Das Schwimmen im Rhein, behaupten eingefleischte «Bebbi» hartnäckig, sei gesund. Vielleicht, weil Badende auch gleich medikamentös behandelt werden, liesse sich zynisch hinzufügen. Denn die Palette an Medikamenten, die der Rhein bei Basel enthält, reicht von gebräuchlichen Schmerzmitteln wie Aspirin über Betablocker und Blutfettsenker bis hin zu Antiepileptika.

Kein Wunder, mögen manche denken, ist Basel doch die Hauptstadt der Schweizer Pharmaindustrie. Doch der Rhein ist keine Ausnahme: Medikamentenrückstände sind praktisch in allen Schweizer Oberflächengewässern und in geringen Dosen auch im Trinkwasser nachweisbar. In der Schussen, die bei Friedrichshafen in den Bodensee fliesst, wurde das Medikament Voltaren gefunden, das offenbar aus einer Rheumaklinik stammte. Und die Fische in der Suhre beim luzernischen Triengen haben Nieren- und Leberschäden eine mögliche Folge von Medikamentenrückständen im Wasser.

Tod aus der Kläranlage

Genaue Zahlen über die Fischbestände in der Schweiz gibt es nicht. Aber laut dem Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) ist die Zahl der gefangenen Forellen in Schweizer Gewässern in den letzten zehn Jahren von 600000 auf 300000 zurückgegangen. Vor allem in der Umgebung von Kläranlagen sind Fischkrankheiten und Fischsterben seit einiger Zeit häufig zu beobachten.

Anlass zur Sorge bereiten vor allem Deformationen der Geschlechtsorgane bei den Fischen. Umwelttoxikologen führen sie auf Medikamenten- und Hormonrückstände zum Beispiel aus der Antibabypille und Menopausenmedikamenten zurück.

Nachdem entsprechende Presseberichte von den Schweizer Behörden jahrelang ignoriert wurden, zeigt sich das Buwal jetzt alarmiert und verspricht Untersuchungen und «griffigere Vorschriften». In einem ersten Schritt werden bis Ende Jahr die Abwässer von 40 Schweizer Kläranlagen analysiert.

Die Behörden reagieren

Die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung und Gewässerschutz (EAWAG) in Dübendorf hat bereits eine Untersuchung eingeleitet, die sich mit dem Verbleib von Medikamentenrückständen in der Umwelt befasst. Mit ersten Ergebnissen ist gegen Ende Jahr zu rechnen. «Man kann heute durch Tests zahlreiche Stoffe in der Umwelt nachweisen die allein nicht schädlich sind», warnt EAWAG-Wissenschafter Alfredo Alder: «Nimmt man aber die gesamte Menge etwa an Antibiotika, die der Mensch durch die Nahrung aufnimmt, kann das durchaus Folgen haben.»

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Bereits im letzten Jahr hatte die EAWAG die Abwässer einiger Spitäler untersucht und den Weg der Antibiotika über die Kläranlagen in die Oberflächengewässer aufgezeigt. Doch Antibiotika gelangen auch aus Landwirtschaft und Fischzucht, wo sie unter anderem als Wachstumsförderer eingesetzt werden, in grossen Mengen in die Oberflächengewässer.

Die Antibiotika stehen zum einen im Verdacht, die Entstehung von Cyanobakterienblüten besser bekannt als Blaualgen zu fördern. Diese wiederum bilden Toxine, die Wassertiere und Wasserpflanzen, Nutzvieh und Menschen akut wie auch chronisch schädigen. So fördern sie etwa die Bildung von Lebertumoren. Blaualgen wurden bis jetzt in der Schweiz im Baldegger-, im Sempacher- und im Zürichsee festgestellt.

«Heute wird darüber spekuliert», so der Konstanzer Umwelttoxikologe Daniel Dietrich, «ob die Blaualgenbildung mitverantwortlich ist für die zunehmende Resistenzbildung bei krankheitserregenden Keimen, die vor allem auf den grossflächigen Einsatz von Antibiotika zurückzuführen ist.»

Angriff aufs Immunsystem

Bereits weisen rund 80 Prozent aller Krankenhäuser in den Intensivstationen antibiotikaresistente Stämme des Staphylococcus aureus auf. Ist ein Keim erst einmal resistent gegen ein Medikament, entwickelt er immer schneller auch Resistenzen gegen andere Antibiotika, die sogenannte Multi Drug Resistance (MDR). Damit nicht genug: Die MDR, glaubt Dietrich, kann auch auf andere Keime übertragen werden. So werden etwa Krankheitserreger wie Colibakterien zunehmend immuner, und die weltweit auftretende Resistenz der Erreger von Typhus, Tripper und Mittelohr- und Hirnhautentzündungen hat sich zu einem ernsthaften therapeutischen Problem entwickelt.

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Einen weiteren Grund für die zunehmende Schwächung des Immunsystems sieht Daniel Dietrich im veränderten Verhalten der Menschen bei Krankheiten: «Diese werden nicht mehr auskuriert, sondern man wirft einfach Tabletten ein. Das führt zu einer exzessiven Anwendung von Pharmaka, die die Gewässer belasten und über Resistenzbildung bei krankheitserregenden Keimen auch den Menschen gefährden.»

Gefahr für Menschen?

Wolfgang Kühn vom Technologiezentrum des Wasserfachs in Karlsruhe relativiert Dietrichs Thesen: «Was die Medikamentenrückstände in Gewässern betrifft, müsste man schon mehrere Millionen Liter Rheinwasser trinken, um auf eine Aspirintablette zu kommen», so der Chefüberprüfer der Wasserkraftwerke im Bodenseegebiet, der auch die Verschmutzung des Zürich- und des Bielersees untersucht hat. Auch beim Trinkwasser sieht Kühn keine Gefahr: «Die Qualität ist hervorragend.»

 Genau in dieser Sichtweise liegt für Daniel Dietrich jedoch das Problem: «Die klassische Toxikologie konzentriert sich auf einzelne Substanzen. Doch auch Stoffe in für den Menschen unauffälligen Konzentrationen können in Wechselwirkung mit anderen Substanzen gefährlich werden.»

Kommt dazu, dass Cadmium und Kupfer in immer höheren Konzentrationen in der Umwelt auftreten. Cadmium kann unter anderem Nierenkrankheiten verursachen und steht im Verdacht, DNA-schädigend sowie krebserregend zu sein. Und die übermässige Belastung der Flüsse und Seen mit Kupfer «ist nicht nur eine Gefahr für Mikroorganismen, Pflanzen und Fische», glaubt Dietrich, «sondern sie hat auch Folgen für den Menschen».