ­Rasen. ­Exakt gestutzte Büsche. Weisse Sitzgarnituren. Kaninchen aus Plastik. Sternenbanner.

«Er war mein unabhängigstes Kind», sagt die Frau im Schaukelstuhl. Das spitze Gesicht hat ihr Sohn von ihr geerbt. Auch die markante Nase und die irritierend dunklen Augen. Helen Sarno, 83, hell-blauer Pulli, Plüschsandalen, hat ihren Sohn im afrikanischen Regenwald nie besucht. «Am ersten Tag würde ich sterben», sagt sie und lacht Louis’ raues Lachen. «Ich fürchte mich vor Insekten.»

Ihren Balkon benutzt die pensionierte Lateinlehrerin nie, weil sie dort gestochen werden könnte. Ihre Fens­ter sind stets geschlossen. Die Rollos lässt sie auch tagsüber unten. Bevor sie schlafen geht, aktiviert sie die Alarmanlage. Mit Bewegungsmeldern im Garten und im Wohnzimmer.

Wie andere Jungen spielte ihr Sohn gern Soft- und Basketball und fuhr im Winter Schlitten, doch seine frühen Helden waren nicht Tom Sawyer und Huckleberry Finn, sondern Beethoven, Schubert, Mahler und Bach. Von seinem Taschengeld kaufte er Schallplatten mit klassischer Musik; er verbrachte viel Zeit im kleinen Garten, um Vogelstimmen zu studieren. «Es gab da diesen Roten Kardinal», erzählt Mrs. Sarno, in ihrem Schaukelstuhl wippend. «Immer, wenn Louis aus dem Haus ging, flog er herbei und setzte sich neben ihn.»

Ihr Sohn hatte alles: intaktes Elternhaus, solide Erziehung, ausgezeichnete Zeugnisse. Er hätte Arzt, Professor, Schriftsteller werden können oder ein erfolgreicher Geschäftsmann wie sein jüngerer Bruder Steven. Warum zog er es vor, in einer Welt zu leben, in der bösartige Krankheiten, Armut und Hunger herrschen? Ist er ein Zivilisationsflüchtling? Ein Träumer? Ein Verrückter?

Mrs. Sarno schaut durch das verriegelte Balkonfenster auf ihre Thuja­hecken. Oben sind sie akkurat gestutzt, unten von Rehen verwüstet. Die Tiere kommen aus dem nahen Wald wie lebendige Metaphern für die Wildnis, die sich seit 25 Jahren in Mrs. Sarnos aufgeräumtes Leben frisst. «Er wollte immer alles genau wissen und selbst herausfinden», sagt sie leise. «Antworten auf die grossen Fragen – Louis sucht sie in den ursprünglichen Formen der Musik und der Natur.»

Über dem Regenwald liegt dichter Nebel. Vorzeitlichen Riesen gleich, wachsen die Bäume in den Dunst. Eine sich nach oben hin auflösende Welt. Ohne Himmel, ohne Sonne. Wie die Zähne einer vielgliedrigen Raupe fressen sich die Macheten an der Spitze unserer Kolonne durch die dichte Vegetation. Wir können keine drei Meter weit sehen. Wie finden sich die Baka hier zurecht? «Sie hören auf die Wasserläufe», sagt Sarno, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, «auf das Knarren der Baumstämme, auf die Vögel, den Wind.»

Wir sind auf dem Weg zur Jagd. Über den Schultern der Männer liegen Netze aus geflochtener Lianenrinde. Sarno stolpert, flucht und kann sich gerade noch an einem Ast halten, um nicht ins Dickicht zu fallen. Hinter ihm kichern die Frauen, ein aufgeregtes Giggeln, das sich bis ans Ende unserer Kolonne fortspinnt.

Der Wald hat das Gehör der Baka geschärft. Sie vernehmen Laute nicht nur auf grosse Entfernungen, sondern verstehen auch, was sie bedeuten. «Wenn sich zum Beispiel die Vogelstimmen auf eine bestimmte Art verändern, dann weiss eine Frau, dass ihr Mann bei der Jagd erfolgreich war», erklärt Sarno später bei einer kurzen Rast.

