Der wundersame Apparat wirkt im Verborgenen. Unsichtbar für die Gäste hängt im Technikraum des Schwimmbads Wolfensberg in Winterthur der silbrig glänzende Kasten an der Wand, der geheimnisvolle Eigenschaften auf das Wasser übertragen soll. «Sieht unspektakulär aus, es gibt nichts zu sehen», sagt Betriebsleiter Matteo Taormina und zeigt auf das 90 Zentimeter hohe, rechteckige Gerät.

Rechts strömt Wasser der städtischen Werke hinein, links fliesst es hinaus in Richtung Bassin. Was im Innern passiert, nennt sich «Wasserbelebung» (siehe Box «Mysteriöse Übertragung»weiter unten) und ist das Geschäftsgeheimnis von Johann Grander. Der 80-jährige Österreicher aus dem Tiroler Dorf Jochberg bei Kitzbühel hat vor Jahren das Verfahren entwickelt, das viele als Hokuspokus und Geschäftemacherei bezeichnen. Matteo Taormina und seine Frau Sigi hingegen sind von der positiven Wirkung überzeugt. «Nach dem Einbau 2009 kamen vereinzelt Badegäste auf uns zu und lobten die Wasserqualität, obwohl sie von der Massnahme gar nichts wussten. Sie verwiesen auf Handtücher, die nicht mehr nach Chlor rochen, oder Augen, die sich nicht röteten», sagt Sigi Taormina-Pölinger. Sie selber hätten weniger Aufwand bei der Reinigung, und Kalkablagerungen liessen sich leichter entfernen. Innert fünf Jahren sei die Anlage amortisiert. Ob das Wundergerät tatsächlich 47'000 Franken gekostet hat, wie in der Presse zu lesen war, wollen die Taorminas nicht verraten.

Umsatz in Millionenhöhe

Fest steht: Haushalte, Hotels und öffentli­che Badeanstalten geben für das vollmun­dig als Grander-Technologie bezeichnete Verfahren viel Geld aus. 240 private und öffentliche Bäder in der Schweiz setzen auf die Wasseraufbereitung aus dem Tirol, wie die Niederlassung der Umwelt-Vetriebs-Organisation (UVO) in Ziegelbrücke GL bestätigt. Die ­österreichische UVO mit Tochterfirmen in der Schweiz, in Deutschland und Italien vertreibt Grander-Apparate in jeder Grösse und für jeden Bedarf.

Es gibt die Geräte zur Wasserbelebung im Mehr- oder Einfamilienhaus ebenso wie für die Wohnung und sogar im Taschenformat für Reisende. Dank der Belebung fühle sich das Wasser weicher an und wirke samtig, wirbt die UVO. Die «erhöhte Selbstreinigungskraft» reduziere Waschmittel- und Chemikalienverbrauch. «Original Grander-Wasser» kann abgefüllt in Flaschen für 23 Franken pro Liter als Trinkwasser gekauft werden. Im Angebot sind aber auch mit Wasser gefüllte Anhänger und – in Spanien – ein Körpergürtel und ein Auto-Katalysator. Selbst Pflanzen und Tiere profitierten vom Grander-Wasser. Sie wachsen angeblich besser und seien gesünder. Profitieren sollen auch Unternehmen wie ­Bäckereien oder Brauereien. Weltweit gibt es über 300'000 Anwender, 2008 erzielte die UVO einen Umsatz von 13 Millionen Euro.

So soll das «Grander-Prinzip» zur «Wasserbelebung» laut der Vertriebsorganisation UVO funktionieren:

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1. Einströmendes Leitungswasser mit «tiefer innerer Ordnung». Was damit gemeint ist, wird nicht erläutert.

2. In den roten Zonen befindet sich Grander-Wasser mit «hoher innerer Ordnung». Angeblich belebt es das umfliessende Wasser. Das Herstellungsverfahren für Grander-Wasser ist geheim. Eine Rolle sollen Magnetgeneratoren spielen.

3. Das ausströmende Wasser soll eine «hohe Ordnung» aufweisen, nachdem es das Grander-Wasser kontaktlos umflossen hat. Es sei nun «belebt», gemäss Werbung länger haltbar, frischer und könne mit weniger Chemie gereinigt werden.

