Martin Fischer nennt den Raum «mein Wetterstübli». Dabei erinnert das nüchterne Verlies aus Beton und Glas mit den stabilen kleinen Fenstern eher an einen Bunker. Das «Stübli» befindet sich im Sphinx-Observatorium auf dem Jungfraujoch, diesem markanten, weitherum sichtbaren Denkmal aus Stein, Stahl und Glas auf einer Höhe von rund 3580 Metern über Meer.

Hier sitzt Fischer mindestens fünfmal täglich an einem winzigen Tischchen hinter seinem Laptop und «wettert», wie der 45-Jährige diese Tätigkeit nennt: Er übermittelt seine Beobachtungen, die die aktuelle Lage der Wolken, die Fernsicht und den eventuellen Niederschlag beschreiben, an den nationalen Wetterdienst Meteo Schweiz in Zürich. Hinter ihm summen elektronische Geräte, auf deren Displays laufend aktuelle Messdaten zu Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit erscheinen, die ihrerseits alle zehn Minuten automatisch übermittelt werden.

Eine atemberaubende Aussicht

Mächtig baut sich vor uns die Jungfrau auf mit ihren stolzen 4158 Metern. Rechts auf dem Grat ist die Richtfunkstation der Swisscom mit ihren Antennenanlagen zu erkennen. Und gleich darunter beginnt der gewaltige Eisstrom des Jungfraufirns: Blendend weiss, aber voller Spalten und Klippen, bewegt er sich in Richtung Süden und fliesst in den Aletschgletscher, eingefasst von einem majestätischen Kranz von Drei- und Viertausendern. Welch gewaltiges Bild! Besonders an diesem strahlenden Januartag, an dem kaum ein Wölklein die Fernsicht trübt und man im Norden ganz deutlich Brienzer Rothorn, Chasseral und Schwarzwald ausmachen kann, im Süden Fiescher Gabelhorn, Eggishorn und Dreieckhorn.

«Ihr habt Glück, einen so strahlenden Tag erwischt zu haben», sagt die 42-jährige Joan Fischer. Und ihr Ehemann Martin fügt an: «Es kann auch ganz anders sein, wenn man tagelang nichts anderes sieht als eine graue Suppe und selber mittendrin steckt.» Also kein Idyll? «Es ist einfach unsere Welt», sagt Joan Fischer mit ihrem leichten holländischen Akzent und lacht.

Im zehnten Jahr schon arbeitet das Betriebsleiter-Ehepaar in der Wetterstation, die von der internationalen Stiftung «Hochalpine Forschungsstationen Jungfraujoch und Gornergrat» mit Sitz am Physikalischen Institut der Universität Bern betrieben wird. Vorher waren die beiden, unter ähnlich extremen Bedingungen, drei Jahre lang auf dem Schilthorn tätig. Er überwacht die zahlreichen Mess- und Übermittlungsgeräte, die ihre Daten in alle Welt schicken; sie führt die Unterkünfte für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Glaziologen, Geologen, Botaniker, Mediziner, Physiker und Astronomen. Gegen 1000 Übernachtungen sind jedes Jahr zu verzeichnen.

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Alle drei Wochen elf Tage zu Hause

Während drei Wochen am Stück sind die Fischers jeweils da, dann haben sie elf Tage frei, die sie unten in ihrem Haus in Schwanden bei Brienz verbringen. In dieser Zeit werden sie vom Ehepaar Felix und Susanne Seiler abgelöst. Für die Fischers ergibt das 234 Tage im Jahr auf dem Joch – in der höchstgelegenen, ganzjährig bewohnten Forschungsstation Europas, wo das ganze Jahr über Winter herrscht, wo Temperaturen von minus 20 Grad alltäglich und Windgeschwindigkeiten von 150 Stundenkilometern nicht aussergewöhnlich sind.