Für ihn ist die Musik der Baka ein Ausdruck dieses akustischen Weltverstehens. «Der Wald ist das Orchester, dem die Baka ihre Soli hinzufügen», sagt er, an einen bemoosten Stamm gelehnt. «Jim würde sagen: eine erstklassige Jam-Ses­sion.» Jim? «Oh!», sagt Sarno, dem der Name herausgerutscht ist, «Jim Jarmusch. Kennen Sie ihn?» Mitte der siebziger Jahre gingen sie zusammen aufs College, seither ist Sarno eng mit dem Regisseur befreundet; sie schreiben sich dann und wann.

Wir liegen auf den Jagdnetzen wie auf Teppichen. Die Baka streichen sich gegenseitig durch das Haar, halten Händchen und legen sich liebevoll den Arm um die Schulter. Eine der Frauen legt Sarno ihr nacktes Baby auf den Bauch. Er knuddelt es eine Weile, dann massiert er behutsam seinen Nacken; der Kleine gibt ein wohliges Grummeln von sich und schläft ein.

Doch das Idyll trügt. In den letzten Jahrzehnten wurden drei Viertel der Regenwälder im Kongobecken abgeholzt. Die meisten Lebensräume der rund 100'000 Pygmäen sind zerstört. Fast die Hälfte der Zentralafrikaner leidet an Unterernährung. Fleisch aus dem Wald ist oft die einzige Überlebenschance. «Früher gab es jede Menge Wild», klagt der alte Elinga, ein 1,50 Meter grosser Baka ohne Schneidezähne. Sarno übersetzt. «Jetzt schiessen die Bilo mit ihren Gewehren den Wald leer.»

Die Bilo, das sind die Bantu. Ihre Volksgruppe stellt in der Region die deutliche Mehrheit. Sie beuten die Baka wie Sklaven für die Waldarbeit aus. Schon bei der Anreise hat unser Fahrer Guillaume, Bantu, Mitte 20, uns aufgeklärt: «Wir Menschen leben in Häusern, die Pygmäen im Wald. Sie fressen, was die Affen fressen.» Für viele Bantu sind Baka «bambinga», «nicht Mensch».

Ein schwacher Wind bewegt die dicht ver­wobenen Baumkronen. Senkrechte Sonnenstrahlen brechen sich in der feuchten Luft, während Sarno erzählt, wie zwei Bantu auf der Jagd einen 19-jährigen Baka erschossen. Das Gericht liess die Täter laufen. Ihr Gewehr sei losgegangen, als sie schliefen. Gleich zweimal. Danach schnitten sie den Baka in Stücke und warfen ihn in den Wald – «Ausdruck ihrer Verachtung», sagt Sarno, noch immer entsetzt.

Die Baka kämpfen um ihr Überleben. Im Wald wird es für sie immer enger, und für die moderne Welt, die mit Holzfällern, Goldschürfern und Händlern in die letzten Winkel des Kongobeckens vordringt, sind die Baka nicht gerüstet. Die meisten können weder lesen noch schreiben. Kaum ­einer spricht Französisch, die Amtssprache der Zentralafrikanischen Republik. Alkohol ist ein Problem. Die Füsse der Kinder, die uns auf die Jagd begleiten, sind von Sandflöhen zerfressen. Die Aufdrucke ihrer zerschlissenen T-Shirts wirken wie Hohn: Harry Potter, Tokio Hotel, Vodafone. «Für Looyay sind wir genauso viel wert wie alle anderen Menschen», sagt Elinga. «Looyay passt auf uns auf.»

«Looyay» nennen die Baka Louis Sarno, weil sie seinen Vornamen nicht aussprechen können. Erst, als er aufhörte, die fremde Welt in seine Aufnahmen bannen zu wollen, wurde er ein Teil von ihr. Damals verliebte er sich. «In ihren Augen lag etwas unermesslich Fernes, beinahe Unerreichbares«, heisst es in «Gesang des Waldes». Ein Bild für die Unmöglichkeit, die Kulturen zu verschmelzen? Sarno zuckt mit den Schultern. Die winzige Frau mit den gestrichelten Gesichtstätowierungen heisst Gomá. Die beiden heirateten und bekamen zwei Söhne – Bokumbe, der heute zwölf Jahre alt ist, und Yambi, sieben Jahre. Später entschied sich Gomá für einen anderen Mann. «Ohne Honig kein Honig», besagt ein Baka-Sprichwort. Wer keinen Honig aus den Baumwipfeln holen kann, bekommt auch keine Frau, weil er für die ­Baka dann kein Mann ist, kein Ernährer.