Wissenschaftlicher Nachweis fehlt

Die Verbreitung ist umso erstaunlicher, als das Prinzip der Grander-Wasserbelebung höchst umstritten ist. Bernhard Wehrli, Professor für Wasserchemie an der ETH Zürich, sagt: «Die behauptete Wirkung lässt sich in Studien, die wissenschaftliche Kriterien erfüllen, nicht nachweisen.» Auch widerspreche die propagierte Wirkungsweise jeglichem naturwissenschaftlichen Verständnis.

Grander-Wasser wird in verschlossenen Kapseln geliefert und kann seine Eigenschaften angeblich ohne direkten Kontakt auf anderes Wasser übertragen. Bezogen auf den Apparat der Badeanstalt Wolfensberg würde das bedeuten, dass wenige Liter Grander-Wasser ihre «Information» auf fast fünf Millionen Liter Wasser übertragen müssten. Diese Menge Wasser verbraucht das Bad jedes Jahr. «Energetisch geht das nicht auf, Ursache und Wirkung stehen in einem krassen Missverhältnis», so Wehrli.

Schlicht als «esoterischen Unsinn» und «pseudowissenschaftliches Produkt» bezeichnet Erich Eder die Belebungstechnologie von Johann Grander. Der österreichische Biologe und Lehrbeauftragte an der Universität Wien spricht dem Grander-Wasser jegliche nachweisbare Wirkung ab. Die Erfahrungsberichte zufriedener Kunden führt Eder auf Placeboeffekt und selektive Wahrnehmung zurück. «Der Mensch neigt zu Glaube und Aberglaube», sagt er. UVO-Geschäftsführer Paul Keel nimmt die massive Kritik gelassen ent­ge­gen: «Noch haben wir kein Papier, das den wissenschaftlichen Nachweis erbringt; uns genügt die Bestätigung in der Praxis.»

Widersprüchliche Erfahrungen

Der Winterthurer FDP-Stadtrat und Ingenieur Stefan Fritschi hat die Aufrüstung des Schwimmbads Wolfensberg mit Grander-Wasser öffentlich kritisiert. Zwar kann die Genossenschaft als Betreiberin der Badeanstalt selbständig über Investitionen bestimmen, da sie aber finanzielle Unterstützung der Stadt erhält, ist die amtliche Meinung von Belang.

Andernorts sind die Behörden unkritischer. Als im Hallen- und Freibad in Langnau im Emmental vor sieben Jahren Grander-Apparate eingebaut wurden, stellte sich die Gemeinde hinter den Entscheid. «Wir haben dies nicht bereut, unsere Erfahrungen sind positiv», sagt Gemeindeschreiber Samuel Buri heute. Chlorverbrauch und Algenwuchs seien zurückgegangen. Allerdings: Da die Grander-Apparatur im Rahmen einer Gesamtsanierung installiert wurde, sei es schwer zu sagen, warum genau weniger Chlor gebraucht werde.

In der Gemeinde Dielsdorf ZH ist man weniger euphorisch. Die Grander-Anlage in der Sportanlage Erlen wurde wieder abmontiert. Bademeister Hans Käser konnte keinerlei positive Effekte feststellen. «Der Verbrauch an Chemikalien hat sich nicht reduziert, die Versprechungen wurden nicht erfüllt», sagt er.

Die widersprüchlichen Aussagen sind typisch für ein Prinzip, das sich im Grau­bereich wissenschaftlich nicht erklärbarer Phänomene bewegt. Denn Wasser ist ein erstaun­li­ches Element, dessen Struktur und Verhalten noch immer Fragen offen lassen (siehe Box «Wasser» am Ende des Artikels). Trotz unzähliger Untersuchungen können Naturwissenschaftler das Phänomen Wasser und seinen Aufbau nicht bis ins letzte Detail er­klären. «Es ist peinlich zuzugeben, aber Wasser – das zwei Drittel unseres Planeten bedeckt – ist noch immer ein Geheimnis», schreibt der britische Chemiker und Phy­siker Philip Ball im Wissenschaftsmagazin «Nature».

Die teils ungeklärte Struktur lässt Freiraum offen für Behauptungen aller Art. Nicht nur Johann Grander, ein Mann ohne wissenschaftliche Ausbildung, macht sich dies zunutze. Auch hochdekorierte Wissen­schaftler sorgen regelmässig mit Berichten über geheimnisvolle Wassereffekte für Schlagzeilen. Jüngstes Beispiel ist kein Geringerer als Luc Montagnier, der 2008 zusammen mit Françoise Barré-Sinoussi den Nobelpreis für die Entdeckung des HI-Virus erhielt.

