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KlimawandelWarum handeln wir nicht?

Bondo
Fassungslos: Anwohner im von Murgängen verwüsteten Dorf Bondo. Bild: Pascal Mora /Keystone

Hitzerekorde und Felsstürze: Der Klimawandel ist Realität. Doch warum handeln wir nicht? Umweltökonom Philippe Thalmann sagt, wie wir die Wende noch schaffen.

von Julia Hoferaktualisiert am 2017 M10 30

Beobachter: Im Film «Immer noch eine unbequeme Wahrheit» fiebern wir mit, wenn Al Gore den indischen Präsidenten Narendra Modi in letzter Sekunde dazu bringt, dem Pariser Klimaabkommen zuzustimmen. Welche Rolle spielt der Aufklärer für den Klimaschutz?
Philippe Thalmann: Al Gore konnte tatsächlich grosse Organisationen und Länder davon überzeugen, sich zu den Klimazielen zu verpflichten. Das ist ein sehr wertvoller Beitrag. Es braucht Massnahmen auf allen Ebenen, in allen Ländern. Anders als in seinem ersten Film, den er vor zehn Jahren realisiert hat, zeigt er heute nicht nur die Risiken auf, sondern auch, dass der Change machbar ist. Damit holt er die Leute besser ab als mit der Schreckensbotschaft des ersten Filmes.

Beobachter: Schreckensbotschaft? Man muss den Tatsachen doch ins Auge schauen.
Thalmann: Mit Angstkampagnen erweist man dem Klimaschutz einen Bärendienst. Die Menschen lassen sich nicht einfach «wachrütteln». Werden sie zu fest gerüttelt, zappen sie weiter. Nein, ich bin überzeugt, man muss einen Weg aufzeigen, wie man etwas verändern kann. 

Beobachter: Wir wissen doch längst, was zu tun ist. Warum handeln wir nicht?
Thalmann: Dazu braucht es nicht nur ein Bewusstsein, sondern auch Betroffenheit. Die entsteht in der Schweiz jetzt langsam. Wir hatten 2003 einen Hitzesommer, dann 2015 einen weiteren, und auch der Sommer 2017 war drei Grad wärmer als der Schnitt von 1961 bis 1990. Wir merken, wie mühsam es wird, wenn es zwei, drei Wochen lang über 35 Grad heiss ist. Oder es passieren Felsstürze wie jüngst in Bondo. Die Zunahme solcher Ereignisse schafft Betroffenheit.

Beobachter: Und die lässt uns endlich handeln?
Thalmann: Nicht zwingend. Man muss auch überzeugt sein, dass man etwas ändern kann. Sonst wird man fatalistisch. Das kann klimaschädliches Verhalten sogar noch fördern – weil man denkt, es habe sowieso keinen Sinn mehr. 

Beobachter: Die Flugreisen der Schweizer haben zwischen 2010 und 2015 um 43 Prozent zugenommen. Weil wir fatalistisch sind?
Thalmann: Ich glaube, die Schädlichkeit des Fliegens wird ganz einfach unterschätzt. Dass man mit einem Flug nach Dubai und einem nach San Francisco den eigenen CO2-Ausstoss eines ganzen Jahres verdoppelt, ist den wenigsten bewusst.

«Man muss überzeugt sein, dass man etwas ändern kann. Sonst wird man fatalistisch.»


Philippe Thalmann, Umweltökonom

Beobachter: Vielleicht sagen sich viele: Was bringt es, wenn ich als Einzelperson auf das Fliegen verzichte? Der Flieger hebt ja trotzdem ab.
Thalmann: Das ist in der Tat ein grosses Problem im Klimaschutz. Die einzelne Aktion kann – für sich genommen – nie viel ausrichten. So hat man immer den Eindruck oder auch die Ausrede, dass man sowieso nichts ändern könne. Das ist gefährlich und falsch. Denn der Einzelne beteiligt sich mit seinem Flug an der Gesamtnachfrage für Flüge und bestimmt so das Angebot. Das ist ein ganz einfacher Zusammenhang – aber halt nicht sehr offensichtlich. Zudem können wir etwas in unserem Umfeld bewirken: Wenn ich dem Nachbarn vorlebe, dass man auch tolle Ferien in der Schweiz machen kann, dann kann er nicht mehr sagen: Alle andern fliegen ja auch mit Easyjet an den Strand. Ich mache also seine Ausrede zunichte.