Die Fischers haben diese Einsamkeit, das exponierte Leben hoch über allem, auf diesem Vorposten der Zivilisation, gewollt und gesucht. «Ich habe hier meinen Traumjob gefunden», sagt Martin Fischer. Er ist ein ruhiger, gelassener Allrounder, der schon verschiedenste Berufe ausgeübt hat: Zimmermann, Mineur, Maschinist und Lastwagenchauffeur. «Ich arbeite gern selbständig. Zudem bin ich erblich vorbelastet.» Seine Eltern haben sich auf dem Jungfraujoch kennengelernt; der Vater war Koch, die Mutter arbeitete im Service. Joan ihrerseits erzählt lachend, sie sei «sieben Meter unterhalb des Meeresspiegels» aufgewachsen, in Vlaardingen bei Rotterdam, «hinter einem gewaltigen Deich». Mit einem kaufmännischen Diplom reiste sie in die Schweiz. Weil es ihr im Berner Oberland gefiel, nahm sie einen Job als Serviererin an. «Dank Martin wurden die Berge auch meine Welt», sagt sie. «Wenn ich bei meinen Besuchen in Holland erzähle, wo ich lebe, halten die mich glatt für verrückt.»

Seit diesem Jahr sind die Fischers zu dritt hier oben, denn neuerdings ist der sechs Monate alte Sherpa dabei, ein verspielter schwarzer Mischlingsrüde. «Sherpa nennen wir ihn, weil er perfekt in diese Höhe passt», sagt Joan. Tatsächlich: Der Hund tollt auf dem tiefverschneiten Plateau herum, als wäre er unten im Tal, derweil einige der kamerabewehrten Touristen sorgfältig einen Fuss vor den anderen setzen. Die ungewohnte Höhe macht ihnen sichtlich zu schaffen.

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Radioaktivität aus fernen Ländern

Joan und Martin führen uns durch das sechsstöckige Gebäude der Forschungsstation, 1930 erbaut, aber nicht öffentlich zugänglich. Neben zehn rustikalen Gästezimmern und den Gemeinschaftsräumen findet sich hier auch eine grosse Bibliothek mit wissenschaftlichen Werken. Die Innenausstattung des Hauses – Parkettboden, Täfelung, mächtige alte Holztruhen, Rollschränke und Schiefertische – wirkt sanft nostalgisch.

Dann nimmt uns Martin auf einen Arbeitsrundgang mit. Im Labor füllt er Stickstoff ab, um damit die elektronischen Geräte zu kühlen, und zeigt uns all die summenden und tickenden Apparate und Instrumente. «Manchmal erkenne ich schon am Geräuschpegel, dass irgendetwas nicht stimmt, dass ein Instrument ausgestiegen ist», sagt er. Manches repariert er dann selber, anderes in Rücksprache mit dem Auftraggeber, und in besonders schwierigen Fällen kommt ein Spezialist hoch.

Rund 30 Forschungsprojekte laufen hier gleichzeitig, manche davon über Jahre und Jahrzehnte. So werden etwa Schadstoffe und Spurenelemente in der Luft gemessen. Beim Krypton 85 zum Beispiel, einem leicht radioaktiven Edelgas, schlägt die Nadel zuverlässig aus, wenn in Wiederaufbereitungsanlagen wie La Hague (F) oder Sellafield (GB) Brennstäbe angeliefert werden. Die Messungen erlauben Erkenntnisse über langfristige Veränderungen in der Atmosphäre. Dass die Klimaerwärmung eine Tatsache ist, steht für Martin ausser Zweifel. «In unserem ersten Jahr hier oben hat es ein einziges Mal geregnet», sagt er. «Heute zählen wir sicher zehn Regentage im Jahr. Diese Geschwindigkeit der Veränderung ist beängstigend.»

