Beim Bund herrscht höchste Alarmstufe: Die Afrikanische Schweinepest kommt immer näher. In Osteuropa grassiert sie schon. «Die schlimmste Bedrohung für einen Nutztierbestand in unserer Generation», warnt die Welttiergesundheitsorganisation OIE. Rund ein Viertel aller Schweine weltweit könnten daran sterben. Die Seuche ist hoch ansteckend und lässt die Tiere innert weniger Tage verenden. China hat bereits bis zu 200 Millionen geschlachtet – die Hälfte des Bestandes. Für andere Tiere und Menschen ist das Virus keine Gefahr.

Markus Käppeli schluckt leer. «Die Schweinepest möchte ich lieber nicht erleben.» Der 33-jährige Schweinezüchter in Hildisrieden LU lebt in einem möglichen Epizentrum der Seuche. Im Kanton Luzern gibt es mehr Schweine als Menschen: 430'000, jedes dritte Schwein in der Schweiz.

Das deutsche Friedrich-Loeffler-Institut zählt für dieses Jahr schon mehr als 6000 Schweinepestfälle in Europa.

Käppeli hält rund 130 Muttersauen. Falls sich auch nur eine mit dem Schweinepestvirus infiziert, müssten gemäss Tierseuchenverordnung sofort alle Muttertiere und ihre Ferkel notgeschlachtet und das Fleisch Fleisch essen Welche Tierwohl-Label gut sind vernichtet werden. Käppelis Hof würde abgeriegelt. Im Umkreis von drei Kilometern müsste man eine Schutzzone einrichten – mit starken Einschränkungen für die Bauern.

Wirtschaftlich wären die Folgen gravierend. Die Tierseuchenkasse entschädigt zwar den grössten Teil des Werts der geschlachteten Tiere. Doch der anschliessende Verdienstausfall Absicherung Eigener Chef? Eigenes Problem! ist nicht gedeckt. «Besonders für uns Züchter wären die Folgen dramatisch», sagt Käppeli. «Bis ich meinen Bestand wiederaufgebaut habe, dauert es mindestens drei Monate.» So lange hätte er kaum Einnahmen. Wie viele andere Züchter hat er nun eine zusätzliche Versicherung abgeschlossen, die einen Teil des Verlusts decken würde.

Wildschweine im Visier

Die Halter haben die Schweinepest schon länger auf dem Radar und müssen sich an entsprechende Sicherheitsmassnahmen halten. Doch so nah wie jetzt war die Seuche noch nie. Sie grassiert unter anderem in Polen, Rumänien, Ungarn und Belgien. Und die Fallzahlen steigen permanent. Das deutsche Friedrich-Loeffler-Institut zählt für dieses Jahr schon mehr als 6000 Schweinepestfälle in Europa. Im ganzen letzten Jahr waren es gut 8000.

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Deutschland und Dänemark haben an ihren Grenzen über Hunderte von Kilometern Zäune hochgezogen, die Wildschweine abhalten sollen. Die Angst: Wildschweine könnten beispielsweise von Fernfahrern weggeworfene Sandwiches mit verseuchtem Fleisch Giftstoff im Fleisch Worte machen Rinder nicht gesünder fressen und danach die Krankheit verbreiten.

Generell bereiten die Wildschweine den Bauern Sorgen. Viele glauben, es würden immer mehr  – doch gemäss Bundesamt für Umwelt ist der Bestand mit 4000 bis 7000 Tieren stabil. Für rote Köpfe sorgt, dass der Bund «für die Wildschweine pfadet», wie der «Schweizer Bauer» schrieb. Mancherorts werden an Autobahnen Übergänge für Wildtiere gebaut, auch unweit von Käppelis Hof. Das erleichtert auch Wildschweinen die Wanderung.

Die Interessen kollidieren

Der Bau von Wildtierkorridoren rund um die Schweinehochburg Luzern soll gestoppt werden, fordert Meinrad Pfister, Chef des Branchenverbands Suisseporcs. Davon will man beim Bund nichts wissen. Die Passagen seien wichtig, um die Lebensräume der Wildtiere zu vernetzen. Im Fall einer Seuche könnten sie aber rasch geschlossen werden. In die Prävention eingebunden sind auch die Jäger, die nach kranken Wildschweinen Ausschau halten und bei Verdacht untersuchen lassen müssen.

Laut Experten geht die grösste Übertragungsgefahr aber vom Menschen und seinen Essgewohnheiten aus. Das Virus überlebt im verarbeiteten Fleisch und kann etwa in Schinken oder Salami eingeschleppt werden.

Deshalb gelten besondere Vorschriften für die zahlreichen polnischen Arbeiter auf Schweizer Höfen Tierhaltung Wie gut geht es unseren Tieren wirklich? . Auch Markus Käppeli beschäftigt einen Polen. Er darf weder Schinken noch Salami von zu Hause mitnehmen. Nach einer Rückkehr in die Schweiz darf er jeweils auch zwei Tage lang nicht bei den Schweinen arbeiten. Man geht davon aus, dass sich das Virus via Kleider oder Haut übertragen kann.

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Imageschaden schlimmer als Seuche

Seuchen sind immer ein Thema in der Schweinezucht . Bauer Käppeli glaubt, in der Schweiz mit ihrem hohen Gesundheitsniveau und allgemein hohen Standards in der Landwirtschaft sei man grundsätzlich gerüstet gegen die Seuche. Andererseits hätten hier viel mehr Schweine einen Auslauf im Freien als im Ausland – es sind über die Hälfte. Und somit steige die Gefahr einer Übertragung durch Wildschweine. Um mögliche Kontakte zu vermeiden, stellen manche Bauern zusätzliche Zäune auf. Käppeli möchte das vermeiden: «Ich habe nichts zu verstecken.» Falls die Seuche noch näher komme, müsse er aber reagieren.

Trotz aller Massnahmen: Laut Fachleuten lässt sich kaum verhindern, dass die Afrikanische Schweinepest eines Tages die Schweiz erreicht. Selbst wenn der Ausbruch begrenzt werden kann, fürchtet die Branche negative Folgen. Verunsicherte Konsumenten könnten Schweinefleisch künftig vermehrt meiden. Keine guten Aussichten, der Konsum von Schweinefleisch nimmt ohnehin ab. Vor dem langfristigen Imageschaden hat Bauer Käppeli fast noch mehr Angst als vor der Seuche selbst.

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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