Beobachter: Auch wenn die Schweizer weniger fliegen würden – global würde das immer noch nicht viel ändern.
Thalmann: Gerade als reiches Land müssen wir immer das Maximum leisten. Wenn Chinesen und Inder zu uns kommen und sehen, dass wir nicht einmal fähig sind, unsere Glühbirnen durch LED-Lampen zu ersetzen, dann sagen die sich: Warum soll sich ein armes Land wie unseres anstrengen?

Beobachter: Wie bringt man Leute zum Umdenken?
Thalmann: Wir müssen verstehen, dass es ganz einfach darum geht, das Richtige zu tun. Das funktioniert in anderen Bereichen ja auch: Ob ich mein Kaugummipapier auf den Boden werfe oder nicht, macht in Bezug auf das Littering-Problem nicht viel aus. Trotzdem verhalten wir uns richtig und bringen es auch unseren Kindern bei – sogar dann, wenn andere ihren Abfall auf den Boden werfen.

Beobachter: Weniger oft in ferne Länder zu reisen, ist doch ein grösserer Verzicht, als den Abfall im Eimer zu entsorgen.
Thalmann: Ach was, das Thema Verzicht ist überbewertet. Ich kann mich besser erholen, wenn ich nicht neun Stunden in die Ferien fliegen muss. Uns wird doch bloss vorgegaukelt, man lebe besser, wenn man mit einem fetten Auto rumfährt oder die Kinder mit Geschenken überschüttet. Das ist ein riesiges Missverständnis. Ich meine das nicht moralisch, ich meine das ernst.

Beobachter: Wäre es nicht viel einfacher, wenn man die Flüge verteuern würde? Höhere Ticketpreise spüre ich sofort, die Erderwärmung nicht so direkt. 
Thalmann: Als Ökonom würde ich die CO2-Abgabe am liebsten so hoch ansetzen, dass sich alle klimafreundlich verhalten müssen. Das wäre gemäss Lehrbuch die einfachste Lösung. Doch leider funktioniert sie in der realen Welt nicht. Denn Lenkungsmassnahmen brauchen immer politische und soziale Akzeptanz. Erst wenn sich unsere Wertvorstellungen geändert haben, werden die Politiker den Mut aufbringen, höhere Flugpreise zu fordern. Und erst wenn sich die Werte geändert haben, wird die Lenkungsabgabe sozial akzeptiert werden.

Beobachter: Sind denn finanzielle Massnahmen wirksamer als andere?
Thalmann: Ohne steuerliche Anreize und Lenkungsabgaben kommt der Umweltschutz nicht vorwärts. Mit Abgaben darf man aber auch nicht übertreiben. Auch Ärmere müssen sich die Energie für Wohnen und Mobilität leisten können. Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es immer ein Bündel von Massnahmen braucht. Schauen wir uns den Autoverkehr in Zürich an: Wie hat man es geschafft, dass er verhältnismässig gering geblieben ist? Man hat den öffentlichen Verkehr ausgebaut, das Verbundsabo eingeführt, Parkplätze reduziert und verteuert, Velowege angelegt. Und kommuniziert, dass die Lebensqualität zunimmt mit weniger Stau, Lärm und Luftverschmutzung. Eine Einzelmassnahme, etwa eine saftige City-Maut, wäre niemals akzeptiert worden. Im Flugverkehr muss man die Preise erhöhen, die technische Innovation voranbringen und Alternativen bieten, wie es derzeit der TGV macht: Er will Geschäftsreisende mit einer neuen Business-Class anlocken und so entsprechenden Flügen Konkurrenz machen. So was finde ich cool.

«Verzicht? Uns wird doch nur vorgegaukelt, man lebe besser, wenn man ein fettes Auto fährt.»


Philippe Thalmann, Umweltökonom

Beobachter: Sie sind Mitglied des Forums für Klima und globalen Wandel Proclim. Es will Politiker auf einen klimafreundlichen Kurs bringen. Wie geht das?
Thalmann: Bei sozial eingestellten Politikern kann man an das Verantwortungsbewusstsein für unsere Nachkommen oder arme Länder appellieren. Der Widerstand kommt jedoch naturgemäss aus dem bürgerlichen Lager: Politiker, die die Interessen der fossilen Industrie vertreten, sind für mich hoffnungslose Fälle. Bei den anderen lohnt es sich, das wirtschaftliche Potenzial der neuen Cleantech-Märkte aufzuzeigen. Auch historische Beispiele können hilfreich sein: Vor rund 100 Jahren wollte sich die Schweizerische Bahn aus der Abhängigkeit der Kohlelieferanten befreien und stellte auf Strom um. Der Bau der Elektroloks und der zusätzliche Strombedarf hat eine Reihe namhafter Firmen erblühen lassen, etwa die Maschinenfabrik Oerlikon oder Brown Boveri, die heutige ABB.

