Am 1. April 2009 ist Hans Raab nicht zum Scherzen zumute. Mit der ­Mor­genpost flattert dem deutschen Indu­striellen, der im sankt-gallischen Ober­riet die grösste Fischzucht der Schweiz betreibt, eine Verfügung des Veterinäramtes des Kantons St. Gallen aufs Pult: Die bis dato praktizierte Schlachtung sei per sofort zu unterlassen, für den Betrieb seiner Fischzucht werde ihm eine Übergangsfrist bis 15. Mai genehmigt. Sollte Raab bis dahin die Tötungsmethode für seine Melander nicht an die geltenden Tierschutzverordnung angepasst haben, werde die Zucht geschlossen.

Es wird dies einer der letzten Akte sein in einer Kabale, die den Tod von gegen 400'000 Fischen, das Aus für eine über 30 Millionen Franken teure Fabrik und den Verlust von bis zu 50 Arbeitsplätzen in einer nicht gerade mit Stellen gesegneten ländlichen Region bedeuten wird.

Hans Raab sitzt am Besprechungstisch in seinem Büro, die Verfügung in Händen. Er würde wohl von seinem Stuhl aufspringen, wäre ihm nicht vor wenigen Tagen ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt worden. «Gesetz hin oder her, ich quäle meine Fische nicht», poltert er. Ein Gesetz, das verlangt, dass er seine Welse mit Stromschlägen quäle, sei ein schlechtes Gesetz. Und schlechte Gesetze befolgt ein Hans Raab nicht. So einfach sieht er das.

Quelle: Ursula Meisser
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Quelle: Ursula Meisser

Kein «bequemer Partner»

Als Raab sich vor ein paar Jahren mit ­seiner Melander-Fischzucht im St. Galler Rheintal niederliess, war er willkommener Arbeit­geber und Steuerzahler. Zwar wurde schnell klar, dass der Selfmade-Millionär aus dem Saarland kein einfacher Kunde ist. Zu stur, zu selbstherrlich, zu standfest in seinen Überzeugungen, um pflegeleicht zu sein. Gemeindepräsident Walter Hess erklärte an der Eröffnungsfeier am 26. April vergangenen Jahres, Raab sei «nicht immer ein bequemer Partner gewesen». Doch Genies seien eben schwierig und deshalb auch faszinierend.

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Es stimmt. Hans Raab ist kein «Einfacher». Tut sich als Patriarch und Patron von altem Schlag schwer mit Widerspruch. Einer, der sich vom Kohlengrubenarbeiter mit einem Putzsystem zum Multimillionär hochge­arbeitet und zwei Umweltpreise erhalten hat, 1982 an der Basler Erfindermesse für sein Ha-Ra-Putzsystem die Gold­­medaille gewonnen hat und den Weltrekord im Fensterputzen hält, lässt sich von Widerstand offensichtlich nicht beein­drucken. Hunderttausende von Fischen züchten? Ohne Antibiotika und sonstige Chemikalien? Ganz biologisch? In Thermalwasser? So mancher im Dorf dürfte ihn für einen Spinner gehalten haben. Doch Raab liess nicht locker. Und als die Bohrung nach warmem Thermalwasser, die selbst Geologen für aussichtslos hielten, in 1360 Metern Tiefe erfolgreich war, schien dem Vorhaben nichts mehr im Weg zu stehen.

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Als typischer Vertreter der deutschen Nachkriegsgeneration, der sein erstes Schinkenbrot von seinem Lehrer geschenkt bekam, war er einst bekennender Karni­vore. «Ich konnte mir Fleisch leisten, also habe ich Fleisch gegessen.» Und davon wohl zu viel: Als ihm 1996 die Aorta platzt, überlebt er nur mit grossem Glück. Die Ärzte geben ihm nur noch ein paar Monate zu leben, raten ihm dringend, die Ernährung umzustellen. Kein Fleisch mehr, dafür Obst, Gemüse und Fisch.

Da beginnt der Tüftler, der knapp 200 Patente hält, sich mit Fisch auseinanderzusetzen. Erfährt, dass das, was auf dem Teller landet, allzu oft mit Quecksilber belastet ist. Zu verunreinigt sind die Meere und Gewässer. Und er beschliesst kurzerhand, «wirk­lich gesunden Fisch» zu züchten.

