Der Gotthard ist eines der Symbole der Schweiz, bei dem wir uns immer wieder fragen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin wollen wir?

Nun haben wir ein neues Loch durch dieses Massiv gebohrt. Für den Verkehr der Zukunft, mit einer Flachbahn, die die Alpen auf fast gerader Linie von Ebene zu Ebene überwindet. Damit öffnet die Schweiz die Passage durch die Alpen ein Stück mehr. Man ist versucht zu sagen: endgültig. Denn noch einfacher, schneller und direkter als mit dem Basistunnel ist die Alpenquerung nicht möglich, auch nicht mit einer zweiten Strassenröhre. 

Die neue Bahnverbindung erlaubt es, das ewige Hindernis Alpen an der besten Stelle in Windeseile zu queren. Sie bringt eine enorme Beschleunigung und die Vervielfachung der Tonnage. Personenzüge rasen hindurch mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde. Mailand ist von Zürich aus in knapp drei Stunden erreichbar. Das ist gut eine Stunde schneller als heute.

Die Güterzüge werden doppelt so lang sein, fast doppelt so viel laden können und bis zu 160 Kilometer pro Stunde fahren, was die Kapazität der Achse hochtreibt. Das bedeutet nichts weniger als die Eliminierung der Alpen für den Transitverkehr. Mit dem Tunnel an der Basis des Massivs schreibt die Schweiz das letzte Kapitel in der Jahrhunderte überspannenden Geschichte der Überwindung der Alpen.

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Das hat praktische und weitreichende Folgen. Der Basistunnel verändert mit einem Federstrich das Koordinatensystem des Verkehrs durch die Alpen. Wie der Suezkanal 1869 und der Panamakanal 1914 den globalen Schiffsverkehr revolutionierten, wird die Basislinie die Verkehrsströme von Nord nach Süd neu ordnen, beschleunigen und massiv steigern. Sie wird Millionen von Kalkulationen verändern und Millionen von Transportentscheiden beeinflussen.

Plötzlich wird es sich lohnen, Arbeitsschritte an weiter entfernten Orten zu tätigen und die Halb- und Fertigfabrikate hin- und herzuschieben. Der Austausch zwischen Wirtschaftsräumen wird noch lohnender, die Urlaubsreise ins Südtessin zum Kurztrip und die Alpenquerung zum Katzensprung. Die neue Gotthardlinie ist ein Triebwerk der Europäisierung.

Der Gotthard und seine symbolischen Stätten sind Teil des nationalen Bilderschatzes geworden.

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Der Basistunnel wirkt auch auf der mentalen Ebene. Er ist der aktuelle Höhepunkt einer seit Jahrhunderten erzählten Gotthardsage, die für die Schweiz eminent wichtig ist. Das Gotthardmassiv selbst hat ja keinen einprägsamen Gipfel wie das Matterhorn oder den Eiger. Gleichwohl ist der Gotthard mit seinen symbolischen Stätten in den nationalen Bilderschatz eingegangen wie kein anderer Ort: der Teufelsstein in Göschenen, die Teufelsbrücke in der Schöllenen, der Pass mit seinen markanten Gebäuden, die Schlangenlinie der Tremola-Passstrasse, die gelbe Postkutsche. 

Sinnbild für den Sieg des Menschen über die Natur: die Gotthardpost

Quelle: Bildagentur Keystone
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Sie gehören zur nationalen Ikonografie wie die kühnen Viadukte der Gotthardbahn von 1882, die berühmten, zum helvetischen Weltwunder stilisierten Kehrtunnel mit dem «Chileli vo Wasse», die legendäre Gotthard-Lok «Krokodil», die Kavernen und Kasematten der Gotthardfestung, die geschwungenen Linien der Autobahn und nun bald die futuristischen Portale der Basislinie. Das alles fügt sich zusammen zu einer Bildergeschichte, die überraschend viel über die Identität der Schweiz aussagt. 

Es kommt nicht von ungefähr, dass wir den Gotthard als mythisches Massiv der Schweiz sehen. Ihn zu bezwingen und für den Verkehr stets durchlässiger zu machen, erscheint als eine Konstante der Geschichte, als ein Grundmotiv, das sich in Variationen durch die Epochen zieht.

Es ist, als habe die Schweiz eine Jahrhunderte übergreifende, unbewusste Agenda, die jeder Generation nach den jeweiligen technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten diese Aufgabe neu auferlegt. 

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Der Basistunnel ist das letzte Kapitel in der uralten Geschichte zur Überwindung der Alpen.

Der Gotthard ist eine wesentliche geografische Bedingung, der die Schweiz ihre Existenz verdankt. Als um 1200 herum der Säumerweg über den Pass entstand, wurde das abgelegene Gebiet politisch interessant. Der Gotthardweg war vom Gütervolumen her bis in die Neuzeit keine bedeutende internationale Handelsroute. Aber er war als Regionalverbindung wichtig und spielte in den Überlegungen der Mächtigen auch mehr und mehr eine strategische Rolle.

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Man weiss heute, dass die Eidgenossenschaft nicht 1291 in einem Akt «gegründet» wurde, sondern erst im 15. Jahrhundert institutionelle Formen annahm, angetrieben von den Städten Zürich und Bern. Aber im langen und keineswegs linearen Prozess zu einem eigentlichen Staatswesen war der Gotthardweg neben anderen Faktoren eine Orientierungslinie für die Territorialbildung. Für die Schweiz war es existenziell, im Alpengebiet ihre Sattelposition an den Pässen zu halten und zu sichern. Das gelang ihr, während andere Passgebiete in den östlichen und westlichen Alpen von den grossen Herrscherhäusern aufgesaugt wurden.