Sarno bemühte sich nie ernsthaft, ein Jäger zu werden. Er hat auch nicht neu geheiratet. Vielleicht warb er weiter um Gomá, indem er die Gemeinschaft mit der Zeit auf seine Weise unterstützte.

Heute ist er die Lebensversicherung der Baka, ihr Schutzengel. Er streitet mit den übermächtigen Bantu, wenn sie den Baka ihr Wild wegnehmen. Er schlägt sich mit korrupten Beamten herum und schreibt Briefe an die Zeitung in Bangui. Als sich kürzlich ein Bantu zu Tode trank, wurden fünf Baka der Hexerei beschuldigt. Drei von ihnen verhungerten im Gefängnis, zwei konnte Sarno gerade noch freikaufen. «Die längste Zeit meines Lebens habe ich bei den Baka verbracht», sagt er und erhebt sich, um mit Elinga und den anderen zur Jagd auszuschwärmen. «Sie sind meine Familie, der Regenwald ist mein Zuhause.»

In seiner ganzen Tragweite werden wir den Satz erst Monate später verstehen. Die E-Mail kommt von Louis Sarno: «Meine Mutter hat mir ein Ticket nach New York City geschickt.» Selten nur war er in seiner Heimat, seit er bei den Pygmäen lebt.

New York, John F. Kennedy Airport. ­Royal Air Maroc, Flug 200. Ankunft 16.45 Uhr. Die automatische Tür springt auf. Klimatisierte Luft. Neonlicht. Ein viel zu grosses, grün-gelb kariertes Hemd, braune Wanderhosen, kein Gepäck. Nur der von Mäusen zerfressene Tagesrucksack, den er schon bei der Jagd trug. Sarno geht wie im Urwald: breitbeinig, der Oberkörper ist seltsam zurückgelehnt, die langen Arme schwingen im Rhythmus seiner Schritte. Wie bei einem, der sich im Kontinent vertan hat. Im Jahrtausend.

Abgemagert sieht Sarno aus, müde, er wirkt genervt. Über Nacht ist er aus dem afrikanischen Dschungel in ein Labyrinth aus Strassenschluchten katapultiert worden. In den ersten Tagen ist sein Blick auf den Asphalt geheftet, als traue er sich nicht, seiner alten Heimat ins Gesicht zu sehen. Auf dem Broadway bleibt er auf ­einer winzigen Verkehrsinsel stehen, um sich an einem Strassenschild festzuhalten. Erstarrt, allein zwischen Glasfassaden, Leuchtreklamen, Videos. Menschenmassen wuseln an ihm vorbei, links, rechts, links, überfüllte Restaurants, schrille Bars, Boutiquen, Galerien.

Sarno beachtet sie nicht. Er geht durch die Strassen von Manhattan, aber innerlich ist er am Flughafen in Zentralafrika stehen geblieben. Er ist hier in New York, weil er Geld auftreiben muss: für Medikamente und Schulhefte, für Bestechungsgelder, mit denen er seine Leute vor dem Verhungern im Gefängnis retten kann. Deshalb übersetzt er für Dokumentarfilme aus dem Yaka ins Englische, deshalb stellt er Musikaufnahmen für einen Soundtrack zusammen und erzählt in einer Schule vom Leben im Regenwald.

Wir sitzen in einem ruhigen Café an der Prince Street. Im Schaufenster gegenüber stehen Freiheitsstatuen aus Plastik. Eine Bank bietet den Kredit «für Ihre ganz persönliche Freiheit» an. An der Ecke gibt es Freiheitsburger. «In Amerika», sagt Sarno, «würde ich mich gefangen fühlen.»

Nur einmal während der knapp zwei Wochen in New York erleben wir ihn für eine halbe Stunde vollkommen klar und wach: bei B & H, dem berühmten Fotoladen an der 9th Avenue. Auf zwei Stockwerken türmen sich hier die neusten Elektronikprodukte. Sarno findet sich mühelos zurecht. Es ist, als hätten seine Batterien einen unerhofften Energieschub erhalten. Ein Verkäufer zeigt ihm, wonach er sucht: den Panasonic LS86, einen tragbaren DVD-Player mit aufklappbarem Monitor. Für seine Söhne. «Sicher mögen sie Bruce Lee und Fantastic Mr. Fox.»

