Das Fremdenverkehrsbüro ist in einem seltsam deplatziert wirkenden Betonbunker untergebracht, weit ausserhalb von Mendrisios Zentrum. Den Fremden gegenüber, heisst es in einem der Prospekte, zeige sich die Bevölkerung des Südzipfels der Schweiz nicht selten «eher herb und zurückhaltend». Zwei ältere Damen am Strassenrand bestätigen das Vorurteil zunächst: Die Frage, wann denn im Mendrisiotto zum letzten Mal ein Tropfen Regen gefallen sei, beantwortet eine der beiden mit einer schnippischen Gegenfrage: «Sind Sie Student?» Das Nein bricht dann aber das Eis: Im Februar habe es «finalmente» mehrere Male geregnet, erzählt die Dame, nicht ohne ein Lächeln auf den Lippen.

Genau genommen war der 22. Januar 2002 der erlösende Tag: Eine atmosphärische Störung brachte dem Tessin endlich die lang ersehnten Niederschläge und beendete eine drei Monate dauernde Trockenperiode. In dieser Zeit waren nicht einmal fünf Zentimeter Regen gefallen, 40 Tage lang fiel kein einziger Tropfen. Die Meteorologen verzeichnen die Monate November 2001 bis Januar 2002 im Tessin als niederschlagsärmstes Quartal seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1884.

Das Paradoxe ist: In keinem Kanton der Schweiz fällt mehr Regen als im Tessin. Mit einem 30-jährigen Mittel von 2200 Litern Niederschlag pro Quadratmeter ist die Nordseite des Lago Maggiore, oberhalb Ascona, der niederschlagsreichste Landstreifen der Schweiz. Was das Tessin meteorologisch von der Alpennordseite unterscheidet, ist gewissermassen die Dosierung: Lediglich 90 bis 110 Regentage pro Jahr zählen die Meteorologen im Tessin. Zum Vergleich: In Zürich regnet es an 140 Tagen. Pro Jahr geniessen Tessiner also im Minimum einen zusätzlichen Monat Sonnenschein. Aber wenn es einmal regnet, dann richtig; deshalb sind Überschwemmungen in der Schweizer «Sonnenstube» keine Seltenheit. «Die Prognose veränderlich brauchen wir im Tessin praktisch nie. Hier ist das Wetter entweder schön oder schlecht, dazwischen gibt es fast nichts», bestätigt dies Fosco Spinedi von Meteo Svizzera in Locarno Monti.

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Sind die klimatologischen Extreme in den vergangenen Jahren extremer geworden? «Wenn es regnet, regnet es im Schnitt etwas mehr als früher. Gibt es eine Trockenheit, dauert sie etwas länger. Aber lange Trockenperioden sind im Tessin nichts Aussergewöhnliches», betont Prognostiker Spinedi.

Am schlimmsten ganz im Süden

Als südlichster Ausläufer des Tessins ist das Mendrisiotto von der Dürre regelmässig am stärksten betroffen. Der Grund: «Je weiter man sich vom Alpenkamm entfernt, desto mehr nimmt die Gewitterwahrscheinlichkeit ab», erklärt Spinedi.

Fast jeden Winter beherrscht die Trockenheit das Mendrisiotto. Spätestens nach einem Monat ohne Regen wird in einzelnen Gemeinden das Trinkwasser knapp. Das Dorf Castel San Pietro trifft es als erstes. Je länger sich die «Siccità» und der Wassermangel hinziehen, desto eher findet das Thema wieder seinen Weg in die politische Agenda. Kommt dann endlich der erlösende Niederschlag, interessiert sich bald niemand mehr dafür. Dabei wäre die Lösung des Wasserproblems so simpel, wie die Idee alt ist: In den Tiefen des nahen Lago di Lugano könnte man das fehlende Wasser fassen, es zu Trinkwasser aufbereiten und dann per Leitungssystem auf die von der Wassernot betroffenen Ortschaften verteilen.

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«Manchmal komme ich mir vor wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen», sagt Sandra Lurati verzweifelt. Lurati ist Vorsteherin des Wasseramts von Castel San Pietro. Anfang Januar, auf dem Höhepunkt der letzten Trockenheit, liess das Amt an alle Haushaltungen der Gemeinde einen «Avviso» verteilen. Darin wurden die 1800 Einwohner des Dorfs zu einem möglichst sparsamen Umgang mit dem Wasser aufgefordert, das Waschen von Autos und Vorplätzen wurde ausdrücklich verboten. Für den Fall, dass die Dürre sich noch lange hinziehen sollte, kündigte die Behörde «drastische Massnahmen» an.