Als die alte Eidgenossenschaft morsch war und die grossen Revolutionen Europa umwälzten, verdankte die Schweiz ihr Weiterbestehen ihrer Lage am Gotthard. Um 1800 hatte das revolutionäre Frankreich die Schweiz besetzt und hätte sie auflösen können. Aber Napoleon annektierte nur das Wallis samt Simplon und liess die Schweiz als republikanischen Kleinstaat bestehen. Um der europäischen Balance willen brauchte es aus der Sicht des Geostrategen eine neutrale Zone um die Pässe herum. Die Schweiz sollte garantieren, dass der Gotthard den Grossmächten in gleicher Weise zugänglich und entzogen bleibt, das war ihre Existenzberechtigung.

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Die gleiche Logik spielte am Wiener Kongress 1815, als die Grossmächte den Kontinent neu ordneten. Als Produkt europäischer Rivalitäten wurde die Schweiz damals im Interesse aller neu etabliert – als unabhängiger und neutraler Pufferstaat um die Alpenpässe. In den ersten Jahrzehnten des Bundesstaates von 1848 stand der Gotthard wiederum im Brennpunkt der Aufmerksamkeit. 1860 ging es um den militärisch wichtigen Bau der Alpenstrassen, 1882 wurde die Gotthardbahn als Europa verbindendes Jahrhundertwerk in Szene gesetzt, dann drängte sich die militärische Befestigung auf. 

Der weitgehend unsichtbare Stolz der Schweiz: der Gotthard-Basistunnel

Quelle: Bildagentur Keystone
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In dieser Zeit formte sich ein Selbstbild der Schweiz, das um 1900 im Begriff «Passstaat» oder «Gotthardstaat» seinen prägnantesten Ausdruck fand. Diese Selbstcharakterisierung war im jungen Bundesstaat sehr wichtig für den Prozess des «nation building», also die Etablierung des neuen Staates in den Köpfen und die Erschaffung des Nationalbewusstseins.

Um den Gotthard herum liess sich ein kollektives Geschichtsbild konstruieren, das den neuen Bundesstaat tief in der Vergangenheit verankerte: Aus einer «Urschweiz» am Vierwaldstättersee sei die Eidgenossenschaft durch einen Schwurbund entstanden, aus Notwehr gegen Habsburger, die Hand auf den Passweg hätten legen wollen. Und wie damals sei es jetzt die Aufgabe der Schweiz, den Gotthard mit der Bahnlinie für Europa zu erschliessen und ihn zugleich zu schützen. Der Gotthard als Keimzelle, der Gotthardweg als Lebensader – dieses Bild gab dem Staat eine historische Herkunft und eine Bestimmung, die weit in die Zukunft wies. 

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Für die frühe Geschichte wird die Bedeutung des Gotthardwegs gern überzeichnet. Aber seit dem Bau der Gotthardbahn 1882 trifft die Charakterisierung der Schweiz als Passstaat zweifellos zu. Nichts prägte die Schweiz, ihre Rolle in Europa und ihr Selbstbild mehr als diese Bahnverbindung. Kein anderes Bauwerk veränderte das Land tiefgreifender und nachhaltiger – aussenpolitisch, wirtschaftlich, innenpolitisch, mental. Die junge Republik hatte auf Augenhöhe mit König- und Kaiserreichen verhandelt, sich Respekt und einen wichtigen Platz im Staatengefüge verschafft.

Die erste wintersichere Verbindung durch die Alpen öffnete das Land dem Weltverkehr, machte aus der Sackgasse eine Drehscheibe und gab den Schub, dank dem sich der Agrarstaat zum modernen, weltweit vernetzten Industrie-, Wissenschafts-, Wirtschafts- und Finanzplatz wandelte. In der Gotthardbahn materialisierte sich die Identität der modernen Schweiz.

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Der Status als unabhängiger, neutraler Passstaat prägt seither die Selbstwahrnehmung und das Rollenverständnis der Schweiz und bestimmte immer wieder die politische Strategie. So stemmte der Bundesrat angesichts der Bedrohung durch Hitler-Deutschland den Gotthard 1938 zum Symbolfelsen hoch, bei dem das Volk sich sammeln sollte. Die Schweiz sei als «Hüterin der Pässe» ausersehen, einen Hort der Freiheit und Humanität zu bewahren – unbesehen von Rasse und Sprache im Herzen der Alpen. Auch General Guisan bezeichnete die Pässe als «die uns anvertrauten Pfänder, die wir schützen und niemals aus der Hand geben». In Bedrängnis zog sich die Armee ins Alpenréduit und die Schweiz damit auf ihre Uraufgabe zurück: die Wacht am Gotthard. 

Das Selbstbild der Schweiz als Passstaat hat sich tief ins kollektive Bewusstsein gekerbt. Generationen haben sich am Gotthard abgemüht, als müsse sich die Schweiz ständig neu an ihm bewähren. Mit jedem Verkehrsbauwerk – von der Fahrstrasse über die Gotthardbahn bis zum Strassentunnel – verfestigte sich diese Idee zum historischen Auftrag, der sich gewissermassen naturgegeben aus dem Territorium ergibt. Überwinde die Alpen, bewahre den Gotthard – wenn das die identitätsstiftende Konstante der Schweiz ist, kommt dem Basistunnel eine besondere Bedeutung zu. Wie mit den früheren Jahrhundertbauwerken macht die Schweiz den Gotthard im Interesse Europas nun durchlässig für den Austausch im 21. Jahrhundert.

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So gesehen ist der neue Basistunnel die Aktualisierung der alten Mission – und zugleich ihre Vollendung.