Seine Welskreuzung nennt er «Melander». Und da der Saarländer Wurst immer noch liebt, wird das Fischfleisch teilweise kurzerhand zu geschmacklich irritierend «un­fischigen» Weisswürsten und Wienerli, zu Schinkenwurst und «Fleischkäse» verarbeitet. Mit Erfolg. Fünf bis sechs Tonnen Fischfleisch pro Woche produziert die Zucht bis 31. März 2009, in dem knappen Jahr seit der Eröffnung. Sie finden als Frischfisch oder als Fischwurst Absatz.

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Hightech-Fabrik: bald eine über 30 Millionen Franken teure Bauruine

Quelle: Ursula Meisser

Tierschützer alarmiert Medien

Nun ist der 68-Jährige innert weniger Tage vom Pionier zum Archetypen des hässli­chen Deutschen mutiert: Hunderttausende von Fischen würden im Rheintal unter tierschutzwidrigen Zuständen gehalten, der Multimillionär schleudere seine Fische in einer Zentrifuge auf brutale Weise zu ­Tode, schrieb der «Tages-Anzeiger» am 26. März. Unzählige Medien sprangen auf. Und ein gewisser Heinzpeter Studer schrieb gleichentags einen Brief an den zuständigen Kantonstierarzt Thomas Giger und forderte diesen auf, die Fischfarm per sofort zu schliessen. Zusätzlich bombardierte er die Medien mit Presseerklärungen.

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Studer ist Gründer der Tierschutzorga­ni­sation «Fair-Fish». Seit dem Jahr 2000 hatte er versucht, in Senegal Biofisch unter Fair­trade- und Tierschutznormen zu züchten und in der Schweiz zu verkaufen. Vor zwei Jahren scheiterte das Projekt: Der Migros-Genossenschafts-Bund, der als Partner fun­gierte, zog sich zurück – wegen man­gelnder Wirtschaftlichkeit. Seither gibt es keinen «Fair-Fish»-Fisch mehr im Schweizer Markt. Jetzt, da Raabs Farm am Ende ist, kündigt Studer die Wiederaufnahme des Projekts an, schreibt in einem Pressecommuniqué von «positi­ven Signa­len von Wiederverkäufern». Zufall? «Mit Melander hat das nichts zu tun, das hat uns eher Zeit gekostet», behauptet Raabs Konkurrent.

Studer, den Fritz Hulliger, Präsident der Schweizer Berufsfischer, öffentlich einen «Fischzucht-Dilettanten» nannte, schwang  sich früh zum Anwalt der angeblich gequäl­ten Melander auf. Vor einem Jahr klopfte er beim Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) an und forderte es in einem drei­seitigen Schreiben auf, neun Punkte bei der Haltung der Melander zu kontrollieren. Das Schreiben ging auch an Kan­tons­tierarzt Giger. Doch weder dieser noch das BVET sahen Handlungsbedarf. Raab konnte nichts Gesetzwidriges nach­ge­wie­sen wer­den, den Fischen schien es gut zu gehen. Einzig die Tötungsmethode gab und gibt Anlass zur Beanstandung, jedoch nicht, weil sie erwiesenermassen tierquälerisch ist, sondern aus formali­stischen Grün­den: Sie ist in der seit 1. September 2008 geltenden Tierschutzverordnung nicht unter den vier erlaubten Praktiken aufgeführt.

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Giger hatte zwar um den Gesetzes­­­­­ver­stoss beim Schlachten gewusst, die Melander-Farm aber seit der Eröffnung vor einem Jahr nicht mehr besucht. Eine entsprechen­de Visite war jedoch auf den 30. April anberaumt. Nun sah sich Giger aber plötzlich genötigt, viel früher und mit dem Zweihänder einzufahren: Am 31. März, einen Monat vor dem vereinbarten Termin, stand er mit einem knappen Dutzend Personen, darunter zwei Kantonspolizisten, vor der Melander-Farm und verlangte Einlass.

Designerfisch: Raab nannte seine Welskreuzung «Melander».