«Das geplante Leitungssystem ist das Einzige, was das Mendrisiotto noch retten kann», ist Sandra Lurati überzeugt. Nicht jeder sieht die Situation ganz so dramatisch. Doch in Castel San Pietro ist die Lage ernst: Castello, wie die Einheimischen das sonnenverwöhnte Dörfchen nennen, verfügt nur noch über eine einzige Quelle, und aus dieser sprudelt nicht mehr Wasser als aus einem Gartenschlauch. Drei der fünf Wasserlöcher auf Gemeindegebiet sind mittlerweile ausgetrocknet. Castello ist gezwungen, sich von Mendrisio, Vacallo und Morbio Superiore aushelfen zu lassen. Obwohl das Wasser auch hier regelmässig knapp wird.

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1998 richteten die Bewohner von Castel San Pietro eine Petition an die Kantonsregierung in Bellinzona. Das von zwei Dritteln der Dorfbewohner unterzeichnete Begehren forderte, mit dem Bau des Leitungssystems endlich vorwärts zu machen. «Von Bellinzona haben wir nicht einmal eine Antwort bekommen», seufzt Sandra Lurati. «Bis die Leitungen in Betrieb sind, werde ich wohl graue Haare haben.»

Kommissionen, Studien

Schon früher wollte Mendrisio das Projekt vorantreiben. Doch der Kanton Tessin bremste die Gemeinde: «Es hiess, die Sicherung der Wasserversorgung sei eine Aufgabe von regionaler Bedeutung», sagt Maurizio Sala, Gemeinderat von Mendrisio. Der Kanton bildete darauf Kommissionen und liess Studien erstellen. 1994 beschloss der Tessiner Grosse Rat schliesslich ein Gesetz über die Wasserversorgung. Darin regelt der Kanton die Aufgaben und Kompetenzen, um eine «normale» Versorgung und den sparsamen Umgang mit dem kostbaren Nass sicherzustellen. Seither ist nicht viel passiert. Immerhin sei man sich heute einig, sagt Maurizio Sala, dass das Wasserproblem auf regionaler Ebene gelöst werden müsse.

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Doch bis zum Leitungssystem für das Wasser aus dem Lago di Lugano ist es noch ein weiter Weg. Auch die unbeantwortete Frage der Kostenverteilung zieht die Realisierung des Projekts in die Länge. Man spricht von immerhin 50 bis 80 Millionen Franken, die der Bau der Seewasserleitung verschlingen würde. Dennoch haben sich die drei grössten Gemeinden des Mendrisiotto jetzt zusammengerauft: Mendrisio, Chiasso und Stabio arbeiten im Moment am Vorprojekt für eine bessere Vernetzung der Gemeinden, um in Dürrezeiten leichter Wasser untereinander austauschen zu können. «Unser Problem ist nicht die Menge, sondern die Verteilung und die Qualität des Wassers», sagt Maurizio Sala. «Wir pumpen jetzt Grundwasser in der Nähe von Industrieanlagen, Autobahnen und Bahnlinien herauf. Dies birgt die Gefahr von Verunreinigungen.» Zu Trinkwasser aufbereitetes Seewasser dagegen verfügt über eine höhere und konstantere Qualität, eine Verschmutzung wirkt sich weniger verheerend aus.

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In einem ersten Schritt wollen die drei Gemeinden nun eine Wasserleitung von Chiasso nach Mendrisio bauen, mit einer Abzweigung nach Stabio. So könnte zum Beispiel Castel San Pietro, das unterirdisch bereits mit Mendrisio verbunden ist, in Chiasso gefasstes Grundwasser beziehen. «Wir hätten genügend Wasser für alle», glaubt Roberto Bernasconi, Direktor des kommunalen Wasserversorgers AGE in Chiasso. Läuft alles glatt, könnte dieser erste Schritt zur Lösung des Wasserproblems im Mendrisiotto in gut zwei Jahren realisiert sein.

«Chiasso hat eigentlich kein Wasserproblem. Aber auch wir könnten Probleme bekommen», weiss Bernasconi. Die grösste Gemeinde des Mendrisiotto fasst ihr Grundwasser nämlich ausgerechnet in der Nähe der Gotthard-Bahnlinie. Die schwere Zugskollision Ende Februar im Bahnhof von Chiasso verlief für die Umwelt glimpflich, weil der verunfallte Güterzug kein Gefahrengut wie Heizöl geladen hatte. Zu dieser Kategorie zählt ein Fünftel aller Güter, die die Gotthardstrecke passieren. «Sicher, nach einem Unfall mit Gefahrengut wäre Schluss mit Wasserverteilen», warnt Roberto Bernasconi. «Deshalb wird das See-Aquädukt langfristig die Lösung sein.» Und ab wann fliesst das erste Seewasser aus dem Wasserhahn? «Das weiss heute niemand.»

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