Geheimnisvolles Gedächtnis

2009 veröffentlichte er eine dubiose Untersuchung, derzufolge sich in filtriertem Wasser elektromagnetische Signale der Erbsubstanz von Bakterien messen lassen, die sich selbst nicht mehr darin befinden. Laut Montagnier stammen sie von Erbgutbruchstücken, die noch immer Strahlen aussenden und eine Spur zurücklassen. Das Phänomen ähnelt einem Prinzip der Homöopathie. Deren Anhänger argumentieren ebenfalls mit einem Wassergedächtnis: Demnach lassen hochverdünnte Wirkstoffe einen «Abdruck» im Wasser zurück.

Bereits in den 1980er-Jahren wollte der Franzose Jacques Benveniste einen Nachweis für das «Gedächtnis des Wassers» ­gefunden haben. Seinen «Beweis» konnte der unterdessen verstorbene Forscher unter Aufsicht jedoch nie wiederholen. Auch Luc Montagnier beruft sich in seinen schwer nachvollziehbaren Arbeiten auf Benveniste, was seine Aussagen nicht glaubhafter macht.

Im Fall von Johann Grander ist die Beurteilung erschwert, weil der findige Mann das Geheimnis der angeblichen Wasserbelebung nicht preisgeben will. Viele Menschen sind offenbar gern bereit, unbewiesene Behauptungen zu glauben – und zahlen viel Geld dafür. Auch im Schwimmbad Wolfensberg lässt man sich durch kritische Einwände nicht erschüttern. Trotz Rückgaberecht bleibt die Anlage in Betrieb. «Etwas ist mit dem Wasser passiert», sind sich die Taorminas sicher.

Der allgegenwärtige  Stoff besitzt überraschende und aussergewöhnliche Eigenschaften.

Anders als die anderen

Flüssigkeiten werden beim Abkühlen schwerer. So auch Wasser, zumindest bis es vier Grad erreicht. Wird es noch kälter, nimmt seine Dichte im Gegensatz zu derjenigen anderer Flüssigkeiten wieder ab. Deshalb schwimmt Eis auch. Würde sich Wasser wie andere Flüssigkeiten verhalten, sänke das Eis zu Boden und Seen würden vom Grund her gefrieren. Um sich zu erwärmen, braucht Wasser mehr Energie als andere Flüssigkeiten.

Basis des Lebens

Die Erbsubstanz (DNS) allen Lebens basiert unter anderem auf Wasser. Ihre räumliche Form wird durch die speziellen Eigenschaften von Wassermolekülen gestützt. Das Bild zeigt James Watson (links) und Francis Crick mit einem Modell der Doppelhelix der DNS, die sie 1953 entdeckten. Sie erhielten dafür den Nobelpreis.

Die Zwei Strukturen von Wasser

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Flüssiges Wasser wechselt permanent seine chemische Struktur. Jedes Wassermolekül (links) kann dank der Anziehung zwischen den unterschiedlich geladenen Sauerstoff- und Wasserstoff­atomen mit vier weiteren Molekülen sogenannte Wasserstoffbrücken bilden; die Moleküle sind dann regelmässig angeordnet (Mitte). Ungeordnet, mit weniger Brücken pro Molekül, können sie enger zusammenrücken.

Streit um Homöopathie

Homöopathische Arzneimittel sind hochverdünnt und enthalten laut Schulmedizin keinen Wirkstoff mehr. Trotzdem sollen sie wirksam sein. Ein ungelöster Widerspruch, den der französische Forscher Jacques Benveniste (1935–2004) auflösen wollte. Der damalige Direktor des angesehenen französischen Forschungsinstituts Inserm behauptete in den 1980er-Jahren, das «Wassergedächtnis» gefunden zu haben. Er erklärte, dass im Wasser gelöste Stoffe einen Abdruck hinterlassen können. Seine Befunde sorgten weltweit für Schlagzeilen. Benveniste konnte diese Arbeiten allerdings nicht vor Zeugen wiederholen und verlor Job und Ansehen.