Quelle: Ursula Meisser
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Kantonstierarzt zeigt späte Reue

«Der Artikel im ‹Tages-Anzeiger› hat die Sache sicher beschleunigt», sagt Giger heute. Für Heinzpeter Studer sei die Schliessung der raabschen Anlage eine Art Prestige­projekt und gute Werbung für seinen Verein gewesen. Giger zeigt jetzt späte Reue: «Mir tut es leid, wie es gekommen ist, es dünkt mich Sünd und schade um diese eigentlich so gute Sache.» Aber irgendwann sei das Kommando nicht mehr in seiner Hand gewesen. «Ich erhielt angesichts der Medienpräsenz Aufforderung aus dem Departement, schneller aktiv zu werden.»

Die Jagd auf den unbequemen Saarländer, der von sich selber sagt, er könne sich schlecht verkaufen, war eröffnet. Es folgten ungeschickte TV-Auftritte mit einem alles andere als telege­nen Raab, die ihn dem Publikum als renditeorientierten Tierquäler näherbrachten. Vorbei die Tage, als er von seiner 38 Tennisplätze grossen Fischfarm schwärmte, vom «lebenden Tiefenwas­ser», in dem die Me­lander sich tummeln, von der antibiotika-, gentechnik- und chemikalienfreien Fütterung, der mit gebrauch­tem Speiseöl betriebenen Bio­gasanlage, die sogar Reststrom ins Netz speist.

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«Besser als Bio», hatte er seine Fische keck gelabelt, den Slogan sogar schützen las­­sen – und damit das Interesse der Schweizer Biofischszene auf sich gezogen. Fische in einer Zentrifuge zu Tode schleu­­dern? Tönt schlimm. Ist es aber mög­licher­weise nicht. Zum einen werden die Tiere, die 28 Grad warmes Wasser brauchen, auf zehn Grad heruntergekühlt und so in einen Dämmerzustand versetzt. Zusätzlich betäubt werden sie laut Raab in sich langsam drehenden Trommeln, wo sie in Scherbeneis entschleimt werden. Erst danach werden sie geschlachtet. Dieses Ver­fahren ist in der EU sogar in einer weniger sanften Version als der in Oberriet praktizierten legal. «Messungen durch ein von uns beauftragtes Labor haben ergeben, dass im Fleisch des Melanders bis auf drei Stellen hinterm Komma keine Stresshormone enthalten sind», sagt Raab. «Glauben Sie, das wäre so, wenn meine Fische litten?»

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Zweifel kommen auch von neutraler Seite. So ist sich etwa Andreas Graber, wis­sen­schaftli­cher Mitarbeiter an der Hoch­schu­le Wädenswil, keineswegs sicher, dass Raabs Me­thode so barbarisch ist, wie «Fair-Fish» behauptet. «Raabs Tötungs­methode ist zwar nicht gesetzeskonform, aber es spricht einiges dafür, dass sie für die Fische verträglich ist.» Graber befasst sich seit zehn Jahren mit Fischzuchten in Kreislaufanlagen, ähnlich derjenigen in Oberriet, und hat die raabsche Anlage auch mehrmals besichtigt. «Schade, dass sich Raab nie in die politische Diskussion bei der Vernehmlassung der Tierschutzverordnung ein­gebracht oder sich um einen Verträglichkeitsnachweis gekümmert hat.» Zwar sei un­klar, wer um den Nachweis hätte besorgt sein müssen, «allerdings hätte der Kanton St. Gallen bei der Ausarbei­tung der neuen Tierschutzverordnung gute Grün­­de gehabt, die Interessen der grössten Schweizer Fischzucht zu vertreten».

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Raab will gegen Behörden klagen

Ob bei Bund oder Kanton – geschmeidig seine Interessen zu vertreten ist nicht Hans Raabs Sache. Den Schaden haben er selber und seine 400 000 Fische. Seit dem 2. April lässt der Saarländer täglich bis sieben Tonnen Fisch schlachten. Nur diejenigen, die 10 bis 25 Zentimeter lang sind, will er mit nach Deutschland nehmen. «Das Thermal­wasser lasse ich mit Tankwagen nach Quierschied  führen.» Dort, in der Ha-Ra-Zentrale, steht die Versuchsanlage, wo ­Raab vor zehn Jahren mit dem Melander-Experiment angefangen hat. «Ich produziere nur noch für den Eigenbedarf und für ein paar ausgewählte Restaurants.» Die Melander-Zucht in Oberriet wird wohl zu einer der teuersten Bauruinen der Schweiz. Und in der Zwischenzeit bereiten Raabs Anwälte eine Schadenersatzklage gegen den Bund und den Kanton St. Gallen vor.

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