Bringt er die Baka damit nicht in eine schwierige Situation? Mit all den Dingen, die sie sehen werden, aber nicht einordnen können? «Es geht nicht darum, die Welt vor den Baka zu verstecken», sagt Sarno an der Kasse; er bezahlt in bar. «Sie brauchen Zugang zum Wald und zur Welt, damit sie später selbst wählen können, wie sie leben möchten.» Dann trägt er seine prall gefüllten Plastiktüten die 9th Avenue hinunter, in seinem Dschungelgang, strahlend, stolz wie ein Baka mit einem frisch erlegten Stachelschwein.

Ein Loft in der Lower East Side, das Licht des frühen Nachmittags fällt durch die grossen Fenster. Der Mann trägt Schwarz, seine graue Mähne ist nach oben gestellt. Seit er mit Sarno auf das Northwes­tern College bei Chicago ging, kennt er ihn wie kaum ein anderer: Jim Jarmusch.

«Früher war Louis in sich gekehrt, ein Einzelgänger», sagt Jarmusch und zieht an seiner Zigarette. Damals verband die beiden ihr Interesse für experimentelle Musik, für die Schriftsteller Jack Kerouac und Albert Camus. «Später wohnten wir zusammen in New York City, wir sind wie Brüder.» Auch wenn Jarmusch Sarno nie in Afrika besucht hat: Der aussergewöhnliche Lebensweg seines Freundes hat ihn stark beeinflusst. «Ich war lange so eine Art militanter Atheist», sagt er mit kratziger Stimme. Sarno habe seine Aufmerksamkeit auf indigene Kulturen gelenkt, auf ihren Glauben an die Kraft der Natur. Ohne diese Einflüsse, sagt Jarmusch, wären zwei seiner bekanntesten Filme, «Dead Man» und «Ghost Dog», nicht entstanden.

Jarmusch geht zum Fenster. Sein Blick schweift über die Dächer der Lower East Side. Früher konnte er die Spitze des Chrysler Building sehen, jetzt ist die Aussicht von Neubauten verstellt. «In Zentralafrika hat Louis’ Leben einen Sinn», sagt Jarmusch, wie in eine vage Ferne jenseits des Häusermeers entrückt. «Er hat seinen Ort auf der Welt gefunden. Heute ist er ausgeglichener als damals, glücklicher.»

Dieses Glück können wir höchstens ­ahnen, als Sarno – Monate zuvor – mit den Baka ausschwärmt, um die Jagdnetze dicht über dem Boden ins Dickicht zu hängen. Die Baka verschwinden im Unterholz. Sarno bleibt bei uns. Die Vegetation trieft vor Nässe. Schwere Tropfen fallen auf ihn her­ab. «Ich liebe den Regenwald», sagt er und atmet die feuchtwarme Luft tief ein. «Hier fühle ich mich sicher und geborgen.»

Gleich darauf kurze, spitze Schreie. Die Baka preschen durch den Wald und schlagen mit Stöcken um sich. Etwas rennt vor ihnen her und verfängt sich im Netz. «Mboloko!», sagt Sarno. «Blauducker!» Eine der Frauen hebt ihre Keule, ein dumpfer Schlag, das Zappeln der graublau schimmernden Waldantilope erlahmt.

Am Abend gart ihr Fleisch über den Feuern des Jagdcamps. Die Männer beginnen zu trommeln, Frauen tanzen in Zweierreihen. Allmählich erheben sich ihre Stimmen über das Zirpen und Fiepen, Hus­ten, Glucksen und Schluchzen des Waldes, eine ganze Welt der Gefühle. Sarno sitzt inmitten der Baka am Lagerfeuer, die Augen geschlossen, die Mundwinkel nach oben gezogen, wie in Trance federt sein Oberkörper zu den unirdischen Klängen. Es ist die Musik, die ihn vor 25 Jahren ins Innerste Afrikas gelockt hat. Der Soundtrack seines Lebens. 

Zum Autor

Michael Obert, 45, zählt zu den renommiertesten Reisejournalisten im deutschsprachigen Raum. Im Sommer ist sein neus­tes Buch «Balkanbeat» erschienen.