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Klimatisierte AutosGut für die Sicherheit, Gift für die Umwelt

Mit der Hitze steigt die Unfallgefahr auf den Strassen. Klimaanlagen wirken präventiv, aber schaden der Umwelt und dem Klima.

Eine Klimaanlage ist weit mehr als ein angenehmes Extra gegen Hitze im Stau.
von aktualisiert am 16. August 2018

Draussen brennt die Sonne auf den Asphalt und sorgt für Backofen-Gefühl, drinnen weht kühle Luft um Kopf und Beine: Nie waren Autofahrer dankbarer für die Klimaanlage als in diesem Hitzesommer. Gut möglich, dass der vermeintliche Luxus sogar Leben rettete. Mit den Temperaturen steigt nämlich die Unfallgefahr. Konzentration, Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit lassen ab einer Innenraumtemperatur von 30 Grad Celsius deutlich nach. Das zeigten verschiedene Studien und Fahrtests in Deutschland.

 

Mangelnde Konzentration und Aufmerksamkeit: Hitze hat einen ähnlichen Effekt wie Alkohol.

 

Vor einigen Jahren nahm sich auch der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) des Themas an und untersuchte 12'000 Unfälle. Resultat: An warmen Tagen liessen sich 63 Prozent der Unfälle auf mangelnde Konzentration oder Aufmerksamkeit zurückführen. An kühleren Tagen mit Temperaturen unter 15 Grad Celsius waren es nur 47 Prozent. Hitze hat einen ähnlichen Effekt wie Alkohol.

Der wissenschaftliche Huptest

Die Hitze macht Autofahrer ausserdem aggressiv. Das haben amerikanische Forscher mit einem ziemlich fiesen Experiment in den achtziger Jahren getestet, als die Klimaanlage noch nicht zum Ausstattungsstandard gehörte. Sie liessen eine Frau in einem sportlichen Datsun 200SX zuvorderst an einem Lichtsignal anhalten und stehen bleiben, wenn die Ampel auf Grün schaltete.

Die Reaktion folgte prompt und temperaturabhängig: War es 37 Grad Celsius oder heisser, musste sich die Fahrerin ein Dauerhupkonzert anhören. Jeder dritte nachfolgende Fahrer drückte länger als eine halbe Grünphase lang aufs Horn. Manche machten ihrem Ärger zusätzlich lautstark Luft, fluchten und gestikulierten dazu Hitze Immer schön cool bleiben . Bei Temperaturen unter 32 Grad kamen derartige Gefühlsausbrüche nicht vor. Von jenen Fahrern, die klimatisiert unterwegs waren, drückten nur 67 Prozent überhaupt auf die Hupe, dagegen 90 Prozent all jener ohne Aircondition.

Die Klimaanlage im Auto ist also mehr als ein Wohlfühlaccessoire. In der Schweiz gibt es laut den beiden grössten Importeuren Amag und Emil Frey AG praktisch keine neuen Autos mehr ohne. Allerdings haben Klimaanlagen eine Kehrseite: Sie schaden dem Klima. Zum einen, weil sie über den Motor betrieben werden. Das erhöht den Benzinverbrauch und damit den Schadstoffausstoss. Wie hoch der Mehrverbrauch ist, hängt von Modell und Kühlleistung ab, aber auch, ob man innerorts oder ausserorts unterwegs ist. 

Bis zu 10 Prozent mehr Benzin

Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) hat berechnet, dass Autos in heissen Gegenden im Jahresschnitt bis zu 30 Prozent mehr Benzin verbrauchen. In der Schweiz sind es übers ganze Jahr rund fünf Prozent. Innerorts ist der Mehrverbrauch wesentlich höher. Dort schlucken Benzinmotoren etwa 10 Prozent mehr Kraftstoff als ohne eingeschaltete Klimaanlage, auf der Autobahn sind es bloss 1,3 Prozent mehr. Für Dieselfahrzeuge sind die Werte etwas tiefer. Die Empa-Forscher raten, die Klimaanlage bei Aussentemperaturen unter 18 Grad generell abzuschalten. Damit könne man zwei Prozent des gesamten Schweizer Treibstoffverbrauchs in Autos einsparen – und zudem das Portemonnaie schonen.

 

Giftige Kühlmittel: Für Insassen und Rettungskräfte kann es bei einem Crash brandgefährlich werden.