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Joan erzählt uns von wunderlichen Beobachtungen: vom Marder, der via Jungfraubahn-Tunnel hochgekommen sein muss, im Haus wohnt, sich von den Abfällen der Touristen ernährt und mitunter in dem für ihn bereitgestellten Kistchen schläft; von den Bergdohlen, deren Zahl sich an schönen Tagen drastisch vermehrt, weil dann zu dem Dutzend auf dem Joch sesshaften zwei weitere Dutzend von der Kleinen Scheidegg herauffliegen – in Erwartung einer grossen Ration Touristenfutter. Oder von den vier im Abstieg von der Jungfrau begriffenen Alpinisten, die Joan beim Bügeln beobachtete und von denen plötzlich nur noch drei da waren der vierte war in eine Gletscherspalte gestürzt, konnte aber zum Glück gerettet werden.

«Wir führen eigentlich zwei Leben»

Die Fischers wohnen in einer grandiosen Welt, doch ihr Bewegungsradius ist sehr eingeschränkt. Immerhin ist man mit den meisten Leuten, die auf dem Joch arbeiten, vertraut, trifft sich zum Morgenkaffee in der Cafébar im höchstgelegenen Bahnhof Europas, sitzt in der Sommersaison einmal wöchentlich im indischen Restaurant «Bollywood» und wandert regelmässig hinüber zur Mönchsjoch-Hütte.

«Wir führen eigentlich zwei Leben», sagt Joan Fischer. Sei man nach drei Wochen wieder unten im Flachland, erlebe man alles neu und anders: «Man nimmt die Farben anders wahr, das Grün der Bäume, die blühenden Blumen. Und in einem Einkaufszentrum stehe ich nur da und staune.» Martin Fischer ist nicht entgangen, dass unten alles viel intensiver schmeckt und riecht: «Die Höhe und die reine Luft schärfen unsere Geschmacksnerven.»

Besteht nicht die Gefahr, dass man in dieser Einsamkeit – oder besser: Zweisamkeit – etwas sonderbar wird, kauzig gar? «Wir haben unsere Freunde gebeten, sie mögen uns darauf aufmerksam machen, wenn sie so etwas bemerken sollten», sagt Joan Fischer. «Bis heute liegen uns keine entsprechenden Meldungen vor.»

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Ein Ausflug auf das Jungfraujoch ist immer ein Erlebnis.

Anfahrt: Eine Fahrt auf das Jungfraujoch, die höchstgelegene Bahnstation Europas auf 3454 Metern über Meer, kann mit etwas Wetterglück auch im tiefsten Winter zu einem Erlebnis werden. Schon auf der Fahrt in der Jungfraubahn bieten sich herrliche Ausblicke in eine urtümliche Welt aus Schnee und Eis und auf das stolze Trio Eiger, Mönch und Jungfrau.

Attraktionen: Von der Aussichtsterrasse der Sphinx bietet sich ein grossartiger Panoramablick auf den Aletschgletscher und den Alpenkranz. Die Region Jungfrau–Aletsch–Bietschhorn wurde im Jahr 2001 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt. Der «Eispalast» im Gletscher ist ein höhlenartiges Labyrinth mit zahlreichen Skulpturen. Der «Ice Gateway», ein ins Gletschereis geschlagener Tunnel, führt vom Eispalast zum Gletscherplateau, auf dem man bei gutem Wetter gefahrlos spazieren gehen kann.

Verpflegung: Auf dem Jungfraujoch gibt es fünf verschiedene Restaurants, vom ­
Self-Service- bis zum À-la-carte-Betrieb. Übernachten ist aber nicht möglich; die Hochalpine Forschungsstation steht ausschliesslich Wissenschaftlern offen.

Tarife: Ein Billett der Jungfraubahnen von Interlaken Ost auf das Jungfraujoch und zurück – wahlweise über Wengen oder Grindelwald – kostet Fr. 186.20 in der 2. und Fr. 198.20 in der 1. Klasse bzw. Fr. 93.10 und Fr. 99.10 mit Halbtaxabo (ab Lauterbrunnen beziehungsweise Grindelwald nur 2.-Klasse-Wagen). Bis 30. April 2011 offerieren die SBB Tickets zu ermässigtem Preis, die ein Käsefondue samt Dessert im Restaurant Crystal auf dem Jungfraujoch einschliessen.

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Quelle: Gerry Nitsch