Beobachter: Sie sprechen die Politiker also mit massgeschneiderten Botschaften an?
Thalmann: Angela Merkel hat das 2009 in ihrer Rede vor dem konservativen US-Kongress vorbildlich vorgemacht. Um die Politiker für den Klimaschutz zu mobilisieren, hat sie die Betonung auf Begriffe wie ökonomisches Potenzial und Marktführung gelegt. Und alles, was nach Solidarität, Verzicht oder Regulierung klingt, weggelassen. Sie konnte ihr Publikum so perfekt abholen.

Beobachter: In der Schweiz müsste auch das Stimmvolk überzeugt werden. Wie?
Thalmann: Bei einer Lenkungsabgabe wird der Ertrag an die Bevölkerung rückerstattet, das ist ja nicht eine Steuer. Wir haben herausgefunden, dass eine Vorlage mehr Zustimmung erhält, wenn jene überdurchschnittlich von der Rückerstattung profitieren, die viel bezahlen müssen und das nur schwer verkraften können. Noch höher ist die Akzeptanz, wenn ein Teil des Ertrags für Umweltmassnahmen verwendet wird.

Beobachter: Und wie kann ich als Einzelperson am meisten bewirken? Indem ich auf Kinder verzichte, weil ein Schweizer im Schnitt fast fünf Tonnen CO2 pro Jahr ausstösst?
Thalmann: So ein Quatsch. Die Geburtenrate nimmt bei uns eh schon ab. Man darf den Menschen nicht nur als Problem sehen – jeder Einzelne könnte auch die Lösung sein, weil er eine bahnbrechende Idee hat. Besonders wirkungsvoll ist, wenn man autofrei lebt, nicht fliegt, sich vegetarisch ernährt, Ökostrom bezieht sowie klimafreundlich abstimmt und wählt. Wenn wir das unseren Kindern beibringen, dürfen wir sie unbesorgt auf die Welt bringen.

Das läuft in Sachen Klima in der Schweiz

  • Als Alpenland ist die Schweiz besonders vom Klimawandel betroffen. Seit 1864 ist es um 1,9 Grad Celsius wärmer geworden – doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt. Der Trend dürfte sich laut Prognosen weiter intensivieren.
  • Gemäss CO2-Gesetz müssen wir bis 2020 die Emissionen im Inland gegenüber 1990 um 20 Prozent senken. Industrie und Gebäude sind auf gutem Weg, Verkehr und Landwirtschaft hinken nach.
  • Das Pariser Klimaabkommen, das auch die Schweiz unterschrieben hat, will die globale Erderwärmung global auf deutlich unter 2 Grad begrenzen. Wie die Schweiz dieses ehrgeizige Ziel erreicht, muss das Parlament noch beschliessen. Der Bundesrat möchte den Treibhausgasausstoss bis 2030 gegenüber 1990 um die Hälfte senken.
  • Ausgeklammert vom Pariser Abkommen und damit auch von den Schweizer Klimazielen ist der Flugverkehr. Da Schweizer Vielflieger sind, verzerrt das unsere Klimabilanz stark.
  • Die Einführung einer generellen CO2-Abgabe blieb 2008 stecken. Sie gilt nur für Brenn-, nicht für Treibstoffe. Dafür wurde der Klimarappen eingeführt, eine Abgabe auf alle Benzin- und Dieselimporte. Sie wird seit dem Inkrafttreten des revidierten CO2-Gesetzes 2013 Kompensationspflicht genannt. Der Ertrag fliesst in Projekte, die Treibhausgasemissionen kompensieren. Die Möglichkeiten der Kompensation sind jedoch ausgeschöpft, es lassen sich kaum noch sinnvolle Projekte finden. «Eine CO2-Abgabe auf Treibstoff wäre effizienter», findet daher Experte Philippe Thalmann.

Mehr zur Person

Der Umweltökonom Philippe Thalmann, 54, unterrichtet an der ETH Lausanne und forscht zu wirtschaftspolitischen Massnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses.

Philippe Thalmann
Philippe Thalmann.
Quelle: Peter Klaunzer/Keystone

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