 

Kaum durch eigenes Verhalten beeinflussen lässt sich dagegen der zweite problematische Faktor der Auto-Kühlsysteme: die verwendeten Kältemittel. Bis vor einigen Jahren setzte die Autoindustrie auf einen Kühlstoff namens R134a oder Tetrafluorethan. Das klingt so abschreckend, wie es ist. Das Mittel gehört zu den sogenannten fluorierten Gasen, kurz F-Gase. Sie verstärken den Treibhauseffekt und sind 1430-mal schlimmer als CO2. Weil Klimaanlagen nie vollkommen dicht sind, entweichen pro Jahr etwa 10 Prozent des Stoffs in die Atmosphäre und heizen das Klima weiter auf. Seit 2017 darf das Mittel deshalb nicht mehr in Neuwagen eingesetzt werden.

Stattdessen füllen die Hersteller nun R1234yf, Tetrafluorpropen, in die Anlagen. Bezogen auf den Treibhauseffekt ist das neue Kältemittel zwar nur noch vier Mal schlimmer als CO2, weil es bloss kurz in der Atmosphäre bleibt. Wenn es zerfällt, entsteht aber Trifluoressigsäure. Die Säure baut sich nicht ab und ist für Wasserorganismen giftig.

Säure in der Umgebung

Auf dem Jungfraujoch wird die Konzentration der Treibhausgase seit 18 Jahren gemessen. Die Forscher können das neue Kältemittel in der Luft und die Trifluoressigsäure im Wasser bereits nachweisen. Für Martin Winder vom Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) ist das neue Kältemittel quasi ein Experiment am lebenden Objekt: «Dieser Stoff kommt in der Natur nicht vor. Über die langfristigen Folgen ist nichts bekannt.»

Gemäss dem Bundesamt für Umwelt droht vorderhand keine Gefahr. «Nach dem heutigen Stand der Forschung werden die Konzentrationen in Oberflächengewässern auch mittelfristig weit unterhalb der toxikologischen Schwellenwerte bleiben», sagt Christoph Moor, Chef der Abteilung Luftreinhaltung und Chemikalien. Dennoch werde man die Entwicklung aufmerksam beobachten.

 

«Als Konsument hat man praktisch keine Wahl.»

Martin Winder, Verkehrs-Club der Schweiz (VCS)

 

Sorgen machen muss man sich hingegen schon heute über die Folgen bei Unfällen. Das neue Kältemittel ist leicht entzündlich und setzt dann ätzende Flusssäure frei, die das Nervensystem schädigt. Für Insassen und Rettungskräfte kann es bei einem Crash deshalb brandgefährlich werden.

Umweltverbände propagieren CO2 als natürliches Kältemittel. Man muss es nicht künstlich herstellen, es schadet dem Klima weniger als die anderen Mittel und ist nicht brennbar. Die deutsche Autoindustrie hatte sich vor elf Jahren auf CO2 als Kältemittel geeinigt. Doch bis heute gibt es nur wenige Modelle mit CO2-Klimaanlage. Das Problem: Die Anlagen sind grösser und teurer.

Als die amerikanischen Chemiekonzerne Honeywell und Dupont R1234yf als klimafreundlichere Alternative auf den Markt brachten, verloren die Autohersteller das Interesse an CO2. Die Anlagen für R1234yf sind beinahe baugleich mit den alten. «Als Konsument hat man praktisch keine Wahl», sagt VCS-Mann Winder. Ausser, das Auto massvoll zu kühlen.

So fahren Sie klimafreundlich

  • Das überhitzte Auto vor der Abfahrt einige Minuten durchlüften.
  • Die ersten paar Kilometer ohne Klimaanlage, aber mit offenen Fenstern fahren.
  • Luftdüsen nicht direkt auf den Körper richten, das beugt Erkältungen Erkältung Der grosse Mythen-Check vor.
  • Klimaanlage gemäss Betriebsanleitung regelmässig überprüfen und warten lassen. Kältemittel entweicht mit der Zeit, und im Filter sammeln sich Krankheitserreger.
  • Allgemein nicht zu stark kühlen. Temperaturen um 23 Grad am Kopf sind ideal. Der Unterschied zwischen Innen- und Aussentemperatur sollte möglichst gering sein. Je grösser die Differenz, desto eher erkältet man sich.
  • Klimatisierung je nach Aussentemperatur:
    Unter 18 Grad die Klimaanlage nicht einschalten, ausser die Scheiben beschlagen.

    18 bis 25 Grad innerorts die Fenster öffnen, das kühlt ausreichend. Ausserorts die Fenster schliessen und Klimaanlage einschalten. Die Thermodynamik ist bei höheren Geschwindigkeiten mit geöffneten Fenstern ungünstig, und der Spritverbrauch steigt.

    Über 25 Grad immer Fenster schliessen und Klimaanlage einschalten.


Quellen: Empa, ecodrive.ch

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